Interview Neue Autorität - © Fotos: Tosca Santangelo
Bildung

„Neue Autorität“ für die Schulen?

1945 1960 1980 2000 2020

Was gegen Gewalt im Klassenzimmer hilft. Und was zu mehr Respekt und Wertschätzung gegenüber allen führen könnte: Ein Schuldirektor, ein Sozialarbeiter und ein Lehrervertreter im Gespräch.

1945 1960 1980 2000 2020

Was gegen Gewalt im Klassenzimmer hilft. Und was zu mehr Respekt und Wertschätzung gegenüber allen führen könnte: Ein Schuldirektor, ein Sozialarbeiter und ein Lehrervertreter im Gespräch.

Das Gespräch führte Doris Helmberger

Dass Unterrichten kein Zuckerschlecken ist, war für die meisten klar. Wie verheerend eine Schulstunde ablaufen kann, wurde vielen aber erst durch die verstörenden Videos aus einer Ottakringer HTL bewusst.

Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) hat prompt Maßnahmen gegen Gewalt an Schulen angekün digt (s. u.), doch derweil zerbröselt die Regierung. Was wäre generell nötig, um in den Schulen ein Klima der Wertschätzung zu schaffen, ohne das guter Unterricht nicht möglich ist? Erich Breier, Direktor der Neuen Mittelschule in der Aderklaaerstraße in Wien-Floridsdorf und systemischer Coach, arbeitet an seiner Schule mit dem pädagogischen Konzept der „Neuen Autorität“. Auf Einladung der FURCHE hat er mit dem Wiener Schulsozialarbeiter Anton Mayer und dem Vorsitzenden des Wiener Zentralausschusses in der Pflichtschullehrergewerkschaft, Thomas Krebs (Fraktion Christlicher Gewerkschafter), diskutiert. Dass sich nur Männer austauschten, war übrigens weder geplant noch für den Schulbereich repräsentativ, sondern Folge der kurzfristigen Absage einer Expertin.

DIE FURCHE: Herr Direktor Breier, wären Szenen wie jene aus der Ottakringer HTL an Ihrer Schule theoretisch möglich?

Erich Breier: So eine Szene ist fast an jeder Schule möglich.

Thomas Krebs: Ich glaube auch, dass das überall passieren kann. Ich weiß auch, dass ähnliche Geschichten schon passiert sind, nur sind sie nicht medial so hinausgetragen worden. Mich erreichen wöchentlich Beschwerden von Lehrerinnen und Lehrern, dass sie körperlich, seelisch und medial von Schülern angegriffen werden.

DIE FURCHE: Aber nimmt die Häufigkeit der Übergriffe tatsächlich zu?

Krebs: Ich nehme jedenfalls die Tendenz wahr, dass die Kolleginnen und Kollegen eher bereit sind, offen zu sprechen: Denn wenn ein Lehrer oder eine Lehrerin attackiert wird, ist das ja auch immer mit unheimlicher Scham verbunden. Lange hat man Kollegen, die davon berichtet haben, als Nestbeschmutzer dargestellt. Da ist viel unter den Tisch gekehrt worden. Doch jetzt bemerke ich langsam einen Schulterschluss, sodass die Kolleginnen im Lehrerzimmer, die Direktionen und dann auch die Behörden hinter den Betroffenen stehen.

Anton Mayer: Ich merke auch diese Scham unter betroffenen Lehrkräften. Viele wissen außerdem gar nicht, welche Hilfestellungen es überhaupt gibt, denn die Wiener Bildungsdirektion, bei der ich als Sozialarbeiter angestellt bin, hat hier schon einiges geschafft. Durch die sozialen Medien hat sich die Situation natürlich nochmals zugespitzt. Aber ich würde nicht pauschal sagen, dass die Gewalt zugenommen hat: Die Anzeigen sind sogar zurückgegangen.

DIE FURCHE: Ein wesentlicher Streitpunkt war und ist, inwieweit dieses Video ein sys- temisches und/oder persönliches Versagen zeigt. Der Sozialarbeiter Reinhard Amminger hat das in einem „Standard“-Gastkommentar so zugespitzt: „Das System Schule begegnet auffälligen Schülerinnen und Schülern mit Hilflosigkeit und Inkompetenz.“ Würden Sie das unterstreichen, Herr Mayer?

Mayer: So würde ich es nicht ausdrücken, es gibt schon viele gute Ideen und Projekte.

