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Stiefkind des Gymnasiums

Anläßlich der diesjährigen Konferenz der Leiter der steiermärki-schen Landeshauptstadt Graz hielt der bekannte Komponist, Theorielehrer und Landesmusikdirektor Professor Dr. Erich Marckhl einen Vortrag über die Situation im Musikleben Österreichs. Er befaßte sich einleitend mit der bevorstehenden Erhebung des Stetermär-kischen Landeskonservatoriums zur Akademie für Musik und Darstellende Kunst in Graz und kam, ausgehend von Nachwuchsfragen, auch auf die Lage der Musikerziehung in den allgemein bildenden höheren Schulen (derzeit noch „Mittelschulen“) zu sprechen.

Die Vorstellungen vom guten Musizieren sind auch bei Laien bis ins letzte Dorf anders geworden. Sie sind betont durch eine gewisse Unduldsamkeit, gepaart mit Bequemlichkeit. Wenn ich mittels der Schallplatte Backhaus oder Gulda Beethoven spielen hören kann, bin ich auf den Leibnitzer Ortspianisten, aber auch auf den Grazer Professor nicht mehr neugierig, denkt sich so mancher ländliche und städtische Zeit- und Bildungsgenosse im Zeichen des technischen Komforts. Wenn ich mein Bedürfnis musikalischen Divertiertseins mit den hochgezüchteten Spielnormen musikalischer Unterhaltung gleichsam mit den Händen im Schoß stillen kann, warum sollte ich mich darum anstrengen? Die Landschaftsstile des Musizierens, noch vor 100 Jahren bis in ihre eigenen variablen Virtuositäten entwickelt, sind weithin untergegangen. Anderseits aber fehlt schon der Jugend die Zeit, sich die Voraussetzungen eines Musizierens, das solchen Umständen gerecht wird, tatsächlich zu erwerben. Die stoffliche Belastung der Schüler, vor allem in der Höheren Schule, bildet ein verhängnisvolles Hindernis für eine Erziehung zur musikalischen Aktivität. Aber schon im Pflichtschulalter entstehen aus dem gleichen Grund Hemmungen.

Der Vorwand der Überlastung

Ein Panzer von Terminen schnürt schon das Leben der Jugendlichen ein und wirkt nivellierend und normalisierend im Sinne eines zu früh gebundenen formalistischen Pflichtbewußtseins ohne wahre Freude an der Pflichterfüllung. Zwischen der Wissensbelastung vorgestellter Allgemeinbildung und der Leistungsfähigkeit der durchschnittlichen Begabung des Jugendlichen besteht eine ungesunde Diskrepanz. Den Auswirkungen dieser Diskrepanz fällt vielfach die Aktivität des Jugendlichen im musischen Bereich zum Opfer. Die Dinge werden noch kompliziert durch die raschere körperliche Entwicklung, mit der die Reifung des Intellekts nicht Schritt hält, und durch die Reizüberflutung infolge der Technisierung des Alltags und infolge des Verweichlichungsbedürfnisses der Persönlichkeit (daran ändert die Leistungsgier im Sport keineswegs etwas) unter dem Einfluß einer Wohlstandsatmosphäre, vielfach ohne echte und solide Grundlagen.

Brosamen für die Musik

Man sollte aber diese allbekannten sozialen Jugendprobleme nicht zum Vorwand der Entschuldigung nehmen, daß unsere Schüler tatsächlich stoff-und terminüberlastet sind. Im Gefolge der neuen Schulgesetzgebung schien sich für die Höheren Schulen, was die fälschlich so genannten „musischen Fächer“ Bildnerische Erziehung und Musikerziehung anlangt — denn sie sind ebensowenig nur musisch wie ein richtig betriebener Sprach- oder auch Realunterricht nicht musisch ist —, so etwas wie Symptome einer Aufhellung der Situation zu zeigen. Sie sind bei der nun erfolgten Vorlage der zur Diskussion gestellten Lehrpläne einer dunkel verhangenen Wolkenlandschaft gewichen. Es bleiben ein paar Brosamen von für andere nicht selten überreichlich gedeckten Tischen. dreierlei fällt bei den vorgelegten Lehrplänen für die fünf Typen des Gymnasiums und Realgymnasiums auf — das wirtschaftskundliche Realgymnasium für Mädchen bleibe als Sondertype außerhalb dieses Überblicks!

