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Lehrer ohne Visionen

Burn-out hat im Lehrerstand epidemische Ausmaße erreicht. Über Ursachen und Auswege.

Jetzt hat das Schuljahr seine heiße Phase erreicht. Die Schüler lernen fleißigst. Und auch die Lehrer arbeiten auf Hochtouren, kreieren und korrigieren die letzten Schularbeiten. Alle sehnen sich nach den verdienten Sommerferien. Und nicht wenige Lehrer ganz besonders. Denn: Rund jeder vierte Lehrer in Österreich fühlt sich ausgebrannt.

Dabei macht es keinen Unterschied, ob die Lehrer in Salzburg oder der Steiermark unterrichten, ob sie an einer Volks- und Hauptschule, an einer berufsbildenden Schule oder am Gymnasium lehren, wie Erich Gamsjäger bereits vor Jahren in einer Studie mit mehr als 600 Lehrern feststellte. "Lediglich den Volksschullehrern geht's ein wenig besser," meint der Psychologe und Psychotherapeut im Interview und fügt hinzu: "Ansonsten ist die Lage besorgniserregend. Die Lehrer brauchen dringend Hilfe."

Kraftquellen

Dabei hat Gamsjäger nicht nur das Ausmaß von Burn-out exakt bestimmt - "als zweidimensionales Konstrukt aus emotionaler Erschöpfung und einem Gefühl von Versagen" - sondern auch zwei vor Burn-out schützende Faktoren gefunden: Verheiratete Lehrer zeigen niedrigere Burn-out-Werte als geschiedene (um rund fünf Prozent) oder ledige Kollegen (um rund drei Prozent). Dass eine soziale Stütze eine psychische Entlastung bringt, leuchtet unmittelbar ein. Ebenfalls günstig wirkt sich eine nebenberufliche Tätigkeit auf das Lehrerdasein aus. Gamsjäger erklärt dies so: "Ein zusätzliches Engagement bei der Feuerwehr, im Musikverein oder einem anderen Verein fördert die soziale Kompetenz, und das zeigt sich dann auch im Umgang mit den Schülern."

Überhaupt ist die Beziehung zu den Schülern das A und O. "Wer sich bloß als Wissensvermittler versteht, ja sich hinter der Wissenschaft versteckt, der neigt bereits zum Burn-out", betont Gamsjäger. Ähnlich sieht das Barbara Hanfstingl. Die Psychologin von der Universität Klagenfurt interessiert sich dafür, wie Lehrer mit den Belastungen in ihrem Beruf zurechtkommen. Ein Resultat ihrer Forschung lautet: "Extravertierte Personen kommen auch als Lehrer leichter mit andern zurecht." Gleichzeitig glaubt sie, dass auch ein eher introvertierter Mensch ein guter Lehrer werden kann. Denn: Zum Lehrer muss man nicht geboren sein. Hanfstingl betont: "Wichtig ist es, dass ein Lehrer es als interessant erlebt, auf junge Menschen pädagogisch einzuwirken. Dann kann er auch lernen, mit seinen Stärken und Schwächen konstruktiv umzugehen."

Die hohe Zahl an ausgebrannten Lehrern erklärt die Psychologin auch damit, dass der Beruf vielfach aus den falschen Gründen ergriffen wird: Die einen wollen gleich das ganze Schulsystem revolutionieren - und scheitern mit ihrem Perfektionismus an der Wirklichkeit. Die andern hängen einem unzutreffenden stereotypen Berufsbild an: Sie glauben, Lehrersein sei eine Art Halbtagsjob mit vielen Ferien. Wenn sie dann erkennen, wie viel Zeit sie in die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts investieren müssen, frustriert sie das. Deshalb meint Hanfstingl: "Bevor junge Leute sich für den Lehrerberuf entscheiden, sollten sie ein realistischeres Jobprofil entwickeln." Eine Möglichkeit dazu bietet ein Fragebogen, der im Rahmen des EU-Projekts Career Counselling for Teachers entworfen wurde und nun von Hanfstingls Kollegen am Institut betreut und weiterentwickelt wird (und unter www.cct-austria.at zu finden ist).

Mangelhafte Infrastruktur

Dass die vorhandene Infrastruktur den Lehrern das Arbeiten nicht unbedingt erleichtert, ist sich Hanfstingl bewusst. "Wenn es an der Schule keine ruhigen Arbeitsplätze für Lehrer gibt, müssen sie ihre Arbeit daheim erledigen." Während andere Menschen also nach Hause gehen, um abzuschalten, verfolgt die Arbeit den Lehrer bis in die eigenen vier Wände. Auch Barbara Meier-Nedwed, Supervisorin am LehrerInnenberatungszentrum in Graz und gleichzeitig AHS-Lehrerin, kann eine ganze Reihe von institutionellen Mängeln benennen, die die Lehrer zusätzlich belasten.