Krebs: Also ich nehme diese Aussage der Inkompetenz nicht hin. Ich orte aber Ratlosigkeit in bestimmten Bereichen und habe das Gefühl, dass die Lehrerinnen und Lehrer insofern oft alleingelassen sind, als man heute vieles, was früher im Elternhaus stattgefunden hat, einfach in ihr Aufgabenfeld übertragen hat. Die Schule ist für alles zuständig – vom Essen mit Messer und Gabel bis zur Hochschulreife. Diesen Spagat wird sie nie leisten können. Ich gebe aber zu, dass viele Kolleginnen und Kollegen auch noch nicht wissen, welche Unterstützungsangebote es gäbe. Aber das Problem ist, dass diese Hilfe sehr plötzlich da sein und idealerweise vor Ort sein muss, und das ist großteils nicht gegeben.

Breier: Ich möchte mich auch gegen die obige Aussage verwahren. Wir sind sicher nicht hilflos, aber hin und wieder alleingelassen und auf die eigene Kreativität angewiesen. Auch das Einzelkämpfertum ist noch weit verbreitet – diese Meinung, mit allem persönlich und allein fertigwerden zu müssen, weil es sonst ein Zeichen von Schwäche und Inkompetenz wäre. Hier wirkt die „Neue Autorität“ dagegen.

Es geht um eine neue Haltung, eine Stärkung des Wir. Eine Missachtung unserer Vereinbarungen ist ein Angriff auf uns als Schule, dagegen leisten wir Widerstand.

DIE FURCHE: Dieser pädagogische Ansatz wurde in den 1980er-Jahren vom israelischen Psychologen Haim Omer entwickelt und grenzt sich sowohl von der „alten Autorität“ ab, der es nur um das Durchsetzen von Regeln geht, als auch von der „antiautoritären Erziehung“ (vgl. www. neueautoritaet.at). Herr Breier, Sie sind seit 19 Jahren Direktor an der Schule und haben diesen Ansatz vor etwa vier Jahren
implementiert. Wie sieht das konkret aus?

Breier: Es geht um eine generelle Haltungsänderung, eine Stärkung des Wir. Wenn es etwa einen Vorfall gibt, dann sage ich dem betroffenen Lehrer immer, dass das kein Angriff auf die Person ist, sondern maximal auf die Institution und zwar auf die gesamte. Eine Missachtung unserer Vereinbarungen ist ein Angriff auf uns als Schule, und dagegen leisten wir Widerstand. Zentral ist dabei Präsenz. Wir zeigen dem Schüler: Wir sind für dich da und werden nicht weggehen, auch wenn du Schwierigkeiten machst, und wir werden dich dabei unterstützen, dass du dich mit uns gemeinsam an unsere Vereinbarungen halten kannst. Wir schauen auch nicht weg, das ist ganz wichtig: Wenn es negative Dinge gibt, sowohl von Lehrerinnen- als auch von Schü
lerseite, dann nennen wir die Dinge beim Namen. Aktuell haben wir etwa einen Fall von Cybermobbing, den wir gründlich aufarbeiten: Gemeinsam mit den involvierten Schülern haben wir uns angesehen, wo die Geschichte herkommt, wir haben den Grätzelpolizisten eingeladen und einen Elternbrief verfasst, in dem das Vorgefallene ganz deutlich beschrieben wird. Der Kontakt zu den Eltern ist generell wichtig: Wir kontaktieren schon in den ersten Schulwochen alle telefonisch und bieten ihnen unsere Zusammenarbeit an. Die erste Meldung aus der Schule soll eine positive sein. Denn wir erleben ja auch Eltern, die später nicht mehr abheben, wenn sie die Schulnummer sehen.

Krebs: Es ist natürlich großartig, wenn die ganze Schule an einem Strang zieht. Aber Voraussetzung dafür ist, dass das Lehrerkollegium Geschlossenheit zeigt und es ein stabiles Lehrerteam gibt. An vielen Standorten gibt es aber eine starke Fluktuation, wir haben auch eine massive Abwanderung in andere Bundesländer und eine Pensionierungswelle. Das ist ein großes Problem vieler Schulen. Breier: Die Fluktuation ist tatsächlich ein Problem, auch bei uns wechseln pro Jahr zwischen drei und sieben Personen, das scheint bei einem Lehrkörper von 70 nicht viel, aber kontinuierlich zu arbeiten, wird dadurch schwieriger.

Ich versuche die Schüler dazu zu bringen, über ihr eigenes Verhalten nachzudenken. Wenn ich nur sage, das ist schlecht, werden sie ihr Verhalten nicht ändern.

