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Weniger für mehr Menschen

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Die Frage, ob alle Absolventen das Recht haben sollen, ohne weiteres die Universität zu besuchen, möchte Minister Carlsson „im Prinzip bejahen“ — allerdings mit gewissen Modifikationen für verschiedene Fachgebiete.

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Die Frage, ob alle Absolventen das Recht haben sollen, ohne weiteres die Universität zu besuchen, möchte Minister Carlsson „im Prinzip bejahen“ — allerdings mit gewissen Modifikationen für verschiedene Fachgebiete.

Schwedens neues Schulsystem ist außerordentlich differenziert. Es bietet eine Fülle verschiedenster Ausbildungsmöglichkeiten, wobei versucht wurde, zu vermeiden, daß lebensentscheidende Weichen zu früh und unwiderruflich gestellt werden. Es ist ein Schulsystem, das der Chancengleichheit Opfer bringt

— auch Qualitätsopfer. Eine seiner Grundabsichten ist es, möglichst vielen Schweden auf möglichst vielen Gebieten die gleiche Ausbildung zu geben und diese — je nach der fachlichen und qualitativen Differenzierung — durch zusätzliche Ausbildung zu ergänzen.

So gehen der „Praktiker“ und der „Theoretiker“, sprich der künftige Automechaniker und der Professor für alte Geschichte in spe, bis zu dessen Universitätsreife in die gleiche Schule, aber eben nur teilweise in die gleiche Klasse — immerhin benützt auch der „Theoretiker“ die Werkstätten für Metallbearbeitung, in denen der „Praktiker“ sehr viel mehr und einen sehr viel wesentlicheren Teil seiner Ausbildung absolviert, während der „Praktiker“ seinen Englischunterricht im selben Sprachlabor erhält. Die Hoffnung, schon dadurch ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl herzustellen (Professor und Automechaniker sind Schulkollegen), scheint aussichtsreich

— das Ergebnis ist abzuwarten. Das neue Schulsystem soll nicht nur vertikale (Qualifikations-) Probleme lösen, sondern auch horizontale, sprich regionale. Die Ballungsräume üben nach wie vor einen außerordentlichen Sog, vor allem auf die jungen Schweden aus. Vor dem zweiten Weltkrieg waren 20 bis 30 Prozent aller Arbeitskräfte in der

Die Reform des schwedischen Schulwesens ist an einer entscheidenden Zäsur angelangt: Die 1962 vom schwedischen Reichstag gesetzte Zehnjahresfrist, innerhalb welcher das aus zahllosen Schulexperimenten gekelterte Konzept einer „Einheitsschule“ in ganz Schweden verwirklicht werden sollte, ist mit dem Schuljahr 1972/73 abgelaufen, das Konzept verwirklicht, freilich mit einigen Abstrichen und Modifikationen auf Grund der in diesen zehn Jahren gemachten Erfahrungen.

Einige dieser Modifikationen sind das Ergebnis einer Diskussion, die im Herbst des vergangenen Jahres teilweise äußerst temperamentvoll, ja mit Erbitterung geführt und vom Ausland teils ratlos, teils schadenfroh verfolgt wurde. Es ging um das Niveau des schwedischen Studentennachwuchses, dessen Kenntnisse auf manchen Gebieten so lückenhaft waren, daß darunter auch die akademische Ausbildung litt — vor allem in den humanistischen und hier wiederum in erster Linie in den linguistischen Fächern.

Die Väter der schwedischen Einheitsschule versuchten den Niveauverlust auf Grund der Überführung des klassischen Gymnasiums in die neue Einheitsschule erst gar nicht abzuleugnen. Sie reagierten mit jener Mischung aus Beharrlichkeit im Prinzipiellen und Elastizität in weniger grundsätzlichen Fragen, die für den sozialistischen Regierungsstil in Schweden so typisch ist.

