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Matura auf dem Prüfstand

In einem Gymnasium in Eisenstadt fand die Zentralmatura schon heuer statt. Ist sie schwieriger, leichter, fairer? Ein Blick in die Zukunft der Reifeprüfung.

Auf den Schulgängen herrscht Hochbetrieb, doch im Festsaal ist es mucksmäuschenstill. Das Prüfungskomittee sitzt schon bereit. Pünktlich um 7:45 wird Maximilian Bauer aufgerufen. Er steht vom Vorbereitungstisch auf, streicht sich den Maturaanzug glatt und nimmt vor dem Lehrergremium Platz. Vor ihm steht eine Uhr. Fünf Minuten hat er Zeit, der ganze Saal hört ihm zu. Fünf Minuten lang muss er einen Monolog führen zu einem Thema, das er gezogen hat. Er spricht über öffentliche Verkehrsmittel, den Effekt auf die Umwelt. "I have a driving licence, so I like to drive my car“, sagt er. Seine Englischlehrerin unterbricht ihn nicht, aber macht sich unaufhaltsam Notizen.

Dann wird Michael Demean aufgerufen und setzt sich gegenüber von Maximilian. Aus einem Bündel gelber Karteikarten ziehen sie eine Aufgabe. "Communication“ heißt das Thema, über das sie nun gemeinsam diskutieren müssen. "Real books are old fashioned and not the best way to get information“, meint Michael. "I think they are useful for learning“, hält Maximilian dagegen. Auf eines können sie sich einigen: "Just older people read newspapers.“ Am Prüfertisch wird geschmunzelt. Dann darf Maximilan gehen, und Michael muss einen Monolog führen.

Zweidrittelmehrheit

"Individual long turn“ heißt dieser Part, der Bestandteil der neuen Matura in lebenden Fremdsprachen ist. Ab dem Schuljahr 2014/2015 werden alle mündlichen Englisch-Prüfungen so ablaufen. Am Eisenstädter Gymnasium Kurzwiese ist die Matura schon heuer neu. Zwei der vier Maturaklassen haben sich dafür entschieden, am Schulversuch zur mündlichen Reifeprüfung teilzunehmen. Mehr als zwei Drittel der Eltern und der Schüler haben dafür gestimmt. "Wenn man von Anfang an dabei ist, kann man auch mitreden“, sagt Karin Rojacz-Pichler, die Direktorin des Gymnasiums, das eine von österreichweit nur 21 Schulen ist, die am Schulversuch teilnehmen: "Ich war immer gegenüber allem aufgeschlossen, was die Selbstständigkeit der Schüler fördert und andere Fähigkeiten als das Reproduzieren von Stoff. Dafür muss man sich auch auf gewisse Unsicherheiten einlassen.“ Die Vorbehalte gegenüber der Zentralmatura kann Rojacz-Pichler nicht nachvollziehen. Und die Verschiebung kommt ihr gar nicht gelegen: "Wir haben unsere Oberstufenschüler auf das neue System vorbereitet - jetzt müssen wir sie zurückpfeifen.“

Nach dem Englisch-Doppel ist Maximilian Stein dran: Deutschprüfung, klassisch nach dem alten System: Eine Kernfrage zum Inneren Monolog im Allgemeinen und Leutnant Gustl im Speziellen, eine Spezialfrage über die Exilliteratur von Berthold Brecht. Auch in Englisch sind die Prüfungen bisher nach diesem Schema abgelaufen: Ein selbst ausgearbeitetes Spezialgebiet und eine Frage aus dem "Kernstoff“. Beliebt sind Themen wie "drug abuse“, "teenage pregnancy“ oder "AIDS“. Die Schüler halten kurze Vorträge über Fach-themen, mit spezialisiertem Vokabular und eingelernten Formulierungen. Man muss nicht nur die Sprache beherrschen, sondern vor allem das Wissen präsentieren.

"Das ist jetzt anders: Bei der neuen Matura kann man sich ausschließlich auf die Sprache konzentrieren und muss nicht mehr darauf achten, ob der Schüler die richtige Fallzahl von HIV-Neuinfektionen referiert“, sagt Martha Vilt. Seit 35 Jahren unterrichtet sie Englisch am Gymnasium Kurzwiese. Der Schulversuch ist auf ihre Initiative zustande gekommen. Auch unter den Lehrerkollegen gab es Skeptiker: "Manche haben das große Chaos prophezeit“, sagt Vilt. Ein Novum ist die neue Matura heute auch für sie.

