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Schule in Zeiten von Corona

Schulstart im Corona Herbst - © APA/ROLAND SCHLAGER
Gesellschaft

Schulstart im Corona-Herbst

1945 1960 1980 2000 2020

Mit welchen Erwartungen gehen Eltern, Lehrkräfte und Politik ins neue Schuljahr? Und wie wirkt der Lockdown nach? Eine crossmediale Debatte mit Sibylle Hamann, Thomas Krebs und Elisabeth Fröhlich über digitale Kompetenzen, Erschöpfung, Outdoor-Unterricht und die neue Schule nach Corona.

1945 1960 1980 2000 2020

Mit welchen Erwartungen gehen Eltern, Lehrkräfte und Politik ins neue Schuljahr? Und wie wirkt der Lockdown nach? Eine crossmediale Debatte mit Sibylle Hamann, Thomas Krebs und Elisabeth Fröhlich über digitale Kompetenzen, Erschöpfung, Outdoor-Unterricht und die neue Schule nach Corona.

Alles ist plötzlich anders: der herbstliche Schulstart – und auch die FURCHE-Debatte, in der darüber diskutiert werden soll. Die grüne Bildungssprecherin Sibylle Hamann muss zeit- und coronabedingt per Video zugeschaltet werden – ebenso FURCHE-Bildungsredakteurin Brigitte Quint. Die anderen Teilnehmenden verlieren sich an einem riesigen Tisch und imaginieren zwischen sich Babyelefanten. Ein Luxus, den vollbesetzte Klassenzimmer kaum zu bieten haben, weiß Thomas Krebs, Vorsitzender des Wiener Zentralausschusses in der Pflichtschullehrergewerkschaft. Ihm gegenüber sitzt Elisabeth Fröhlich vom Wiener Landesverband der Elternvereine an Pflichtschulen. Die fünffache Mutter hat nebst einer Mappe voll „Elternstimmen“ zum Home-Schooling auch drei Puppen mitgebracht: Sie stehen für die Diversität der Kinder, um deren Zukunft es in diesem Ausnahmejahr in besonderer Weise geht.

DIE FURCHE: Frau Fröhlich, mit welchen Gefühlen gehen Sie als Elternvertreterin und Mutter in dieses neue Schuljahr?
Elisabeth Fröhlich:
Mit sehr gemischten – und der großen Sorge, was uns in den nächsten Wochen erwarten wird: mit dem Ampelsystem, das wir ja erst seit Kurzem kennen – oder mit Schulleitungen, die plötzlich immer Masken am Gang sehen wollen, damit die Schüler vorsichtiger sind; egal, welche Farbe die Ampel hat. Ist das wirklich der richtige Weg? Ist Vorsicht und Angst wirklich das, was wir unseren Kindern mitgeben wollen? Als Elternvertreterin an Pflichtschulen habe ich ja auch die jüngeren Schüler im Fokus, ebenso solche mit Beeinträchtigungen. Hier muss man wirklich überlegen, welche Maßnahmen pädagogisch wertvoll sind.

Thomas Krebs: Ich teile die gemischten Gefühle und die Sorge. Alle Schulpartner haben derzeit vermutlich dieselbe Intention: alles daranzusetzen, die Verbreitung des Virus so gering wie möglich zu halten. Schwierig ist für uns Lehrerinnen und Lehrer allerdings das Tempo, mit dem vorgegangen wird. Oft kommen Bestimmungen auf den letzten Drücker: Erst vergangenes Wochenende haben wir sowohl aus dem Bildungsministerium als auch aus der Bildungsdirektion Wien essenzielle Informationen für den Schulstart erhalten, etwa den Umgang mit Kindern, die pflegerische oder medizinische Unterstützung benötigen. Oder die Abwicklung des ersten Schultages. Die Frage ist: Wie schaffen wir es, eine Ausgewogenheit zu finden zwischen pädagogischer Arbeit und der Bekämpfung der Pandemie?

Sibylle Hamann: Ich bin hier nicht als Sprecherin des Ministeriums. Aber die Unsicherheit angesichts der neuen Situation kann ich sehr gut verstehen. Ich spüre eine Gleichzeitigkeit: Einerseits gibt es eine starke Sehnsucht nach detaillierten Vorgaben, wie etwa so ein erster Schultag ablaufen soll – und andererseits den Wunsch, Dinge schulautonom entscheiden zu können. Hier muss man die richtige Balance finden. Deswegen bewegen wir uns auch hauptsächlich im Rahmen von Empfehlungen, bei denen die große Verantwortung bei den Schulleitungen liegt.

