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Es geht um Verkaufsstrategien

Es ergab sich so. Dieser Beitrag wurde an dem Tag geschrieben, als Bundeskanzler Kreisky seinen Geburtstag feierte. Es konnte nicht ausbleiben, daß rund um dieses Ereignis auch über das Alter philosophiert wurde. Diese Tatsache läßt die gestellte Frage, ob es einen Jugendkult in den Parteien, in diesem Fall in der SPÖ, gibt, nahezu obsolet erscheinen. Doch nicht nur in der SPÖ wurden die Vorteile reicher Erfahrungen im politischen Leben in der öffentlichen Diskussion herumgereicht. Der siebzigste Geburtstag Maletas gab dazu den gleichen Anlaß auch für die ÖVP, nur etwas wehmütiger — ebenso wie der Beginn einer Serie in einer österreichischen Tageszeitung über pensionierte Politiker, der man sogar den Withalm-Ausspruch entnehmen

konnte, nur jene Partei, die sich heute am glaubhaftesten der alten Mitbürger annehme, habe die Zukunft für sich.

Weit und breit also keine Anzeichen dafür, daß sich die Parteien den Vorwurf eines besonderen Jugendkults gefallenlassen müssen. Auch die Entscheidungen der Parteigremien kurz nach der Nationalratswahl vom Oktober 1975, von den hoffnungsvoll angetretenen Jungkandidaten letzten Endes doch niemand in das Hohe Haus zu entsenden (weder Höchtl noch Hatzi können als Gegenbeispiel angeführt werden), sprechen die Parteien ganz offensichtlich vom „Vorwurf“ eines Jugendkults frei.

Doch sind nicht mit Taus und Busek, der selbsternannten Schnullerbrigade, und mit Fischer und Blecha gerade in jüngster Zeit jüngere Politiker in hohe und höchste Funktionen aufgerückt, ist nicht mit der Bemerkung des Bundeskanzlers im Zusammenhang mit der vieldiskutierten Frage der Vizekanzlerschaft nach Häuser: „Alt bin ich selbst“, die Bedeutung der Jugend in den politischen Parteien erneut unterstrichen worden?

Dieses verwirrende Bild, das sich bietet, wenn Politik wie üblich personalisiert wird, könnte unsere Frage nur dann beantworten, wenn man politische Strukturen und Entscheidungen ausschließlich auf das Lebensalter der handelnden Personen zurückführt.

Jugend aber ist als Begriff zunächst nur eine Abstraktion des Merkmales Lebensalter von den gesellschaftlichen Bedingungen.

Genau das aber — die Ablösung von den gesellschaftlichen und ökonomischen Machtverhältnissen — ist der Vorwurf, den sich die Parteien gefallenlassen müssen, wenn ihr praktisches Verhalten in seinen Auswirkungen auf die ökonomischen und gesellschaftlichen Strukturen überprüft werden soll.

Besonders deutlich hat sich das bei der Forderung der Jungen ÖVP manifestiert: „In jeder Gemeinde ein Jugendgemeinderat“. Das ist nichts anderes, als der in Wirklichkeit resignative Versuch einer Jugendorganisation, vom Tisch ihrer alten Herren die Brosamen zuerst zu fordern und dann stolz aufzulesen. Das ist mit anderen Worten das Einverständnis mit der Behauptung, politisch tätige junge Menschen solle man auf die Beschäftigung mit jenen Problemen reduzieren, die ihre Altersgenossen betreffen.

Ein solcher von der Jungen ÖVP geforderter Jugendgemeinderat würde sich bald in die Rolle versetzt

fühlen, in den wenigen jugendspezifischen Fragen des kommunal-politischen Alltags ein wenig mitreden zu dürfen, ansonsten aber nicht einmal ignoriert zu werden, geht es dabei doch um Dinge, die man angeblich nur mit „Erfahrung und Sachverstand“ lösen kann. Einem unter diesert Prämissen heute gewählten Jugendgemeinderat ist während der nächsten 20 Jahre viel Spaß zu wünschen und dann eine reibungslose Metamorphose zum „erfahrenen, sachverständigen Altgemeinderat“, der sich seinem eigenen Nachwuchs in schöner Konsequenz (siehe oben) gegenübersieht.

