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Die Schule kann nicht alles lösen!

DEBATTE • Eine Lehrerin, ein Elternvertreter und ein Jugendforscher diskutieren über egomanische Schüler, ausgebeutete Eltern und eine mächtige Kulturindustrie.

Das Gespräch führte Doris Helmberger

Das "Dschungel deli“, ein kinderfreundliches Lokal im Wiener Museumsquartier, ist offiziell noch geschlossen. Dennoch ist im hintersten Eck schon ein hitziger Disput über die "Erziehungsverantwortung“ von Eltern und Lehrern im Gang, obwohl keiner dieses Wort so wirklich mag.

Die Furche: Beginnen wir mit einem persönlichen Stimmungsbild: Wer oder was hat Sie selbst am meisten geprägt - die Eltern, die Lehrer oder ganz etwas anderes?

Bernhard Heinzlmaier: Mich hat leider die Schule geprägt. Ich war in einer katholischen Privatschule in Wien einkaserniert und bin dort von fundamentalkatholischem Dogmatismus malträtiert worden. Das hat mich mehr geprägt als meine Eltern und die Arbeitswelt. Daraus entstanden ist eine Abneigung gegen die "totale Institution“ und Intoleranz. Als sie mich nach acht Jahren hinausgeschmissen haben, war das der glücklichste Tag in meinem Leben.

Romana Deckenbacher: Es tut mir leid, wenn ich das höre. Auch ich habe manche negativen Erfahrungen mit Lehrern gemacht, aber überwiegend waren sie positiv. Hinsichtlich der Wertevermittlung hat mich natürlich mein Elternhaus stark geprägt, aber auch die Schule und hier vor allem einzelne Personen.

Johannes Theiner: Ich kann sagen, dass mich meine Familie wesentlich geprägt hat - wobei die Prägung eigentlich nie aufhört. Auch durch mein ehrenamtliches Engagement als Elternvertreter hat sich vieles in mir gewandelt, man kann ruhig auch Werte sagen, obwohl ich das sonst für ein eher gefährliches Wort halte.

Die Furche: Apropos Werte: Nach einer deutschen Allensbach-Studie (siehe Seite 9) betrachten rund 90 Prozent aller Lehrer und Eltern Wertevermittlung als zentrale Aufgabe der Schule, doch nur ein Drittel beider Gruppen glaubt, dass das gelingt. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen?

Deckenbacher: Ich selbst merke immer wieder, dass Eltern - zum Beispiel alleinerziehende Mütter - teilweise überfordert sind. Wir müssen dann mit Grundwerten wie Pünktlichkeit oder "Bitte“ und "Danke“ sagen beginnen. Auf der anderen Seite sind wir in vielen Belangen einfach keine Spezialisten und fordern deshalb mehr Sozialarbeiter, Psychologen, Therapeuten. Auch die Schulpartnerschaft ist sehr wichtig, wobei es in Ballungszentren vermehrt Eltern gibt, die kein Interesse haben - oder haben können. Doch ich selbst habe punkto Elternarbeit gottseidank gute Erfahrungen gemacht.

Theiner: Ich freue mich über diese differenzierte Darstellung und kann ihr inhaltlich nur zustimmen. Wir als Elternvertreter suchen natürlich nach Wegen und Möglichkeiten, bei allen anzudocken - auch bei den Bildungsfernen, den sozial Ausgegrenzten, den Migrantinnen und Migranten. Aber es gelingt leider nicht immer.

Heinzlmaier: Also mir geht das Gerede vom Werteverlust und den immer prekärer werdenden Familien langsam auf die Nerven. Die Problematik ist ja nicht, dass die Familien sich schlecht entwickeln, weil sie vom Staat oder von Sozialarbeitern zu wenig unterstützt werden, sondern weil sie von den Anforderungen des Neoliberalismus systematisch zerstört werden - etwa dadurch, dass wir heute die Verpflichtung haben, dass beide Elternteile berufstätig sind. Da geht es nicht um Emanzipation, sondern um Verwertung dieser Arbeitskräfte. Und diese von der Ökonomie verursachte Katastrophe soll dann die Schule lösen. Das ist lächerlich! Das zweite, was mich nervt, ist die Wertediskussion an sich: Was sind überhaupt Werte? "Bitte“ und "Danke“ zu sagen hat ja mit Werten nichts zu tun. Werte sind etwas sehr Abstraktes und nichts Allgemeingültiges, wir haben deshalb auch einen Wertepluralismus. Will ich überhaupt, dass Sie meinen Kindern Werte vermitteln, die mit meinen vielleicht nichts zu tun haben? Also mir ist es lieber, die Schule vermittelt keine Werte.