Während das Gesamtkonzept der schwedischen Schulreform mit dem trockenen Hinweis verteidigt wurde, daß statt der 7 bis 15 Prozent der Bevölkerung, die einst die Chance hatten, ein ausgezeichnetes Englisch zu erlernen, nun 80 bis 90 Prozent aller Schweden — nur eben etwas, und fallweise vielleicht auch viel weniger gut — diese Fremdsprache erlernen, fand eine stille, aber notwendige Revision auf einigen Gebieten, auf denen man zu weit vorgeprellt war, statt. So hatte man in den letzten Jahren gemeint, den Sprachunterricht ganz auf Sprechen und Verstehen aufbauen und die Grammatik unter dem Motto „Wann analysiert man im praktischen Leben schon einen Satz?“ übergehen zu können — das Ergebnis war einigermaßen ernüchternd. Heute müssen Schwedens Schüler sich wieder mit der Grammatik anfreunden, und die Erklärung, man habe statt der alten „Kadavergrammatik“ menschlichere Unterrichtsformen auf diesem Gebiet gefunden, wird von vielen Lehrern als rhetorische Verhüllung des Faktums empfunden, daß ein Irrtum erkannt und korrigiert worden ist: Ohne grammatikalisches Fundament kann man allenfalls die eigene, kaum aber eine fremde Sprache erlernen, und je früher dieses Fundament gelegt wird, um so besser.

Aber solche Retuschen ändern nichts an der Tatsache, daß Schweden als erstes Land der Welt eine Schulreform von so einschneidender Bedeutung vollzogen hat, daß man sie, ob man sie nun begrüßt oder bedauert, in ihrer Tragweite für die gesamte Gesellschaft nur mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht vergleichen kann.

Dabei wäre auch die bisher kaum erörterte Frage zu stellen, ob es tatsächlich richtig ist, in der Einführung der Einheitsschule in Schweden lediglich die Verwirklichung eines sozialistischen Programmpunktes, wenn man will einer sozialistischen Vision, durch eine sozialistische Regierung zu sehen. Oder ob es sich hier nicht einfach um einen Schritt auf dem Weg eines Volkes handelt, das dank einer starken demokratischen Tradition das Glück hatte, daß seine Entwicklung von der bäuerlichen zur industriellen Gesellschaft relativ konfliktfrei verlief.

Die schwedische Schulreform wurzelt tief in der schwedischen Mentalität, sie scheint ein logisches Produkt der schwedischen Geschichte zu sein. Denn die egalitäre schwedische Gesellschaft ist nicht die Folge von 40 Jahren sozialistischen Regierens, eher schon sind Schwedens sozialistische Regierungen Ausdruck einer seit langem weitgehend egalitär strukturierten Gesellschaft.

Schwedens natürliche Reichtümer provozieren früh die Industrialisierung (Papier, Gruben, Metall), Schwedens Sozialstruktur (dünne Besiedlung durch ein selbständiges, selbstbewußtes Bauerntum) erspart dem Land die explosive Proletarisierung im Gefolge der ersten industriellen Revolution. Die Folge ist ein sanfter Aufstieg zu mehr und mehr Wohlstand. Seine erste „moderne“ Schulreform hat Schweden bereits 1842, um die Jahrhundertwende gibt es kaum noch ein Analphabetentum. Um diese Zeit ist auch die sechsjährige Volksschule bereits verwirklicht.

Die Arbeiterbewegung sieht sich früh in der Gesellschaft anderer Gruppen, die ebenfalls darauf aus sind, die etablierte Gesellschaft in Frage zu stellen und die Verhältnisse zu ändern. Das individualistische Bauerntum des Landes ist ein idealer Nährboden für missionarische Bewegungen aller Art, Freikirchen, Babtisten, Missionsverbände, Heilsarmee (die sehr starken Zulauf hat). Die Weltwirtschaftskrise, die auch Schweden sehr hart trifft, führt zum schwersten Trauma der schwedischen Innenpolitik (Militär erschießt zwei Arbeiter), und in weiterer Folge zur Machtübernahme der pragmatischen, undogmatischen, unrevolutionären, seit langem zur Kooperation mit den heimischen Kapitalisten entschlossenen Sozialisten.

