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Was Schule alles sein kann

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Im Schulbereich wird über Organisationsreformen noch immer zu viel geredet. Diese Woche findet nun in Salzburg eine Symposion zur „inneren Schulreform", veranstaltet vom Internationalen Forschungszentrum Salzburg und der österreichischen Bischofskonferenz, statt. Im Sinne einer solchen Reform versucht dieser Beitrag zu zeigen, wieviel Positives im bestehenden Schulsystem geschehen kann und geschieht, wenn sich die jeweils betroffenen Personen entsprechend einsetzen.

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Im Schulbereich wird über Organisationsreformen noch immer zu viel geredet. Diese Woche findet nun in Salzburg eine Symposion zur „inneren Schulreform", veranstaltet vom Internationalen Forschungszentrum Salzburg und der österreichischen Bischofskonferenz, statt. Im Sinne einer solchen Reform versucht dieser Beitrag zu zeigen, wieviel Positives im bestehenden Schulsystem geschehen kann und geschieht, wenn sich die jeweils betroffenen Personen entsprechend einsetzen.

Die Schule droht menschenunwürdige Züge anzunehmen: unwürdiger Kampf um die Noten, Wettkampf der Fächer auf Kosten der Schüler, Fluktuation von Lehrern, Anonymität in Mammutschulen u. a.

Doch trotz der vielen Anfeindungen, denen die Schule zur Zeit ausgesetzt ist, trotz ihrer Infragestellung passieren in der Schule auch Dinge, die Schule als Gemeinschaft und als positive Herausforderung erleben lassen. Man hört auch von schulischen Ereignissen, die beweisen, daß es sehr wohl engagierte und fähige Lehrer, eine schulfreudige und einsatzbereite Jugend und Eltern gibt, die zur Schule positiv eingestellt und zur Mitarbeit bereit sind.

Folgende Erfahrungsberichte mögen zeigen, daß der Schulalltag auch anders als grau und lustlos erlebt werden kann:

In den letzten fünf Jahren haben Professoren des Bundesgymnasiums Gän-serndorf Kurse in Mathematik, Zeitgeschichte, Basteln und Musik für die Eltern ihrer Schüler durchgeführt. Dadurch haben sich gute Kontakte zwischen Lehrern und Eltern angebahnt, die Eltern eine Möglichkeit gefunden, ihre Allgemeinbildung aufzufrischen und im Zusammenhang damit immer größeres Interesse dafür entwickelt,

mit ihren Sprößlingen über deren Lehrstoff zu diskutieren.

Ein Wiener Schüler - Heinz Nako-witsch - beabsichtigt, mit anderen Schülern einen Schülerklub zu gründen, bei dem auch ältere Leute willkommen sind. Durch ein kulturelles Programm und durch zwanglose Veranstaltungen im Klub sollen Schüler und ältere Menschen einander näher gebracht und das gegenseitige Verständnis dadurch erleichtert werden.

Die Idee, in der integrierten Gesamtschule von Sankt Andrä einen Leseraum zu schaffen, der den Schülern am Nachmittag zur Verfügung steht, ging von einer Lehrerin aus. Bei der Realisierung haben dann Lehrer und Schüler sowie Grazer Verlage und Buchhandlungen tatkräftig zusammengeholfen.

Begonnen hat es damit, daß die Lehrerin Susanne Pirstinger in der Schule eine Buchausstellung organisierte, bei der steirische Schriftsteller aus ihren Werken vorlasen. Das große Interesse der Schüler für die ausgestellten Bücher veranlaßte die Lehrerin, an Verlage und Buchhandlungen mit der Bitte heranzutreten, die Bücher der Schule zu überlassen. Durch die Zusage der Buchhandlungen war der Grundstock

für eine Bibliothek gelegt. Nun renovierten Lehrer und Schüler gemeinsam einen leeren Raum, der zum Leseraum auserkoren war.

Um sich einerseits im vielfältigen Fernsehangebot zurechtfinden und um anderseits das Fernsehprogramm sinnvoll zu nützen, veranstaltet die Volks-

schule Thomasroith vierzehntägig ein „Teletreff'. Bei dieser Gelegenheit besprechen Lehrer mit den Schülern bereits gelaufene und zukünftige Sendungen, die als besonders sehenswert erscheinen.

Die Schüler des Bundesgymnasiums Wien IX., Glasergasse, haben Nach-

forschungen über den historischen, kunstgeschichtlichen und soziologischen Hintergrund ihrer Gasse angestellt und die Ergebnisse in Form einer Ausstellung zusammengefaßt.

Anläßlich des Nationalfeiertages startete das Unterrichtsministerium im Vorjahr die Aktion „Schule=Kultur=

Schule", die viele originelle Einsendungen brachte. (Anm. d. Red.: Vgl. FURCHE Nr. 40/1979, S. 7, und Nr. 50/ 1979, S. 9).