Deckenbacher: Natürlich müssen meine Werte nicht zwingend jene der Kinder sein, aber deshalb ist trotzdem ein gewisses Verhalten notwendig, um unser aller Zusammenleben zu erleichtern. Erklären Sie mir bitte, was schlecht daran sein soll, wenn jemand einen höflichen Umgangston hat, diszipliniert arbeiten kann und pünktlich ist?

Heinzlmaier: Das sind nützliche Regeln und Normen, die man in der Schule gern vermitteln kann. Nur sollte man das aus dem Werte-Universum heraushalten.

Theiner: Ich glaube auch, dass das Wort "Werte“ gefährlich sein kann. Was aber außer Frage steht, ist, dass es in der Schule Kategorien geben muss, die für alle gemeinsam zu verhandeln sind. Mit Unhöflichkeit als Wert wird man es nicht weit bringen. Davon abgesehen bin ich aber sehr froh über Ihre Aussage zum neoliberalen Druck auf Familien; wobei es für Männer natürlich immer schwierig ist, über die Vollzeitbeschäftigung der Eltern zu sprechen, weil das sofort auf jene der Frauen bezogen wird. Aber es gibt natürlich die prekäre Situation, dass Menschen aus wirtschaftlichen oder sozialen Gründen ihre elterliche Rolle nicht wahrnehmen können. Umso dringender bräuchte es rund um das Kind eine gute Partnerschaft von Autoritäten. Doch diese Kooperation funktioniert manchmal nicht.

Die Furche: Eine Rückfrage an Sie, Herr Heinzlmaier: Wenn Schule nicht für Wertevermittlung zuständig ist, wofür ist sie es dann?

Heinzlmaier: Als konservativer Mensch würde ich wie Humboldt argumentieren: Die Schule hat die Aufgabe, den Selbstbildungswillen der jungen Menschen zu fördern und ihnen die nötigen Skills zu vermitteln, um sich die Welt selbsttätig aneignen zu können. Dazu braucht es keine komplizierte Bildungskybernetik, sondern einfach Lehrerinnen und Lehrer, die in der Lage sind, das Eigeninteresse und die Individualität des Kindes und der Jugendlichen zu fördern. Schule soll Schule bleiben - und keine Einrichtung werden, um die Gesellschaft zu retten. Das kann sie ohnehin nicht.

Deckenbacher: Das ist richtig. Unsere Kernaufgabe als Lehrer ist die Wissensvermittlung, wobei es aber auch Sozialkompetenz und ein Regelwerk braucht, um zusammenarbeiten zu können. Ich habe oft erlebt, dass in Klassen ein Problem auftaucht, das unbedingt bearbeitet werden muss: Wie sage ich dem anderen, dass mir etwas gegen den Strich geht? Wie kommuniziere ich? Erst wenn diese Basis passt, kann man auch Wissen gut annehmen und vermitteln.

Theiner: Ein wortklaubender Widerspruch: Wissen kann man nicht vermitteln, man kann nur Information weitergeben. Aber das, was Sie über die aktive Rolle beim Lernen gesagt haben, ist genau das, was leider furchtbar fehlt. Es geht eben nicht nur um Wissen und Fertigkeiten, sondern auch um so etwas wie Haltung.

Die Furche: Glaubt man dem Pflichtschullehrergewerkschafter Paul Kimberger, dann lässt gerade die Haltung der Schüler gegenüber den Lehrern - oder sagen wir der Respekt - zu wünschen übrig. "Wir haben es hier mit lauter Egomanen zu tun, die nicht sozialisiert sind“, hat er gemeint.

Heinzlmaier: Wen meint er? Die Schüler? Die Lehrer? Die Politiker? Egomanen gibt es heute überall....

Deckenbacher: Es ist schon richtig, dass Respektlosigkeit passiert, aber ich würde das nicht so pauschal sagen. Vor allem als Frau in manchen sehr burschendominierten Klassen ist es nicht immer leicht, aber es kommt darauf an, wie man damit umgeht und das kommuniziert.

Heinzlmaier: Es kann auch am Migrationshintergrund liegen. Das kann man offen sagen...

