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Kann man auf die Schule bauen?

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Spiel Kind - © Foto: iStock/Innershadows

Schulverweigerung: Angelerntes Misstrauen

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Schulverweigerung ist die Zuspitzung des Vertrauensverlusts gegenüber öffentlichen Einrichtungen – und eine weitere Kraft, die Demokratie und sozialen Frieden erschüttert.

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Schulverweigerung ist die Zuspitzung des Vertrauensverlusts gegenüber öffentlichen Einrichtungen – und eine weitere Kraft, die Demokratie und sozialen Frieden erschüttert.

Was geschieht, wenn Eltern das Vertrauen verlieren, dass ihre Kinder in der Schule lernen können, was es für die Schule braucht? Für die meisten Eltern ist Bildung das Wichtigste, was sie ihrem Nachwuchs mitgeben können. Das gilt insbesondere für jene, die ihren relativen Wohlstand ihrer eigenen Bildung verdanken, aber auch für alle, die auf Aufstieg durch Bildung hoffen. Gerade in Krisenzeiten erleben sie: Materieller Besitz kann jederzeit schwinden, nur Bildung bleibt.

Was geschieht, wenn Eltern das Vertrauen verlieren, dass ihre Kinder in der Schule lernen können, was es für die Schule braucht? Für die meisten Eltern ist Bildung das Wichtigste, was sie ihrem Nachwuchs mitgeben können. Das gilt insbesondere für jene, die ihren relativen Wohlstand ihrer eigenen Bildung verdanken, aber auch für alle, die auf Aufstieg durch Bildung hoffen. Gerade in Krisenzeiten erleben sie: Materieller Besitz kann jederzeit schwinden, nur Bildung bleibt.

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Medien und Politik haben in den letzten Wochen erstaunt einen solchen Vertrauensverlust als Nebenfolge des ersten vollen Covid-Schuljahres zur Kenntnis genommen, nämlich einen rasanten Anstieg der Anzahl der Kinder, die für häuslichen Unterricht vom öffentlichen Schulbetrieb abgemeldet werden. Wie es aussieht, wird sich diese Zahl in Österreich gegenüber den Vorjahren verdoppeln, wenn nicht gar auf rund 6000 Schülerinnen und Schüler verdreifachen.

Bei uns geht diese Möglichkeit als Privileg für Adlige, Reiche und Gebildete auf Maria-Theresias Schulordnung von 1774 zurück. Sie wollte diesen nicht zumuten, dass deren Kinder die gleiche Schulbank wie die Kinder des einfachen Volkes drücken müssen. Ähnliche Regelungen gibt es heutzutage in zwei Dritteln aller europäischen Staaten. Österreich gehört sogar zu den eher strengen Ländern, da jedes betroffene Kind am Ende eines Schuljahres eine externe Prüfung ablegen muss. Auch was den Zulauf zu häuslichem Unterricht betrifft, ist Österreich kein Ausreißer. Mit rund einem halben Prozent der Altersgruppe dürfte Österreich im unteren Mittelfeld angesiedelt sein, weit entfernt von Quoten, wie sie mit eineinhalb Prozent aus England oder mit über zehn Prozent aus den USA gemeldet werden.

Ablehnung des Regelbetriebs

Da in Österreich der Übergang zu häuslichem Unterricht nicht begründet werden muss, gibt es keine verlässlichen Daten zu den dahinter liegenden Motiven. Untersuchungen aus der Zeit vor Covid-19 deuten auf die Ablehnung des Regelbetriebs an öffentlichen Schulen als Hauptmotiv. Diese Ablehnung kann pädagogisch, religiös oder politisch unterfüttert sein. In den meisten Fällen wird aber nicht viel mehr als eine pauschale Angst vor unerwünschten Nebenwirkungen des Schulalltags artikuliert: Wie werden sich Einheitsbetrieb, Konkurrenzkampf, Unterrichtsstörungen durch leistungsschwache oder verhaltensgestörte Kinder, vielleicht sogar Mobbing auf meine Kinder auswirken? Diese Angst dürfte durch das Unbehagen am staatlichem Umgang mit der Pandemie verstärkt worden sein.

Erst in zweiter Linie scheint sich vielen die Frage zu stellen, was dann wie im häuslichen Unterricht stattfinden soll. In der Praxis reicht das von der bloßen Verlagerung des Fachunterrichts an den Küchentisch bis hin zu komplexen Arrangements, die den Kindern „freies“ Lernen ermöglichen sollen. Da in Österreich die meisten Eltern, die häuslichen Unterricht anmelden, entweder über ausreichend Vorbildung oder über Ressourcen verfügen, ihn von Dritten erteilen zu lassen, zudem für jede erdenkliche Vorgehensweise mehr als ausreichend Unterrichtsmaterial online zu bekommen ist, ergeben sich anscheinend keine unüberwindlichen Hürden.

Die Abmeldung von der Schule bringt Kinder um die entscheidende Erfahrung, die Schule vermitteln soll: die Kultivierung des Umgangs miteinander.

Stefan T. Hopmann

Eine besondere Rolle spielen dabei Lerngruppen, in denen Kinder aus verschiedenen Haushalten zusammenfinden. Auch hier gibt es eine erhebliche Spannbreite von eher traditionellem Unterricht bis hin zu anspruchsvollen Lernarrangements, darunter auch höchst zweifelhafte Angebote mit esoterischen, ideologischen oder fundamentalistischen Untertönen. Da solche Zusammenschlüsse streng genommen nicht zulässig sind (sondern um Zulassung als Schule ansuchen müssten), ist dies ein äußerst volatiler Sektor, in dem ständig neue Initiativen entstehen und bestehende Lerngruppen selten die Gründungsgeneration überdauern.

