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Wiederbelebung eines alten Hauses

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Jahrelang wurde darüber diskutiert, ob das Amerlinghaus im Wiener Spittelbergviertel demoliert werden sollte. Oder für welchen Zweck man es sanieren und revitalisieren konnte. Die Lösung, die gefunden wurde, war sicher nicht die billigste, nützt dafür aber auch vielen Menschen. Es entstand mit Gemeindemitteln ein Kommunikationszentrum mit Jugendklub, Kindergarten und anderen Aktivitäten.

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Jahrelang wurde darüber diskutiert, ob das Amerlinghaus im Wiener Spittelbergviertel demoliert werden sollte. Oder für welchen Zweck man es sanieren und revitalisieren konnte. Die Lösung, die gefunden wurde, war sicher nicht die billigste, nützt dafür aber auch vielen Menschen. Es entstand mit Gemeindemitteln ein Kommunikationszentrum mit Jugendklub, Kindergarten und anderen Aktivitäten.

Die Kinder pantschen und kneten, schlagen mit der weichen Tonmasse auf den Tisch, quietschen, lärmen und freuen sich. „Man muß sie erst austoben lassen, bevor sie etwas Konstruktives beginnen können“, sagt die Betreuerin und formt ein schönes rundes Gefäß auf der Töpferscheibe, das sie später den Kindern zum Nachahmen zeigen wird.

Eine Szene im Kommunikationszentrum in Amerlinghaus in der Wiener Stiftgasse 8 (Telephon: 93 64 75), das vor einigen Monaten eröffnet wurde und wo mit einer Fülle teilweise recht origineller Aktivitäten einem tristen Großstadtalltag der Kampf angesagt werden soll. Denn daß unsere Städte in einem großen

„Man muß halt immer wieder versuchen, in Gesprächen und durch Beispiele ein gegenseitiges Verständnis herbeizuführen und den Generationsunterschied abzubauen.“

Ausmaß nicht nur kinder-, sondern menschenfeindlich überhaupt sind, liegt heute klar auf der Hand. Es gibt kaum Möglichkeiten zum kreativen Spiel, zur freien Bewegung, zur echten Kommunikation mit Gleichgesinnten. Immer mehr ersticken derartige Versuche in den Abgasen alles beherrschender Autokolonnen.

Um so wichtiger ist es, Reservate zu schaffen, wo, häufig mühsam und mit viel Aufwand und Energie, etwas wiederbelebt werden soll, was in Hetze und Großstadtdunst fast gestorben scheint: die Entfaltung echter Lebensfreude, das gemeinsame Mitarbeiten an einem Projekt, das dem Entstehen zwischenmenschlicher Beziehungen ebenso wie der Ausübung kreativer Tätigkeiten 'dient.

Genau dies hatte eine Gruppe von Architekten, Pädagogen und Sozialarbeitern im Sinne, als sie 1974 daran gingen, ein Konzept für ein Kommunikationszentrum im Spittelberg-

viertel auszuarbeiten. Es sollte unter Berücksichtigung ausländischer Erfahrungen verwirklicht werden. Ideen waren genug vorhanden, für die Ausführung jedoch fehlte das Geld.

Beim Wiener Magistrat bestand zwar Interesse, aber wenig Glauben an die tatsächliche Durchführung. Immerhin bot sich das schöne, aber baufällige Amerlinghaus an, über dessen weiteres Schicksal im Rathaus Unklarheit herrschte. Abreißen

oder sanieren? Daß man sich schließlich zu letzterem entschloß, ist zum großen Teil dem 1975 gegründeten Verein „Zentrum Amerlinghaus“ zuzuschreiben, der sogleich die Initiative ergriff. In einem viertägigen Fest im Amerlinghaus wurden verschiedene Möglichkeiten eines Kreativitätszentrums durchgespielt und der große Erfolg bei Publikum und Presse wurde so geschickt genutzt, daß die Sanierung bewilligt wurde und das Haus bis zum Beginn der Arbeiten provisorisch benützt werden durfte.

Das ging mehr schlecht als recht, weil praktisch alles fehlte: Geld, Mitarbeiter und adaptierte Räume. Dann begann die Verschönerung. Sie dauerte bis Herbst 1977. Im Frühjahr 1978 wurde das Haus mit einer jährlichen Suvention von 1,3 Millionen Schilling seiner neuen Bestimmung übergeben.