Alles ist plötzlich anders: der herbstliche Schulstart – und auch die FURCHE-Debatte, in der darüber diskutiert werden soll. Die grüne Bildungssprecherin Sibylle Hamann muss zeit- und coronabedingt per Video zugeschaltet werden – ebenso FURCHE-Bildungsredakteurin Brigitte Quint. Die anderen Teilnehmenden verlieren sich an einem riesigen Tisch und imaginieren zwischen sich Babyelefanten. Ein Luxus, den vollbesetzte Klassenzimmer kaum zu bieten haben, weiß Thomas Krebs, Vorsitzender des Wiener Zentralausschusses in der Pflichtschullehrergewerkschaft. Ihm gegenüber sitzt Elisabeth Fröhlich vom Wiener Landesverband der Elternvereine an Pflichtschulen. Die fünffache Mutter hat nebst einer Mappe voll „Elternstimmen“ zum Home-Schooling auch drei Puppen mitgebracht: Sie stehen für die Diversität der Kinder, um deren Zukunft es in diesem Ausnahmejahr in besonderer Weise geht.

DIE FURCHE: Frau Fröhlich, mit welchen Gefühlen gehen Sie als Elternvertreterin und Mutter in dieses neue Schuljahr?
Elisabeth Fröhlich:
Mit sehr gemischten – und der großen Sorge, was uns in den nächsten Wochen erwarten wird: mit dem Ampelsystem, das wir ja erst seit Kurzem kennen – oder mit Schulleitungen, die plötzlich immer Masken am Gang sehen wollen, damit die Schüler vorsichtiger sind; egal, welche Farbe die Ampel hat. Ist das wirklich der richtige Weg? Ist Vorsicht und Angst wirklich das, was wir unseren Kindern mitgeben wollen? Als Elternvertreterin an Pflichtschulen habe ich ja auch die jüngeren Schüler im Fokus, ebenso solche mit Beeinträchtigungen. Hier muss man wirklich überlegen, welche Maßnahmen pädagogisch wertvoll sind.

Thomas Krebs: Ich teile die gemischten Gefühle und die Sorge. Alle Schulpartner haben derzeit vermutlich dieselbe Intention: alles daranzusetzen, die Verbreitung des Virus so gering wie möglich zu halten. Schwierig ist für uns Lehrerinnen und Lehrer allerdings das Tempo, mit dem vorgegangen wird. Oft kommen Bestimmungen auf den letzten Drücker: Erst vergangenes Wochenende haben wir sowohl aus dem Bildungsministerium als auch aus der Bildungsdirektion Wien essenzielle Informationen für den Schulstart erhalten, etwa den Umgang mit Kindern, die pflegerische oder medizinische Unterstützung benötigen. Oder die Abwicklung des ersten Schultages. Die Frage ist: Wie schaffen wir es, eine Ausgewogenheit zu finden zwischen pädagogischer Arbeit und der Bekämpfung der Pandemie?

Sibylle Hamann: Ich bin hier nicht als Sprecherin des Ministeriums. Aber die Unsicherheit angesichts der neuen Situation kann ich sehr gut verstehen. Ich spüre eine Gleichzeitigkeit: Einerseits gibt es eine starke Sehnsucht nach detaillierten Vorgaben, wie etwa so ein erster Schultag ablaufen soll – und andererseits den Wunsch, Dinge schulautonom entscheiden zu können. Hier muss man die richtige Balance finden. Deswegen bewegen wir uns auch hauptsächlich im Rahmen von Empfehlungen, bei denen die große Verantwortung bei den Schulleitungen liegt.

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DIE FURCHE: Denen sind aber oft auch die Hände gebunden. Stichwort Personal und digitale Weiterbildung: Nach den Erfahrungen des Lockdowns und nachdem bei roter Ampel wieder Distance-Learning droht, wurde vom Ministerium ab 10. August ein Onlinekurs für digitales Unterrichten gestartet. Über 10.000 Lehrkräfte haben ihn freiwillig absolviert – das sind viele, aber bei Weitem nicht alle. Hätte das nicht verpflichtend sein sollen, Herr Krebs?
Krebs:
Es ist nicht möglich, jetzt in der Krisenzeit alles nachzuholen, was man davor jahrelang von der Politik vernachlässigt hat – und das war unter anderem das gesamte digitale Lernen. Auch dieser Kurs deckt nicht alles ab, was man an den Schulen braucht, die Rückmeldungen waren nicht immer positiv. Außerdem ist es rein logistisch gar nicht möglich, so viele Leute innerhalb so kurzer Zeit zu schulen.

