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Eiserner Vorhang 1966

MOSAIK DER KONTAKTE. Ungarischer Auftakt. Eines der großen USA-Reisebüros hat für seine osteuropäischen Propagandaprospekte eine nicht unzutreffende Formel gefunden, die wir an die Spitze unserer Ausführungen stellen möchten:

„Eine Fahrt durch Osteuropa (heißt es) kann nur dem empfohlen werden, der in seinem Herzen ein Abenteurer ist und der nicht seine Lust an einer ungewöhnlichen Reiseerfahrung durch gelegentliche kleinere Unbequemlichkeiten oder durch den Mangel an entsprechenden persönlichen Annehmlichkeiten sich verderben läßt.

In der Sowjetunion und in den osteuropäischen Nationen werden Unterkunft, Mahlzeiten und andere gleichlaufende Komfortdinge durch die entsprechenden offiziellen Touiü- stenbüros bestellt und gelten als Leistungen erster Klasse. Die von der Regierung bestellten jeweiligen Büros bestimmen und kontrollieren Hotels, Verpflegung und Dienste der lokalen Fremdenführer. In manchen Städten der Sowjetunion und Osteuropas sowie an kleineren Orten kann es Vorkommen, daß auch die besten daselbst geleisteten Dienste unter dem Niveau stehen, das wir als erstklassigen Standard gewohnt sind.

Eine Fahrt durch abseits liegende Gegenden bringt Sie in verhältnismäßig unbekannte Landstriche, die noch vom 20. Jahrhundert unberührt sind... Jedoch diese Art von Reisen verlangt eine realistische Annahme der Bedingungen, so wie sie existieren, und nicht, wie jeder von uns sie gerne haben möchte ...“

TROTZ SOLCHER KLAREN SPRACHE, die in eine Warnung mündet, nur dann in die Länder des „Eisernen Vorhangs“ zu reisen, wenn sich der Tourist physisch und moralisch den Anstrengungen gewachsen fühlt, die ihn erwarten, werden heute diese Gebiete immer mehr von Berufenen und Unberufenen aufgesucht, welche (die letzteren) zumeist einfach kommen, da sie nicht wissen, was sie mit ihrem Geide machen sollen, und da sie ein Leben, in dem sie sich durch viele Reisen hindurch gelangweilt haben, mit einer Sensation beschließen wollen: es macht sich gut, wenn man Filmstreifen aus Rußland mitbringt und Postkarten vom Schwarzen Meer aus nach Hause schickt. Wir hatten Gelegenheit, während 56 Tagen mit einem guten Dutzend von Amerikanern aus verschiedenen Staaten eine solche Reise zu machen, wobei das Ergebnis für die Reisenden eine wahre Katastrophe darstellte: eine Kette von täglichen Beschwerden, Unzufriedenheit am laufenden Band und, was schlimmer ist, totales Unverständnis den fremden Gegebenheiten gegenüber. Das Gefährliche war eben, daß diese Leute viel zu alt und verbraucht waren, um, wie es pompös auf ihren von den Konsulaten mitgegebenen Mahnungen heißt, als „Abgesandte ihres Landes" in Länder zu gehen, die ihnen hermetisch verschlossen bleiben mußten; hatten sie doch eine bestimmte Vorstellung mitgebracht, und die Wirklichkeit wurde diesem Robot-Porträt eingezwängt, ob es nun stimmte oder nicht; zwar schreiben die Zeitungen nicht mehr von einem „Eisernen Vorhang“, sondern von „Osteuropa“, ähnlich wie die UNESCO nicht mehr „unterentwik- kelte“ Länder kennt; es gibt für sie nur noch, selbst dort, wo sich die

Polizei nicht in den Busch wagt, um Menschenopfer zu konstatieren, selbst wenn noch Sklavenhandel betrieben wird, einfach nur „Entwicklungsländer“.

ZUM GLÜCK FÜR DIE OSTLÄNDER und auch für den Westen bestehen die in kompakten Gruppen reisenden Touristen nicht immer aus prähistorischen Humpelgreisen und Damen, die ihr Gebiß bei einem jähen Bremsen des Wagens verlieren oder, was schlimmer ist, tagelang „You are my sunshine“ in den Lautsprecher hineinkrächzen und ausgerechnet an den Grenzen Festungen und Zollbeamte photographieren wollen; wir begegneten Reisenden aller Art: so eine Delegation aus Israel der Gesellschaft „Sowjetrußland — Israel“, französischen Lehrergruppen, einer braven Ferienkolonie von englischen Kommunisten, stämmigen Amerikanern, 40 an der Zahl, die tellergroße Abzeichen trugen „From people zu people“ — von Volk zu Volk, und die ihre Sympathie zum Osten damit bewiesen, daß sie sich nächtlich volltranken.

