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England: ein Frühlingsmärchen

Hat es sich ausgezahlt, für ein paar Tage die Reise nach der grünen Insel anzutreten? Die relative Leichtigkeit und Bequemlichkeit der Raumveränderung auf dem Luftwege soll einen nicht dazu verleiten, auf solche „innere Meinungserforschung“ allzu leichtfertig zu antworten; hier geht es nicht um Distanzen und Kosten, sondern ums Engagement, um die Anteilnahme, um die Fähigkeit, sich auf etwas verwirrend anderes umzustellen, um Veränderung zu spüren, Bewegung zu erraten ...

Es geht also nicht um die bunten, prächtigen Farbflecke, die. wieder einmal das Graugrün des englischen Alltags aufrissen: um den Flaggenwall aus Fahnentuch, der de Gaulle über die Mall in das Königsschloß geleitete, rot und blau und weiß und sehr viel davon, um das Feuerwerk von St. James' Park — solches sah man seit der Siegesfeier für Waterloo nicht mehr, wurde dem hohen Gast ein klein wenig taktlos versichert —, es geht nicht um diese und ähnliche Impressionen. Nicht, daß im übrigen der Besuch des französischen Staatschefs ein schlechter Ausgangspunkt wäre für Reflexionen und Reminiszenzen, Rückblicke und Ausblicke! Ein Kommentator des englischen Rundfunks nannte den General „den mächtigsten Franzosen“ seit Napoleon; er hat klugerweise nicht hinzugefügt, ob es sich um den ersten oder dritten Napoleon handelte; hätte er den ersten gemeint, wäre es ein plumpes und unkluges Kompliment gewesen, die Machtfulle Napoleons III. könnte man allenfalls mit der de Gaulles vergleichen, auch dieses Beispiel hat allerdings einen etwas fatalen Nachgeschmack. Immerhin ist es ganz amüsant, sich den Besuch Napoleons III. in Erinnerung zu rufen: Auch er war Gast einer jungen englischen Königin, auch gegen ihn gab es vielerlei Bedenken und Einwände — die Königin hatte sich lange gewehrt, einen Mann wie den Neffen des großen Kaisers zu empfangen —, und als er schließlich doch kam und in denselben Landauer stieg wie de Gaulle und gewiß von ganz ähnlichen Apfelschimmeln gezogen wurde, da gab es Festlichkeiten und Feiern, Farbflecke und Musik, deren Glanz heimliches Mißtrauen, verblassende Vorurteile verdecken sollte. Sind es solche historische Erinnerungen, die in uns das eigenartige Gefühl erwecken, man hätte das alles schon irgend-einmal gesehen... in einer anderen Zeit, einem anderen Leben? Wer weiß! Die Szene ist seltsam vertraut, neu und alt zugleich: Der General in der olivgrünen Uniform, die Königin... die Zylinderhüte, nein, das hat man schon irgend-einmal gesehen! Später macht man dann die eigenartige Entdeckung, daß einen hier dieses Gefühl immer wieder befällt, dieses Ineinanderfließen von Zeiten und Dimensionen!

Ich erinnere mich eines Besuches in der vielleicht kleinsten Kirche Englands; ein verwachsener Pfad durch einen tiefen Eichenwald, in dem sich das Raunen des nahen Meeres seltsam ausnahm, hatte mich durch Zufall hingeführt, und als ich die Türe öffnete, sah ich, daß gerade Gottesdienst gehalten wurde. Ich wollte zurücktreten, aber mit jener umständhchen-Liebenswürdigkeit, die dem britischen Menschenschlag eigen sein kann, forderte man mich zum Bleiben in der kleinen Gemeinde — der Raum faßte kaum mehr als zehn Menschen — auf, und ich nahm Platz. Später sprach ich mit dem Geistlichen, und er erzählte, daß er in seiner letzten Pfarre, die in den Weiten Kanadas gelegen war, das Flugzeug benutzen mußte, um seinen Dienst zu versehen. Dieser Kontrast schien mir damals für das englische Leben kennzeichnend: für die große Distanz und das Abgezirkelte, die riesigen Weiten und die kleinen Gärten, die Abenteuerlust und das Hängen am Behaglichen, Winzigen, Althergebrachten. Aber dieser Kontrast allein reicht nicht aus, er erklärt gewisse Phänomene, gibt uns gewisse Einblicke, erweist sich aber schließlich als ein wenig seicht. Jedesmal, wenn ich wieder auf der anderen Seite des Kanals bin, wird das Gefühl einer gewissen Unwirklichkeit stärker, etwa Märchenhaftes umfängt einen. Was ist es? Hat es etwas damit zu tun, daß es drüben eigentlich nur zwei Dimensionen gibt: Zukunft und Vergangenheit, daß das Heute unter einem wegbricht, nicht wirklich tragfähig ist und daß das Morgen mit einem Air von gestern auf die Welt kommt? Vielleicht hat es etwas damit zu tun — wer wollte auf solche Fragen genaue Auskunft geben?