Man betritt es durch einen breiten Torbogen und befindet sich sogleich im Hof. Pawlatschen mit schmiedeeisernen Gittern, über die sich wilder Wein rankt, eine alte Zisterne, Arkaden, ein „Amerlinghaus-Beisel“, im Sommer mit Tischen und Bänken davor, auf denen Kinder spielen, Erwachsene sich unterhalten, Sozialarbeiter Anregungen geben. Zu ebener Erde sind Kinder und Senioren untergebracht, hier wird auch ein sogenanntes Frauenseminar abgehalten. Darüber gibt es eine Diskothek und Aufenthaltsräume für Jugendliche. Daneben findet ein Schulversuch statt, der sich „Freie Schule Wien“ nennt und seit Beginn dieses Schuljahres läuft

„Wir wollten ein Zentrum gründen, in dem sich alle Generationen treffen können“, sagt Gertraut Walcher, Disponentin und für die Programmgestaltung verantwortlich. Wie das funktioniert? „Es gibt Probleme“, meint Otti Hippmann, die zusammen mit einer Kollegin die Senioren be-

treut, „die ältere Generation findet schwer Kontakt zu Jugendlichen. Sie möchte zwar gerne Oma und Opa spielen, erwartet aber, daß die Kinder ihren eigenen Erwartungen entsprechen. Werden diese nicht erfüllt, zieht man sich zurück und ist zu wenig bereit, auch andere zu akzeptieren.“

Die Kluft zwischen den Generationen, die eine rasante technische und industrielle Entwicklung aufgerissen hat, kommt hier deutlich zum Ausdruck. Die Kinder werden nicht antiautoritär in einem Sinne, der bereits als überholt gilt, aber meist doch möglichst freizügig erzogen. Die Alten stehen diesem Treiben oft verständnislos gegenüber. Was ist zu tun? „Man muß halt immer wieder versuchen, in Gesprächen und durch Beispiele ein gegenseitiges Verständnis herbeizuführen und den Generationsunterschied abzubauen.“ Denn auch darin liegen Sinn und

Aufgabe eines Kommunikationszentrums: Unterschiede weltanschaulicher oder sonstiger Art überbrücken zu lernen.

„Am wohlsten“, so Gertraut Walcher, „fühlen sich hier sicher Kinder und Jugendliche.“ Die Kleinkinder-' gruppe findet starken Zuspruch, die Diskothek ist voll belegt Für beide, die ganz Kleinen und vor allem die Heranwachsenden, wird ja auch viel zu wenig getan. Wobei der Aufenthalt für Einjährige oder Zweijährige nur stundenweise gedacht ist, wenn die Mutter einmal einkaufen gehen will oder einen anderen Weg hat. „Das Kind“, sagt einer der (männlichen) Betreuer, „sollte in diesem Alter noch nicht den ganzen Tag von seiner Mutter entfernt werden.“

Das ist das Neue im Amerlinghaus: hier versehen auch Männer einen

„Eltern kochen, übernehmen teilweise die Funktion von Betreuerinnen, helfen bei Veranstaltungen, die häufig abends stattfinden und meist gut besucht sind.“

Kinderdienst. Es sind meist Väter, die ihre eigenen Kinder mitgebracht haben und den Kontakt mit diesen Jüngsten als sinnvolle und notwendige Bereicherung auch des männlichen Daseins betrachten. Vorläufig ist diese Kleinkindergruppe, die täglich von 7.30 bis 14 Uhr besucht werden kann, zur Gänze auf die Initiative der Eltern angewiesen, weil sie ins Gesamtbudget nicht einkalkuliert wurde - aber die Nachfrage war so groß, daß man sich doch entschloß, sie einzurichten. Jetzt wartet man auf die von den Kinderfreunden versprochenen zwei Tagesmütter.

Etwas stabilere Verhältnisse herrschen bei den Jugendlichen, die täglich bis 22 Uhr Zutritt haben und von einigen der insgesamt sechs angestellten Sozialarbeiter betreut werden. Die Räume haben sie sich zum großen Teil selbst eingerichtet, das gehört zur aktiven Gestaltung des Freizeitbereichs. „Selbstverwaltung“ heißt die nicht zuletzt durch

„Daß auch viele Gastarbeiterkinder kommen, wird allgemein als positiv gewertet.“

Geldknappheit auferlegte Devise. Aber es macht auch Spaß, möglichst viel selbst zu tun^ Eltern kochen, übernehmen teilweise die Funktion von Betreuerinnen, helfen bei Veran-

staltungen, die häufig abends stattfinden und meist gut besucht sind.