• Bei einer gleichbleibenden Gesamtstundenzahl für diese Typen von 293 Wochenstunden insgesamt bleiben der Musik zwölf, also weniger als fünf Prozent der Unterrichtszeit.

• Sie bleibt wie die Bildnerische Erziehung von den neun Jahrgängen der höheren Schulen auf die sieben ersten beschränkt und verliert also den Charakter eines maturafähigen Fachgebietes.

• Ihr fehlen schließlich die wenigstens im Naturwissenschaftlichen Realgymnasium den naturwissenschaftlichen Fächern ausdrücklich zusätzlich zugebilligten Arbeitsgruppen. Es gibt keinen Chor, keine Ensembles mehr, die in diesem Lehrplan vorgesehen wären.

Was aus den für das schulische Leben doch verschiedentlich nicht uninteressanten sogenannten Freigegenständen werden soll, sagen weder Gesetz noch Plan. Sie werden nirgends genannt. Soll es damit — und damit mit musikalischer Aktivität in der Schule — aus sein? Die in dieser Vorlage zugebilligte Nichtvertauschbarkeit von Musik und Bildnerischer Erziehung in der Oberstufe ist also teuer erkauft mit dem Verlust der Maturafähigkeit und der Eliminierung aus dem obersten Bildungsbereich in den beiden letzten Jahrgängen der Höheren Schule. Bei 33 und 34 Wochenstunden mit allem Drum und Dran pro Jahrgang, ist aber auch die Zeit für eine ernste musikalische Bildung neben der Schule erfahrungsgemäß nicht vorhanden, und diese Wochenstundenzahl ist ab der 4. Klasse vorgesehen. Die unentbehrliche, aber dezimierte schulische Musikerziehung schwächt die Position der Musik im Musikland Österreich weiterhin. Versprechungen, die neue Höhere Schule werde die Arbeitslast des Schülers weit mehr in die Schulzeit verlegen als dies bisher geschehen sei, sind ebenso unverbindlich und ebenso skeptisch aufzunehmen wie die idealistischen und vielfach sehr gescheiten allgemeinen Formulierungen des Lehrstoffes oder besser der Lehrstoffe der einzelnen Fächer, die für die praktische Handhabung nicht mehr und nicht weniger bindende Voraussetzungen geben als eben Formulierungen des Lehrstoffes überhaupt.

Typenreinheit“?

Einige vergleichende Angaben über die Gesamtstundenzahlen sind nicht uninteressant. Im Humanistischen Gymnasium stehen 139 Wochenstunden des sprachlich-historischen Bereiches mit Deutsch, 76 des mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereiches mit Geographie und Wirtschaftskunde gegenüber. Im Neusprachlichen Gymnasium ist das Verhältnis gleich, im Naturwissenschaftlichen Realgymnasium verändert es sich auf die Spannung von 104 zu 119, im Realistischen Gymnasium auf die von 118 zu 97, im Mathematischen Realgymnasium auf die von 102 zu 109. Nicht berücksichtigt sind in dieser Aufstellung vorgesehene Arbeitsgemeinschaften im Naturwissenschaftlichen Gymnasium. Diesen Zahlen stehen stereotyp gegenüber je zwölf Wochenstunden Musikerziehung, je zwölf Wochenstunden Bildnerische Erziehung in allen Typen.

