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Schulen und Sorgen

JENES LAND, DAS SEINER JUGEND keine Schulen zu bieten weiß oder eine Jugend von heute mit Schulen von gestern abspeisen will, hängt sich den Mühlstein des geistigen und wirtschaftlichen Abstiegs eigenhändig um den Hals. 107.627 Schüler wetzten dieses Jahr in der

Steiermark die Volksschulbänke, 27.781 im Burgenland.

Diese gewaltige Zahl junger Menschen, die es mit aller Sorgfalt und Verantwortung zu erziehen gilt, verteilt sich nach der Volksschule auf die verschiedenen Schultypen; eine nicht geringe Zahl beschließt die Schulbildung an den Hochschulen und Universitäten. Wie groß diese Zahl ist, hängt zu einem guten Teil von den Möglichkeiten ab, die das Land bietet und bieten kann.

Die Notwendigkeit, schulische Einrichtungen zu schaffen und zu erhalten, die eine weitgehende und individuelle Ausbildung der latenten Fähigkeiten gestatten, ist unbestritten. Pläne liegen bereit; an gutem Willen fehlt es nicht.

Nur eines ist rar: Geld.

Die Grüne Mark trägt auch in dieser Hinsicht die Farbe der Hoffnung, obwohl die Schwierigkeiten beträchtlich sind. Die Landeshauptstadt Graz macht verzweifelte Anstrengungen, aus dem Austraigstüberl einer „Pensionopolis“ auszubrechen, die Technische Hochschule mag ein Beispiel dafür sein: Eingeengt von einem baulichen Korsett, bedroht von chronischem Geldmangel, leistet sie in einer Vielfalt von Instituten Erstaunliches. Mit Hilfe eines feinen Gespürs für gewinnträchtige Arbeiten wursteln sich die Institute durch und entwickeln von der Spezialschleifmaschine für den Zylinder des Wanckel-Motors bis zum Gerät für den Elektroheilschlaf (Elektrodorm) vieles, was Österreich wieder in die Reihe konkurrenzfähiger Industrieländer zu stellen vermag. „Damit die Steirer mehr können als Lederhosen tragen und Gitarre spielen“, bemerkte Dipl.-Ing. Wagner bei einer Führung durch die Institute.

Trotz aller Provisorien und der Gabe zur Improvisation werden die tristen Raumverhältnisse immer schwerer tragbar: Wertvolle Geräte verstau

ben in den Gängen; die Institute leiden unter einer räumlichen Schizophrenie, die eine schnelle Koordinierung oder eine straffe Konzentration der Forschungstätigkeit unmöglich macht.

Die Hörsäie sind zu eng, der Festsaal sogar für Promotionen oft zu

klein. Natürlich besteht ein Bauvorhaben, das die Erweiterung des Altgebäudes vorsieht, die Errichtung einer neuen Bibliothek und eines Auditorium maximums.

Auf zwei weiteren großen Baugeländen, die schon zur Verfügung stehen, ist die Errichtung weiterer Institute geplant. Ein Langzeitprogramm (Rektor Klaudy beziffert es mit 10 bis 25 Jahren) soll über die finanziellen Durststrecken helfen. Kosten: 80 bis 90 Millionen Schilling pro Jahr.

DOCH NICHT NUR AUF HOCHSCHULEBENE gibt es Probleme. „Wir sind keine Schule für minderbegabte Kinder oder kriminell veranlagte Zöglinge“ betont Hofrat Dr. Josef Krischan, Direktor der Bundeserziehungsanstalt in Graz- Liebenau. „Bundeserziehungsanstalt — mit diesem Namen sind viele falsche und für uns schädliche Vorstellungen verbunden, diese Bezeichnung kostet uns jährlich Schüler; dazu kommt, daß die Konkurrenz Wächst.“

Die BEA in Liebenau hat allerdings schon mehr hinter sich gebracht als Namensschwierigkeiten. Bis 1919 als Kadettenschule geführt; konnte sie bis 1935 bereits als Bundeserziehungsanstalt arbeiten, deren Prinzipien wie heute strenge Auslese, besondere Pflege der musischen und künstlerischen Anlagen der Zöglinge sowie intensive Leibeserziehung waren. 1935 bis 1938 wurde die Anstalt als Militärmittelschule geführt, in den Kriegsjahren als Oberschule „Haus Liebenau“ des „Großen Militärwaisenhauses Potsdam“.

Nach Kriegsende dienten die Gebäude erst als russisches, dann als englisches Lazarett, 1947 konnte die Anstalt als BEA wiedererrichtet werden, und 1950 bis 1953 erfolgte

der erste Ausbau durch Errichtung neuer Gebäude.

