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Zwischen Ansprüchen und Alltag

Gut ausgebildete Junglehrer werden dringend gesucht. Sie sollen nicht nur fachlich kompetent sein, sondern über vielfältige Talente verfügen. Doch noch scheinen Österreichs Schulen nicht bereit für die neue Lehrergeneration zu sein.

"Jetzt vergessen Sie mal ganz schnell, was Ihnen an der Uni erzählt wurde! Denn jetzt erwartet Sie die Wirklichkeit.“ Mit diesen Worten wurde Katharina Burger (Name von der Redaktion geändert) nach dem Ende ihres Lehramtsstudiums an einem Grazer Gymnasium empfangen. Das für ein Jahr angesetzte Unterrichtspraktikum sollte allerdings nur vom Schulbeginn bis zu den Weihnachtsferien dauern. Zu viele Belastungen trafen die damals 25-Jährige unvorbereitet: "An der Schule war ich plötzlich mit Legasthenikern, verhaltensauffälligen Kindern und problematischen Familienverhältnissen konfrontiert.“ An der Uni hingegen hatte sich die ausgebildete Englisch- und Französischlehrerin vor allem mit Literaturwissenschaft und Linguistik auseinandergesetzt. Mit dem Berufseinstieg prallten diese beiden Welten aufeinander.

Bis zum Studienabschluss hatte die Lehramtsstudentin nur wenig Schulluft geschnuppert: "Im zweiten Abschnitt habe ich an einer Schule hospitiert. Selbst unterrichtet habe ich aber nur wenige Stunden.“ Inzwischen arbeitet Burger als Reiseleiterin, eine Rückkehr an die Schule kommt für sie nicht in- frage. Ihre kurze Schulkarriere ist kein Ausnahmefall.

Gute Junglehrer dringend gesucht

Dabei benötigen Österreichs Schulen dringend gut ausgebildete Junglehrer: Über 40 Prozent der Lehrkräfte in der Sekundarstufe sind 50 Jahre alt oder älter. Die Hälfte der derzeit unterrichtenden Lehrer wird sich zwischen 2020 und 2025 in die Pension verabschieden. Schon jetzt ist der Lehrermangel an den Schulen spürbar: Neben Quereinsteigern aus der Wirtschaft stehen vermehrt Lehramtsstudierende in den Klassen. Allein in Wien müssen in diesem Schuljahr 370 Lehrer mit Sonderverträgen eingesetzt werden.

Nationale und internationale Experten haben vergangene Woche bei einer Tagung des Österreichischen Wissenschaftsrates über die Zukunft der Lehrerausbildung diskutiert. Um diese möglichst bedarfsgerecht gestalten zu können, muss bereits jetzt überlegt werden, welche Lehrer in 30 Jahren benötigen werden. Über welche Kombination an Kompetenzen Lehrer schon heute verfügen müssen, lässt sich streiten. Auf jeden Fall sind es sehr viele, darüber sind sich die Experten einig. Verschiedenste Kompetenzmodelle für Lehrer beinhalten weltweit zwischen fünf und 185 Teilkompetenzen. Ein Rezept, unter welchen Bedingungen Lehren funktioniert, gibt es nicht. So zählen Finnland, Kanada und Singapur zu den Siegerländern der PISA-Studie, doch verfügen die drei Länder über völlig unterschiedliche, kulturell geprägte Bildungssysteme.

Eine gute Lehrkraft zu sein, ist in der Tat keine einfache Aufgabe. "Moderne Pädagogen sind gleichermaßen Gelehrte, Prediger, Ingenieure und Techniker: Sie müssen verstehen, vermitteln, entwickeln und anwenden können“, sagt der Bildungsforscher Stefan T. Hopmann von der Universität Wien. Denn eine gelungene Unterrichtseinheit muss sowohl inhaltlich anspruchsvoll als auch emotional ansprechend gestaltet sein. Gute Pädagogen müssen die Kunst der Übersetzungsarbeit beherrschen: Schwer verständliche Inhalte wollen möglichst anschaulich aufbereitet werden.

Vielfältiges Anforderungsprofil

Um das zu bewerkstelligen, müssen Lehrer einerseits fachlich sehr kompetent sein und andererseits ihre Kenntnisse ebenso gut vermitteln können. "Oft stehen die Fachausbildung, die Fachdidaktik, die Pädagogik und die Praxis in der Lehrerausbildung zu isoliert voneinander. Wir stehen vor der Herausforderung, diese vier Säulen noch stärker miteinander zu verknüpfen“, sagt Ilse Schrittesser, Institutsleiterin für Lehrerbildung und Schulforschung an der Universität Innsbruck. Ein weiteres Problem an den Universitätsinstituten sei die oft noch immer stiefmütterliche Wahrnehmung der Lehramtsstudierenden gegenüber den Diplomstudierenden.

