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Schule in Zeiten von Corona

Matura Corona Schülerin - © Foto: Garon Piceli / Pexels
Bildung

Wir haben unsere Reife schon bewiesen

1945 1960 1980 2000 2020

Unsere Autorin steht kurz vor der Matura. Doch die Pandemie hat die Rahmenbedingungen dramatisch verschärft. Ein Erfahrungsbericht. Und ein Plädoyer für eine tatsächliche „Durchschnittsmatura“.

1945 1960 1980 2000 2020

Unsere Autorin steht kurz vor der Matura. Doch die Pandemie hat die Rahmenbedingungen dramatisch verschärft. Ein Erfahrungsbericht. Und ein Plädoyer für eine tatsächliche „Durchschnittsmatura“.

Seit dem 16. März sind unsere Schulen geschlossen, seit dem 16. März sitze ich zu Hause und halte mich an die Ausgangsbeschränkungen, seit dem 16. März hat sich mein Leben um 180 Grad verändert. Gleich zu Beginn der Schulschließung wurde ich mit Arbeitsaufträgen und Abgabeterminen zugemüllt. Es scheint so, als wollten Lehrer jetzt all den Stoff nachholen, den sie die letzten Jahre zu unterrichten versäumt haben. Ihre Aufgaben haben wie eine Bombe eingeschlagen und Verzweiflung sowie Überforderung hinterlassen.

Doch nicht nur Schulstress begleitete mich die letzten Wochen hindurch. Auch familiärer Stress häufte sich. Meine Mama arbeitet elf Stunden am Tag, um ihr Unternehmen (Klassifizierung: kritische Infrastruktur) am Laufen zu halten. Mein Papa liegt mit einer Verkühlung im Bett und kann aufgrund seiner kunden-nahen Tätigkeit nicht arbeiten, geschweige denn den Haushalt führen. Deswegen komme ich zum Zug. So oft wie in den letzten Wochen war ich noch nie Lebensmittel einkaufen, in der Apotheke oder beim Arzt. Für meine Oma bin ich zum persönlichen Boten geworden, der ihr alles von der „infizierten Außenwelt“ besorgt.

Seit dem 16. März sind unsere Schulen geschlossen, seit dem 16. März sitze ich zu Hause und halte mich an die Ausgangsbeschränkungen, seit dem 16. März hat sich mein Leben um 180 Grad verändert. Gleich zu Beginn der Schulschließung wurde ich mit Arbeitsaufträgen und Abgabeterminen zugemüllt. Es scheint so, als wollten Lehrer jetzt all den Stoff nachholen, den sie die letzten Jahre zu unterrichten versäumt haben. Ihre Aufgaben haben wie eine Bombe eingeschlagen und Verzweiflung sowie Überforderung hinterlassen.

Doch nicht nur Schulstress begleitete mich die letzten Wochen hindurch. Auch familiärer Stress häufte sich. Meine Mama arbeitet elf Stunden am Tag, um ihr Unternehmen (Klassifizierung: kritische Infrastruktur) am Laufen zu halten. Mein Papa liegt mit einer Verkühlung im Bett und kann aufgrund seiner kunden-nahen Tätigkeit nicht arbeiten, geschweige denn den Haushalt führen. Deswegen komme ich zum Zug. So oft wie in den letzten Wochen war ich noch nie Lebensmittel einkaufen, in der Apotheke oder beim Arzt. Für meine Oma bin ich zum persönlichen Boten geworden, der ihr alles von der „infizierten Außenwelt“ besorgt.

Diese Vorgehensweise klingt so, als ob wir Versuchskaninchen wären. Infizieren wir uns nicht, können auch andere Schüler wieder in die Schule.

Und die ganze Situation ist auch psychisch belastend. Ich stelle mir dutzende Fragen. Was, wenn ich mich infiziere? Oder jemand aus meiner Familie? Wird die Regierung die Maßnahmen weiter verschärfen? Wird die Situation außer Kontrolle geraten? Wann kann ich endlich wieder in die Schule? Wann wird alles wieder normal? Fragen über Fragen.