Das Reisen an sich ist heute ein nahezu biologisches Phänomen geworden; daher darf die Durchdringung der Ostländer durch Touristenströme nicht wunder nehmen. Welches aber ist, so konnten wir uns auf der ganzen Reise fragen, die Reaktion des Ostens oder, besser gesagt, der sozialistischen Staaten, auf das steigende Interesse, das ihnen der Westen entgegenbringt? Wir fanden verschiedene Antworten.

Diese Frage überschneidet sich übrigens mit einer zweiten, zu welcher wir einfach Tatsachenmosaik sprechen lassen wollen: wie stellt sich heute dem Nicht-Marxisten die marxistische Welt dar? Gibt es dort das, was wir Fortschritt, Auflok- kerung, Annäherung nennen, oder treiben zwei Weltanschauungen auseinander wie Galaxien, die sich im Weltraum immer mehr voneinander trennen?

Die Antwort darauf kann naturgemäß nicht lapidarisch sein wie ein offizielles Kommunique. Sie wird sich nach Zonen und Umständen zu nuancieren haben. Fixieren wir zunächst geographisch unsere Erfahrung: sie umfaßt Ungarn, Jugoslawien, Bulgarien, Rumänien, also die sozialistischen Balkanstaaten, sie geht weiter nach der Sowjetunion: Moldawien, die Halbinsel Krim, die Ukraine, das eigentliche Rußland mit

Moskau als Brennpunkt, ein Abstecher nach Georgien, der Heimat Stalins, dessen Statue dort noch auf dem Hauptplatz aufrecht steht, weiter ein Flug nach Leningrad, weiterhin ein Besuch Rigas, der lettischen Sowjetrepublik, endlich Weißrußland mit seiner neuerstandenen Hauptstadt Minsk, die polnische Grenze am Bug, Polen und die Tschechoslowakei.

ÄUSSERLICH GESEHEN, LÄSST SICH, zum mindesten an der ungarischen Grenze, kein schroffer Gegensatz, sondern nur ein langsames Hinübergleiten in einen anderen Typus von Land und Gesellschaft feststellen. Endlose Maisfelder, die elegische Donaulandschaft, alte Städte, Dörfer, viele Fahrräder, nicht schlecht gekleidete Bauern und Arbeiter ... Etwas Eindrucksvolles für den Außenstehenden: der „Eintritt“ hinter den Eisernen Vorhang. Eine stark geschützte Grenze (man spricht uns von Minenfeldern), ein metallischer Schlagbaum, der sofort hinter uns zufällt. — Wir sind in der Falle, sagt ein Amerikaner im Bus. Die anderen, gewöhnlich zu wieheren- dem Beifallslachen bereit, schweigen und fühlen sich betreten. Überraschend schnelle und höfliche Paß- und Zollkontrolle. Hier, wie späterhin, erscheint die deutsche Sprache noch als das beste Bindeglied der Verständigung. Es gibt im Laufe der Geschichte immer wieder dasselbe typische Beispiel: die Sprache hallt noch Jahrzehnte und Jahrhunderte lang nach, auch wenn dier „Okkupant“ längst fort ist. Benennt man nicht heute noch in Rußland eine bestimmte französische Bäckerei „Napoleon“? Das äußerlich Auffallende während unserer, einen guten halben Tag dauernden Fahrt von Wien nach Budapest, ist zunächst der rote Stern, der alle öffentlichen Gebäude und Einrichtungen wie eine Fabriksmarke kennzeichnet. Wir werden ihn überall und immer wieder finden, auf den Lokomotiven, den Schulen, den Amtsgebäuden... und zwar in allen Staaten hinter dem „Eisernen Vorhang“.

Das überraschend Neue, vor allem in Budapest sichtbar, und zwar zum Unterschiede vom Vorjahr, ist die ansteigende Flut von Verbrauchsgütern: die Schaufenster füllen sich mit Lebensmitteln, technischen Apparaten, Kleidern... Letztere sowie alles, was vom Ausland kommt, sind zwar noch beispiellos teuer. Trotzdem drängen sich die Menschen und kaufen, kaufen ... Als Ausländer erkannt, bedrängt man uns höflich: ob wir nicht Transistors, Nylonstrümpfe, oder sonst irgend etwas zu verkaufen haben? In Ungarn beginnt ein Phänomen, das sich fast überall (wir kommen später auf die Ausnahmen Zu sprechen) in den marxistischen Ländern manifestiert: das Schlangestehen, für uns nur noch eine düstere Erinnerung aus Krieg und Nachkrieg; es ist, als müßte es so sein: überall, wo gekauft und verkauft wird, sammeln sich Menschen und ordnen sich zu einer Reihe; anonymer Kollektivismus, der uns peinlich an die Zeit erinnert, als wir im Gefangenenlager auf eine Schüssel Suppe warteten... selbst wenn der Vergleich hinkt und es sich hier um eine Portion Gefrorenes, den Luxus des kleinen Man-