(Im zweiten Weltkrieg wird die sozialistische Regierung durch Per Albin Hanssons Sammlungsregierung auf breiter Basis abgelöst.)

Die Frage, ob das Erziehungsziel, auf das die Einheitsschule dieses Landes ausgerichtet ist, ein sozialistisches oder ein aus der demokratischen Tradition dieses Landes gewachsenes Erziehungsziel sei, mutet daher an wie die Frage nach der Priorität von Henne oder Ei.

Das neue Schulsystem, so Schwedens Unterrichtsminister Ingvar Carlsson zur „Furche“, schleust „alle Kinder durch die Grundschule und 90 Prozent durch die Gymnasialschule, die sowohl die alte Berufsais auch die Fachschule integriert. Die Entscheidung für oder gegen die Gymnasialschule ist im Einzelfall stets eine Qualifikationsfrage, wobei jene, die schlechter abschneiden, meist gar nicht den Wunsch haben, in die Gymnasialschule zu gehen.“

Landwirtschaft tätig, noch vor eineinhalb Jahrzehnten nicht weniger als 15 Prozent, seither ist ihr Anteil auf 6 bis 7 Prozent gesunken. Die Urbanisation geht in zwei Stufen vonstatten: Vom Land in die lokalen Industriestädte, von dort weiter in die Großstädte. Der letztgenannte Trend wurde durch auch anderswo bekannte Fehler auf dem Unterrichtssektor gefördert.

Viele schwedische Gemeinden werden von einem „lokalen Konzern“ dominiert, einer Hütte, einer Grube, einer Papierfabrik, einem Fertigteilhauswerk. Teils diesen Betrieben zuliebe, teils um neue Betriebe anzulocken, schufen viele Gemeinden spezialisierte Berufsschulen, die ganz auf den jeweiligen Betrieb zugeschnitten waren. Die Hütte, für die in einer solchen Schule Hüttenarbeiter auf dem Fließband produziert wurden, brauchte nicht einmal zuzusperren — nach zwei, drei Jahren

Schulbetrieb hatte sie genug Fachleute; die Jugendlichen, die sehr schnell begriffen, daß sie hier keine Chancen mehr hatten, blieben aus, Schulen dieser Art standen halbleer, die Jugend aber verschwand Richtung Ballungsraum.

Mitte der sechziger Jahre dämmerte die Erkenntnis einer Fehlplanung, in den folgenden Jahren wurden dann für ganz Schweden 120 Gymnasial-Regionen geschaffen, deren jede eine große Schuleinheit mit möglichst der ganzen Palette von Spezialisierungsmöglichkeiten bekommen soll. Was nicht nur enorme Investitionen, sondern auch eine gewaltige Planungsarbeit bedingt.

Das Grundmuster dieses Schulsystems bilden 23 Ausbildungszüge mit 70 bis 80 Varianten, zu denen sich Hunderte von Sonderkursen für die einzelnen Berufe gesellen, aber alle diese „Sonder-Reichslehrpläne“ folgen dem Muster der 23 Züge. Dadurch wird eine starke Ausbildungs-Vereinheitlichung erreicht — noch Mitte der sechziger Jahre gab es 18.000 verschiedene Berufsausbildungen, zum Teil regional verschieden —, ein Schornsteinfeger wurde etwa in Malmö anders ausgebildet als in Stockholm.

Die Finanzierung der Umstellung obliegt vor allem dem Staat, der in Schweden für die Schulbauten aufkommt und die Lehrkräfte bezahlt, während die Gemeinden die Kosten für den Schulbetrieb, die Beleuchtung, die Bücher und Lehrmittel und die Gehälter des sonstigen (nicht lehrenden) Personals tragen. Das Zusammenwachsen dreier Schulformen zu einer hat aber auch ökonomisch vorteilhafte Seiten: Die neue Gymnasialschule wird nur einen Direktor mit zwei bis drei Unterdirektoren für die einzelnen Züge benötigen, und die Absolventen zahlreicher einst getrennter Schulen können jetzt in einer gemeinsamen neuen Schule zahlreiche technische Einrichtungen gemeinsam benützen.