Ich vertrete die These, daß sich gute und schlechte Kommunalpolitik, Landes- und Bundespolitik, Politik schlechthin nicht an dem Trennungsmerkmal des Alters der tätigen Personen ablesen läßt. Dafür müssen andere, wahrhaft politische Kriterien maßgebend sein. Deckt man in der Politik nämlich die Interessenskonflikte auf, dann wird sich etwa der junge Arbeiter In seiner Gemeinde mit dem gleichaltrigen Sohn eines Großgrundbesitzers oder sonstwie ökonomisch Mächtigen nicht in einem gemeinsamen Jugendboot wiederfinden können.

Die Gefahr also ist nicht von der Hand zu weisen, daß die Jugendorganisationen selbst einen gewissen Kult produzieren, der, weil für die Grundzüge der etablierten Politik, ungefährlich, von den Parteien auch durchaus wohlwollend beobachtet wird.

In gewissen Bereichen sind es die Parteien sogar selbst, die jugendgerechte Verkaufsstrategien entwickeln und dabei ökonomische Erfahrungen zum Vorbild nehmen. Eine ganze Reihe von Konsumgüterindustrien hat sich beispielsweise — abzulesen in ihrer Werbung — auf die jungen Konsumenten gestürzt, die ihnen zur Absatz- und Umsatzsteigerung verhelfen sollen. Setzt man an die Stelle des Begriffes Umsatz den Begriff Wählerstimme, dann erkennt man die Parallelen zwischen ökonomischen und polltischen Strategien. Die Parteien dürfen sich allerdings nicht darauf beschränken: Angesichts des umfassenden Produktes „Politik“, das sie anzubieten haben, muß auch das Instrument der Diversifikation eingesetzt werden. Mit anderen Worten: Auch andere Generationen müssen in die Zielgruppen einer politischen Partei aufgenommen werden.

Die besonderen Bemühungen um den Erstwähler erhalten natürlich ihre erhöhte Bedeutung durch den Umstand, daß, wie Albrecht Konecny jüngst feststellte, durch die erstmalige Stimmabgabe individuelle Verhaltensmuster und Traditionen begründet werden, die für die politische Präferenz eines ganzen Lebens ausschlaggebend sein können.

Dieser längerfristige Aspekt ist für die SPÖ auch in deren Grundsatzprogramm aus dem Jahre 1958 angesprochen, wo es unter anderem heißt: „Der Sozialismus ist eine in die Zukunft weisende Bewegung. Seine Verwirklichung ist daher Angelegenheit der heranwachsenden Generationen.“

Damit können wir uns nach der kurzen Schilderung des Verhältnisses der Parteien und der Jugend im Außenverhältnis dem betreffenden Innenverhältnis zuwenden, das die Parteien in ihren Statuten konstruiert haben. Dabei fällt auf, daß die Junge ÖVP vor einigen Jahren zwar institutionell den drei traditionellen bündischen Organisationen gleichgestellt wurde, ohne aber auch nur annähernd die gleiche eigenständige Bedeutung erlangt zu haben. In der Regierungspartei fällt auf, daß die Generationen, sofern sie sich in Organisationen, also in delegierungsberechtigten Gruppierungen institutionalisieren, höchst unterschiedlich behandelt werden. Hat nämlich auf der Seite der alten Generation nur der österreichische Pensionistenverband eine Delega-