Deckenbacher: Natürlich: Wenn ein türkischer Vater nicht mit mir spricht, weil ich eine Frau bin, dann wird es schwierig.

Die Furche: Aber stimmt es, dass auch die Kinder selbst schwieriger werden?

Theiner: Sie waren immer auf dem Weg, schwieriger zu werden. O tempora, o mores! Ich selbst hätte in meiner Spätpubertät in den frühen Siebzigerjahren das Wort "Respekt“ sofort wegdiskutiert, obwohl ich aus einem durchaus konservativen Umfeld komme. Entsprechend habe ich mich gewundert, als ich in einem Schulgemeinschaftsausschuss gehört habe, dass sich die Schülervertretung über die Respektlosigkeit der Unterstufenschüler beklagt. Das zeigt, wie dringend wir Unterstützungssysteme brauchen: Wir haben bei den Psychologen die zweitschlechteste Quote in Europa und sind dabei, auf Grund des Aufnahmestopps noch hinter Deutschland zu fallen.

Heinzlmaier: Vielleicht ist es gut für unsere Kinder, wenn sie nicht so viel Kontakt zu Psychologen haben! Aber wie auch immer: Ich glaube, dass wir eine Entwicklung angestoßen haben, die dermaßen egozentrische Menschen entstehen lässt, dass jede Form von Gemeinschaft verunmöglicht wird. Das hängt mit einer überzogenen Individualisierung und Leistungskultur zusammen - und einer überzogenen Ästhetisierung dieser Individualität durch Medien und Werbung. Die haben einen viel stärkeren Einfluss als Schule und Eltern. Die Kulturindustrie sozialisiert heute unsere Kinder!

Theiner: Ich kann dem gar nicht widersprechen. Das Bankkonto oder Haus als Selbstbestätigung - das kommt heute über viele Kanäle, unter diesem Druck steht auch das private Umfeld.

Deckenbacher: Hier sind natürlich auch wir Lehrer gefragt, Alternativen anzubieten: Etwa durch gemeinsame Aktionen in der Natur, Projektwochen oder offene Lernformen, die die Möglichkeit bieten, sich auszutauschen. Medien und Werbung können wir wohl nicht mehr aus unserer Welt entfernen, aber eine zusätzliche Alternative anzubieten, ist ganz wichtig.

Die Furche: Eine Alternative, die Sie nicht zur Verfügung haben, sind Disziplinierungsmaßnahmen gegenüber "Problemschülern“, wie Paul Kimberger auch beklagt.

Deckenbacher: Es passiert tatsächlich immer wieder, dass Schüler einen Tisch zerstören, ein Klo vollstopfen oder mich bespucken. Da kann ich nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, sondern da muss es Konsequenzen geben dürfen: etwa eine Time-Out-Klasse, in die sich jemand hineinsetzt und wo man darüber spricht, was Sache ist. Aber diese Möglichkeit habe ich nicht.

Theiner: Ich bin ziemlich unglücklich über das Wording der Lehrervertretung, wobei ich nicht naiv sein will: Das Verhalten in der Gruppe wird gerade in Ein-Kind-Familien oft nicht mehr vorgegeben. Deshalb haben Kindergärten und Schulen eine größere Aufgabe im Erwerben von Sozialkompetenz als früher. Wo können denn unsere Kinder noch hinauslaufen und an die Grenzen gehen? Wenn man von einem Baum hinunterfällt, tut man sich weh. Wenn man sich in einem Computerspiel erschießen lässt, gibt es game over und start again.

Heinzlmaier: Wir müssen versuchen, die Leute von den Computerspielen wegzuführen in eine wirkliche, lebendige Gemeinschaft. Es herrscht eine unglaubliche Monadisierung und Isolation der Familie, jeder sitzt abgekapselt mit seiner Ein-Zwei-Kinder-Familie herum. Und die Schule muss dann alles lösen. So geht es ja wirklich nicht!

Die Furche: Könnten mehr Ganztagsschulen, wie sie jetzt geplant sind, nicht auch helfen, diese Vereinzelung aufzubrechen?

Heinzlmaier: Für mich hat die Ganztagsschule nur eine Begründung, und das ist keine pädagogische, sondern eine ökonomische. Ich weiß auch nicht, ob eine Begegnung in einer Institution vergleichbar ist mit einer im sozio-ökologischen Nahraum, die nicht erwachsenenkontrolliert ist. Die Fachliteratur spricht freien Vergemeinschaftungsprozessen außerhalb der Institution eine höhere Qualität zu. Und das hat nichts mit Ideologie zu tun. Ich bin deshalb für ein plurales Nebeneinander von Schulformen, und ich möchte, dass das Individuum selbst entscheiden kann und nicht irgendwelche Bildungstechnokraten den Eltern auftragen, was sie mit ihren Kindern zu tun haben.

