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"Ich mag diese jungen Menschen"

1945 1960 1980 2000 2020

Leistung in der Schule ist wichtig, meint der Präsident des Wiener Stadtschulrates, Kurt Scholz. Aber ebenso wichtig sind "das Lachen und die Liebe".

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Leistung in der Schule ist wichtig, meint der Präsident des Wiener Stadtschulrates, Kurt Scholz. Aber ebenso wichtig sind "das Lachen und die Liebe".

die furche: An Österreichs Schulen scheint ja ein wahres Internet-Fieber zu herrschen. Was ist die Intention Ihres Projekts Polgarstraße im 22. Wiener Bezirk (siehe Seite 14)?

Kurt Scholz: Die Entwicklung geht mit atemberaubender Schnelligkeit vor sich. Vor acht oder neun Jahren hat es das Handy gerade gegeben. Das E-Mail war so gut wie unbekannt, und von dem Internet hat man ein bisschen gehört. Acht Jahre später ist es das selbstverständliche Repertoire aller Schülerinnen und Schüler.

Dennoch bin ich kein Technikfetischist. Das Internet allein macht die Menschen nicht klüger. Und wahrscheinlich sind 80 Prozent dessen, was im Internet angeboten wird, Ramsch und Mist - wie auch am Zeitschriftenmarkt. Dennoch gibt es Dinge, die wichtig und interessant sind, und da sollen die Schülerinnen und Schüler auswählen lernen. Schule ist immer Auswählen. Und darüber hinaus verhehle ich nicht, dass diese Investitionen auch eine Maßnahme sozialer Gerechtigkeit sind. Wir müssen aufpassen, dass die Gesellschaft nicht auseinanderdriftet: Sie darf nicht auseinanderdriften in In- und Ausländer, in Gesunde und Behinderte, in Arme und Reiche. Die Vorstellung ist für mich furchtbar, dass zum Beispiel 50 Prozent der Schülerinnen und Schüler keinen Laptop oder Computer zur Verfügung haben, weil sich die Eltern das nicht leisten können. Die Schule muss daher für jene, für deren Eltern die Anschaffung solcher Geräte zu teuer ist, Zugangsmöglichkeiten schaffen. Das ist auch eine sozialpolitische Maßnahme.

die furche: Jedem Kind sein Computer oder Laptop?

Scholz: Jedem Kind zumindest der Zugang zum Computer und die Fähigkeit, damit auch umzugehen. Und hoffentlich das Bewusstsein, dort die wichtigen Inhalte auszuwählen. Natürlich können sie im Internet von den abstoßendsten, rechtsextremistischen Informationen bis hin zur Pornographie alles haben. So wie das Fernsehen den Menschen nicht automatisch gescheiter gemacht hat, macht das auch das Internet nicht. Es geht darum, was ich mir anschaue.

die furche: Ist der Zugang zu neuen Techniken genug, um die jungen Menschen auf die neuen gesellschaftlichen Entwicklungen vorzubereiten?

Scholz: Alles, was wir in der Schule machen, ist zuwenig. Nur: andere Städte wie München oder New York können das nicht einmal annähernd bieten, was wir den Volkschulkindern bieten: Zwei Bildschirme, Internetzugang, und Farbdrucker pro Klasse! Nicht pro Schule oder pro Stockwerk!

Eines muss man allerdings auch sehr klar sagen: wenn Sie heute bei einer der Suchmaschinen Goethe, Nietzsche oder Nestroy eingeben, bekommen Sie wahrscheinlich zwischen 500 und 5.000 Hinweise. Was fangen Sie damit an? Gar nichts. Wenn Sie nicht wissen, wer die Friederike Brion oder das "Werther-Fieber" war, dann hilft Ihnen der Computer nicht sehr viel weiter. Der altmodische Bildungserwerb wird also nicht überflüssig, im Gegenteil. Er wird sogar noch notwendiger. Eines kann tatsächlich positiv sein: Man muss nicht mehr in der Schule vom Lehrer alles bis ins Detail präsentiert bekommen. Man kann selbst weiter recherchieren. Das ist faszinierend. Der abendländische Bildungskanon wird dabei aber beileibe nicht überflüssig.

die furche: Am Beispiel des Gymnasiums Polgarstraße wird ersichtlich, dass es ohne Sponsoren nicht gehen wird. Wie wollen Sie die finden?

