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Wo hat man dessengleichen schon gesehen?

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Schüler, Lehrer und Eltern im Einsatz für ein schöneres, menschlicheres Österreich - das klingt wie eine hohle Phrase, entspricht aber bezüglich der Aktion „1000 Jahre Österreich“, die das Unterrichtsministerium im Vorjahr zum Nationalfeiertag startete, durchaus der Wahrheit. An Österreichs Schulen setzte man zu diesem „Nationalfeiertag ohne Pathos“ Grillparzers - zu diesem Anlaß oft strapaziertes - Loblied auf Österreich in die Tat um. Man dachte sich nicht nur sein Teil und ließ die anderen (fest)reden, man handelte auch - mit „klarem Blick“ und „offnem, richt’gem Sinn.“

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Schüler, Lehrer und Eltern im Einsatz für ein schöneres, menschlicheres Österreich - das klingt wie eine hohle Phrase, entspricht aber bezüglich der Aktion „1000 Jahre Österreich“, die das Unterrichtsministerium im Vorjahr zum Nationalfeiertag startete, durchaus der Wahrheit. An Österreichs Schulen setzte man zu diesem „Nationalfeiertag ohne Pathos“ Grillparzers - zu diesem Anlaß oft strapaziertes - Loblied auf Österreich in die Tat um. Man dachte sich nicht nur sein Teil und ließ die anderen (fest)reden, man handelte auch - mit „klarem Blick“ und „offnem, richt’gem Sinn.“

Wohin der Blick sich wendet, gab es Aktivitäten, die mit dem 26. Oktober 1976 keineswegs abgeschlossen waren, somit ergibt sich erst jetzt ein abgerundetes Bild. „Es war die erste Aktion, bei der das Unterrichtsministerium den Mut hatte, die konkrete Gestaltung den Einrichtungen der schulischen Mitverwaltung zu übertragen,“ faßt Dr. Kurt Scholz von der Abteilung für politische Bildung des Ministeriums zusammen. Der entsprechende Erlaß, nur an die 1288 österreichischen Schulen mit Schulgemeinschaftsausschuß «gerichtet, fand aber auch an anderen Bildungsstätten deutliches Echo.

So beteiligten sich nicht nur 134 allgemeinbildende höhere Schulen, 116 Berufsschulen, 71 berufsbildende höhere Schulen und 65 polytechnische Lehrgänge - insgesamt fast ein Drittel der Schulen mit Schulgemeinschaftsausschuß -, sondern auch 100 Schulen ohne diese Einrichtung:

53 Hauptschulen, 40 Volksschulen und 7 Sonderschulen.

Für die interessantesten Projekte waren Buchpreise und Geldprämien vorgesehen, die zum Teil von den Schulen gleich wieder für soziale Zwecke verwendet wurden. Fünf Schulen winkte als Hauptpreis eine New York-Reise für je fünf Personen. Dort wurden diesen Glücklichen österreichische’ Außenstellen, UN- Einrichtungen und amerikanische Schulen gezeigt und Gelegenheit ger boten, Dr. Kurt Waldheim in seinem Privatbüro zu besuchen, ihn als erste österreichische Gruppe zu seiner Wiederwahl zum UN-Generalsekretär zu beglückwünschen.

Wie sahen nun die originellsten Projekte aus? Der Erlaß gab bewußt keine irgendwie verpflichtenden oder näher aus geführten Richtlinien, sondern nur einige Anregungen für Aktionen im sozialen und kulturellen Bereich. Bei der Prämienvergabe wollte man sich nicht daran orientieren, „wie spektakulär eine Aktion war, sondern in welchem Verhältnis sie zu den Mitteln und Möglichkeiten der einzelnen Schule steht.“

Da nahm sich zum Beispiel die Höhere Bundeslehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau in Wien in jedem österreichischen Bundesland einer Gedenkstätte an einen berühmten Österreicher an. Lehrer und Schüler sorgten dafür, daß neun Gräber oder Denkmäler, darunter das Monument für Jodok Fink in Bregenz und das Grab von Franz Kranewitter in Innsbruck, gärtnerisch neu gestaltet wurden - „von Blumen süß durchwürzt und edlem Kraut.“

