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Engagement statt Politikfrust

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Phantasie und jugendlicher Elan: Zwei der zahlreichen positiven Eigenschaften, die Kinder und Jugendliche in die Politik einbringen können. Doch dazu müssen sie erst einmal angehört werden.

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Phantasie und jugendlicher Elan: Zwei der zahlreichen positiven Eigenschaften, die Kinder und Jugendliche in die Politik einbringen können. Doch dazu müssen sie erst einmal angehört werden.

Seit Beginn dieses Jahres gilt auf Österreichs Straßen ein Alkohollimit von 0,5 Promille. Auch Kontrollen der Autolenker erfolgen nun häufiger, so hat es zumindest Innenminister Karl Schlögl versprochen. Zahlreiche Gastwirte haben sich dazu entschlossen, in ihren Lokalen einen Alkomaten zur Selbstkontrolle anzubieten. Auch die Getränkeindustrie wacht auf und spekuliert beispielsweise mit der Herstellung von Leichtbier.

Jetzt ist also eingetroffen, was im Sommer vergangenen Jahres niemand zu hoffen wagte. Nach dem "0,5-Promille-Kasperltheater" im Parlament war alle Hoffnung für eine vernünftige Verkehrspolitik dahin.

Doch es waren betroffene Jugendliche, die nach dem Tod ihrer Freunde den Mut hatten, die ganze Angelegenheit noch einmal aufzurollen. Sie können heute stolz sein, wenn es in geselliger Runde heißt: "Danke, für mich nicht. Ich muß noch hinter's Lenkrad." oder "Ich bleib lieber bei 0,0 Promille. Für mich also bitte einen G'spritzten ... Apfelsaft natürlich!".

Jugendlicher Elan Am Anfang ihrer Aktivitäten gegen Alkohol am Steuer bekamen die Schüler jedoch nicht nur motivierede Worte zu hören: "Ihr könnt es ja probieren, aber erwartet euch von den Politikern nur ja nicht zuviel!" Doch der jugendliche Elan wurde - wie so oft - unterschätzt. Plötzlich war keine Rede mehr von Politikverdrossenheit. Mit großer Aufmerksamkeit verfolgten die zukünftigen Wähler, wie die verantwortlichen Politiker auf ihre Forderungen reagierten.

Das Argument zukünftiger Wählerstimmen sollte jedoch nicht der einzige Anlaß für Politiker sein, Kinder und Jugendliche in ihre Arbeit zu integrieren. "Wer auf die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen verzichtet, dem fehlt in seiner Gemeinde eine ganz entscheidende Qualität der Politik", erklärt Anna Riegler, Geschäftsführerin der Kommunalen Beratungsstelle in Graz. Durch ihr Engagement für Kinder- und Jugendbeteiligungsprojekte weiß sie von den Vorteilen der Mitbestimmung: "Nicht nur die Kinder profitieren davon, daß sie ernstgenommen werden", bestätigt Riegler im Gespräch mit der Furche. "Kinder haben eine Fähigkeit, die wir heute nur allzuoft vermissen: Sie haben den Mut, die Dinge beim Namen zu nennen." Unmittelbarkeit und Ehrlichkeit seien etwa Eigenschaften, die bei Mitbestimmung der Jungen auch auf Erwachsenen abfärben würden. "Das verbessert die Politik einer Gemeinde ungemein", ist Riegler überzeugt.

Hält einer der jungen Politiker beim Kinderparlament erst einmal ein Mikrophon in der Hand, so liegen plötzlich Themen auf dem Verhandlungstisch, von denen die Gemeinderäte bisher nicht einmal zu träumen gewagt hätten. Geschweige denn, daß sie diese Punkte persönlich - aufgrund der politischen Ausrichtung, der wirtschaftlichen Beziehungen oder der Freundschaft zum Bürgermeister - jemals angesprochen hätten. Die Einwohner mit den kleineren Händen, den kürzeren Beinen und einem Kopf voller abenteuerlicher Phantasien schrecken davor noch nicht zurück. Sie bringen unerwartete Ideen, Wünsche und Beschwerden in die Räumlichkeiten der Amtshäuser und hoffentlich in die Köpfe der Politiker.