DIE FURCHE: Beim „Massive Open Online Course“ der virtuellen PH ist de facto eine unbegrenzte Teilnahme möglich ...
Krebs:
Wie gesagt: Viele haben den Kurs freiwillig gemacht – aber ich weiß aus vielen Gesprächen auch, wie viel die Kolleginnen und Kollegen im Frühling geleistet haben, wie erschöpft viele waren und wie sehr sie eine Pause gebraucht haben. Viele haben während des Lockdowns elf, zwölf oder mehr Stunden pro Tag inklusive Wochenende gearbeitet. Hier braucht es mehr digitale Disziplin – und es muss irgendwann auch klar sein: Nun endet mein Arbeitstag.

Fröhlich: Erschöpft und überfordert waren auch die Eltern durch das Home-Schooling und die wirtschaftlichen Belastungen. Und auch die Schülerinnen und Schüler hatten mitunter so viel zu tun wie sonst nie. Manche Lehrer wollten plötzlich den Stoff unterbringen, den sie sonst das ganze Jahr über nicht schaffen.

Krebs: Die Erfahrungen aus dieser extremen Zeit müssen jetzt sicher aufgearbeitet werden, denn da gibt es noch viele offene Fragen. Und ja, einige Kolleginnen und Kollegen haben auch übers Ziel geschossen. Belastend waren andererseits für uns auch die unterschiedlichen digitalen Ausstattungen und Zugänge, Lehrer arbeiten großteils auch auf ihren privaten Endgeräten. Aber es gab auch Positives in dieser Zeit: etwa dass durch die digitalen Möglichkeiten mehr individueller Kontakt mit einzelnen Kindern möglich war als je zuvor.

Ich weiß, wie viel Lehrerinnen und Lehrer im Lockdown geleistet haben und wie erschöpft sie waren.

Thomas Krebs

Fröhlich: Diese unterschiedlichen technischen Systeme wurden auch bei unserer Eltern-Umfrage als größtes Problem während der Home-Schooling- und Schichtbetrieb-Phase genannt. Dazu kamen zu wenig Datenvolumen oder nicht vorhandene Endgeräte. Wobei die reine Beschaffung allein das Problem nicht löst.

Hamann: Eine Bemerkung zur „digitalen Disziplin“: Genau aus diesem Grund haben wir auch angeregt, dass Lehrerinnen und Lehrer künftig beim Distance-Learning weitgehend dem Stundenplan folgen sollen. Hier ist im Frühjahr in dieser Ausnahmesituation alles ein wenig aus dem Ruder gelaufen – bei den einen war es zu viel, bei den anderen zu wenig. Außerdem gibt es jetzt die Regel, dass man sich an jeder Schule auf eine Kommunikationsplattform einigen muss – und wir haben auch versucht, einheitliche Plattformen bereitzustellen, wo Lernunterlagen für die einzelnen Schulstufen und Fächer abrufbar sind.

Mir wird aber in dieser Diskussion schon wieder zu viel über Technik geredet: Distance-Learning wird ja hoffentlich keine Normalität mehr sein, sondern kommt nur zum Einsatz, wenn akut an einer Schule Cluster auftreten oder die Lage völlig außer Kontrolle gerät. Wir haben eine Ampel – und bis inklusive Orange sind die Kinder in der Schule! Selbst bei Rot bleiben die Schulen grundsätzlich offen. Und für Kinder, die das brauchen, gibt es nicht nur Betreuung, sondern auch Lernstationen, wo jeder pädagogische Unterstützung erhält. Man sollte das den Kindern und Eltern gleich zu Schulbeginn klar kommunizieren: „Was immer passiert, du bist willkommen und erhältst hier Hilfe in dem Ausmaß, wie es notwendig ist.“ Das ist eine wesentliche Neuerung im Vergleich zum Frühjahr, über die ich mich sehr freue.