Meine geringste Sorge derzeit: die Matura

Mein Schicksal ist eines von 40.000 österreichweit. Alle Maturantinnen und Maturanten haben derzeit andere Sorgen und Verantwortungen. Deswegen werden wir der Jahrgang sein, der die schlechteste und geringste Vorbereitung aller Zeiten auf die Reifeprüfung hatte, der Jahrgang, der keinen Maturaball und keine Maturareise hatte.

Die Regierung beteuert immer wieder, dass sie auf einer Matura beharrt und zuerst die Maturanten in die Schule gehen sollen (geplant ist derzeit ab 4. Mai, Anm. d. Red.). Für viele Betroffene klingt diese Vorgehensweise jedoch so, als ob wir Versuchskaninchen wären. Infizieren wir uns nicht, können auch andere Schüler wieder in die Schule. Infizieren wir uns doch, sind wir ins offene Messer gelaufen – doch das ist für die Regierung verkraftbar. Weiters plagt uns seit Wochen die Ungewissheit. Absagen und Änderungen häufen sich. Klarheit findet man kaum. Keine guten Voraussetzungen.

Aufgeregte Maturanten mit Mund- und Nasenschutz sowie Plastikhandschuhen, denen der Schweiß herunterrinnt und die Brille anläuft: Das wird gewiss lustig.

Auch ein Weglassen der mündlichen Matura, wie es diese Woche verkündet wurde, überzeugt uns nicht, da die meisten Schüler sowieso nur in ein bis zwei Fächern mündlich angetreten wären. Und falls die schriftlichen Prüfungen doch ab 25. Mai stattfinden sollten – die dritte Verschiebung –, befinden wir uns womöglich schon in der ersten Hitzewelle. Aufgeregte Maturanten mit Mund- und Nasenschutz sowie Plastikhandschuhen, denen der Schweiß herunterrinnt oder die Brille anläuft: Das wird gewiss lustig.

Das Beste geben ist derzeit nicht möglich

Eine neue Idee wäre eine tatsächliche „Durchschnittsmatura“, basierend auf dem Notendurchschnitt der letzten Schuljahre. Wir Maturantinnen und Maturanten haben uns bereits mehrere Jahre durch die Schule gekämpft, mehrere Jahre unsere Reife und unser Wissen bewiesen. Deswegen hätte sich auch jeder Einzelne von uns so eine „Durchschnittsmatura“ verdient. Jeder von uns will sein Bestes geben, doch in der derzeitigen Situation ist dies nicht möglich.

Das sehen auch zwei oberösterreichische Schüler so, die auf change.org eine Petition an Bundeskanzler Sebastian Kurz gestartet haben. Über 17.000 haben bereits unterschrieben, sie wollen eine Veränderung. Wieso müssen Veränderungen immer so schwer durchsetzbar sein? Durch diese Aktion erhoffen wir uns, dass wir endlich gehört werden. Auch andere Länder wie Großbritannien und Frankreich haben bereits ihre Zentralmatura abgesagt. Wieso kann nicht auch Österreich solch einen Schritt setzen? Ein kleiner Schritt für den Bildungsminister, ein großer für die Maturantinnen und Maturanten 2020. Denn in außergewöhnlichen Situationen benötigen wir außergewöhnliche Lösungen.

Die Autorin ist Schülerin an einer höheren Schule in Wien.

Fakt

Studie „Lernen unter Covid-19“

Ein Forschungsteam der Fakultät für Psychologie der Uni Wien um Christiane Spiel will eruieren, wie Schüler(innen) und Studierende mit der derzeitigen Situation und dem Home-Learning zurechtkommen. Interessenten finden Informationen unter lernencovid19.univie.ac.at.