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SCHULEN, DIE EIN „MEHR" ANBIETEN WOLLEN

Am 29. Mai 1992 gibt es in Wien-Währing ein großes Straßenfest mit Gedenktafelenthüllung und Sonderpostamt: Anlaß ist der Abschluß des 100-Jahr-Jubiläums der Albertus-Magnus-Schule der Marianisten, einer katholischen Privatschule mit Volksschule, Hauptschule, Gymnasium, Schülerheim und Studentenheim. Vielleicht ist schon die Art, wie Privatschulen solche Feste zu feiern verstehen (im Durchschnitt, nicht in jedem Einzelfall, mit mehr Elan als öffentliche Schulen), ein Hinweis auf das Geheimnis ihrer Erfolge.

Im Grunde machen erst Privatschulen die breite Vielfalt des Schulwesens aus, weil sie den Rahmen des Regelschulwesens dehnen oder sogar sprengen. Sie haben einen großen Anteil im Bereich der allgemeinbildenden Schulen (siehe Tabelle auf Seite 12), und sie bereichern das berufsbildende Schulwesen um zahlreiche Facetten. In einer Schule, dem Werkschulheim Felbertal im Salzburger Ebenau, kann sogar in neun Jahren mit dem AHS-Maturazeugnis der Gesellenbrief in einem Handwerk erworben werden.

Der Bogen der Privatschulen reicht von Anstalten, deren Lehrpläne und Bildungsziele genau jenen entsprechender öffentlicher Schulen gleichen (etwa bei den Handelsakademien des Fonds der Wiener Kaufmannschaft), bis zu „Statutschulen" (siehe Beitrag auf Seite 12), deren Zeugnisse keine allgemeine Anerkennung finden. Absolventen solcher „Alternativschulen" müssen sich unter Umständen noch, ebenso wie im Regelschulwesen gescheiterte Jugendliche, auf die

Externisten-Reifeprüfung vorbereiten und werden dabei in der Regel eine -ebenfalls private - „Maturaschule" in Anspruch nehmen.

Für die kleine Gruppe jener, die grundsätzlich eher einer anderen als der an öffentlichen Schulen üblichen Pädagogik vertrauen (obwohl auch dort die Lehrfreiheit mehr erlauben würde, als tatsächlich praktiziert wird), ist der Weg in eine private Schule unumgänglich. Was Privatschulen betrifft, deren Lehrplan und Leistungsanforderungen am öffentlichen Schulwesen orientiert sind, geben Eltern auf die Frage, warum sie ihre Kinder dort unterrichten lassen, vorwiegend folgende Antworten:

□ weil die Schule einen guten Ruf hat,

□ weil die Lehrer engagierter arbeiten,

□ weil intensiver gelernt wird,

□ weil kein Massenbetrieb herrscht,

□ weil nicht nur Wissen vermittelt wird, sondern der ganze Mensch (wenn möglich auch im Sinne einer Weltanschauung oder Religion, die die Eltern bejahen) erzogen wird,

□ weil es interessante Zusatzangebote gibt.

Der bedeutendste private Schulerhalter ist zweifellos die katholische Kirche - und das nicht nur in Österreich. Im „Annuario Statistico della Chiesa" von 1989 werden weltweit 111.276 katholische Schulen mit 36,100.416 Schülern (Kindergärten und Hochschulen nicht mitgerechnet) angeführt, daneben nimmt sich Österreichs gesamtes Schulwesen von 1989 (6.648 Schulen mit 1,148.678 Schülern) relativ bescheiden aus. Über sieben Prozent der österreichischen Schulen sind Privatschulen, 4,88 Prozent aller Schulen (bei einzelnen Schultypen ein weit höherer Prozentsatz) haben einen kirchlichen Träger (Tabelle auf Seite 15).