In 15 Klassen betreuen 26 Lehrer, die zugleich als Erzieher tätig sind, 378 Zöglinge. Die Zöglinge sind auf kleinere Guppen, sogenannte „Familien“, aufgeteilt, die meistens einen Halbstock eines Internatsgebäudes bewohnen.

Freizeit ist knapp bemessen, die Ausbildung intensiv und vielseitig. Im Garten sitzen Klassen der Unterstufe und proben eine gesangliche Aufführung des „Struwwelpeter“, im Keller arbeiten Zöglinge nach eigenen Vorlagen an Gipsreliefs, nebenan wird geschnitzt, geschmiedet, über die Treppe kommt eine Baßgeige gewandert (mit einem eifrigen Stöpsel dahinter), im nächsten Gebäude wird bei naturwissenschaftlichen Übungen der Versuch gemacht, Querverbindungen zwi-

sehen Physik, Chemie und Naturgeschichte zu finden.

Der ahnungslose Besucher wird in einem selbstgebauten Lügendetektor seiner Spitzfindigkeit entblößt; in der chemischen Hexenküche entstehen Kunststoffe, wird analysiert, experimentiert. Schwimmhalle und Sportplatz weiden mit Eifer benutzt, im Speisesaal probt man Kabarett

EIN STRUPPIGER LAUSER AUS DER dritten Klasse meint auf die Frage, ob er zufrieden sei, na ja. leicht sei es nicht, und das Essen — aber es werde schon werden!

Die Bundeserziehungsanstalt am Rande der aufstrebenden steirischen Hauptstadt hat sich die Aufgabe gestellt, Jugendlichen, die aus finanziellen oder familiären Gründen schulisch benachteiligt wären, eine gediegene Ausbildung zu vermitteln. Seit 1955 besteht für die jeweilige siebente Klasse ein Austauschprogramm mit Frankreich (Ecole Saint Louis de Gonzague) über sechs Wochen. Wanderwochen und Wienwochen vervollständigen den Lehrplan.

Diese Ausbildung ist ein guter Teil im Zukunftsmosaik eines Staates, der im geistigen und menschlichen Wettstreit wieder Anerkennung durch Leistung erringen will.

SCHLÄGT MAN SICH IN DER Steiermark noch mit Problemen herum, die erst auf den zweiten Blick ihre finanzielle Natur erkennen lassen, liegen im Burgenland die Verhältnisse anders: Hier gilt es kaum, zu reorganisieren oder zu erneuern, hier gilt es, von Grund aus aufzubauen.

Erst mit dem Jahre 1945 kannte man mit dem Aufbau eines burgenländischen Schulwesens aus der Perspektive seiner österreichischen Organisation beginnen. Diese letzten zwei Jahrzehnte wurden gut genützt. „Was sollte sich sonst bezahlt machen als der Bau von Schulen?" meinte der Bürgermeister von Oberwart. „Und was den Geldmangel angeht, wer hat denn keine Geldsorgen?"

Dieser rasche Aufbau eines Schulwesens bringt alle Vor- und Nachteile eines schnellen Wachstums mit sich. Großzügigkeit, Freiheit von überholten Leitbildern, anderseits den Mangel an Erfahrung und die Gefahr der unüberlegten Gründung von Schulen. Die Schulraumnot ist nach wie vor akut, das Problem der Sonderschulen nicht allein durch Schulbauten zu lösen.

Die burgenländische Landesregierung hat 1965 ein Schulbauprogramm beschlossen, das sich über einen Zeitraum von zehn Jahren erstreckt Dieser Plan sieht unter anderen in den Jahren 1966 bis 1969 die Fertigstellung von 13 Volksschulen und 16 Hauptschulen sowie den Baubeginn und die Bauweiterführung von weiteren 13 Volks- und 14 Hauptschulbauten vor. Bis einschließlich 1965 wurden vom Lande für Schulbauten 158 Millionen Schilling auflgewendet. Bis einschließlich 1969 wird das Land etwa 140 Millionen Schilling aufbringen müssen.

Herr, Du hast mein Schicksal geleitet und Deine Hand war stets über mir, steht auf dem Schmuckblatt zu lesen, das der Direktor der neuen 2-Millionen-Volksschule in Piringsdorf auf seinen' Schreibtisch gestellt hat. Er und die Gemeinde mit 860 Einwohnern haben es schon geschafft.