Bei der Erstellung der neuen Typen der Höheren Schule wurde viel von Typenreinheit gesprochen. Richtiger wäre es meines Erachtens, von Varianten eines Einheitstyps zu reden. Diese Varianten sind in der Fachaufgliederung am entschiedensten ausgeprägt im sprachlichen Bereich. Der naturwissenschaftliche bleibt fachlich in allen Typen gleich, gewisse stoffliche Gewichtsverschiebungen werden sich in der Praxis zu behaupten haben. Auf eine entscheidende Abkehr von der Vielfalt der Stoffe ist aber verzichtet worden. Musikerziehung wird weiterhin abgewertet, irgendein verbindliches Anzeichen, wenigstens ihrer freien Betätigung Erleichterungen zu gewähren, besteht nicht. Die österreichische Musikfreude hört nach wie vor vor den Planungen der Höheren Schule auf. Dazu ist, was hier vorliegt, eine Diskussionsgrundlage, die die schulische Musikerziehung bereits unter ein tragbares Minimum herabdrückt, ohne entscheidende Sicherungen einer Abkehr von stoffmaterialistischen Erwägungen bei der Realisierung der Lehrpläne zu geben, auf Grund deren echt diskutiert werden könnte. So ist lediglich jedermann um sein Stoffgebiet besorgt, und die zahlenmäßig Stärksten in den befragten Gremien werden ihre Meinung am lautesten und entsprechend dem Quantitätsprinzip am durchschlagendsten sagen. Denn die Notwendigkeit, auch schulische Bildung weiterzufassen als den Erwerb bloßen Wissens, ist zwar allenthalben anerkannt, aber wirksam auch im schulischen Bereich nicht verbreitet. Die vorgelegten Lehrplanvorschläge entbehren zu sehr des übergeordneten, zusammenfassenden Gesichtspunktes einer Sinngebung, als daß eine echte Diskussion darüber möglich wäre. Was bestenfalls entstehen kann, ist ein Gespräch ungleich machtbegabter Interessenten mit un-zusammengefaßt divergenten Interessen und Mehrheitsbeschlüssen.

Weniger Musik für die Lehrerl

Von der sogenannten musisch-pädagogischen Mittelschule, welche die Lehrerbildungsanstalt ablösen soll, hörte ich nur, daß die Hoffnung auf Stundengewinn für Musik aus dem Wegfall methodischer Fächer sich dadurch ins Gegenteil verkehrt habe, daß durch Einführung neuer Fachgebiete nicht nur nichts zur Verstärkung des Faches Musik getan, wohl aber an dem schon jetzt bis zur Sinnlosigkeit reduzierten instrumentalen Gruppenunterricht noch weiter gespart werden soll. Mehr Zeit für Musikübung außerhalb der Schule wird es auch dort nicht geben. Schriftliche Lehrplangrundlagen sind noch nicht übermittelt worden.

Das Bild ist ganz trüb geworden. Eine in musikkultureller Hinsicht versagende höhere Schulbildung zerstört aber endlich die gesamte kulturelle Substanz, man sollte es angesichts gewisser Erscheinungen im Bild der Gesellschaft und der Jugend endlich begreifen. Sind erst alle Folgen evident, wird eine Umkehr sehr schwer oder unmöglich sein.

TIBOR DERY IN WIEN. Der ungarische Romanschriftsteller Tibor Dery hat seinen festen Platz in der neueren Literatur seines Landes, sein Name durchdrang jedoch die Zone des Schweigens, welche die Literatur kleiner Völker von der Auljenwelt gewöhnlich trennt, eigentlich erst im Jahre 1956. In diesem Revolutionsjahr revoltierte Tibor Dery zusammen mit vielen seiner Berufskollegen und fafjte den Grund seines Revoltierens damals, am 27. Juni 1956, in folgende denkwürdige Worte zusammen: „Die wahre Ursache der Probleme liegt nicht im Persönlichkeifskult, im Dogmatismus oder im Mangel an Demokratie, sondern im Mangel an Freiheit.“ Heute, nach sieben Jahren, schickt das kommunistische Regime diesen Mann auf die Reise; er war vor kurzem in Wien und wird noch in der Bundesrepublik Deutschland und in der Schweiz aus seinen Werken lesen. Zu Beginn seines Wiener Vortrages legte Dery wert auf die Feststellung, dafj er die Kerkerslrafe, die er nach 1956 verbüßen muljte, nach wie vor für ungerecht halte. Heute könne er frei schreiben, mit der einen Ausnahme: Nicht gegen den Sozialismus. Aber er sei Sozialist. Diese Äußerung wäre freilich noch ergänzungsbedürftig. „Sozialist“, so nannten und nennen sich bekanntlich die Kommunisten. Dery war ein illegaler Kommunist, ein Emigrant, wurde aber seit der Machtergreifung der Kommunisten wegen unerlaubter Tendenzen in seinen Romanen unentwegt kritisiert und denunziert. Er war also zumindest ein nicht linientreuer Kommunist — das ist aber ein Widerspruch. Heute nimmt man es in Ungarn nicht so genau, zumindest nicht mit einem Schriftsteller, der im Westen einen guten Namen hat. Aber die jüngsten Definitionen Chruschtschows über die „sozialistische Kunst' ' können den freien Raum um Dery wieder einengen. Was dann?