Anderseits gibt es noch immer „unvollständige“ Gymnasialschulen — ohnehin ließ die Umstellung, vor allem durch Neubauten, das Unterrichtsbudget des Staates (ohne Hochschulbudget!) von 3,5 Milliarden im Jahre 1967/68 auf 5,5 Milliarden Kronen 1971/72 anschwellen. Im Jahr der einschneidenden Grundschulreform (1969/70) stieg das Unterrichtsbudget auf einen Höchstwert von 12,7 Prozent der gesamten Staatsausgaben, erst in den kommenden Jahren wird es, erstmals seit 1965/66, wieder unter die Zehnprozentmarke sinken.

Schwedens Schulen sind nicht nur apparativ verschwenderisch ausgestattet, haben eigene Autowerkstätten, physikalische Labors, kybernetische Anlagen, und natürlich audiovisuelle Hilfsmittel, Sprachlabors und Sportstätten, sie bieten ihren Schülern auch einen in Relation zur Bausumme zwar unbedeutenden, aber dem mitteleuropäischen Besucher ins Auge stechenden Komfort: Pausenräume mit farblich sorgfältig auf das Mauerwerk abgestimmten Fellpolsterungen, künstlerische Ausschmückung, für die ein bestimmter Prozentsatz der Bausumme aufgewendet werden muß. (Alle Photos auf dieser Seite: Jacobsberg-Schule bei Stockholm.) , Die neuen Bauten ermöglichen einen neuen Unterricht, der vor allem immer stärker vom alten Klassenunterricht, vorne der Lehrer, die Schüler meist passiv, wegführen soll. Alle neuen Schulen haben eine Anzahl von Räumen, in denen kleinere Arbeitsgruppen unabhängig von ihrer Klasse, allein oder gemeinsam mit einem Lehrer, an bestimmten Projekten arbeiten können. Die Klingeln werden abgeschafft — die Unterrichtszeit wird in Einheiten von je 20 Minuten („Module“) eingeteilt, die nach Belieben zu Blöcken von zweimal, dreimal oder viermal zwanzig Minuten zusammengelegt werden, um einen logischen Arbeitsablauf nicht den klassischen Zwangspausen unterordnen zu müssen. Die Autorität des Direktors wird reduziert — Schüler und „sonstiges Schulpersonal“ diskutieren mit ihm gleichberechtigt im „Komitee für Zusammenarbeit“, etwa über Arbeitsformen oder über die Frage, wo geraucht werden darf (die meisten Schulen haben eine Rauchecke für die Schüler, denen die Gefahren des Rauchens dann allerdings, im Biologieunterricht etwa, drastisch vor Augen geführt werden).

In schwedischen Schulen wird diskutiert — nicht nur mit den Schülern, sondern auch vor den Schülern, etwa im Sexualkundeunterricht zwischen Biologie-, Religions- und Gesellschaftskundelehrer, die oft kontroverse Standpunkte vertreten. Dies unter dem Motto: Erziehung zur Demokratie.

Wurde früher etwa Selma Lagerlöf gelesen, so machen die Schüler heute einen Film, lernten einst die Mädchen stricken und Knöpfe annähen, so müssen letzteres heute auch die Knaben können — beide Geschlechter aber erhalten Unterricht in Konsumkunde, wo sie mit neuen Textilien, deren Pflege, und mit den Rechten des Konsumenten vertraut gemacht werden. Dies unter dem Motto: Erziehung zu einer kritischen Haltung gegenüber der Gesellschaft und vor allem als Konsument.

Versuche, die „Geschlechtsabhängigkeit der Berufswahl“ zu reduzieren, zeitigen allerdings vorerst geringe Ergebnisse: zwar lernen die Burschen Knöpfe anzunähen und die Mädchen Metallarbeiten auszuführen, aber in den technischen Zügen sitzen trotzdem 80 bis 90 Prozent Burschen und in den „pflegerischen“ Zügen ebensoviele Mädchen. Und auch die disziplinaren Probleme wachsen vielen Lehrern bereits über den Kopf.

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