DIE FURCHE: Herr Mayer, wie oft erleben Sie es als Sozialarbeiter, dass die ganze Schule an einem Strang zieht? Und welche Rolle hat hier der Schulleiter?

Mayer: An der Neuen Mittelschule im dritten Wiener Bezirk, an der ich seit eineinhalb Jahren fix tätig bin, gibt es auch klare Ziele, und das gesamte Kollegium hat ungefähr dieselbe Vorstellung davon, welcher Umgangston an der Schule herrscht. Wenn etwa Schimpfworte fallen, wird das von niemandem stillschweigend hingenommen. Die „Neue Autorität“ wird hier zwar nicht unter diesem Namen geführt, aber im Prinzip gelebt. Was die Direktion betrifft, so hat sie insofern eine sehr wichtige Rolle, als so etwas an einer Schule überhaupt einmal implementiert werden muss, etwa im Rahmen einer schulinternen Lehrerinnenfortbildung.

Breier: Viele Ansätze der „Neuen Autorität“ sind tatsächlich ohnehin Standard, deswegen gefällt mir auch der Name nicht so gut. Es werden einfach viele Aspekte zusammengetragen und nochmals bewusst gemacht. Und zur Lehrerfortbildung: Wir haben schon drei an unserer Schule gemacht, aber eigentlich sollte man die „Neue Autorität“ schon als Pflichtfach in der Lehrerinnenausbildung einführen.

Krebs: In der Lehrerausbildung gibt es tatsächlich dringenden Reformbedarf. Die vergangene Reform ist leider nicht in die Richtung gegangen, die wir benötigt hätten, die Pädagogischen Hochschulen haben als ständiges Maß die Schulpraxis vor Augen gehabt, doch das ist jetzt weg. Auch die Arbeit an der eigenen Persönlichkeit ist entscheidend. Egal mit welchen Kindern ich zu tun habe: Ich muss es als Lehrer schaffen, sie für mich zu gewinnen. Und dafür braucht man das nötige Rüstzeug.

DIE FURCHE: Herr Mayer, Ihre Schule hat das Glück, mit Ihnen einen eigenen Sozialarbeiter für 200 Kinder zu haben. Auf schwierige Schüler einzuwirken, ist dabei Ihr Job. Wie kann das gelingen?

Mayer: Es gibt kein Allheilmittel und es ist auch nicht immer so, dass ich in eine Klasse komme und es funktioniert wieder. Wenn es zu Vorfällen kommt, ist es jedenfalls immer auch ein Zeichen dafür, dass es dem Schüler, der Schülerin selbst nicht gut geht. Man sieht nur die Spitze des Eisbergs, aber man weiß nicht, was dazu geführt hat. Ich persönlich verwende bei Konflikten jedenfalls den Ansatz der motivierenden Kurzintervention. Bei den Jugendlichen geht es ja meist darum, sich von den Eltern abzugrenzen, sie wollen eigene Wege gehen, und je mehr Regeln ich ihnen vorschreibe, desto mehr werden sie dagegen arbeiten. Ich versuche sie deshalb in der Gesprächsführung mit Argumenten dazu zu bringen, über ihr eigenes Verhalten nachzudenken. Wenn ich nur sage, das und das ist schlecht, werden sie ihr Verhalten nicht ändern.

Den Lehrern ist es völlig egal, wer das Supportpersonal bezahlt, dieses Ping-PongSpiel haben wir satt. Tatsache ist, dass wir mehr Sozialarbeiter brauchen.

DIE FURCHE: Und was, wenn das Gespräch nicht fruchtet?

Mayer: Natürlich gibt es auch Kinder, die so auffällig sind, dass sie am Schulalltag so nicht teilnehmen wollen, sondern den Unterricht zerstören. Für diese Fälle gibt es im Pflichtschulbereich schon jetzt sogenannte Förderklassen, wo sie mit fünf bis acht anderen Schülern von mehreren extra geschulten Lehrpersonen unterrichtet werden. Aber es ist oft ein schwieriges Prozedere, dass sie dort einen Platz bekommen.

Krebs: Es gibt tatsächlich Schüler, die den Unterricht kaputtmachen. Und wir haben hier so gut wie keine Handhabe. Es gibt die Möglichkeit der Suspendierung, die ich als Adhoc-Maßnahme für sehr wichtig halte, einfach um die Situation zu beruhigen. Aber was passiert danach?