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Schudebatte - Sibylle Hamann, Bildungssprecherin der Grünen (rechts) und FURCHE-Bildungsredakteurin Brigitte Quint sind coronabedingt per Video zugeschaltet. - © Foto: Carolina Frank
© Foto: Carolina Frank
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Schudebatte - Analog dabei: Elisabeth Fröhlich vom Dachverband der Elternvereine an Wiener Pflichtschulen. - © Foto: Carolina Frank
© Foto: Carolina Frank
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Schudebatte - Ebenfalls leibhaftig anwesend: Thomas Krebs, Vorsitzender des Wiener Zentralausschusses in der Pflichtschullehrergewerkschaft (VCL). - © Foto: Carolina Frank
© Foto: Carolina Frank
  1. Sibylle Hamann, Bildungssprecherin der Grünen (rechts) und FURCHE-Bildungsredakteurin Brigitte Quint sind coronabedingt per Video zugeschaltet.
  2. Analog dabei: Elisabeth Fröhlich vom Dachverband der Elternvereine an Wiener Pflichtschulen.
  3. Ebenfalls leibhaftig anwesend: Thomas Krebs, Vorsitzender des Wiener Zentralausschusses in der Pflichtschullehrergewerkschaft (VCL).

Fröhlich: Die Eltern hatten schon im Frühjahr die Möglichkeit, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Es hat aber in der Praxis nicht immer funktioniert, weil manche Schulleiter – ich sage es vorsichtig – sehr darauf geachtet haben, dass ihr Haus möglichst leer bleibt. Sie wissen ja, dass man alles so oder so kommunizieren kann. Da bin ich auch bei einem wichtigen Punkt: Ich fände es ganz wichtig, diese Lernunterstützung allen und nicht nur einer bestimmten Gruppe von Schüler(inne)n anzubieten. Und es wäre wichtig, mit den Eltern so zu kommunizieren, dass sie es auch verstehen.

Gerade in bestimmmten Communitys gibt es große Angst vor dem Virus und viele Falschinformationen. Und wir wissen auch, dass es vom „Österreichischen Integrationsfonds“ zu Beginn der Pandemie Informationen an migrantische Gruppen gab, die nicht dem entsprochen haben, was die Regierung gesagt hat (nämlich dass man aus vier Gründen die eigene Wohnung verlassen dürfe, Anm. d. Red.). Und noch etwas zur Schulautonomie: Es wäre wichtig, dass wichtige schulautonome Entscheidungen – etwa über die gewählte digitale Plattform – gemeinsam mit den Schulpartnern getroffen werden. Diesen Austausch haben wir während der Ferien vermisst.

DIE FURCHE: Kommen wir zu einem anderen zentralen Punkt, der im Herbst und Winter den Unterricht prägen soll: nämlich kalte Luft. Die Schulen sind angehalten, regelmäßig zu lüften bzw. den Unterricht so oft wie möglich ins Freie zu verlagern, um das Ansteckungsrisiko zu reduzieren. Ist das praktisch auch umsetzbar?
Hamann:
Dieses Thema ist mein Herzensanliegen – und ich bin sehr dafür, diese Frage ganz konkret durchzudenken und dadurch den Möglichkeitssinn zu erweitern. Kann ich etwa in Biologie in den Park gehen und mir Bäume ansehen? Bewegungsspiele im Schulhof machen und dabei Vokabel lernen? Im städtischen Gebiet gibt es zwar weniger Freiflächen, aber man könnte den Schulvorplatz absperren, vorübergehend ein paar Parkplätze wegnehmen und den Platz bespielen. Auch Ausflüge in die nähere Schulumgebung sind möglich.

DIE FURCHE: Sie sprechen vor allem im Konjunktiv. Wie realistisch ist es, dass plötzlich in Schulen so unorthodox agiert wird?
Hamann:
Niemand kann von Ministeriumsseite vorschreiben, was eine Lehrkraft konkret zu tun hat. Es ist eine Anregung, darüber nachzudenken, was alles geht. Und ich glaube, wenn man einmal auf den Geschmack gekommen ist und nicht immer nur herumüberlegt, warum etwas nicht funktioniert, dann könnte das in den Klassen ganz neue Dynamiken freisetzen – und ja, auch gesundheitlich positive Effekte haben. Ich erinnere nur an die ewigen Diskussionen über die tägliche Turnstunde.

