Der Schulleiter und die oberste Klasse

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In Zeiten der Krise von Familie und außerschulischer Jugendarbeit gewinnt die Schule und ihre Qualität als "Lebensraum"entscheidende Bedeutung.

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In Zeiten der Krise von Familie und außerschulischer Jugendarbeit gewinnt die Schule und ihre Qualität als "Lebensraum"entscheidende Bedeutung.

Je klarer die einzelne Schule (Schulgemeinschaft) den durch sie und in ihr geschaffenen Lebensraum definiert (dabei muß nicht unbedingt jene lockere Formel von der Schule als "Arbeits- und Freudenhaus" imitiert werden, die vor einiger Zeit ein Wiener Erziehungswissenschaftler einer jubilierenden Schule ins Stammbuch schrieb!), desto fester werden auch Forderungen, Verpflichtungen und Verantwortung verankert werden können. Damit ist aber festzuhalten, daß im pädagogischen und politischen Sinne der Ziele von schulischer Autonomie spezifische Bauelemente gewichtiger zu werten sein werden als generelle Rahmenbedingungen. Eine solche Entwicklung wird demnach den Aufbau schulorganisatorischer Gesamtkonzepte erschweren (die verblassende Gesamtschuldiskussion ist dafür ein deutlicher Hinweis); es sei denn, der Bildungspolitik gelingt das rare Kunststück einer sicheren Balance zwischen Regulierung und Deregulierung!

"Der Schulleiter und die Sixth Form!" war die knappe Antwort eines britischen Kollegen auf die Frage, was denn eigentlich eine "gute" Schule ausmache. Aus dem Blickwinkel einer in ihrer Größenordnung überschaubaren Schule eine sehr zutreffende Antwort. Denn ohne ausgeprägte Führungs- und Gestaltungskompetenz der leitenden Persönlichkeit läßt sich keine tragfähige Grundlage für Zusammenwirken und Gemeinschaftsorientierung der einzelnen Lehrkräfte schaffen. Individuelle Qualifikation im pädagogischen Bereich ist wesentliche Voraussetzung für die "gute Lehrerin", den "guten Lehrer", die sich nur in gemeinsamer erzieherischer Verantwortung entfalten können, sich dagegen im talentierten Eigenbröteln in ihrer Wirkung begrenzen.

Passivität oder bloßes Angepaßtsein von Schülerinnen und Schülern blockiert die Schulgemeinschaft und verhindert die "gute Schule" im Sinne einer lebendigen Schule. In der bloß formalen Erledigung der Schulpartnerschaft, aber auch im Überlassen von Aufgaben der Gemeinschaft an einige wenige "Delegierte" ist dieses Resultat von "Demokratie in der Schule" zu erleben. Im Desinteresse der jungen Menschen an der schulischen, ihrer eigenen Gemeinschaft wurzelt das spätere politische Desinteresse. Tua res agitur - auf die "sixth form" kommt es an, auf die Jugend in den obersten Klassen! Wenn hier viele zur Mitverantwortung bereit sind, dann wächst aus solcher Aktivität ein lebendiger "Sozialvertrag" und mit ihm eine "gute Schule", in der praktisches Lernen in eine elementare politische Dimension führt!

Der "Lebensraum Schule" braucht Räume! Äußerst positiv sind die Impulse zu vermerken, die aus dem Schulbau kommen und die Grenzen des in Klassen und Fachräumen organisierten Lernbetriebes sprengen, überspringen; und es sind auch umgekehrt die Bedürfnisse pädagogisch wachsender und expandierender Schulen, auf die in der Architektur des Schulbaues überzeugende Antworten gefunden werden. Neubauten, aber auch Umbauten und Adaptierungen alter, zum Teil sehr alter Schulhäuser dokumentieren diese Entwicklung!

In Schulen, die den Weg vom "Lernort" zum "Lebensraum" gehen, ist die einst so heftig geführte Diskussion um "Ganztagsschule" und "Tagesheimschule" bedeutungslos geworden! Wo sich unter Nutzung guter personeller und räumlicher Bedingungen schulbezogene, individuelle Lösungen einrichten lassen, werden verordnete Modelle überflüssig. Aus der Nachfrage von Elternseite läßt sich schließen, daß solche Betreuungsformen, die neue und nicht gerade leichte erzieherische Anforderungen bedeuten, das "Schulklima" wesentlich beeinflussen und als Merkmal einer "guten Schule" verstanden werden.

Einer Sache "Profil" geben bedeutet, sie herauszuheben, ihre Eigenart oder Besonderheit zu betonen, sie attraktiv zu machen. Übersteigerung in dieser Richtung wird als Überheblichkeit empfunden und kann als "Profilierungssucht" negativ wirken. In guter Dosis ist die Darstellung des eigenen Profils gewünschte Information und Werbung zugleich. Schulen können auf solche Instrumente nicht verzichten. Eltern/Erziehungsberechtigte suchen Information und Beratung, nicht weil sie ratlos sind, sondern weil sie vergleichen und auswählen wollen (selbstverständlich situations- und standortabhängig). Fachrichtungen oder Schwerpunkte im Bildungsangebot sollen den Weg in die vermutete "richtige Schule" zeigen; Übereinstimmung von Interessen und Fähigkeiten mit Angebot und Anforderungen machen die "richtige Schule" zur "guten Schule".

Vor gut zwanzig Jahren schon wurden in internationalen Studien Methoden sowohl zur Verbesserung wie auch zur Überprüfung (Evaluation) der Qualität von Schulen entwickelt und vorgeschlagen (zum Beispiel die "Schools and Quality"-Programme der OECD). Wie "gut" sind unsere Schulen und was leisten sie (für die Gesellschaft, aber auch für den einzelnen)? In diesen Fragen sind die Zielvorstellungen sowohl der vorgeschlagenen Erhebungen wie auch der Programme zur schulischen Weiterentwicklung enthalten. Wird die Überprüfung von außen durchgeführt und dabei nur auf einige Aspekte beschränkt (etwa die Leistungen der Lehrer), so wird das nicht nur unbefriedigend sein, es kann auch dem Schulklima schaden. Eine in sich gefestigte Schulgemeinschaft ist der Ort für die Bewertung ihrer gemeinsamen Leistungen und der Qualität ihrer Arbeit; und sie wird auch kritisch und glaubwürdig ihre Feststellungen zu vertreten haben.

Wie die "gute Familie" gibt die "gute Schule" dem Kind und dem Jugendlichen Orientierung; das soll wesentliches Charakteristikum und eigentliches Ziel sein: Orientierung als Ordnung, als Grundlage für Wertung und als Hilfe zur Einsicht in die Notwendigkeit, sich selbst zu orientieren.

Der Autor ist Kurator der Stiftung Theresianum in Wien und war Sektionschef im Unterrichtsministerium.

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