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Länder-Match im Klassenzimmer

49 österreichische Volksschullehrer haben ihren bayerischen Kollegen die Jobs weggeschnappt - und wurden prompt als "mangelnd qualifiziert" diffamiert. Wie gut ist die Lehrerausbildung wirklich? Und: Gehen den Pädagogen bald die Schüler aus?

Karin Leibl ist sauer. So sauer, dass sie rhetorisch über die Stränge schlägt: "Diese Ausbildung ist weit unter bayerischem Niveau", empörte sich die Landesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft bayerischer Junglehrer. "Die müssten eigentlich noch einmal zur Uni oder vor Dienstantritt ganz dringend nachqualifiziert werden." Nicht etwa illegale Hilfskräfte aus dem Ausland sind Leibl ein Dorn im Auge. Was sie stört, sind vielmehr ganz legale, ausgebildete Volksschullehrerinnen und-lehrer aus Österreich. 49 von ihnen werden demnächst an bayerischen Schulen unterrichten - sehr zum Ärger von Leibl und ihren insgesamt 508 arbeitslosen Lehrer-Kollegen.

Praktischer Vorsprung

Vergleicht man die Ausbildungsdauer in beiden Ländern, so scheint die Wut verständlich: So ist in Bayern für einen Lehrerposten der Abschluss eines vierjährigen Studiums sowie eines zweijährigen Praktikums an einer Schule nötig, während Volksschullehrer in Österreich bereits nach drei Jahren an einer Pädagogischen Akademie unterrichten können. Doch ist es deshalb schon gerechtfertigt, wie Leibl von "mangelnder Qualifikation" der Österreicher zu reden? Keineswegs, betont man im Bildungsministerium: "Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen", meint Ronald Zecha, Pressesprecher von Ministerin Elisabeth Gehrer. "Wir haben in Österreich eben ein Ausbildungsmodell, wo Theorie und Praxis gemeinsam unterrichtet werden." Während die Absolventen der Pädagogischen Akademien in Übungshaupt-und Volksschulen praktische Erfahrung sammeln könnten, müssten ihre bayerischen Kollegen dies nach dem Studium nachholen. Zudem habe das bayerische Kultusministerium bei österreichischen Bewerbern von vornherein strengere Maßstäbe angelegt. Ein österreichischer Abschluss mit Notendurchschnitt 1,25 werde gleich bewertet wie ein bayerischer mit 1,8. "Dass sich trotzdem 41 von 61 Bewerbern durchgesetzt haben, macht uns stolz", so Zecha.

Der grenzüberschreitende Wettkampf um Lehrerposten wird in den nächsten Jahren zweifellos noch an Dynamik gewinnen: Schließlich gibt es schon heuer mit 84.550 Taferlklasslern rund 1100 weniger als noch im Schuljahr davor. Die Folgen: Kleineren Schulen droht die Schließung, befristet angestellte Lehrer werden nicht mehr weiter beschäftigt - und die Wartelisten jobsuchender Leher werden noch länger. "Wir haben schon jetzt zwischen 3000 und 5000 fertig ausgebildete Volks-und Hauptschullehrer, die keinen Job mehr finden", erklärt Pflichtschullehrergewerkschafter Walter Riegler. Bis auf Wien, wo der Geburtenrückgang durch einen Zuwachs an Kindern aus Migrationsfamilien kompensiert werde, litten alle Bundesländer unter Schülerschwund.

Gewünschte Mitsprache

Die Bundesländer, die für die Besoldung und Verteilung der Pflichtschullehrer an die Schulen verantwortlich sind, können demnach aus dem Vollen schöpfen. Und auch die Ansprüche der Schuldirektoren bei der Wahl ihrer Mitarbeiter werden steigen. Selbst Bildungsministerin und Lehrergewerkschaft haben sich zuletzt für mehr Autonomie bei der Lehrerberufung ausgesprochen. "Das ist schon interessant", wundert sich Günter Haider, Leiter des österreichischen PISA-Zentrums und ehemaliger Vorsitzender der von Gehrer eingesetzten "Zukunftskommission". "Vor gut zwei Jahren sind wir für diesen Vorschlag von der Ministerin und von den Lehrergewerkschaftern noch durch Sonne und Mond geschossen worden."

Verwundert bis verärgert ist Haider auch über die Entwicklungen an den Pädagogischen Hochschulen, die ab 2007 aus den rund 50 bisherigen Pädagogischen Akademien und Pädagogischen Instituten hervorgehen werden. "Wir haben uns dafür eingesetzt, dass das eine volluniversitäre Ausbildung wird", erklärt er im Furche-Gespräch. "Doch dazu hat man sich einfach nicht durchgerungen". Die Nebengeräusche bei der Bestellung der Rektorinnen und Rektoren und die Zweifel an der personellen Ausstattung dieser Hochschulen (siehe unten) seien nun "der Fluch der bösen Tat".

Keinen Fluch, sondern nur grobes Desinteresse seitens des Bildungsministeriums ortet indes Johannes Mayr vom Institut für Unterrichts-und Schulentwicklung an der Universität Klagenfurt. Als österreichischer Vertreter in einer Brüsseler Experten-Gruppe hatte er die OECD-Lehrerstudie "Teaching and Learning International Survey" (TALIS) mitentwickelt. Nun muss er damit leben, dass Österreich die Teilnahme an dieser umfassenden Studie über die Einstellungen der Lehrkräfte zum Lernen, über die Situation der Lehrerfort-und-weiterbildung sowie über die Unterstützung der Pädagogen durch das Bildungssystem verweigert. "Die Lehreraus-und-fortbildung ist derzeit eben im Umbruch - ebenso wie das Besoldungssystem", lautet die Begründung des Ministeriums.

Gefürchtete Irritationen

Johannes Mayr kann das nicht nachvollziehen: "Eine Bestandsaufnahme vor einem Umbruch bietet ja auch die Chance, die Wirkung einer Systemänderung überprüfen zu können", erklärt er. Dass Österreich auf seinem Nein beharre, hänge wohl damit zusammen, dass die Online-Lehrerbefragung "Irritationen schaffen könnte, die nicht gewünscht sind".

Noch irritierender wäre nur eine Untersuchung der tatsächlichen Lehr-Befähigung der Pädagogen, etwa ein "PISA-Test" für Lehrer. "Doch das ist ohnehin sehr schwer durchführbar", weiß Mayr.

Nicht auszudenken, wenn Österreichs Pflichtschullehrer die Bayern auf die Ränge verweisen würden: Cordoba nichts dagegen ...

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