Ein vorbildlicher Schulbau mit

einer ebenso vorbildlich sparsamen Bauführung: Frau Schuldirektor hat ihr Herz an die Blumen verloren, die im ganzen Schulhaus zu finden sind und den kleinen Piringsdorfem nicht nur einen freundlichen Rahmen, sondern auch eine Erziehung zum Schönen und zur Pflege des Schönen geben sollen. Der Direktor ist indessen zu den kleineren Sorgen zurückgekehrt und überlegt, ob er den Schülern nächstes Jahr Holzpantoffel statt der Gummischuhe anziehen lassen soll, die sich für Kinder wie Fußböden nicht als geeignet erwiesen haben. Ein kleiner Schritt vorwärts war der Bau dieser Schule, doch es werden noch viele solcher Schritte gemacht werden müssen.

IN DER ALTEN VOLKSSCHULE in Mariasdorf ist die Situation des burgenländischen Schulwesens unmittelbar und eindringlich spürbar: Ein alter, dunkler, fast baufälliger Raum, vollgestopft mit Kindern, Lehrtafeln und Bastelgegenständen.

In der ersten Reihe zeichnen Mäd-

dien an einem Mosaik, das sie dann mit bunten Glassteinen bekleben, dahinter basteln Buben an Alraunenmännchen, und ganz im Hinter

grund meißeln einige Kunstbeflissene Gesichter aus alten Ziegeln.

Jedes dieser Kinder ist mit Freude an der Arbeit, die Ergebnisse spiegeln diese Freude wider.

Kinder, die mit Freude lernen, geben ihrem Land eine Nasenlänge Vorsprung vor den anderen. Diese Kinder verdienen es, daß alle Bemühungen dahin gehen, ihrem Lerneifer und ihren Begabungen entsprechende Ausbildungsstätten zu schaffen. Ganz anders ist das Problem der Sonderschulen gelagert. Diese Schulen stehen Kindern offen, die durch Krankheit oder Veranlagung das durchschnittliche Intelligenzniveau ihrer Altersstufe nicht erreichen. Sie hemmen in einer Volksschule nicht nur den Lernfortschritt der Klasse, sondern haben auch durch die Unmöglichkeit eines anerkennenswerten Erfolges eine

schwere seelische Belastung zu ertragen. Der Fall eines kleinen Buben, nennen wir ihn Hans, veranschaulicht die Problematik:

Hans besuchte drei Jahre lang erfolglos die erste Volksschulklasse. Seine Mutter, auch sie hatte in ihrer Schulzeit diesbezügliche Schwierigkeiten gehabt, suchte die psycholo-

gisch-pädagogische Beratungsstelle in Eisenstadt auf, um Hans auf seine schulische Eignung testen zu lassen.

Der kleine Hansi wurde mit dem Hamburg-Wechsler-Test überprüft und erreichte dabei einen Intelligenzquotienten von 67, der damit weit unter dem Durchschnittswert 100 lag. Hansi wird also eine der drei Sonderschulen des Burgenlandes besuchen, dort unter Kindern gleicher Intelligenzstufe wieder Selbstvertrauen gewinnen und mit der bestmöglichen Ausbildung die Schule verlassen. Es wird ihm leicht sein, seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen.

DAMIT SIND AUCH DEM BAU NEUER SCHULEN dieses Typs enge Grenzen gesetzt, weil die Auswahl der Kinder, die für den Besuch von Sonderschulen empfohlen werden, aus dieser Erwägung heraus möglichst eng gehalten werden muß, Sonderschulen mit Schülermangel dagegen eine entgegengesetzte Haltung provozieren könnten.

Neben diesen Sorgen gibt es auch Erfreuliches für Eisenstadts Schulplaner: Die neue Hauptschule ist fast fertiggestellt, ein nach modernsten Gesichtspunkten errichteter Gebäudekomplex, der bis jetzt 42 Millionen Schilling gekostet hat. Die Planung nahm bereits Rücksicht auf das polytechnische Jahr, der Jugend ist jener Platz eingeräumt, den sie braucht,, um ins Leben hinein

zuwachsen.

In Oberwart besteht eine Landesfachschule für Damenkleidermacher und wirtschaftliche Frauenberufe neben einer Handelsakademie und einer Handelsschule. Nicht ganz ohne tieferen Beweggrund ist diese Schule der Abschluß unserer schulgeographischen Rösselsprünge. 115 wohlerzogene Mädchen bereiten sich hier mit Schneicierkreide und Meßband, Kochlöffel und Nähnadel auf den Ernst des Lebens vor.

Geld, das für Schulen investiert wird, ist gut angelegt. Keine Inflation und kein Krieg kann Wissen

und Bildung zerstören. Österreich, jedes einzelne Bundesland, hat von seinen großen Schulmännern ein gewaltiges Erbe übernommen, ein Erbe und einen Auftrag: Menschen zu erziehen, ihr Leben erfüllt und wertvoll werden zu lassen.

Die Zukunft wird es zu danken wissen.

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