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Gebildet, getestet, geeignet?

Wie sich die Anforderungen an den Lehrberuf verändert haben und wie die Lehrerausbildung darauf reagieren muss, erörtert Silvio Herzog, Rektor der Pädagogischen Hochschule Schwyz.

Heterogene Klassen, fordernde Eltern und ein traditionelles Einzelkämpfterum: Junge Lehrerinnen und Lehrer müssen sehr gut vorbereitet sein, um den fordernden Schulalltag erfolgreich bewältigen zu können. Dieses Ziel verfolgt die Lehrerausbildung in der Schweiz intensiv.

Die Furche: Wie sieht eine gute Lehrerausbildung aus?

Silvio Herzog: Diese Frage beantwortet uns letztlich nur die Praxis: Ist die Unterrichtsqualität unserer Absolventen hoch? Können sie ihr Handeln reflektieren und Schlüsse für die Weiterentwicklung ableiten? Nehmen Sie sich bewusst in Ihrem Berufs- alltag wahr und bleiben sie in diesem anspruchsvollen Beruf gesund und motiviert? Wenn es uns gelingt, das in der Aus- und Weiterbildung zu unterstützen, haben wir bedeutsame Arbeit geleistet.

Die Furche: Woran erkennt man geeignete Lehramtskandidaten?

Herzog: Ganz wichtig ist von Beginn weg die Motivation: Die Freude an der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist unabdingbar. Um Inhalte adressatengerecht vermitteln zu können, braucht es zudem starke kommunikative Kompetenzen. Damit die Studierenden ihre Selbstpräsentation besser einschätzen können, arbeiten wir etwa von Beginn weg mit Videoanalysen.

Die Furche: Wie wird in der Schweiz der Zugang zur Lehrerausbildung geregelt?

Herzog: Im ersten Studienjahr klären wir die Berufseignung durch eine längere Praxisphase ab: Studierende tauchen sofort in den Schulalltag ein. Erfahrene Lehrkräfte und Hochschul-Mentoren nehmen am Ende des ersten Studienjahres die Bewertung der Studierenden vor. Damit machen wir seit 2004 sehr positive Erfahrungen.

Die Furche: In der Schweiz werden sämtliche Lehrer an Pädagogischen Hochschulen ausgebildet. Wie sollte das Verhältnis von wissenschaftlichen und praktischen Ausbildungsanteilen idealer Weise aussehen?

Herzog: Ob PH oder Uni: Eine gute Lehrerausbildung muss wissenschaftlich und praxisorientiert sein. Die Wissenschaft regt das Lehren und Lernen an Hochschulen an, lässt über das praktische Handeln nachdenken und neue Handlungsoptionen erschließen, die wiederum in der Praxis erprobt werden. Der reflektierte Praktiker ist unser Ziel.

Die Furche: Können innovative Lehrer an den Schulen ihr Potenzial umsetzen?

Herzog: Wir erleben oft eine Kluft zwischen den innovativen Zugängen unserer Studierenden und der Realität an den Schulen. Eine Sozialisation der Lehrkräfte findet erfahrungsgemäß erst an den Schulen statt und fällt oft ernüchternd aus. Leider lassen sich an den Schulen Veränderungen nur sehr träge vorantreiben. Darauf müssen die Studierenden vorbereitet werden.

Die Furche: Viele Junglehrer fühlen sich überfordert und ziehen sich bald aus diesem Beruf zurück. Woran liegt das?

Herzog: In den ersten drei bis fünf Berufsjahren ist die Belastung am größten. Das zeigen unsere Studien. Junglehrer müssen plötzlich viel Verantwortung übernehmen. Schon seit den Siebzigerjahren gibt es dafür den Begriff "Praxisschock“. Auch wenn dieser nicht alle gleicher Maßen trifft, so erleben Junglehrer in den ersten Jahren die meisten Belastungen, aber auch die meisten Höhenflüge. Ein gutes Mentoring ist wichtig, damit der Berufseinstieg gelingt, aber auch, damit die Leute im Lehrberuf bleiben.

Die Furche: Inwiefern hat sich die Elternkommunikation verändert?

Herzog: Elternarbeit ist inzwischen eine zentrale Aufgabe. Der Druck der Eltern ist teils enorm, viele haben irrationale Ansprüche an die Lehrer. Doch Schule gelingt nur in Kooperation von Elternhaus und Lehrpersonen. In der Schweiz werden nicht nur die Leistungen des Kindes beurteilt, sondern auch seine Sozial- und Selbstkompetenzen. Diese Beurteilung ist sinnvoll, da ganzheitlich und gleichzeitig sehr heikel: Eltern reagieren auf die Nachricht, dass ihr Kind aggressives Verhalten zeigt aufgeregter als auf die Feststellung, dass es Schwierigkeiten mit dem Bruchrechnen hat. Auf diese Aufgabe müssen Lehrer gut vorbereitet werden.