nes im Osten, um eine Zeitung, um eine Konserve handelt

DAS LEBEN PULSIERT INTENSIV, geradezu frenetisch: neue Linien der Untergrundbahn werden gebaut, auf dem Berg restauriert man mit großen Kosten das königliche Schloß. In den Vorstädten steigen große Fabriken hoch... Statuen beleben die Parkanlagen, und nach dem Muster aller Siedlungen der Gegenwart erheben sich in einigen Vierteln Wohn- und Bürogebäude schmuckloser neuer Sachlichkeit. Das riesige Stadion mit seinen neo-realistischen Plastiken und Gruppen, das drastische Befreiungsdenkmal auf der Bergeshöhe von Buda erinnern uns an die Nähe Rußlands. Die bitteren Witze der Ortsführer, der leere Marmorsockel, von dem aus Stalins Statue herabgestürzt wurde, und vor allem die Paralysie, in welcher sich die Mehrzahl der Straßen Budapests noch heute befinden: verrußte Häuser, halbe Ruinen, abgefallener Zementbelag, ein tristes Bild ehemaliger urbanisti-

scher Eleganz und Größe... all dies ergibt uns Details ungarischer Geschichte der letzten Generation.

Demgegenüber ständige Bemühungen, sich auf der Höhe zu halten, mit den Schmuckstücken der Vergangenheit zu paradieren: das beleuchtete Parlament, die in arger Vernachlässigung liegende Krönungskirche, die Museen, in welchen, unverständlich warum, ungemein zahlreiches Wach personal, ältere Frauen und Invaliden, promenieren. In Kabaretts im Stil der Belle Epoque, mit Gips und Gold, versuchen sich Girls an einem French Can-Can, Bars und Hotelhallen mangeln nicht an „Damen von kleiner Tugend“ (de petite vertu) wie man in Paris sagt, und dies in einem der sozialistischen Länder, die stolz darauf sind, das „kapitalistische Laster“ der Prostitution angeblich abgeschafft zu haben...

Im prunkvollen Gėllert-Hotel, Pseudo-Barock aus der Zeit Josephs I., bedienen uns noch immer stilvolle, siebensprachige Kellner mit weißen Haaren, unwahrscheinliche Überlebende. Wir lesen dort nicht allein die kommunistische „Huma- nitė“, sondern auch den „Figaro“, den „Monde“ und andere westeuropäische und selbst amerikanische Blätter.

NUR DARF MAN DIE STADT NICHT unter tagelangem strömendem Regen betrachten: dann brechen die Wunden auf, Häuser und Straßen werden düster, man merkt den zentimeterdicken schwarzen Rußbelag, die abgefallenen Gesimse, die verrosteten Gitter der ehemaligen herrschaftlichen Villen.

Hier und dort, plötzlich etwas Faszinierendes, das weit über die stereotype Fremdenindustrie mit rotem Wein und Zigeunermusik hinausgeht; so zum Beispiel ein Volkstanzensemble, „Budapest“ genannt, in einem kleineren Theater gespielt und weit entfernt von dem, was wir sonst allenthalben als „Volkstänze“ vorgeführt erhalten: Akrobatik und Rhythmus ganz hervorragenden Stils.

Der Fremde, der direkt aus dem Westen kommend, Ungarn besucht, empfindet einen ganz anderen Eindruck, als wenn er aus östlicheren Balkanstaaten oder aus der Sowjetunion her landet. Wir konnten dies an persönlicher Erfahrung feststellen, die sich auf viele Einzelheiten gründet: Empfang an der Grenze, die internationale Atmosphäre in den Flugzeugen, die zwar russische Iljusehin-Maschieen sind, jedoch von einem eleganten Typ, der in Rußland selbst äußerst selten anzutreffen ist... dies und vieles andere, wozu auch die gewagten Witze über die Regierung gehören... die nicht nur geflüstert werden. Insofern stellt sich Ungarn, immer nur an der Oberfläche gesehen, dies sei betont, dem Ausländer, der auf raschem Durchgang ist, offen und mit einer gewissen Geste der Freiheit vor.