Krebs: Ich gebe Ihnen absolut recht, dass die Schulen autonom danach entscheiden können sollen, was an ihrem Standort möglich ist und welches Personal sie zur Verfügung haben. Aber hier sind wir an einem Punkt, über den wir auch reden müssen: nämlich dass relativ viele Lehrerinnen und Lehrer genauso in der Risikogruppe sind – und wie alle anderen das Recht haben, geschützt zu werden. Und noch eines zu den Outdoor-Aktivitäten: Ich möchte keine Killerphrasen klopfen, aber seit es die Schule gibt – und das ist deutlich länger als Corona –, wurden immer wieder Ideen formuliert, wie man die Kinder auf etwas unkonventionellere Art an das Lernen heranführen könnte.

In Wien wurde etwa das bewegte Lernen forciert, das ist also nichts Neues. Vor allem aber ist vieles organisatorisch nicht so einfach, weil man auch den Sicherheitsauflagen entsprechen muss. Und manche Eltern werden bei Outdoor-Aktionen im Herbst und Winter auch Bedenken haben. Wir müssen uns also im Klaren sein: Das wird kein normaler Schulbetrieb, von Normalität sind wir ganz weit weg! Wir befinden uns in einer Krisensituation und müssen uns fragen: Was steht für uns im Fokus? Die Pädagogik? Oder der Kampf gegen die Verbreitung von Covid-19? Da wird es laufend Kompromisse geben müssen.

Die Notbetreuung im Lockdown hat in der Praxis nicht immer funktioniert, weil manche Schulleiter sehr darauf geachtet haben, dass ihr Haus möglichst leer bleibt.

Elisabeth Fröhlich

Hamann: Aber gerade wenn die Lehrkraft zur Risikogruppe gehört, ist es doch gesundheitlich viel ungefährlicher, sich draußen zu bewegen, statt mit der ganzen Klasse in einem Innenraum zu sitzen!

Krebs: Wissen Sie, wie es ist, wenn ich mit 25 Schülerinnen und Schülern in einer äußerst heterogenen Gruppe das Schulhaus verlasse? Klar ist, dass wir in Wien im Pflichtschulbereich für das kommende Jahr die geringsten Ressourcen erhalten haben, die wir jemals hatten. Und das just in Corona-Zeiten! Auch im Sozialen gibt es viel zu wenige Ressourcen, wir haben bereits Volksschulen, die keine Schulärzte mehr haben. Im Grunde läuft hier ein Notbetrieb – und zwar auch außerhalb von Corona-Zeiten. Umso wichtiger wäre es, volle Unterstützung von Landes- und Bundesebene zu bekommen.

Hamann: Ich kann nichts zur Ressourcenplanung der letzten Jahrzehnte sagen, an der waren wir Grüne nicht beteiligt – und dass wir definitiv mehr Ressourcen wollen für benachteiligte Standorte, ist völlig klar. Die Regierung schickt aber bereits als konkrete Hilfestellung 1000 zusätzliche administrative Supportkräfte in die Schulen, die über ein AMS-Programm gefördert werden. Das kann, speziell an Pflichtschulen, eine riesige Unterstützung für Direktionen sein, die in der Corona-Situation besonders viel administrativen Aufwand bewältigen müssen. Krebs: Das wird auch angenommen – und das funktioniert glücklicherweise auch gut. Das Wichtigste für mich ist aber, dass wir genügend Lehrer in der Klasse haben. Dann ist vieles möglich.

DIE FURCHE: Frau Fröhlich, was halten Sie als Elternvertreterin eigentlich von den ambitionierten Outdoor-Plänen?
Fröhlich:
Es gibt schon viele Standorte, an denen das gelebte Praxis ist. Umso mehr würde ich mir wünschen, dass es irgendwo die Möglichkeit gibt, diese Best-Practice-Beispiele zu sammeln und an die Kollegen weiterzugeben. Denn wenn ich etwas noch nie gemacht habe, ist alles schwierig. Vor allem, wenn ich zuvor gern als Disziplinarmaßnahme zu den Kindern gesagt habe: „Wenn ihr euch nicht benehmt, dann gehen wir nicht raus!“ Vielleicht könnte man eine digitale Plattform schaffen, auf der Pädagog(inn)en, Eltern und ältere Schüler(innen) Beispiele aufschreiben. Wichtig ist aber, dass mehr Ausflüge nicht mehr Kosten für die Eltern bedeuten.