tionsberechtigung, so sind es im Lager der jüngeren Generation gleich mehrere Organisationen (Kinderfreunde, Sozialistische Jugend, Sozialistische Studenten, Junge Generation), die Delegierte auf die Parteitage schicken. Wenn man von diesem formellen, im Status begründeten „Ubergewicht“ auf den großen Konferenzen der SPÖ eher wenig merkt, so liegt das sicher nicht an der fehlenden Bereitschaft der Exponenten dieser Jugendorganisationen, sondern vielmehr daran, daß die große Mehrheit der nicht generationsspezifisch ausgewählten Delegierten eine weitgehende Kontinuität in ihrer Politik erkennen lassen, ganz unabhängig davon, welchen Geburtsjahrgängen sie angehören. Das heißt: Wer Kontinuität will, kann auch durchaus die schnellere Zirkulation der Funktionäre akzeptieren. Diese Tatsache könnte möglicherweise die Gespräche über Reform oder Abschaffung des berühmt-berüchtigten Altersparagraphen erleichtern.

So stellt auch die Diskussionsgrundlage der SP-Reformarbeitsge-meinschaft „Die Generationen in der Partei“ dazu fest:

„Sowohl im Verhältnis zu den generationsspezifischen Organisationen wie zu ihren Mitarbeitern aus diesen Generationen muß die Partei ein höheres Maß an Flexibilität erreichen, um die reibungslose Eingliederung vor allem jüngerer Mitarbeiter zu erreichen. Dazu erscheint die gegenwärtige Organisationsstruktur und vor allem die gegenwärtige Organisationspraxis nur teilweise geeignet, weshalb Experimente zur Entwicklung neuer Formen der Funktionärezirkulation gerechtfertigt erscheinen. Gegenüber der älteren Generation muß gelten, daß sie voll im gesellschaftlichen Leben und daher auch im politischen Leben stehen soll. Altersklauseln erscheinen als ungeeigneter Steuermechanismus für innerparteiliche Ablöseprozesse und benachteiligen einseitig die ältere Generation.“

Schließlich sollte auch noch die

Frage geprüft werden, ob es so etwas wie ein besonderes „junges“ politisches Bewußtsein gibt. Dazu sind zunächst einmal jene Sozialforscher zu zitieren, die vor allem seit dem Pariser Mai 1968, ausgehend von der Studentenbewegung, eine stärkere Politisierung der Jugend registrieren. Die stille Generation wurde zur politischen Generation.

In Österreich hat sich die Politisierung von Jugendlichen im Vergleich mit anderen Ländern nur abgeschwächt und auch verspätet manifestiert.

Die Einstellung von Jugendlichen zu Staat und Gesellschaft wurde in einer Untersuchung von Dorit und Helmut Kramer, veröffentlicht in Hein Fischers „Das politische System Österreichs“ wie folgt charakterisiert: „Einerseits lehnt ein großer Teil der Jugendlichen Inter-essenskonflikte, Arbeitskämpfe und Auseinandersetzungen zwischen den Parteien ab und zeigt auch in den Berufs- und Lebenszielen Tendenzen zur Harmonisierung und zum weitgehenden Einverständnis mit der Ideologie der Leistungsgesellschaft. Anderseits ist die Mehrheit der Jugendlichen gegenüber Gesellschaftsreformen, programmorientierter Politik und gegenüber politischem Protest in Form von Demonstrationen positiv eingestellt.“ Dieser Widerspruch hat auch seine emanzi-patorische Seite, die weiterentwickelt werden kann und soll. Wenn heute noch die soziale und ökonomische Benachteiligung von einem Teil der Jugendlichen subjektiv nicht erfahren wird, wenn heute noch Individualisierung und Resignation das Bewußtsein und das politische Verhalten bestimmen, so finden sich in dieser Feststellung auch genügend Ansatzpunkte für Jugendorganisationen, aus dieser oppositionellen Lethargie eine politische Bewegung zu machen.

Jene politische Partei, die dieser Bewegung als Katalysator dient, wird politisch gewordene Jugendliche auch als künftige Gestalter ihrer Politik gewinnen können, ohne damit einen Jugendkult zu betreiben.

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