Eine Fülle von Ideen verwirklichte das Bundesrealgymnasium in Reutte. So wurde die nahegelegene Ruine Ernberg gesäubert, eine Aktion, die man nun alljährlich durchführen will, eine Sammelaktion für Friaul gestartet und ein großer Flohmarkt veranstaltet, dessen Erlös von 125 000 Schilling alle Erwartungen bei weitem übertraf. Man hatte nur den Kauf eines Narkosegerätes für das Bezirkskrankenhaus angestrebt, wofür 60 000

Schilling gereicht hätten. Auch der „Rest“ kam karitativen Zwecken zugute.

Ein weiterer der fünf Hauptpreisträger war die Höhere Bundeslehranstalt für wirtschaftliche Frauenberufe und Bundesfachschule für Damenkleidermacher in Salzburg, die sich auf Behindertenprobleme konzentrierte, ohne auf der hier so naheliegenden Mitleids welle zu segeln. Neben finanzieller Hilfe bemühte man sich vor allem um die Erleichterung der sozialen Integration der Behinderten.

Auch. Wien war unter den Preisträgern vertreten. Das Technologische Gewerbemuseum kümmerte sich um ein in der Bundeshauptstadt sehr verbreitetes Anliegen, die Gestaltung eines Kinderspielplatzes. Mit zum größten Teü von der Industrie geschenktem Material wurden ein Kinderkarussell im Wert von 60 000 Schilling für den Liechtensteinpark sowie 150 Pakete Steckspielzeug für die Caritas der Erzdiözese Wien angefertigt.

Den Vogel unter allen Aktionen schoß wohl die Höhere Technische Bundeslehranstalt Kapfenberg ab. Unter Leitung von Professor Dr. Rüdiger Mendel und mit Hilfe wissenschaftlicher Beratung durch Univ. Doz. Dr. Erich Raab vom Psychologischen Institut der Universität Graz wurde in der Neubausiedlung „Wal- fersam“ eine Umfrage „Wie fühlen Sie sich in Ihrer Umwelt?“ unternommen. Nach der Auswertung der Resultate und öffentlichen Diskussionen mit den Bewohnern Walfersams ging man daran, entlang der Mürz einen Promenadenweg in Richtung Stadtzentrum anzulegen, einen Abenteuerspielplatz zu errichten und eine Spielwoche zu veranstalten.

War schon das Erforschen der Bedürfnisse der Bewohner einer modernen Stadtrandsiedlung eine beispielhafte Tat, so war der Versuch noch verdienstvoller, diesen Bedürfnissen auch durch entsprechende Maßnahmen Rechnung zu tragen. So nahm man sich auch für die Zeit nach dem Nationalfeiertag 1976 Diskussionen mit der Bevölkerung und Politikern vor, so plante man einen weiteren Ausbau des Promenadenweges durch ökologische Bepflanzung, Anfertigung und Aufstellung von Tischen, Bänken und Beleuchtungskörpern, den Bau eines Steges über die Mürz. Und alles, was die Kapfenberger Schuljugend in diesem Bereich geleistet hat, war sicher „frohen Mut’s getan“!

Die unabhängige Jury, der Schüler-, Lehrer- und Elternvertreter, Journalisten und Beamte des Unterrichtsministeriums angehörten, war um ihre Aufgabe keinesfalls zu beneiden, denn noch viele andere Schulen legten hochinteressante Projekte vor.

Da bot etwa das Gymnasium Blu- denz, das auch eine Diskussion mit Arbeiterkammerpräsident Bertram Jäger organisierte, Sozialarbeit an - Autowäschen, Fensterputzen, Aufräumungsarbeiten, Einkäufe machen, Kinder beaufsichtigen. In Mödling hielten die dortigen Handelsanstalten einen Flohmarkt zugunsten des benachbarten Landesaltenheimes ab. In Stein im Jauntal besorgten Klagenfurter Schüler die Restaurierung von Kreuzweg-Marterln. Das Musisch- Pädagogische Realgymnasium für Mädchen in Salzburg kümmerte sich um die Pflanzung von 1000 Bäumen im Stadtgebiet. Auf dem Kärntner Hoch- rindl setzten Schüler der Handelsanstalten von Feldkirchen gar 10.000 junge Zirben.