Scholz: Man sagt meistens nur: "Schulen macht nur!" Aber geholfenwird dann nicht. Die angekündigte Technologiemilliarde für die Schulen beispielsweise ist so wie das Ungeheuer von Loch Ness: Angeblich hat man es irgendwo einmal gesichtet, aber eigentlich glaubt niemand wirklich an seine Existenz. Daher geht's eigentlich gar nicht anders, als dass die Eltern selbst in die Tasche greifen. Ein Laptop kostet 28.000 bis 30.000 Schilling. Stellen Sie sich vor, dass Sie dann noch einen Schikurs und eine Sprachwoche zu bezahlen haben, dass es Kleiderwünsche von den Jugendlichen gibt und so weiter - da können Sie eine Familie des oberen Mittelstands sein, und Sie beginnen trotzdem schwer zu keuchen.

Aber - ich registriere tolle Preisstürze bei diesen Geräten. Die Handys haben früher 8.000 oder 9.000 Schilling gekostet. Und heute? Das wird bei diesen Geräten nicht anders sein.

die furche: Wer wird bereit sein, hier mitzuhelfen?

Scholz: Vor allem muss man von den Schülerzahlen ausgehen. Sie finden jemanden für eine Schule, aber für 1,3 Millionen Schülerinnen und Schüler finden Sie wahrscheinlich keinen Sponsor. Da muss man halt auch sagen: Was ist wichtig im Schulwesen, und was wäre schön im Schulwesen?

Wichtig ist etwas ganz anderes, und da bin ich ein furchtbar altmodischer Mensch: Dass die Lehrer zu den jungen Menschen freundlich sind, dass die Jugendlichen freundlich und nett miteinander umgehen, dass sie so etwas lernen wie Selbstbewusstsein und Optimismus, dass ihnen die Freude am Leben und die Freude an der Schule nicht verfliegt, dass sie so etwas wie eine positive Grundeinstellung zum Leben bewahren, dass sie ein Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit haben. Alle diese Dinge halte ich letztlich für wichtiger als den Laptop.

Ideal ist es, wenn es beides gibt: Laptop, Freude - und Hausübungsheft. Sigmund Freud ist einmal gefragt worden, was ist das Ziel der Psychoanalyse? Ziel der Psychoanalyse ist, den Menschen arbeits- und liebesfähig zu machen. Das kann man eins zu eins auf die Schule anwenden. Das Ziel ist, den Menschen arbeitsfähig zu machen, zum Beispiel mit Laptop. Aber letztlich soll er auch liebesfähig sein. Er soll sich selbst mögen, er soll andere mögen, er soll auf die Menschen, auch auf Probleme offen zugehen. Er soll wissen, dass das Leben nicht einfach ist, und dass es in Wirklichkeit nur zwei Möglichkeiten gibt, mit Problemen fertig zu werden. Erstens: man kann etwas, aber das reicht nicht. Zweitens: man ist ehrgeizig und fleißig. So zu tun, als ob ein Laptop dem Schüler Fleiß und Begabung erspart, ist eine Illusion!

die furche: Es heißt immer, wir leben in einer Wissensgesellschaft. Was sollen wir denn wissen?

Scholz: Ich bin ein bisschen skeptisch. Dieser Ausdruck wird immer auf den Lippen geführt. Wissensgesellschaft? Der Zugang zum Wissen ist heute leichter geworden. Es gibt funktionierende Bibliotheken, es gibt technische Neue Medien, wo man sich vom Wohnzimmer aus in internationale Bibliotheken einklickt. Aber das heißt noch lange nicht, dass die Menschen auch gescheiter handeln.

Man muss Chancen ergreifen und sie auch nützen. Da bin ich manchmal skeptisch. Ich mache natürlich auch die Erfahrung, dass es im Wiener Schulwesen österreichische Kinder gibt, die der Schule gleichgültig bis saturiert gegenüber stehen und nur mehr fragen: "Was wird mir heute geboten?" Dann gibt es ausländische Kinder, die zum Teil aus sozial benachteiligten Verhältnissen kommen, aber die sagen: "Ich bin ehrgeizig, ich will etwas."