Heutzutage sollten geeignete Lehrer vor allem auf die jeweiligen Rahmenbedingungen des Unterrichts gestaltend reagieren können, betont Schrittesser. Schlüsselkompetenzen wie etwa ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein könne man bei Studierenden aber nicht auf den ersten Blick feststellen: "Im ersten Augenblick ungeeignet erscheinende Lehramtskandidaten sollte man nicht gleich im Rahmen einer Studienzulassung abweisen. In die Lehrerrolle muss man erst hineinwachsen“, meint Schrittesser.

In Großbritannien wird die praktische Unterrichtserfahrung in den Schulklassen vom ersten Tag an großgeschrieben: Studierende lernen den Schulalltag in allen Facetten kennen, verbringen sie doch drei bis vier Tage pro Woche an Schulen. Zwischen Universitäten und Schulen herrscht ein reger Erfahrungsaustausch: "Wir haben in London 800 Partnerschulen, aus denen praktische Erfahrungen zurück an unser Institut fließen“, berichtet Norbert Pachler, der am Institute of Education der Uni London die internationale Lehrerbildung leitet. "Unsere Studierenden überfrachten wir nicht mit Wissen, sondern bereiten sie darauf vor, auftretende Probleme im Schulalltag eigenständig zu lösen. Mentoren reflektieren gemeinsam mit den Studierenden, was im Unterricht an der jeweiligen Schule funktioniert und was nicht“, erzählt Pachler. Die Reflexion über das eigene Handeln ist auch Teil der Leistungsbeurteilung. Kurse wie Konflikt- oder Selbstmanagement sind fixer Bestandteil der britischen Lehrerausbildung. Zudem nutzen die Junglehrer Online-Plattformen zum Austausch.

Die innovativste Lehrerausbildung nützt wenig, wenn der Lehrernachwuchs seine Kompetenzen und Ideen in den jeweiligen Schulen nicht umsetzen kann. "Österreichs Schulen sind noch nicht bereit für modern ausgebildete Lehrer“, lautet Heidi Schrodts ernüchternder Befund. Die langjährige Schulleiterin eines Wiener Gymnasiums kennt die Hürden des Schulalltags: "Die alten Schulgebäude mit ihren 60-Quadratmeter-Klassen und mangelhaften Arbeitsplätzen für Lehrer bieten nicht den nötigen Raum für ein förderliches Lernen und Lehren“, kritisiert Schrodt. Doch für ein gutes Schulmanagement gibt es nur unzureichende Ressourcen. "Schulen sollten über Globalbudgets verfügen“, fordert die Direktorin.

Das Regelmodell Halbtags- schule mit den traditionellen 50-Minuten-Einheiten erschwere eine zeitgemäße Unterrichtsstruktur, die den Biorhythmus der Schüler berücksichtigt. Auch die hier-- archische Ausrichtung des heimischen Bildungssystems mache es den jungen Lehrern nicht leicht: "In unserem zentral gesteuerten System herrscht noch immer eine Befehlskultur und ein unglaublicher Bürokratismus“, sagt Schrodt. Die AHS-Direktorin meint, dass Schulen eng mit regio- nalen Bildungszentren zusammenarbeiten sollten. "Die im Rahmen der neuen Lehrerausbildung geplante Induktionsphase sollte bereits zu Beginn des Studiums stattfinden und von einem intensiven Mentoring begleitet sein“, ist Schrodt überzeugt. Eine System- änderung sei dringend erforderlich, damit sich die Lehrer endlich vom Objekt der Bürokratie zum Subjekt der Veränderung entwickeln könnten.

Mehr Vertrauen und Gelassenheit

Der norwegische Schulforscher und Fachdidaktiker Trond Eiliv Hauge sieht Pädagogen weltweit mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert: Dem schlechten Ruf des Berufsstandes sowie der Kluft zwischen der Lehrerausbildung und den Anforderungen des modernen Schulalltags. Reformen müssten laut Hauge vor allem auf diese beiden Probleme abzielen: "Im schulisch vorbildlichen Finnland bringen Politik und Gesellschaft den Lehrern ein hohes Maß an Vertrauen entgegen. Und die Finnen gehen mit der Kluft zwischen Theorie und Praxis in der Lehrerausbildung einfach gelassener und selbstbewusster um.“ Das täte auch den österreichischen Lehrern, Schülern und Eltern gut.

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