Gemeinsames Weltverstehen üben

Man könnte also fragen: Wo ist angesichts der geringen Anzahl Betroffener, die zudem fast immer die selbstgesteckten Ziele erreichen, das Problem? Insbesondere aus Sicht der Eltern, die sich die Entscheidung für den häuslichen Unterricht reiflich überlegt haben und erhebliche Ressourcen investieren, ist der Ruf nach Abschaffung dieses „Schlupfloches“ schwer verständlich. Dennoch ist diese Entwicklung höchst bedenklich: Die Abmeldung von der Schule bringt Kinder um die entscheidende Erfahrung, die Schule vermitteln soll. Die ist nämlich nicht Wissensvermittlung, die privat genauso gut erfolgen kann, sondern die Kultivierung des Umgangs miteinander. In der Schule lerne ich, mich mit anderen über Sachverhalte zu verständigen. Noten zeigen in diesem Sinne ja auch kein bestimmtes Wissen an, sondern die Bewährung im Unterricht. Die gemeinschaftliche Einübung in Modi des Weltverstehens (sprachlich, mathematisch, ästhetisch usw.) ist Grundvoraussetzung, um sich in demokratischen Gesellschaften unbeschadet der sozialen Herkunft verstehen zu können.

Das halbe Prozent, das den häuslichen Unterricht wählt, ist zudem nur die Spitze eines Eisberges. Das Schulvertrauen haben auch jene verloren, die sich genötigt sehen, Schulerfolg durch bezahlte Nachhilfe zu sichern. Deren Anteil ist in Österreich nach Berechnungen der Arbeiterkammer allein im ersten Covid-Jahr um acht auf siebenunddreißig Prozent gestiegen. Damit nähern sich die hiesigen Verhältnisse an international übliche Quoten an: Weltweit ist mehr als die Hälfte, in vielen asiatischen Ländern mehr als drei Viertel aller Kinder und Jugendlichen ständig doppelt in der Schule. Dabei haben die Nachhilfekosten zuletzt in einem Umfang zugenommen, dass sich mehrere Länder (zum Beispiel China, Südkorea) gezwungen gesehen haben, regulierend einzugreifen. Andere Länder setzen auf öffentlich geförderte Angebote. Wie auch gestaltet, ist es doch immer eine Verschiebung der Verantwortung für misslungenen Unterricht auf individuelles Schulversagen.

Jagd nach großartigen Schulleistungen

Schließlich müssen auch noch jene berücksichtigt werden, die vor der öffentlichen Schule in private Anstalten flüchten. Deren Anteil liegt in Österreich bei etwas über zehn Prozent und damit ziemlich genau im internationalen Durchschnitt. Der private Sektor hat weltweit in den letzten Jahrzehnten stagniert oder leicht abgenommen, wächst aber seit Kurzem wieder. Die Covid-Folgen scheinen hierbei eine ohnehin schon im Gang befindliche Tendenz zu bestärken: Niedrigschwellige Angebote zumeist kirchlicher Träger sind in ihrer Existenz gefährdet, hochpreisige Angebote freier Träger können sich vor Nachfrage kaum retten. Noch mehr als bei häuslichem Unterricht und Nachhilfe vertiefen sich hier die sozialen Gräben: Nur wer hat, dem wird gegeben.

Dem allen könnte man jetzt noch die steigende Anzahl von Sonderformen öffentlicher Schulen hinzurechnen, in denen soziale Segregation durch „Talente“ ermöglicht wird (bilingual, musisch, hochbegabt usw.). Sie alle sind Teil eines Prozesses, in dem das öffentliche Schulwesen auseinanderbricht und die Regelschule zur Resteverwertung für jene verkommt, die ihr nicht entkommen können. Angetrieben wird dieser Zerfall im Schatten von PISA durch eine pädagogisch wie wirtschaftlich sinnlose Jagd nach immer großartigeren Schulleistungen. Der Forschungslage nach verschafft dieser Leistungswahn weder individuell noch in der globalen Konkurrenz irgendwelche nachhaltigen Vorteile. Dessen Hauptzweck ist denn auch ein ganz anderer, nämlich die Legitimierung wachsender sozialer Ungleichheit. Dieser Klassenkampf von oben wird im kommenden Schuljahr in Österreich durch neue Lehrpläne und Tests noch weitergetrieben.

Durch Covid-Folgen entleerte öffentliche Kassen werden obendrein diese Spaltung durch Einsparungen nicht nur in der Schule, sondern auch in der Kranken- und Sozialversorgung vertiefen. Am Ende steht eine von der Wiege bis zur Bahre in soziale Klassen streng geteilte Gesellschaft. Schulverweigerung ist in diesem Kontext nur eine radikale Zuspitzung eines verständlichen Verlusts des Vertrauens in die Zukunft öffentlicher Einrichtungen. Sie ist nur eine von vielen Kräften, die zurzeit die Grundlagen von Demokratie und sozialem Frieden erschüttern.

Der Autor ist Professor für Bildungswissenschaft an der Universität Wien.

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