Mit dem erforderlichen „guten Ruf kann sicher das Jesuitenkolleg Kalksburg aufwarten, das sich - so Rektor P. Reinhold Ettel - als „Schule mit mehr Möglichkeiten" präsentieren will. Das „Mehr" besteht nach seinen Worten darin, daß vieles zusätzlich geschieht, daß sich die Lehrer besonders bemühen, daß das Tagesinternat nicht nur Aufbewahrung, sondern engagiertes Begleiten in Schule und Freizeit bedeutet. Das bedeutet, daß viele Freigegenstände und Neigungsgruppen (ob Theater, Chor, Orchester, Sport et cetera) angeboten werden, daß internationale Begegnungen (samt Schüleraustausch) Zustandekommen, daß neue - später von anderen Schulen übernommene - Projekte gestartet wurden (in Kalksburg zum Beispiel Sprachlabor-Arbeit, EDV-Kurseoder Seminarwochen vor Schulschluß). In Zusammenarbeit mit dem Wirtschaftsförderungsinstitut ermöglicht Kalksburg derzeit auch Interessierten in den sechsten und siebenten Klassen zusätzlich eine handwerkliche Ausbildung (Tischler, Kfz-Me-chaniker, Schlosser).

Interessant klingt ein Zukunftsprojekt der Kalksburger, das P. Ettel so beschreibt: „Eine internationale Wirtschaftsschule für 14- bis 19jährige mit zweisprachigem Unterricht. Es besteht dafür bereits Interesse von internationalen Organisationen." Der Lehrplan soll ganz auf der christlichen Soziallehre aufbauen, denn Kalksburg will seiner katholischen Tradition treu bleiben, auch wenn dem Lehrkörper nur mehr drei Jesuiten angehören. P. Ettel betont aber: „Eine ignatianische Pädagogik hängt nicht von der Zahl der Jesuiten ab." Tatsächlich zeigen auch Beispiele anderer Ordensschulen, daß der traditionelle „Geist" solcher Schulen auch von Laien, die sich als „Volk Gottes" verstehen, wachgehalten werden kann.

Auch nichtkonfessionelle Schulen bemühen sich natürlich um ein unverwechselbares Image. Zum Beispiel ist das Wiener Theresianum bekannt für seine Anforderungen, was Sprachen betrifft: Englisch, Französisch, Russisch und Latein sind Pflichtfächer, darüber hinaus werden Spanisch, Italienisch und Japanisch angeboten. Wie bei vielen Privatschulen lockt hier auch die Infrastruktur: schöner Park, gute Möglichkeiten für Sport (Trickskilauf, Fechten, Judo) und künstlerische Ambitionen (Theater, Orchester). Theresianum-Verwal-tungsdirektor Gottfried Wallner versteht gut, daß Eltern eine Schule mit solchen Möglichkeiten und Ganztagsbetreuung wählen, denn zu Hause gingen Kinder am Nachmittag allzu oft „unvernünftigen Beschäftigungen" nach.

Die Waldorfschulen, die auf den erzieherischen Ideen des Anthropo-sophen Rudolf Steiner beruhen, nennen weniger die Vermittlung von Wissen als ihr Anliegen, sondern betonen, was sie fördern wollen: Selbständigkeit, harmonische Entwicklung, soziale Integration, Forschergeist, schöpferisches Handeln, Arbeitsfreude, Tatkraft, Umweltverantwortung, Vielseitigkeit. Es gibt dort keine Noten, sondern eine ausführliche Beurteilung des Schülers, Klassenwiederholungen kommen kaum vor.

Die Entscheidung für eine Privatschule muß oft sehr früh fallen. Viele Eltern, die eine Erziehung „aus einem Guß" anstreben, wählen eine Schule, die alle Stufen vom Kindergarten bis zur Matura anbietet. Rechtzeitige Voranmeldung ist an den angesehenen Schulen sehr ratsam, beim geplanten Eintritt in eine AHS-Lang-form schon während der dritter Klasse Volksschule. Privatschulen haben im wesentlichen die Möglichkeit, sich ihre Schüler auszusuchen, müssen also nicht (außer in Ausnahmefällen) jeden Schüler aufnehmen, auch nicht im Pflichtschulbereich. Hier ist der Run auf einzelne Privatschulen - zum Beispiel auf die Neuland-Schule in Wien-Favoriten, die viele Kinder aus Platzgründen abweisen muß - enorm. Es ist keine Frage, daß in solchen Fällen ein Halbinternat-Angebot und/ oder die Tatsache, daß an Privatschulen weniger Ausländerkinder zu finden sind, sehr viel zur Attraktivität einer Privatschule beiträgt.

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