Die Furche: Wie kann man dem wachsenden Lehrermangel sinnvoll entgegensteuern?

Herzog: Wir müssen dem großen Lehrermangel in der Schweiz mit Notlösungen begegnen: Immer mehr Schulen stellen Quereinsteiger an, die nicht die formalen Bedingungen erfüllen. Sie sollen möglichst schnell ausgebildet und eingesetzt werden können. Diese Entwicklung betrachte ich skeptisch, da sie für die Unterrichtsqualität und für die Quereinsteiger selbst zu kurzfristig gedacht ist. Längerfristige Maßnahmen setzen bei der Attraktivität des Berufs an, die Lehrer länger in ihrem Beruf verbleiben lässt, mehr und fähige Junglehrer anzieht.

Die Furche: Inwiefern können Quereinsteiger das Schulpersonal bereichern?

Herzog: Sie haben oft eine andere Motivation, einen anderen Zugang zum Lehrberuf.Damit haben wir sehr positive Erfahrungen gemacht. Bedingung ist aber, dass sie eine ihren Erfahrungen und den Berufsanforderungen entsprechende Ausbildung genießen können. Der Anteil an Männern ist in dieser Gruppe übrigens besonders hoch.

Die Furche: Sollten Direktoren Lehrkräfte auswählen und auch entlassen dürfen?

Herzog: Für die Unterrichtsqualität und den Berufsstand wäre es wünschenswert, dass Direktoren mehr Einfluss auf Personalentscheidungen haben. Die Bedingungen dafür wären eine dementsprechende Ausbildung der Direktoren und klar definierte Kriterien für die Entlassung von Lehrkräften. Direktoren sollten Lehrer auch zu nötigen Fortbildungen verpflichten können.

Die Furche: Welche Fortbildungen wären derzeit am dringlichsten?

Herzog: Die beste Fortbildung setzt am Entwicklungsstand der einzelnen Lehrkraft oder Schule an. Eine große Herausforderung ist der Umgang mit einer zunehmend heterogenen Schülergruppe: Kulturelle und sprachliche, leistungsbedingte oder auch geschlechtsspezifische Unterschiede müssen auch als Chancen für das Lernen gesehen werden. Das schafft aber keine Lehrperson für sich. Dazu braucht es Unterrichtsteams.

Die Furche: Wie muss die Lehrerausbildung auf die Ganztagsschulen reagieren?

Herzog: Das hängt davon ab, ob die Lehrer Betreuungsaufgaben übernehmen sollen oder es dafür eigenes Personal gibt. Einerseits könnte die Betreuung der Schüler mehr Information zu schulischem und außerschulischem Lernen in Verbindung bringen. Andererseits hat es pädagogische Vorteile, wenn verschiedene Leute mit unterschiedlichen Aufgaben und Rollen vorhanden sind. Schulergänzendes Betreuungspersonal könnte gezielt auf diese Aufgabe vorbereitet werden. Nicht jede Lehrkraft soll alles können und machen müssen. Eine Spezialisierung würde mehr Entwicklungsperspektiven für den Lehrberuf eröffnen.

Die Furche: Die Lehrergewerkschaft fragt, ob Erziehung Aufgabe der Schule ist.

Herzog: Das ist eine absurde Frage: Wer unterrichtet, erzieht auch. Und umgekehrt. Erziehung und Bildung geschehen sowohl in der Schule als auch in den Familien. Im Rahmen der Elternarbeit muss vereinbart werden, wer welche Aufgaben übernimmt. Mit gewissen Erziehungsaufgaben stoßen Lehrer an Grenzen. Hier brauchen sie Unterstützung, von den Eltern, aber auch von Sozialarbeitern und Psychologen.

Die Furche: Ist Team Teaching eine Antwort auf die steigende Belastung von Lehrern?

Herzog: Das Team kann die größte Entlastung und Belastung darstellen. Im Lehrberuf gibt es eine Vielfalt an Möglichkeiten zur Zusammenarbeit, die zur Entlastung der einzelnen Lehrkraft und zu einer höheren Unterrichtsqualität führen können. Alleine mit großen Gruppen zu arbeiten, ist heute schlicht überfordernd und wenig effektiv.

Die Furche: Wie kann der Lehrberuf für Männer attraktiver gemacht werden?

Herzog: Durch bessere Entwicklungschancen, einen höheren Lohn und Sozialstatus, der auch Frauen zugutekommen würde. Natürlich macht das Geschlecht noch keine gute Lehrperson aus. Allerdings würde eine stärkere Durchmischung dem Beruf, dem Kollegium und den Schulkindern guttun.

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