Breier: Auch ich bin für die Möglichkeit von Suspendierungen, allerdings für aktive, bei denen in der Zwischenzeit am Standort weitergearbeitet wird und wo der Kontakt nicht abbricht. Denn Kontaktabbruch heißt immer, dass ich keine Möglichkeit mehr habe einzugreifen. Interessant ist aber insgesamt, dass gerade sehr schwierige Schülerinnen und Schüler meist regelmäßig in die Schule kommen. Denn hier wird ihnen etwas geboten, was sie vielleicht von Zuhause her nicht kennen: ein Rahmen, eine Ordnung und Verlässlichkeit. Es braucht jedenfalls dringend mehr externe Experten, die nicht beurteilen und unterrichten. Wir an unserer Schule haben übrigens mit unseren 16 Klassen nur eine Sozialarbeiterin, die zwei Mal pro Woche kurz vorbeikommt. Sie leistet dabei tolle Arbeit, aber es könnte sogar sein, dass ihr Vertrag nicht verlängert wird.

Mayer: Weil der Integrationstopf nicht weiter finanziert wird, werden allein in Wien rund 20 Sozialarbeiter nicht verlängert.

Breier: Wobei es schon schwierig war, Personen für diese Posten zu finden, weil die befristeten Verträge und auch die Bezahlung nicht attraktiv waren.

Krebs: Es ist schon seit Jahren bekannt, dass Österreich – was das Supportpersonal betrifft – international ganz weit unten ist. Den Lehrerinnen und Lehrern ist es übrigens völlig egal, wer das bezahlt, dieses Ping-Pong-Spiel zwischen Bund und Land haben wir satt. Tatsache ist, dass wir mehr Sozialarbeiter brauchen. Ich möchte hier aber auch eine große Gruppe in der Lehrerschaft herausstreichen, die schon jetzt vielleistet: Nämlich die Sonderpädagoginnen in den Förderklassen und auch die Beratungslehrerinnen und Psychagoginnen. Das sind exzellene Leute, die vor Ort mit dem Kind persönlich arbeiten können.

Breier: Der Schlüssel ist Beziehung, gerade in schwierigen Situationen. Hier gibt es einen Satz, der mir sehr gut gefällt: Die Kinder brauchen unsere Liebe dann am meisten, wenn sie sie am wenigsten verdienen.

DIE FURCHE: Wirklich ein schöner Satz. Trotzdem noch eine letzte Frage zur Politik: Was halten Sie von den Maßnahmen, die der bisherige Bildungsminister vorgeschlagen hat? Und was wünschen Sie sich von einer neuen Regierung?

Mayer: Die sogenannten Time-Out-Gruppen beziehen sich zwar auf das Schweizer Modell, nur ist das konzeptionell ganz anders aufgestellt: Dort arbeiten verschiedene Berufsgruppen mit den Jugendlichen – bis dahin, dass sie ihnen Tagesstruktur beibringen und ihnen zeigen, wie man frühstückt. Das ist etwas ganz anderes als das, was hier geplant ist. Generell bräuchte es an jedem Standort ein multiprofessionelles Team aus Sozialarbeit, Psychagogik und Beratung, damit Beziehung und Vertrauen aufgebaut werden können.

Breier: Wir haben uns solche Time-OutKlassen schon vor 15 Jahren gewünscht, aber inzwischen habe ich meine Meinung geändert: Ich würde mir eine große, große Zahl mobiler Einsatzteams aus zwei bis drei speziell ausgebildeten Lehrerinnen aus dem sonderpädagogischen Bereich wünschen, die bei einer Eskalation rasch an die Schulen kommen und diese auch nach dem Vorfall weiterbegleiten. Außerdem plädiere ich, wie gesagt, für „Neue Autorität“ in der Lehrerausbildung und Selbsterfahrung für angehende Lehrkräfte. Zudem sollte es endlich verpflichtende Supervisionen für Lehrerinnen geben. In jedem Sozialberuf ist das Standard, dass das an den Schulen fehlt, halte ich für grob fahrlässig.

Krebs: Auch mir sind die Time-Out-Klassen nicht konkret genug. Und ohne zusätzliche Posten kann das auch beim besten Willen nicht funktionieren. Außerdem wünsche ich mir natürlich auch endlich mehr Supportpersonal. Und natürlich ein Ende des Lehrer-Bashings. Zuletzt ist es ja durch dieses Video eher in Richtung Lehrer mitleid umgeschlagen. Klar ist aber, dass wir mehr Anerkennung und Respekt für unsere Arbeit brauchen. Und entsprechende Unterstützung gehört hier sicherlich dazu.

Podcast
Furche Zeitmaschine Vorschau
Das Gespräch führte Doris Helmberger