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Reifeprüfung bedarf reiflicher Prüfung

Der Machtkampf um die Verschiebung der Zentralmatura ist ausgefochten, nun wartet viel Arbeit: eine möglichst gute Vorbereitung auf die neuen Tests.

Wie weitreichend sich der Unterricht zur Vorbereitung auf die Zentralmatura ändern muss, zeigen Gespräche mit Lehrern. Die Umstellung weg vom starren Faktenwissen hin zu mehr Kompetenzorientierung verlangt nach neuen Unterrichtsmethoden und vor allem nach einer klar definierten Eingrenzung des bisher sehr breit gefassten Lehrplans. Viele Lehrer müssen erst in ihre neue Rolle finden, die auch Chancen für ein besseres Schulklima birgt: mehr Wissensvermittler und Partner in der gemeinsamen Vorbereitung zu sein, weniger Überprüfer und Abstrafer.

Angst vor Mathematikprüfung

Im Fach Mathematik haben Lehrer und Schüler noch nicht viele Erfahrungen mit den neuen Tests gesammelt, erst sieben Schulen haben am Schulversuch teilgenommen. "Mir wäre es lieber, nur einen zentralisierten Prüfungsteil über die Grundkenntnisse zu haben. Der zweite Teil sollte besser individuell abgestimmt werden, denn jede Klasse hat ein anderes Niveau und andere Interessen. Es macht einen Unterschied, ob die Mehrheit der an Mathematik interessierten Schüler BWL oder aber etwas Technisches studieren möchte“, meint Mathematiklehrer Gottfried Perz, der seit 29 Jahren am Grazer Pestalozzi Gymnasium unterrichtet.

Auch bei der mündlichen Matura wird der Pädagoge künftig nicht mehr auf die Begabungen seiner Prüflinge eingehen können. "Es wird fairer Weise keine im Vorfeld abgesprochenen Fragen mehr geben, aber die Anspannung bei den Schülern wird wohl noch größer sein.“ Andererseits könne es Lehrer und Schüler auch zusammenschweißen, etwas Neues gemeinsam auszuprobieren. "Und wenn die Aufgaben nicht mehr vom Klassenlehrer gestellt werden, fällt auch der Vorwurf des persönlichen Sekierens weg.“

Zur Vorbereitung auf die bevorstehende Zentralmatura verwendet der Mathematiker im Unterricht und bei Schularbeiten bereits jene Aufgaben, die bei der Zentralmatura zu erwarten sind. "Die Ergebnisse sind teils überraschend desaströs“, berichtet er. Was ihn besonders sorgt: "Das ambitionierte Ziel der Zentralmatura ist es, ein profundes Verständnis der Mathematik einzufordern.“ Die Unterrichtsrealität zeige aber, dass dieser Anspruch auch viele engagierte Schüler überfordert."Mathematiklehrer investieren viel Energie und Unterrichtszeit in das Wiederholen von Erklärungen für jene, die sich schwer tun.“

Es stellt sich die Frage, ob es sinnvoll ist, dass alle Gymnasiasten in Mathematik maturieren müssen. "Für gewisse Studien“ könnte sich der Gymnasiallehrer einen Hochschulzugang auch ohne Mathematikmatura vorstellen. Man müsse grundsätzlich überdenken, wo die mathematische Allgemeinbildung aufhört und die Fachausbildung beginnt.

Sprachfächer sind gerüstet

In den Sprachen fühlen sich Lehrer und Schüler recht gut vorbereitet auf die Zentralmatura. Schon lange gibt es in den lebenden Fremdsprachen den europäischen "Referenzrahmen“, der die Leistungsstandards klar definiert. Unterricht und Beurteilung sind auf die vier Fähigkeiten Hör- und Leseverständnis, Sprech- und Schreibkompetenz ausgerichtet.

"Unsere Erfahrungen zeigen, dass die Prüfungsergebnisse immer besser werden“, erzählt die Englisch- und Lateinlehrerin Ursula Schatz vom bilingualen Gymnasium GIBS in Graz. Die internationale Schule ist seit Beginn des Pilotversuchs Zentralmatura in der ersten und zweiten lebenden Fremdsprache mit im Boot und nimmt in punkto Zentralisierung eine Vorreiterrolle ein: Schon seit 20 Jahren arbeiten die Lehrer in allen Fächern zusammen, um in den Parallelklassen Schularbeiten zum selben Termin und mit denselben Aufgaben zu schreiben. "Das System transparenter, vergleichbarer und gerechter zu machen, halte ich für einen guten Ansatz“, meint Schatz. Sie befürchtet aber, dass der Unterricht nur mehr auf die Prüfungsvorbereitung hinauslaufen könnte. "Ich hoffe, dass Kreatives und Aktuelles nicht zu kurz kommen werden.“

Die Zentralmatura betrifft jedoch nur eine der drei Säulen der Matura, nämlich den schriftlichen Teil. Bei der künftigen "vorwissenschaftlichen Arbeit“ können Prüflinge Interessenakzente setzen. Und die Themenkörbe für die mündliche Matura werden nicht österreichweit, sondern schulintern vereinheitlicht. "Das wird den Austausch zwischen Kollegen fördern. Die Jungen sind den Reformen gegenüber offen und tun sich auch mit den neuen Medien leichter“, ist Schatz zuversichtlich.

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