Auch Jugendminister Martin Bartenstein hat sich dazu entschlossen, mehr auf die Wünsche und Bedürfnisse, aber ebenso auf Ängste der Kinder und Jugendlichen zu hören. Ein Beraterteam von zwölf Burschen und Mädchen wird ihn deshalb im Vorfeld der EU-Präsidentschaft 1998 unterstützen, Österreichs Jugendpolitik mitzugestalten. "Mitbestimmung ist viel mehr als das Herabsetzen des Wahlalters", hielt Bartenstein zu Beginn dieser Zusammenarbeit fest. "Mitbestimmung fördert das Demokratieverständnis und wirkt der Politikverdrossenheit entgegen."

Doch Kinder- und Jugendbeteiligung bedeutet nicht, den Jungen einmal im Jahr das Blaue vom Himmel zu versprechen. Stellen wir uns vor, ein Bürgermeister begegnet Volksschülern auf ihrem Weg zur Schule. Dabei schnappt er auf, daß die Kleinen gerne einen Spielplatz hätten. Also investiert er viel Geld in die Planung und in neue Geräte. Den Kindern schüttelt er jedoch erst bei der Eröffnung des neuen Spielplatzes die Hand. In diesem Fall ist nicht von Mitbestimmung die Rede. Politik für und Politik mit jungen Menschen wurden dabei eindeutig verwechselt.

Phantasievolle Ideen Politik für junge Menschen ist: Veranstaltungen wie Discos anzubieten, ein Jugendzentrum zu schaffen, sportliche Aktivitäten zu fördern.

Bei der Politik mit jungen Menschen handelt es sich dagegen um Jugendveranstaltungen, die gemeinsam organisiert werden oder ein Jugendzentrum gemeinsam mit denen zu planen, die es später besuchen werden.

Die Integration gelingt umso besser, je mehr Fraktionen des Gemeinderates dahinterstehen. Die Projektziele müssen mit den Kindern und Jugendlichen definiert werden, damit keine falschen Hoffnungen entstehen. Um die phantasievollen Ideen und die vorhande Energie der Jungend zielführend einzusetzen, müssen die Prozesse überschaubar bleiben und von den Beteiligten verstanden werden. Außerdem soll im vorhinein festgelegt werden, was die Gemeinde als Gegenzug für die eingebrachten Arbeiten und Ideen leisten wird. Wenn die Jugendlichen nämlich erfahren, daß sie mit ihrem Engagement etwas bewirken können, werden sie auch weiterhin bereit sein, sich für ihre Gemeinde einzusetzen.

Derzeit haben Kinder und Jugendliche jedoch noch oft Schwierigkeiten mit den Wegen, die unsere Politiker gehen. So machte eine Wiener Schülerin beim Treffen der österreichischen Kindergemeinderäte in Graz ihrem Ärger Luft: "Ich find' Politik manchmal ganz schön blöd. Im Parlament wollten sie eine neue Schrift, und wir haben noch nicht einmal die richtigen Bücher dazu gehabt", beschwert sich die Sechsjährige aus ihrer Sicht über die Rechtschreibreform. Bei einem anderen Workshop des Treffens äußert sich ein Kindergemeinderat zum Thema "Das kinderfreundliche Geschäft": "Eine alte Dame schimpft beim Einkaufen immer mit uns. Auch wenn wir manchmal gar nichts tun. Einmal hab' ich sie etwas gefragt, aber sie hat einfach nur weggeschaut." Um die Ungerechtigkeit zu verdeutlichen fügt er noch hinzu: " Und ich sag's euch, bei meiner Mama ist das nie so!"

Statt gelangweilter Gesichter, wie wir sie von Übertragungen aus dem Parlament kennen, prägten angeregt diskutierende, motivierte Kinder das Bild des Treffens "Kinder reden mit!". Bunte fröhliche Kleidung, statt der ernsten schwarzen Anzüge und Limonade statt Mineralwasser.

Ihre Forderungen übergaben die engagierten jungen Politiker in Form von Riesenbriefen an ihre "großen" Kollegen. "Bald wird sogar der Präsident der europäischen Kommission eure Anfragen in den Händen halten", verspricht der steirische EU-Abgeordnete Reinhard Rack.

Als einer der Kindergemeinderäte das hört, schickt er ein strahlendes Lächeln in Richtung Publikum und präsentiert dabei stolz seine Zahnlücke. Vielleicht ganz unabsichtlich, vielleicht aber, um zu zeigen, daß er für seine Verhältnisse auch schon genug Reife besitzt, um mitreden zu dürfen.

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