„Was not tut und was Gott gefällt“, begriff man auch in der Wiener „Marienanstalt“ sehr gut und konzentrierte sich auf ein Entwicklungshilfeprojekt in Obervolta. Im niederösterreichischen Weingebiet, „wo auf und auf die gold’ne Traube hängt und schwellend reift in Gottes Sonnenglanze“, gab es eine Fragebogenaktion über Grenzlandprobleme mit anschließender öffentlicher Diskussion mit Experten, Bundes- und Landespolitikern. Veranstalter war die Städtische Handelsschule Retz, die auch eine Mitwirkung bei der Feldarbeit in ihr Arbeitsprogramm aufnahm.

Sogar aus Lateinamerika kam ein Echo auf die Aktion des Unterrichtsministeriums. Das „Instituto Aus- triaco Guatemalteco“ in Guatemala, eine mit österreichischer Hilfe errichtete, mit Lehrplänen und zum Teil auch Lehrkräften aus Österreich betriebene Schule, vermehrte ihr ohnehin schon beachtliches Ansehen in der guatemaltekischen Öffentlichkeit durch eine spontane Hilfsaktion für das vom Erdbeben zerstörte Dorf Sabana Arriba, die im Wiederaufbau von 40 Häusern und der Dorfschule gipfelte.

Besonders rührend findet aber Dr. Scholz die Einsendung der Allgemeinen Sonderschule in Schwaz, die einen persönlichen Brief an Unterrichtsminister Dr. Fred Sinowatz und eine Schülerzeitung „1000 Jahre Österreich“ umfaßte. Einer der unerwarteten Beiträge zu dieser Aktion - da von einer Schule ohne Schulgemeinschaftsausschuß eingereicht -, der natürlich mit ganz anderen Maßstäben gemessen werden muß.

All diese Aktivitäten - und hunderte mehr, die unerwähnt bleiben müssen- zeigten zumindest eines: Daß die Jugend nach wie vor Idealismus und Begeisterungsfähigkeit besitzt, daß aber auch die Eltern und vor allem die Lehrer, die wohl am meisten Mehrarbeit bei dieser Aktion zu leisten hatten, für sinnvolle Maßnahmen in der Bildungspolitik durchaus zu haben sind. Mit der Empfehlung, im /Unterricht Termine wie den „Welttierschutztag“, den „Tag des Waldes“, den „Tag der Vereinten Nationen“ und dergleichen mehr eigens zum jeweiligen Datum (warum nicht an passender Stelle im Lehrplan?) zu berücksichtigen, wurde ja wohl des Guten schon zuviel getan.

Es ist ein gutes Land, wohl wert, daß man das auch einmal verkündet, könnte man frei nach Grillparzer sagen. Zumindest ein Land, dessen Bewohner sich auch einmal von der guten Seite zeigen können, wenn sie wollen. Die Zahl der Besucher der Babenberger-Ausstellung war zweifellos erfreulich. Daß „1000 Jahre Österreich“ für viele Schüler nun aber mehr bedeutet als einen Ausflug nach Lilienfeld, nämlich als Verpflichtung für die Zukunft verstanden wird, als Gelegenheit, sich für seine Mitbürger, für österreichisches Kulturgut und - im Sinne einer weltweiten Solidarität - für Hilfsprojekte im Ausland einzusetzen, muß allen Initiatoren und Trägern dieser Aktion hoch angerechnet werden.

Nicht nur bei künftigen Nationalfeiertagsaktionen - heuer ist eine Auseinandersetzung mit den Massenmedien geplant -, auch im späteren Leben außerhalb der Schule hat die heutige Schuljugend weitere Gelegenheit zur Bewährung. Nach der Aktion 1976 besteht Grund zum Optimismus. Es bleibt ein Wunsch an sie, den Österreichs größter Dichter - für moderne Ohren etwas hochtrabend klingend - so ausgedrückt hat: „Erhalte Gott dir deinen Jugendsinn und mache gut, was andere verdarben!“

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