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"Wir sind hier eigentlich eine große Familie“

Die Zahl der österreichischen Jugendlichen ohne Ausbildung und ohne Job steigt stetig. In der Inklusiven FIT-Schule bekommen sie eine zweite Chance.

Auf den ersten Blick scheint die Schule wie jede andere. Es gibt Schüler, Lehrer, Klassenzimmer und auch einen Direktor. Dennoch ist sie anders. Die ersten Unterschiede fallen auf, wenn man die Klasse betritt. Die Schüler sitzen an ihren Tischen, die zu einem Rechteck zusammengestellt sind. Unter den Schülern sitzen zwei Lehrpersonen, eine Frau und ein Mann, die nicht gleich als solche zu erkennen sind. Gerade sind jedoch die Schüler am Wort: "Mir geht es heute eigentlich gut. Ich war nämlich bei der Musterung und bin Gott sei Dank untauglich“, erzählt ein Bursch entspannt. Danach geht die Gefühlsrunde, wie sie von den Schülern genannt wird, weiter. Von einem Schüler zum nächsten. In der Inklusiven FIT-Schule (Fachspezifische Schule für Individualisierte Teilausbildungen) in Wien findet diese Runde jeden Morgen statt. "Und wie geht’s eigentlich euch so?“, wird die Frage auch an die beiden Pädagogen gerichtet. Das Du-Wort ist hier gang und gäbe, wie Julia Hruschka und Peter Brand, zwei Lehrkräfte der Inklusiven FIT-Schule erzählen. "Die Schüler sind sogar mit dem Direktor per Du! Sich auf Augenhöhe zu begegnen, ist ganz wichtig bei uns.“

Starthilfe in den Job

Immer mehr Jugendliche sind in Österreich arbeitslos oder befinden sich in keiner Ausbildung. Auch einige Schüler und Schülerinnen der Inklusiven FIT-Schule würden ohne diese noch zu den rund 52.000 arbeitslosen Jugendlichen in Österreich gehören. Die Schule besuchen Jugendliche, die nach dem neunten Schuljahr, aufgrund von körperlichen, psychischen oder auch familiären Problemen, aus dem Regelschulbetrieb herausfallen oder keine Lehre finden. "Die Jugendlichen haben oft massive Mobbing-Erfahrungen gemacht oder leiden unter einer Lernschwäche. Viele sind schlichtweg am System gescheitert“, berichten die Lehrpersonen.

Auch die Bildungswissenschaftlerin Helga Fasching sieht das Problem der Jugendlichen im Schulsystem. "In Österreich gibt es sehr früh eine Gliederung in unterschiedliche Schultypen und kein Gesamtschulsystem, was früh zu sozialen Unterschieden führt.“ Außerdem gebe es in Österreich, anders als in Skandinavien, kaum präventive Maßnahmen, um Lernschwierigkeiten rechtzeitig vorzubeugen. "Es wird viel zu spät geschaut, was die jungen Menschen brauchen, damit sie optimal unterstützt werden.“ Laut Expertin fehlt in Österreich die Bereitschaft, mehr Ressourcen in die Förderung jedes Schülers zu investieren. Neue Maßnahmen setzen