Natürlich gäbe es Problemschüler. "Doch die Problematik wird durch zu große Klassen verstärkt", betont sie und meint weiters: "Viele Schulen besitzen keinen mit den Schülern vereinbarten Verhaltenskodex. Regelverstöße bleiben so ohne Konsequenzen. Hier wäre die Schulleitung gefordert." Das Leadership einer Schule ist auch für Gamsjäger von zentraler Wichtigkeit: "Ausgebrannten Lehrern fehlen die Visionen. Ein guter Direktor kann hier ein Vorbild abgeben. Er kann humanistische Werte vorleben, Empathie und Konfliktfähigkeit beweisen. Auch sollte er die Lehrerschaft zur Zusammenarbeit bewegen." Doch den Lehrern fehlt manchmal nicht nur die Unterstützung der Schulleitung, sondern auch jene der Eltern. Viele Eltern lehnen zunehmend die pädagogische Verantwortung für ihre Kinder ab - zum Beispiel, wenn Hausaufgaben nicht ordentlich erledigt werden. "Früher zogen Lehrer und Eltern am gleichen Strang. Heute ist das leider nicht mehr selbstverständlich", schildert Meier-Nedwed ihre Erfahrungen aus der Praxis.

Des Weiteren leiden Junglehrer zunehmend unter existenziellen Ängsten, da sie von den Schulbehörden nur mehr befristete Verträge erhalten. Dazu Meier-Nedwed: "Diese Lehrer - und manche sind bereits 40 Jahre alt - erfahren oft erst im Herbst, ob sie im neuen Schuljahr weiter unterrichten können."

Körperliche Beschwerden

Das LehrerInnenberatungszentrum in Graz wurde übrigens vom Landesschulrat initiiert und als Verein von engagierten Lehrern gegründet. Finanziert wird es durch Subventionen und Sponsoren. Ein Bedarf ist in der Steiermark offensichtlich vorhanden: Die acht Berater - alle im Schuldienst stehende Lehrer mit qualifizierten beraterischen Zusatzausbildungen - haben allein im letzten Schuljahr die Lehrerkollegen mit rund 600 Einzelsupervisionen unterstützt (wobei die ersten fünf Sitzungen gratis sind); über 2000 Lehrer wurden im Rahmen von Gruppenveranstaltungen betreut. Laut Meier-Nedwed stellt sich häufig schon beim ersten Beratungsgespräch heraus, dass die Kollegen unter ernsten körperlichen Symptomen leiden: Sie haben Magenschmerzen, Kopfweh, Schlafstörungen, Tinnitus etc.

Deshalb ist die Supervisorin überzeugt: "Lehrer brauchen heute die Möglichkeit begleitender Unterstützung in Form von regelmäßiger Supervision - wie andere soziale Berufe auch. Supervision müsste selbstverständlicher Bestandteil einer professionellen Berufsauffassung sein." Die Politik sieht das noch anders - leider.

der Schüler und Schülerinnen nicht immer (oder manchmal sogar selten) mit den Zielen und Themen der Lehrpläne decken; das Sozialgefüge einer Klasse mit Heranwachsenden ist etwas äußerst Fragiles; Lehrer müssen auch damit rechnen, dass Kinder und Jugendliche die Erfahrung machen, dass sich ihre Eltern trennen oder aus beruflichen Gründen nur wenig Zeit für sie aufbringen können, auch wenn sie sich verständlicherweise das Gegenteil wünschen würden und sie durch die Realität frustriert werden, was sich auf deren Konzentrationsfähigkeit und Lernlust negativ auswirkt.

Welche Schlüsse sind aus diesen Überlegungen zu ziehen? Ein erstes Resümee: Die Emotionen, die eine Gesellschaft mit Lehrern verbindet, sind ambivalent, weil sie aus unterschiedlichen Perspektiven kommen: Im Allgemeinen hält man diesen Beruf für sehr wichtig; geht es aber konkret um "den Lehrer oder die Lehrerin meines Kindes", dominieren häufig Unzufriedenheit, Ärger und Vorwürfe. Beide Sichtweisen sollten Lehrer nicht vorschnell vermischen.

Ein zweites Resümee: Eltern und Lehrer haben etwas ganz Wichtiges gemeinsam, nämlich die Unsicherheit im Hinblick auf den "Erfolg" ihrer pädagogischen Bemühungen; beide Seiten einen folgende Sorgen:

Werde ich durch meine Bemühungen bei den Kindern und Jugendlichen Entwicklungsschritte in die von mir erwünschte Richtung bewirken können?

In welchem Ausmaß werden andere, nämlich die vielzitierten "heimlichen Miterzieher" (peers, Medien etc.), meine investierten Energien zunichte machen oder zumindest in ihrer erhofften Wirkung abschwächen? Vielleicht würde es viele Gespräche an Sprechtagen oder in Sprechstunden entkrampfen, wenn sich Eltern und Lehrer zunächst ihrer Solidarität in puncto Ungewissheit versichern würden. Gegenseitigen Vorwürfen oder Schuldzuschreibungen wäre damit ein Großteil des Nährbodens entzogen; und das wäre für Gespräche in solchen Situationen ein ungeheurer Gewinn.

Wechselseitige Beschuldigungen, überfordert zu sein, würden einander aufheben, und beide Seiten könnten beginnen, über konstruktive Schritte (in geteilter Verantwortung und mit unterschiedlichem professionellen background) nachzudenken und solche - freilich im Bewusstsein der Ungewissheit im Hinblick auf deren "Erfolg" - in Gang zu setzen. Weitere Gespräche wären weniger eine lästige Pflicht, sondern wohl eher ein persönliches Anliegen: im Fall des Scheiterns, um einander zu ermutigen, und im Fall des Erfolgs, um mit einem Glas Sekt anzustoßen.

Der Autor ist Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Salzburg und in der Weiterbildung von Pädagogen tätig.

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