Nur eins läßt sich mit einiger Sicherheit feststellen, daß die Engländer den Blick von außen weggenommen, ihn nach innen gerichtet haben. Noch nie waren sie so in ihr Eigenleben versponnen, noch nie haben sie so für sich gelebt, entzückend verspielt, tragisch verschlossen und ohne feste weltpolitische Orientierung treiben sie, einen winzigen Union Jack auf dem Mast, im Binnenmeer der eigenen Emotionen. Welch liebenswerter, welch gefährlicher Anblick! Hat man halbwegs behutsam mit Takt und Liebe diese Feststellung getroffen, so überfällt einen die Forderung, zu exemplifizieren mit plötzlicher Brutalität. Soll man etwa von dem Wesen aus einer anderen Welt ausgehen, das mit seinem Raumschiffchen auf dem Trafalgar Square neben der Säule Nelsons gelandet ist, von einem terrestrischen Quisling geborgen und unterstützt, den Versuch unternimmt, aus den britischen Blättern die Situation auf unserem Globus zu rekonstruieren, dieses Bild durch die Gespräche der englischen Menschen abzurunden? Würde er nicht auf den Gedanken kommen, die Untertanen der zweiten Elizabeth lebten in einiger Geborgenheit, müßten sich aber von Zeit zu Zeit mit einem bösen Gegner auseinandersetzen, der im wesentlichen östlich des Rheins siedelt? Freilich werden düstere Gedanken dieser Art ein wenig durch die Aussicht auf das große politische „Festival“ der „summit Conference“ aufgelockert, dort wird man auch über ernste Sachen offen sprechen müssen — man erwartet etwa von der englischen Regierung, daß sie die schändlichen Vorfälle anläßlich des Cricketmatches auf Trinidad nicht verschweigt — im großen und ganzen aber wird es ein Augenblick schöner Völkerversöhnung sein, bei der die britische Diplomatie in jeder Runde nach Punkten siegen wird. Das mag manchem ein bißchen übertrieben, wenn nicht gar bösartig vorkommen, aber andere Anzeichen der „Wendung nach innen“ sind schwer zu übersehen, schwer zu leugnen. Ist die BBC in ihren Nachrichtensendungen in englischer Sprache in den letzten Jahren nicht immer provinzieller geworden? Ist der einst glänzende Informationsdienst in fremden Sprachen nicht ein wenig in Verruf gekommen? Hat nicht eine englische Zeitung unlängst nachgewiesen, daß beispielsweise die jugoslawischen Sendungen von Kommunisten, wenn nicht kontrolliert, so doch beeinflußt werden? Wäre das früher möglich gewesen? Hätte man sich eine deutsche Sendung unter nationalsozialistischem Einfluß vorstellen können? Selbst unter Chamberlain hat es das nicht gegeben! Und bemerkt man nicht in vielen englischen Zeitungen die Tendenz der Müdigkeit, die Tendenz, nicht mehr einzugreifen, auch dort, wo man eingreifen müßte, wo man zum Eingreifen verpflichtet ist? Vielmehr die Dinge dorthin treiben zu lassen, wo sie von der größeren Zahl und der größeren Masse getrieben werden! Erzählt uns nicht, wenn die Mächtigen schlechte Umgangsformen haben, wir müssen uns ja mit ihnen vertragen, aber berichtet uns bitte gleich, wenn die Machtlosen entgleist sind und in ihrem Schmerz Geschmackloses geäußert haben!

Wie man sieht, ist es nicht leicht, über diese Tendenzen zu berichten, ohne ein klein wenig bitter zu werden. Schade, sehr schade, daß dieser schöne Zug nach innen, dieses reizende Spiel mit der Vergangenheit und die erstaunliche kulturelle Blüte Englands in eine außenpolitische Konstellation fallen, die voll grausiger Möglichkeiten und grausiger Tatsächlichkeiten ist. So wird man des englischen Frühlingsmärchens nicht wirklich froh, kann sich nicht gebührend freuen, daß in der „London Gazette“ eine Liste von mehr als 1000 Firmen erscheint, die sich „Hoflieferanten“ nennen dürfen, darunter Seiner Majestät Zündkerzenlieferanten (Lodge Plugs Ltd., wenn Sie es wissen wollen) und Seiner Majestät Hundefutterfabrikant (Clarke and Sons) sowie Seiner Majestät Schildkrötensuppelieferant (John Lusty Ltd.), daß in den meisten Klubs noch immer keine Frauen erwünscht sind, daß die „Barristers“ noch immer im Talar jenes winzige Säckchen eingenäht haben, wo die Klientel einst heimlich ihre „golden sovereigns“ steckten, daß der Pfund noch immer zwanzig Shilling zählt und jeder Shilling wieder zwölf Pennies, daß es in England noch immer eine Anzahl von Autos gibt, die um die Jahrhundertwende gebaut wurden, daß es daselbst auch einen Verein gibt, der „Circle of Nintheenth Century Motorists“ heißt und daß der Herzog von Edinburgh in einer Ansprache an eben diesen Verein die Bemerkung fallen ließ, „für jeden Mann, der in diesem Land eine gute Idee hat, gibt es zwei, die vorschlagen, man sollte ihm einen anderen mit einer roten Flagge als Warnung vorausgehen lassen“.

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