Theiner: Aus meiner Sicht ist die Ganztagsschule als Angebot nicht in Frage zu stellen. Wir Eltern sehen aber mit Irritation, dass uns ständig Dinge versprochen und nicht eingelöst werden - wie auch die tägliche Turnstunde, wobei die Diskussion ja nur deshalb losgetreten worden ist, weil die Sportorganisationen die fehlenden Olympiamedaillen den Schulen in die Schuhe geschoben haben. Wie absurd! Was wir brauchen, ist vielmehr ein Lebensraum für unsere Heranwachsenden, in dem sie sich als Individuen entfalten, ihre Grenzen ausloten und in eine Gemeinschaft hineinwachsen können. Aber dieser Raum sollte nicht für alle ganztags verpflichtend sein. Es gibt nämlich auch den Lagerkoller, wenn man von früh bis abends in einer Community steckt, wo keiner da ist, der einen im Fall von Mobbing vor seinen Feinden schützt.

Deckenbacher: Ich glaube auch, dass es einen Bedarf an ganztägiger Betreuung gibt, doch es müssen die Bedingungen passen. Wir Lehrer brauchen adäquate Arbeitsplätze und die Schüler brauchen Freiraum. An meiner Schule haben wir zum Glück einen großen Garten, doch den ganzen Nachmittag im selben Raum sitzen zu müssen, das kann nur Aggression erzeugen. Und noch eines zu Herrn Heinzlmaier, der mit der Schule so negative Erfahrungen gemacht hat: Ich glaube, dass sich die meisten Pädagoginnen und Pädagogen dessen bewusst sind, dass die Kinder, mit denen sie zu tun haben, das höchste Gut der Gesellschaft sind. Aber es ist klar, dass es hier auch Ausreißer gibt.

Heinzlmaier: Ich kann Sie beruhigen: Ich habe nicht nur negative Schulerfahrungen gemacht, sondern nach meinem Rausschmiss auch sehr viel positive. An meiner neuen Schule, einer Handelsakademie, gab es ausgesprochen verständnisvolle Lehrerinnen und Lehrer, die mich nicht mit irgendwelchen Werten bedrängt, sondern einfach unterstützt haben. Das war wirklich toll!

Reibungspunkte

Überforderte Lehrer

Dass die Teilzeit-Quote unter Lehrern seit 2007 um 25 Prozent gestiegen ist, deutet laut Gewerkschaft auf ein "Überforderungssyndrom“ hin: Lehrer seien eben keine "pädagogischen Wunderwuzzis“.

Unbewegliche Kinder

Weil nur 28 Prozent aller Kinder in Österreich Sport betreiben, hat Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SP) das Konzept einer "täglichen Turnstunde“ präsentiert - allerdings nur an Ganztagsschulen.

Schwänzende Schüler

Bleiben Kids künftig drei Tage hintereinander unentschuldigt fern, werden Lehrer, Berater, Schulaufsicht und Jugendhilfe in einen Stufenplan eingebunden. Nützt das nichts, müssen Eltern 440 Euro Strafe zahlen.

Die Diskutanten

Romana Deckenbacher

Die gebürtige Linzerin arbeitet seit 1988 als Lehrerin an einer Kooperativen Mittelschule im 13. Wiener Gemeindebezirk. Nebenberuflich engagiert sich die studierte Pädagogin in der Personalvertretung der Wiener Landeslehrerinnen und -lehrer.

Johannes Theiner

ist seit 1990 ehrenamtlich als Elternvertreter tätig. Seit 2006 ist der studierte Chemiker und fünffache Vater Vorsitzender des Verbands der Elternvereine an höheren und mittleren Schulen Wiens, seit 2009 Präsident der European Parents Association (EPA).

Bernhard Heinzlmaier

war bis 2000 Geschäftsführer des Österr. Instituts für Jugendforschung und leitet seither die tfactory Trendagentur in Hamburg. Am 15. Mai erscheint sein neues Buch "Performer, Styler, Egoisten: Über eine Jugend, der die Alten die Ideale abgewöhnt haben.“

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