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Das wahre Leid der Lehrer

Die Wurzeln für die aktuelle hitzige Debatte um die Unterrichtszeit von Lehrern und Lehrerinnen gehen viel tiefer und blieben lange unbearbeitet: ihr labiles Berufsimage.

Kaum eine andere Debatte vermag die Gemüter so zu erhitzen wie der aktuelle "Lehrerstreit". Seine Wurzeln liegen nicht allein in der Ankündigung, dass Lehrerinnen und Lehrer zwei Stunden mehr in der Klasse verbringen sollen, sondern ragen tief in eine Problemebene, die zu lange unbearbeitet geblieben ist.

Auf den ersten Blick müsste jeder Lehrer und jede Lehrerin jubeln, wenn Unterricht (in seinem umfassenden Sinn) verstärkt ins Zentrum der beruflichen Tätigkeit rückt, handelt es sich doch dabei um die Kernaufgabe von Schule. In regelmäßig wiederkehrenden Wellen wird demzufolge auch bedauert, dass das Unterrichten verdrängt werde von anderen, der Bildungsarbeit fremden Tätigkeiten, wie Kooperation mit dem Jugendamt, mit Integrationsstellen, der Polizei oder mit dem schulpsychologischen Dienst. Was wiederum bei Lehrern - auf der Basis eines instabilen Berufsimages - dazu geführt hat, das Kleid des "Paukers" abzulegen, um zum "Therapeuten" oder "Manager" zu mutieren. Die Kampagne "Lehrer sein ist mehr!" verweist auf den Versuch, die Erinnerung an so manches Zerrbild zu überwinden und die Spannung zwischen Buhmann und Nothelfer zu bewältigen.

Verwischtes Berufsprofil

Die Konsequenz für den Lehrberuf ist, dass sich das Berufsprofil verwischt, Lehrer und Lehrerinnen sich letztlich an Tätigkeiten messen lassen, für die sie nicht oder nicht primär ausgebildet werden, die sie aber strapazieren, erschöpfen und den Fokus auf den Unterricht verkleinern.

Von Richteren oder Ärzten wird beispielsweise keineswegs angenommen, dass sie ihre eigentliche Aufgabe zugunsten einer anderen, meinetwegen verwandten, teilweise untergeordneten, vernachlässigen, zurückbauen. Was sie allenfalls fordern, ist Unterstützung durch andere Personen oder Dienste. Ein wenig ausgeglichen wurde diese Zusatzbelastung in der Vergangenheit damit, dass den Lehrern neben der Kernarbeit Unterricht am Vormittag die Freiheit blieb, Vorbereitung, Nachbereitung, Korrekturen oder Administration am Nachmittag und am Abend anzusetzen. Auf der Basis eines "klassischen" Familienmodells hat diese Arbeitsteilung großteils funktioniert; mit dem steigenden Wunsch, Schüler ganztägig pädagogisch betreut wissen zu wollen, wird dieser Freiheit eine Erwartung entgegengesetzt, die es zu erfüllen gilt, nämlich "Schule halten" als "Ganztagsjob" aufzufassen und damit die partielle Freiheit der Zeitgestaltung zu vergessen.

Hinzu kommt noch ein Weiteres: Je mehr die Vereinbarkeit mit Familienarbeit als Berufswahlmotiv ins Zentrum rückt - was vor allem bei Frauen zutrifft -, desto mehr kollidieren (unausgesprochene) individuelle Motive und gesellschaftspolitische Erwartung. Was wiederum auf die Rollenzuschreibung und das Image zurückwirkt. Lehrersein wird mit der "Verweiblichung" des Berufsstandes mit einer ohnedies "natürlichen" Begabung assoziiert, nach dem Motto, "halbtags mit Kindern/Halbwüchsigen umgehen zu können, sei den Frauen (ohnedies) in die Wiege gelegt". Besondere Anstrengungen auf Grund gestiegener Probleme mit verhaltensoriginellen Kindern, Ansprüche an moderne Formen der Lehrkunst, demokratische Modi der Entscheidungsfindung in Klassenbelangen, häufigere Probleme mit Jugendwohlfahrt und Jugendgericht (oft als Sekundär-Folge einer inhomogener werdenden Schülerpopulation) werden bestenfalls in Sonntagsreden apostrophiert, bleiben jedoch ohne Nachhaltigkeit.

Stattdessen wird in der Öffentlichkeit vielfach mit unsystematisch ausgewählten ausländischen Vergleichen argumentiert: In anderen Ländern gebe es schon lange und erfolgreich ganztägige Schulformen, stünden die Lehrer längere Zeit in der Klasse, bekämen weniger bezahlt und könnten sich obendrein eines höheren gesellschaftlichen Ansehens sicher sein. Das ist nur bedingt richtig, denn Berufstätigkeit beider Elternteile und verstärkte ganztägige Unterrichts- und Erziehungsangebote in den Schulen gehen in vielen europäischen Ländern immer noch selbstverständlicher zusammen als in Österreich. Dass Lehrer ihren Arbeitsplatz in der Schule haben, wäre die logische Konsequenz daraus. In Österreich gibt es dagegen eine große Dichte an Sport- und Kultur-Vereinen, die Angebote für Schüler organisieren, die aber in das schulische Portfolio nicht integriert sind. Sich am Nachmittag in der Schule aufzuhalten, ja aufhalten zu müssen, wird durchwegs mit der schlechtesten aller Möglichkeiten konnotiert - was von den Lehrern mit gepflegt wird und damit auf das ambivalente Gesamtimage der Schule zurückwirkt.

Mehr als Lehrer und Schulwarte

Was bisher an Anregungen aus ausländischen Beispielen wesentlicher erscheint, ist das Folgende: Erfolgreiche Schulmodelle zeichnen sich durch eine Vielfalt an Funktionen und Funktionsträgern aus, das heißt, verschiedene pädagogische und organisatorische Aufgaben werden von verschiedenen Personen (mit verschiedenen Ausbildungen) ausgeübt. In Österreich kennt man nur Lehrer (inklusive Leitungspersonen, die auch Lehrer sind) und Schulwarte. Schule wird klassisch verwaltungstechnisch "top down" definiert. Es gibt keine Funktionsteilung, keine differenzierte Horizontalebene, das heißt keine Klassenteams, die sich aus verschiedenen Spezialisten zusammensetzen; Leiter und Lehrer können sich ihre Lehrer beziehungsweise ihre Schule nicht aussuchen. Alle Schulen, alle Lehrer werden zentral gesteuert - verwaltungstechnisch, nicht nach neuen Organisations- und Führungsprinzipien. Das führt neben der mangelnden Zufriedenheit mit dem eigenen Beruf auch in ein veritables Imageproblem. Dieser Strukturkonservativismus führt aber auch zu einem kontinuierlichen Leistungsabbau und in der Folge zu einer Verteuerung eines ohnedies schon teuren Schulsystems.

Wo also angesetzt werden muss, ist evident. Vier Meinungsumfragen in vier Wochen Schulstreit werden ernst zu nehmende Problemlösungen nicht ersetzen. Was not tut, ist eine ernsthafte Suche nach modernen Formen von vielfältigen ganztägigen Schulangeboten mit ebenso modernen Mitteln und zeitgemäß und professionell agierenden Personen.

Die Autorin ist seit Juli 2008 Volksanwältin. Sie ist Assistenzprofessorin am Institut für Bildungswissenschaften an der Universität Wien (derzeit beurlaubt). Die 57-jährige ÖVP-Politikerin war bis zu ihrem Wechsel in die Volksanwaltschaft Nationalratsabgeordnete.

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