WIR WERDEN ÜBRIGENS BEI näherer Betrachtung der folgenden, von uns besuchten Länder Osteuropas feststellen können, daß heute jedes davon ein eigenes Profil entwik- kelt, und daß der Sammelname vom „Eisernen Vorhang“ viel von seiner Berechtigung eingebüßt hat.

sich zur Auffassung, daß die Sanktionsbestimmungen weiterhin als geltendes Recht zu betrachten seien. Aber er räumt ein, daß die Gefahr verbindlicher Beschlüsse für die Neutralität tatsächlich gering sei. Dies aus verschiedenen Gründen: einmal verhindere praktisch das Vetorecht der Großmächte Sanktionen in den meisten Fällen. Sodann sei die Teilnahme an militärischen Sanktionen nur für jene Staaten obligatorisch, die besondere Abkommen mit dem Sicherheitsrat über die Bereithaltung militärischer Streitkräfte abgeschlossen haben. Bisher sind überhaupt nie derartige Abkommen abgeschlossen worden; immerhin verpflichtet Art. 43 des UNO-Status die Mitglieder zum Abschluß solcher Abkommen. Schindler kommt zum Schluß:

„Aus dem Gesagten ergibt sich, daß die Schweiz im Falle eines vorbehaltlosen Beitritts unter Umständen gewisse Abstriche an der Neutralität in Kauf nehmen müßte i... Nachdem die Schweiz bisher Sorge dafür getragen hat, daß ihre Neutralität nicht ,geritzt' werde, wird sie den vorbehaltlosen Beitritt zweifellos nur wählen, wenn eine andere Lösung nicht erreichbar ist.“

Die eine der andern beiden möglichen Lösungen ist der Beitritt unter ausdrücklicher Befreiung von der Mitwirkung an Zwangsmaßnahmen. Das würde die ausdrückliche Anerkennung der Neutralität eines Mitgliedes Schweiz voraussetzen, ein Ziel, das nach den jüngsten Erklärungen U Thants in Genf vorläufig kaum erreichbar scheint. Die andere Möglichkeit ist der Beitritt in Verbindung mit einer einseitigen Neutralitätserklärung der Schweiz. Die Schweiz könnte ein Beitrittsgesuch durch die Erklärung ergänzen, daß sie als Mitglied der UNO ihre bisherige Neutralitätspolitik fortzuführen gedenke. Falls eine solche Erklärung von den Mitgliedsstaaten ausdrücklich oder stillschweigend angenommen würde, hätte die Schweiz eine ähnliche Stellung wie heute Österreich. Eine derartige Lösung ist nach Schindler das Maximum, was die Schweiz erreichen kann.

Eile mit Weile...

Als Ergebnis der bisherigen Debatten dürfte also festzuhalten sein, daß die Schweiz mit Rücksicht auf die Fortführung ihrer Neutralitätspolitik eine besondere Sicherung ihrer Neutralität zur Voraussetzung eines UNO-Bedtritts machen müßte. Ob aber eine solche Sicherung tatsächlich erreichbar sei und wie sie im einzelnen beschaffen sein müßte, das bedarf noch weiterer Abklärung. Verschieden Stimmen warnen da vor, bei dieser Abklärung Häuser auf die momentane Konstellation in der UNO zu bauen; so wie sich die UNO von der Satzung von 1945 praktisch wegentwickelt hat, kann sie sich auch wieder in einer anderen als in der zur Zeit feststellbaren Richtung fortentwiekeln. Wir müssen Acht darauf haben, dann nicht als jene dazustehen, die die integrale Neutralität wegen des Linsenmuses einer UNO-Mitgliedschaft abgewertet und unglaubwürdig gemacht haben. Wenn sich die UNO im Sinne gewisser farbiger Potentaten und

UNO-Delegierter weiter entwickeln sollte, so ist es durchaus nicht ausgeschlossen, daß wir mit einer um den Preis der Neutralitätsabwertung erkauften Mitgliedschaft daständen wie der „Hans im Glück“ am Schlüsse seiner Kette von schlechten Tauschgeschäften. Damit soll keineswegs einem nationalen Egoismus das Wort geredet und gegen eine unvoreingenommene Prüfung des Beitritts Stimmung gemacht werden. Es soll lediglich vor Illusionen und falschem Idealismus gewarnt werden. Das ist auch deshalb nötig, weil ja schließ-

lieh das Volk zum Ja für einen Beitritt gewonnen werden muß und weil mit einem negativen Abstimmungsausgang sowohl der Schweiz wie der UNO ein schlechter Dienst geleistet würde. Man wird sich sehr wohl vor Augen halten müssen, ob wir als völlig ungebundener Neutraler oder als UNO-Mitglied der Sache des Friedens und der Völkerverständigung den besseren Dienst leisten können. Das Beste wäre ein Sowohl- Als-auch. Nur glauben die Schweizer selber nicht recht, daß sie es erreichen können...

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