Die Liebe zu Büchern zu wecken und dabei auch die Schülerselbstverwaltung zu verwirklichen, ist dem Gymnasium in der Billrothstraße, im 19. Wiener

Gemeindebezirk, dem Oberstufenrealgymnasium in Grieskirchen, dem Realgymnasium in Linz-Auhof sowie dem Gymnasium für Berufstätige in Villach gelungen. An diesen vier Schulen hat sich eine selbstverwaltete Schülerbücherei als voller Erfolg erwiesen. Der von der Lehrerschaft zuständige Betreuer des Gymnasiums in der Billrothstraße kann berichten: „Wir hatten bereits einen Tagesrekord von 850 Entlehnungen."

Die Bibliothek bietet den Schülern insgesamt 6000 Bücher zur freien Entnahme und wird von ihnen selbst betreut. Sie versorgen die Benutzer mit Entlehnscheinen, katalogisieren die Bücher und arbeiten in ihrer Freizeit auch am Nachmittag mit Begeisterung in der Bibliothek, die mittlerweile regelrecht zu einem Schultreffpunkt geworden ist. Die Lehrkräfte dieser Schulen haben erfreut festgestellt, daß die Referate und Redeübungen ihrer Schüler, parallel zum Ausbau der Bibliothek, interessanter und fundierter geworden sind.

Die Schüler erarbeiten gemeinsam mit den Lehrern die Liste der Buchbestellungen, sind zwischen 7.30 und 8 Uhr zum Bibliotheksdienst bereit und werben durch Plakate und Mundpropaganda für ihre Leseschätze. Zu den Bibliothekskunden zählen in Linz bereits 90 Prozent der Schüler. Der Direktor erwähnt lobend die Bereitschaft der Jugend, Verantwortung zu übernehmen.

Die zuletzt angeführten Beispiele beweisen die Möglichkeit vom bisherigen Prinzip der Lehrerverwaltung abzugehen und die Lesesituation durch Schülerselbstmotivation zu verbessern. Die Praxis zeigt auch, wie effizient der Schulgemeinschaftsausschuß sein kann:

Der Schulgemeinschaftsausschuß einer Wiener Schule beschloß, die letzte sogenannte „tote" Woche des Schuljahres produktiv zu nützen, indem der Stundenplan in Seminare aufgelöst und ein Schulschlußkursus über Politologie, Ökologie, Vermessungswesen, Medien und Instrumentenbau organisiert wurde. Entscheidend war in dem Zusammenhang die Mitarbeit der Eltern, von denen sich die einschlägigen Fachleute aktiv beteiligten, den Schülern ihre Arbeit in der Praxis vorführten und zum Teil sogar ihre Büros und Instrumente zur Verfügung stellten. >

An einem Gymnasium kam es auf Anregung des Schulgemeinschaftsaus-schusses zu einer langfristigen Stundenplanänderung. Um den Nachmittag frei zu haben, schlugen die Schüler vor, den üblichen Nachmittagsunterricht als sechste Stunde an den Vormittagsblock anzuhängen. Der Vorschlag wurde realisiert und hat sich seither bewährt.

Beschlüsse des Schulgemeinschafts-ausschusses führten auch zur gemeinsamen Auswahl von Lehrmitteln und zur Neuorganisation des Elternsprechtages. Als besonders originell hat sich die Idee, anläßlich des Elternsprechtages das Klassenzimmer in ein Kaffeehaus zu verwandeln, erwiesen. Die Schüler servierten Kaffee und Kuchen, die Lehrer wanderten von Tisch zu Tisch, klärten in entspannter Atmosphäre die Eltern über die Schulsituation auf und Eltern entwickelten untereinander neue Kontakte.

Häufig betrachten Eltern die Lehrer als „Ersatzeltern" ihrer Kinder, während umgekehrt mitunter einzelne Lehrer in den Eltern die „Ersatzlehrer" sehen. Der Elternverein bietet eine Plattform, auf der beide Gruppen gemeinsame Erziehungsarbeit leisten können. Seiner Vorteile werden sich erfreulicherweise immer mehr Eltern bewußt. Auf dem Sektor Schule gibt es mehr positive Initiativen als die Öffentlichkeit erfährt, weshalb anzunehmen ist, daß auch solche wie die hier angeführten, nicht nur an den erwähnten Stellen durchgeführt werden.

Die Verfasserin schlug nach siebenjähriger Praxis in der Privatwirtschaft den zweiten Bildungsweg ein und wurde Hauptschullehrerin. Zur Zeit studiert sie für das Lehramt an der AHS (Deutsch und Geschichte). Ihr besonderes Interesse gilt der Lehrer-Schüler-Beziehung und der „inneren Schulreform".

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