Krebs: Wobei es bei all diesen Veranstaltungen die Gefahr der Durchmischung der „epidemiologischen Einheiten“ gibt, die eigentlich vermieden werden sollte. Das wird bei manchen Freiflächen ein Problem – etwa im Park, wo alle ihre Mittagspause verbringen möchten.

Hamann: Die Gefahr im Freien ist aber, wie gesagt, deutlich geringer als in Räumen. Und es gibt auch die Möglichkeit, dass sich Schulen zeitlich miteinander absprechen.

Wenn man nicht immer nur herumüberlegt, warum etwas NICHT funktioniert, dann könnte das in den Klassen ganz neue Dynamiken freisetzen.

Sibylle Hamann

DIE FURCHE: Apropos absprechen: Wie werden Lehrkräfte, die durch ein ärztliches Attest vom Unterricht freigestellt sind, künftig überhaupt verwendet?
Krebs:
Man versucht, einen geeigneten alternativen Arbeitsplatz zu finden. Manche wird man auch für das Distance-Learning brauchen. Es wird ja auch Schülerinnen und Schüler geben, die aufgrund von Risiko-Angehörigen oder eigenen Risiken persönliche Betreuung brauchen.

Hamann: Genau das ist geplant: Diese Lehrkräfte und diese Kinder im Distance-Learning zusammenzuspannen, über verschiedene Standorte hinweg. Hier sind die Bildungsdirektionen gerade dabei, Angebote zu entwickeln. Fröhlich: Genau zu dieser wichtigen Frage hätten wir Eltern uns schon viel früher Informationen gewünscht. Zu sagen: „Diese Kinder können zu Hause bleiben und müssen den Stoff halt selber nachholen“ ist ein bisschen wenig. Denn nach dem letzten Frühjahr ist deutlich genug geworden, dass wir Eltern keine ausgebildeten Pädagog(inn)en sind. Uns alles umzuhängen, das geht einfach nicht.

Hamann: Das hat auch niemand vor.

DIE FURCHE: Und was haben Sie vor? Oder anders gefragt: In welchen Bereichen könnte die Krise ein „Game-Changer“ in der oft verfahrenen bildungspolitischen Diskussion werden?
Hamann:
Für mich hat es schon an ein Wunder gegrenzt, dass wir es geschafft haben, in dieser kurzen Zeit schon die „Sommerschule“ umzusetzen, die eigentlich nur als Plan im Regierungsübereinkommen gestanden ist – als spezielles Angebot für Kinder mit Deutschförderbedarf. Wir hatten ein gewisses Personalproblem angesichts der überraschend zahlreichen Anmeldungen. Aber es war toll, dass sich alle Beteiligten getraut haben. Generell glaube ich, dass wir alle wieder entdeckt haben, wie dringend wir Schule als sozialen Ort brauchen. Ich habe auch festgestellt, dass man in der Krise viel ehrlicher miteinander reden kann und sich auch leichter Hilfe sucht. Das könnten wertvolle Inputs sein, die den gesamten Schulbetrieb positiv beeinflussen.

Fröhlich: Mein Wunsch wäre, die „Sommerschule“ in die bestehenden Förderprogramme einzubetten. Es ist für Eltern mittlerweile unendlich verwirrend, einen Überblick über all die Förderoptionen zu bewahren. Und klar ist auch, dass man das Angebot von der Zielgruppe her viel breiter aufstellen müsste. Neun Wochen Kinderbetreuung zu organisieren ist für berufstätige Eltern eben kaum schaffbar. Generell hat die Krise aus meiner Sicht den Wert der Schulpartnerschaft deutlich gemacht. Wichtig ist nun, dass wir auf armutsgefährdete Familien Rücksicht nehmen. Und dass wir uns vor Augen halten, dass die Kinder unser wertvollstes Gut sind. Krebs: Mich hat am meisten gefreut, dass unsere Arbeit als Lehrerinnen und Lehrer neu geschätzt wurde. Ich wünsche mir auch in der Zukunft Respekt und Anerkennung für meine Berufsgruppe – und keine ständige Diskussion über Lehrerarbeitszeiten. Vielleicht schaffen wir es dadurch auch besser, junge Menschen für diesen wichtigen Beruf zu begeistern.

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