Zwei Kulturkreise

Während der Prüfung bewertet sie den Schüler nach einer genauen Punkteskala: Wie groß ist der Wortschatz? Wird die Grammatik richtig angewandt? Bessert der Schüler sich selbst aus? Wie flüssig wird gesprochen, wie schnell auf Einwände reagiert? Stimmt die Aussprache, ist die Tonlage gut gewählt? "Viel Spielraum lässt die Bewertungsskala nicht. Aber wer Englisch beherrscht, kann zeigen was er kann, ohne sich in Details zu verhaschpeln. Schließlich geht es bei Sprachen um Kommunikation.“ Als Maximilian Stein bei seinem Monolog zum Thema "Relationships“ eine Szene aus "Star Trek“ rezitiert, wird die Stimmung locker. "Auch Schmähführen ist Sprachkompetenz“, sagt Vilt.

Ist sie nun leichter oder schwieriger, die neue Matura? "Anders“, sagt Gerlinde Mihalits, Englischlehrerin am Gymnasium Kurzwiese und Koordinatorin der neuen Reifeprüfung für das Burgenland. "Es geht nicht mehr darum, große Stoffmengen kurzfristig zu beherrschen. In den Sprachen muss man sich kontinuierlich einen Wortschatz aufbauen, der einen befähigt, zu Themen Stellung zu beziehen.“ Auch in den anderen Fächern wird es, wenn die neuen Modalitäten zur Anwendung kommen, nicht mehr um Repetition, sondern um selbstständiges Denken gehen. Es gilt, Aufgaben zu lösen und Wissen anzuwenden. "Es geht um Eigenverantwortung der Schüler“, sagt Vilt, "da prallen zwei Kulturkreise aufeinander.“

Punkte und Prozente zählen

Die Umstellung haben auch die diesjährigen Maturanten zu spüren bekommen: "Ungewohnt war’s schon, dass wir für die Englisch-Matura nichts mehr lernen konnten“, sagt Nina Köfler nach ihrer Prüfung. "Wir haben zur Vorbereitung nur Vokabel wiederholt, Dialoge über Alltägliches geführt und Filme geschaut“, grinst sie.

Nach der letzten Prüfung an diesem Vormittag werden alle Zuhörer aus dem Festsaal geschickt, während die Lehrerkonferenz über die Noten berät. Die Prüflinge warten vor der Tür. Der größte Druck ist weg, die Anspannung noch nicht. Schokolade wird geteilt, um die Nerven zu beruhigen. Haben sie sich als Versuchskaninchen gefühlt, an denen ein neues Modell erprobt wird? "Die schriftliche Englisch-Matura war viel leichter, als wir erwartet haben. Und auch mündlich war’s ok“, meint Maximilian Bauer. "Ich find’s gut“, sagt Michael Demean, "jetzt ist jede Matura gleich viel wert.“

Ist sie tatsächlich fairer, transparenter, leichter vergleichbar? "Die Unterschiede in der Beurteilung sollten zumindest deutlich geringer sein“, sagt Gerlinde Mihalits: "In Nuancen wird es immer noch Meinungsverschiedenheiten bei der Bewertung geben. Weil aber unterm Strich Punkte und Prozente zählen, wird am Ende die gleiche Note herauskommen.“ Auch den Themenpool, aus dem die Kandidaten ihre Aufgabe ziehen, findet sie fairer. Im alten System kann bei der Aufgabenvergabe durch den Klassenlehrer leicht jemand bevorzugt oder benachteiligt werden - oder es so empfinden.

Die Direktorin steckt den Kopf aus der Festsaaltür und holt die Schüler zurück. Kurz darauf ist die große Erleichterung zu spüren: Alle haben bestanden. Am Abend wird gemeinsam gefeiert. Und dann? Michael Demean und Maximilian Bauer reisen erstmal gemeinsam durch Kanada. Dann geht’s zum Bundesheer, danach wollen sie Medizin studieren. Die Matura reicht dafür freilich nicht. Vor der Uni wartet die Aufnahmeprüfung. Ganz ohne Vorbereitungskurs, diesmal. Und verschoben wird die garantiert nicht.

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