KORREKT ODER SCHWERFÄLLIGI

Was tut man als einfacher Mensch, wenn man einen ermordeten Menschen auffindet? Man verständigt die Polizei. In breifesten Kreisen ist besonders in Wien bekannt, dal) die Polizei auf der eigenen Notrufnummer 133 in wenigen Minuten telephonisch ' herbeigeholt werden kann. Anden ist es offenbar in Staatsbetrieben, in denen ein jeder Angst vor Überschreitung seiner Kompetenz zu haben scheint. Der Direktor der Wiener Sfaatsoper glaubte dieser Tage seine Angestellten gegen den öffentlich erhobenen Vorwurf, sie hätten im Mordfall der Balleftschülerin ungebührlich lange getrödelt, in Schutz nehmen zu müssen. Einmal sei der Mord nicht um 17 Uhr, sondern erst um 17.15 Uhr entdeckt worden; von da weg seien „korrekt' in folgender Reihenfolge verständigt worden: Löschmeister, Theaterarzt, Bundesgebäudeinspektion, Polizeijournalbeamfer (nicht erreichbar, weil auf Rundgang im Haus), Direktion. Schlag 17.40 Uhr habe ein Mitglied der Direktion das Wachzimmer in der Goethegasse betreten: die erste wirksame Meldung! 25 Minuten nach der Entdeckung also, auch wenn wir die vielfach heftig bestrittene Zeit der Entdeckung mit dem Herrn Direktor erst für 17.15 Uhr ansetzen I Ist das korrekt — oder schwerfällig? Es gäbe auch sonst noch allerhand an den Hausbräuchen, Personalerstellun-g jn und Aufsichten in dem so modernen, so kostspielig erhaltenen Institut zu ändern. Jetzt wäre die Stunde dazu. Sonst schläft wieder alles ein — bis zum nächsten schweren Zwischenfall.

SPIEGELBILD DER OSTERREICHISCHEN WIRTSCHAFT. Dieser Tage legten die beiden gröfjfen österreichischen Banken ihre Jahresberichte für 1962 der Öffentlichkeit vor. Wie den Berichten zu entnehmen ist, war es beiden Instifufen trotz Nachlassen der Konjunktur möglich, eine Ausdehnung ihres Geschäftsbereiches vor allem durch das Ansteigen der Kontokorrent- und Spareinlagen zu erreichen, Deshalb werden auch beide Banken nach Genehmigung durch die Hauptversammlungen eine Dividende von zehn Prozent zur Auszahlung bringen. Trotzdem schienen die Jahresberichte heuer etwas weniger optimistisch zu sein als in den letzten Jahren. In den Referaten, die die Bilanzen erläuterten, wurde diesmal nachdrücklich auf die Bedeutung der Währungssfabilifät für die Kredit-und Kapitalversorgung der Wirtschaft und auf die Lasfen, welche die Banken in ihrem Interesse durch hohe Mindestreservenhaltung zu fragen haben, hingewiesen. Zweifellos wirken sich diese Belastungen auf die Ertragskraft der Institute aus, obwohl die Verteidigung der Währung nicht nur dem Kreditgeber angelastet werden kann. So erklärte der Generaldirektor der Credifanstalt, Miksch, dafj auch der Staatshaushalt einen Teil zu tragen haben werde, denn „eine einseifige Verlagerung cu Lasfen des Kredifapparafes würde die Aktivität dieses Impulszentrums schmälern und die Lösung der Zu-kunftsaufgaben der Wirtschaft erschweren“. Es zeigt sich also, dafj die Bekanntgabe wirtschaftlicher Daten immer weniger Selbstzweck, sondern in zunehmendem Mafj Mittel der allgemeinen Orientierung wird. Gerade in unserer Wirtschaftsordnung mufj die Öffentlichkeit wissen, nach welchen Prinzipien die grofjen Unternehmungen geleitet werden.

WACHSENDE SORGEN IN PARIS.