Wir leben natürlich in einer Zeit des flachen Hedonismus: flaches Vergnügen, immer dasselbe, Taxi Orange, Big Brother. Das ist Zerstreuung. Und wir leben auch in einer Zeit, das muss man auch der progressiven Pädagogik ins Stammbuch schreiben, wo manche glauben: "Das richtige Bewusstsein ersetzt schon das Wissen." Ein Beispiel: wenn ich meinen Militärdienst in Israel absolviere, dann ist es von Vorteil, dass ich auch Bücher über den Holocaust lese. Für das Bewusstsein ist es dabei auch von Vorteil, wenn ich mehrsprachige Bücher lese. Und gut ist es, wenn ich dort arbeiten will, dass ich auch Sprachen beherrsche. Und wenn ich vorher noch ein paar Brocken Hebräisch lerne, wird es auch nicht schaden. Dann haben wir das richtige Bewusstsein und das entsprechende Wissen.

die furche: Sie haben vorhin gesagt, dass Persönlichkeitsbildung relevanter sei als ein Laptop. Woran denken Sie?

Scholz: An alles, was die Neugierde des Kindes bewahrt. Sie dürfen nicht gleichgültig werden. Persönlichkeitsbildung ist alles, was die Neugierde bewahrt, was das Rückgrat des Kindes nicht krümmt. Die Schüler gehen nicht in die Schule, damit ihr Rückgrat gekrümmt wird. Persönlichkeitsbildung besteht auch darin, dass man sieht, dass Leistung zur Überwindung von Problemen Selbstvertrauen schafft. Wir müssen weg von der Illusion, dass wir den Kindern ein problemloses Leben und eine problemlose Schule bieten können! Das geht nicht!

Wir haben immer das L der Leistung der Schule sehr groß geschrieben. Dagegen haben habe ich auch überhaupt nichts. Schule muss zur Leistung erziehen. Aber es gibt auch das L der Liebe. Wenn man das Wort Liebe in Zusammenhang mit Schule in den Mund nimmt, wird man immer etwas schief angeschaut. Liebe assoziiert man zu wenig mit Schule. Es gibt auch das L des Lachens. Eine Schule, in der gelacht wird, ist im allgemeinen eine gute Schule. Allerdings nur, wenn nicht gelacht wird über den einen, der versagt hat, sondern weil dort eine gewisse Fröhlichkeit herrscht. Es sind drei L, aus denen die Schule besteht, nicht nur eines!

die furche: Haben wir auch die entsprechenden Lehrer, die das vermitteln können?

Scholz: Wenn man beschließt, 40 Jahre seines Lebens mit jungen Menschen zu tun zu haben, dann ist es gescheiter, die jungen Menschen zu mögen. Das heißt nicht, dass mir manchmal die jungen Menschen nicht furchtbar auf die Nerven gehen können! Mir gehen junge Menschen sogar oft in ihrer Vitalität auf die Nerven. Dennoch mag ich sie, und ich finde sie eigentlich als den sympathischeren Teil der Bevölkerung. Im großen und ganzen sind sie doch bitte in Ordnung. Die heutigen 14, 15-Jährigen schlagen sich doch bewundernswert durch dieses Leben. Sie haben längst nicht mehr die Berufschancen, die ich beispielsweise noch hatte. Sie haben eine Schuldauer, eine Wochenarbeitszeit, die höher ist als meine. Sie leben in einer Welt voll riesigerProbleme. Eigentlich muss man sagen, Hut ab! Wenn man den jungen Menschen authentisch zeigt, dass man sie zwar manchmal wirklich schwer aushält, aber sie ja doch mag, dann hat man doch eine Dankbarkeit, die man in anderen Berufen nicht hat.

die furche: Wieviele Lehrer können Sie aufzählen, die so sind?

Scholz: Ich bin realistischer als noch vor einigen Jahren. Ich suche wie der antike Philosoph mit der Lampe in der Hand jene Lehrer, die diesen Optimismus verbreiten können. Das einzige, was uns weiterbringt in der Schule, ist die Suche nach dem charismatischen Lehrer, nach der charismatischen Lehrerpersönlichkeit. Wir müssen charismatische Persönlichkeiten für die Schule begeistern, oder diejenigen, die es schon gibt, auch entsprechend hegen und pflegen ...

Das Gespräch führte Christine Weeber.

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