Die Nachmittage sind einem kreativen Kinderprogramm gewidmet Kinder malen, töpfern, basteln, musizieren, gehen im Sommer schwimmen oder machen Ausflüge. Die Teilnahme ist, von wenigen Ausnahmen abgesehen, kostenlos. Damit sollen vor allem jene Eltern, die nicht in der Lage sind, teure Kurse zu bezahlen, Gelegenheit bekommen, ihren Kindern eine sinnvolle Freizeitgestaltung zu ermöglichen. Daß - vor allem aus diesem Grunde - auch viele Gastarbeiterkinder kommen, wird allgemein als positiv gewertet Die Integration der Gastarbeiterkinder, das Abbauen sozialer und nationaler Schranken soll damit gefördert werden.

Beliebt ist auch das Kindertheater, wo Kinder von zehn bis vierzehn Jahren teilnehmen können (jeweils Mittwoch und Freitag nachmittag). Auch hier gilt es vorerst zu enthemmen, Verkrampfungen zu lösen. Die Kinder brauchen eine Weile, bis sie warm werden, aus sich herausgehen. Die Leiterin des Kurses, die Schauspielerin Madleine Prokopetz-Reisner, die in der Schweiz einen ähnlichen Versuch durchgeführt hat, ermutigt sie. Sie sollen spielen, was ihnen in den Sinn kommt. Und bald hat sich eine Gruppe gefunden, die Rollen werden von den Kindern selbst verteilt.

Nun eröffnet sich das ganze Panorama des Kinderalltags: das Leben zu Hause, das Leben in der Schule, die Mutter schimpft, der Lehrer befiehlt, man muß etwas tun, was man nicht gerne tun möchte, freut sich, fällt den Eltern um den Hals - all das wird nachgespielt, und es ist sehr interessant, die Kinder dabei zu beobachten. Was sie beschäftigt, was sie bedrückt, worüber sie sich Gedanken machen, kommt hier heraus oder sollte zu-

mindest herauskommen, denn das ist Sinn und Zweck des Spiels. Es wirkt für die Kinder befreiend und für die Erwachsenen belehrend: was habe ich falsch gemacht, was könnte ich besser tun, wo hat das Kind Schwierigkeiten, welche Probleme gilt es zu lösen? Natürlich bedarf es einer sehr einfühlsamen und kundigen Hand, um die Kinder aus der Reserve zu locken und ihnen das Gefühl zu geben, daß sie akzeptiert und verstanden werden.

Ein weiterer, interessanter Versuch im Amerlinghaus, vorläufig allerdings noch im Anfangsstadium, ist die „Freie Schule Wien“. Der Initiator und Durchführende dieses Projekts, der 28jährige Lehrer Helmut Slezak, unterrichtet zwölf Kinder im Alter von fünf bis acht Jahren in einem Raum zusammen. Zielsetzung: kein Gruppenunterricht, sondern Eingehen auf die individuellen Bedürf-

nisse des einzelnen Kindes. Auch ansonsten geht es in dieser Schule anders als übüch zu: die Kinder können sich frei bewegen, zwischen Lernstunden werden Spielstunden eingeschaltet, sie duzen ihren Lehrer, zwischendurch sitzen sie auf seinem Schoß. Gelernt wird auch keinesfalls immer nur im Klassenraum, es werden häufig Exkursionen veranstaltet, man geht in Museen und Betriebe, manchmal wird in Parks gespielt. Dann wieder fahren die Kinder hinaus zu Bauern, zur Weinlese. All das im Rahmen des Unterrichts. Kostenpunkt: 10 Prozent des Einkommens der Eltern für das erste, 5 Prozent für jedes weitere Kind.

„Kinder lernen gerne, wenn man sie zu nichts zwingt“, meint Lehrer Slezak und beschreibt damit sein Programm: weg vom „sturen Einpauken“ und hin zu einem sinnvollen, die Zusammenhänge begreifen-

„Kinder lernen gerne, wenn man sie zu nichts zwingt, meint Lehrer Slezak...“

den und die individuellen Bedürfnisse berücksichtigenden Lernen. Wie weit das Erfolg hat, wird sich anv Ende des Schuljahres erweisen, wenn eine allgemeine Prüfung abgelegt werden muß, die für die Anerkennung durch die Schulbehörde notwendig ist. Helmut Slezak ist optimistisch: „Unsere Kinder können jetzt schon mehr als in den sogenannten .Normalschulen'!“ Und er prophezeit für das kömmende Schuljahr mehrere solche Versuchsgruppen, in ganz Wien verstreut. Denn: „Es gibt genug Lehrer, die mit den gegenwärtigen Verhältnissen an den Schulen nicht einverstanden sind.“

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