Während die französische Diplomatie in letzter Zeit auch mit demonstrativen Gesten den Willen Frankreichs bekundet hat, an der Ablehnung jeder multinafionalen NATO-Afom-macht festzuhalten — die jüngste Brüskierung Lord Homes durch den französischen Aufjenminister hat in London viel Staub aufgewirbelt —, vermehren sich die Sorgen der französischen Regierung gegenüber Algerien und im Inland. Am ersten Jahrestag des Vertrages von Evian, durch den der algerische Krieg beendet wurde, explodierte unter der Erde in der algerischen Sahara eine französische Atombombe, wobei Ministerpräsident Ben Bella erst nachträglich durch den französischen Botschafter informiert wurde. Algerien sah darin eine Verletzung seiner Souveränität und kündigte scharfe Maßnahmen an. Der schwere Konflikt zwischen de Gaulle und den französischen Gewerkschaften trägt immer mehr politische Züge, und der General macht dabei die Erfahrung, dafj er mit einem „rebellischen“ Parlament viel leichter fertig wird als mit den mächtigen Gewerkschaffen.

POLITIK UND WIRTSCHAFT. Die jüngste Bonner Krise wurde, wie es scheint, glücklich beigelegt; die Koalition hat die Meinungsverschiedenheit der beiden Regierungsparteien über das Vorgehen der CDU-Abgeordneten im Parlament bei der Abstimmung über das sogenannte Röhrenembargo und über die Streitfrage selbst überlebt, Bundeskanzler Adenauer hat feinen Urlaub in Cadenabbia unterbrochen und ist zu einer Sondersitzung des Kabinetts nach Bonn geflogen. Diese demonstrative Geste des erstaunlichen alten Mannes hat offenbar genügt, um die Gemüter zu beruhigen. Der Exodus der CDU-Abgeordneten aus dem Sitzungssaal, wodurch sie das Plenum beschlußunfähig machten — sonst hätten die Abgeordneten der (SPD und der FDP die CDU überstimmt — wurde als nicht mehr so wichtig empfunden, und in der Sache selbst, nämlich in der Frage der Fortsetzung von Röhrenlieferungen an die Sowjetunion, waren die Standpunkte ohnehin nicht von einander so entfernt, wie es anfangs schien. Der Konflikt entstand dadurch, dafj die deutsche Industrie, unterstützt durch die Gewerkschaffen, nicht bereit war, auf die Lieferung von Erdölleitungen an die Sowjetunion zu verzichten, obwohl ein Röhrenexportembargo gegenüber den Ostblockstaaten für die Mitglieder des westlichen Bündnissystems nach wie vor in Geltung ist. Es war ein Testfall, und in Bonn hat sich die Polifik gegenüber Bedenken der Wirfschaft voll durchgesetzt. Die Sache wird Folgen haben, prophezeit man auf beiden Seiten.

ARABISCHES WORTGEPLÄNKEL

Nach der Revolution in Syrien, die bisher bemerkenswert wenig Menschenleben kostete, aber doch als klare Hinwendung zum Gedanken der arabischen Einheit anzusehen ist, begannen, früher als man es erwarten konnte, die Gespräche über die Verwirklichung dieser Einheit. Der Schauplatz der Gespräche war Kairo, die Teilnehmer waren Abgesandte des Irak, Syriens und Ägyptens. Die ganze Pracht orientalischer Verhandlungskunst kam in den Veröffentlichungen über diese ersten Kontakte bereits zum Vorschein. Wieviel wurde da vorsichtig umschrieben, wie viele heihe Eisen blieben vollständig unberührt, sie waren und blieben aber da, das wufjte doch jeder. Der heikelste Punkt ist das kurze Stück gemeinsamer syrisch-ägyptischer Vergangenheit. Die Union mit Ägypten währte in Syrien bekanntlich vom Februar 1958 bis zum nächsten Offiziersputsch in Damaskus am 27. September 1961. Der jüngste Staatsstreich brachte nun die letzte Wende. Die Drahtzieher der Revolution sind aber diesmal nicht die bedingungslosen Anhänger Nassers, sondern eines arabischen Nationalismus wohl mit, aber nicht unter Nasser. Es handelt sich dabei um mehr als nur um Nuancen.

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