Sozialminister Hundstorfer will mit der Ausbildungspflicht bis zum 18. Lebensjahr die Zahl der arbeitslosen Jugendlichen reduzieren. Die Eltern der Jugendlichen, die mit 18 keine Lehrstelle haben und sich in keiner Ausbildung befinden, sollen künftig eine Geldstrafe zahlen. Die Expertin, mit dem Forschungsschwerpunkt Berufliche Partizipation, sieht darin jedoch nur bedingt eine Maßnahme, um gegen die Jugendarbeitslosigkeit anzukämpfen. "Die Eltern zu bestrafen, ist keine gute Lösung. Strafen erzeugen nur Druck, jedoch keine Willensbereitschaft. Es sollte den Eltern und Jugendlichen viel mehr bewusst gemacht werden, dass Bildung wichtig ist.“ Fasching sieht viel mehr das Schulsystem in der Verantwortung. "Eine Möglichkeit wäre, die Grundausbildung bis zum 17. oder 18. Lebensjahr zu verlängern oder einen nahtlosen Übergang von der Pflichtschule in die Ausbildung und den Arbeitsmarkt zu gewährleisten.“ Das würde jedoch nur mit einer kontinuierlichen Begleitung und Beratung der Jugendlichen funktionieren. Laut Fasching ist die Veränderung des Systems nötig, da "die arbeitslosen Jugendlichen beim Arbeitsmarktservice eine Maßnahme nach der anderen absolvieren, die eigentlich nicht ihren Interessen entspricht. Und das demotiviert die Jugendlichen.“ Diese Erfahrung hat auch eine Schülerin der I-FIT gemacht. Kerstin hat drei Jahre lang nach einer Lehrstelle gesucht und musste zwischendurch immer wieder Kurse belegen. "Ich habe wirklich viel ausprobiert. Von Frisörin über Fußpflegerin bis hin zu Floristin. Aber erst jetzt mit 22 absolviere ich zum ersten Mal eine Lehre.“

Um die Jugendlichen auf die Lehre vorzubereiten, wird im Unterricht viel Wert auf soziale Kompetenzen und Persönlichkeitsbildung gelegt. "Unsere Schüler sollen nach der Schule eine Lehrstelle bekommen und nach Möglichkeit am ersten Arbeitsmarkt Fuß fassen“, erklärt Brand, der Mathematik und Sport unterrichtet. "Wir versuchen unsere Schüler individuell weiterzubringen. Am schwierigsten ist dabei aber die Verschiedenartigkeit der Schüler. Von einem schwachen Volksschüler bis hin zu einem leistungsstarken HTL-Schüler ist alles vertreten“, führt der junge Lehrer weiter aus. In der Klasse ist es inzwischen etwas lauter geworden. Diese Woche ist Projektwoche und das Thema Liebe und Sexualität steht auf der Agenda. Jeder Schüler arbeitet gerade frei an einem Plakat über seine Wünsche und Vorstellungen über Liebe und Sexualität. Immer wieder wird gekichert und gelacht. "Das Thema ist zwar nichts Neues für uns, aber man kann mit den Lehrern hier viel besser darüber reden als mit den Eltern oder den Sonderschullehrern“, erzählt die 18-jährige Susanne.

Schüler werden optimal betreut

Auch ihre Mitschülerin Sabrina stimmt zu: "Die Lehrer hören immer zu, mit denen kann man über alles reden.“ In der I-FIT wird mit einem "Bezugsbetreuersystem“ gearbeitet. Jeder Schüler hat einen Lehrer seines Vertrauens, an den er sich wenden kann. "Die Jugendlichen haben durch diese Beziehungsarbeit zu uns Vertrauen aufgebaut und ich glaube, dass auch nur so Lernen funktionieren kann.“, erzählt Julia Hruschka, die Deutsch, Englisch und Lebensorientierung unterrichtet. Brand, der vorher in einem Oberstufengymnasium gearbeitet hat, sieht das ähnlich: "In einer Regelschule hat ein Lehrer oft bis zu 200 Kinder zu betreuen. Die sind dann einfach nur Namen in einer Mappe.“ Der Lehrer könne dem Schüler zwar fachspezifisch etwas beibringen, aber nicht im Leben schulen. "Bei uns ist man als Lehrer kein Außenstehender, der ein Puzzleteil reinwirft. Man durchschreitet mit den Jugendlichen ein Stück ihres Lebens und gehört dann auch zu diesem dazu“, führt der Pädagoge weiter aus. Die Mittagspause beginnt - aber keine Glocke läutet. Die gibt es hier nicht. Es duftet schon nach Essen. Das Mittagsmenü wird von den Schülern, die das Praxisfeld Gastronomie gewählt haben, zubereitet. "Die Lehrer sind für uns wie Geschwister. Wir sind hier eigentlich wie eine große Familie“, erzählt Kerstin, während sie ihr Essen auf den Tisch stellt. "Hier muss man keine Angst vor blödem Gerede haben. Es halten alle zusammen, und man wird einfach so genommen, wie man ist.“

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