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Digital In Arbeit

Nicht am Gängelband

Auch in der Frage der Berufsausbildung gilt es, manch Überkommenes zu überwinden und umzuwerten. Weder Berufs- noch Betriebstreue dürfen mißbraucht werden. Das moderne Wirtschaftsgefüge lehrt uns weiter sehen. Der Jugendliche soll das Bewußtsein für den Wert der Arbeit, für die Verantwortung in seiner Arbeit und für die Notwendigkeit erhöhter Fertigkeit in der Arbeit erhalten.

Die Mitte zwischen Kollektiv und liberaler Willkür wird nur über die Erziehung zur verantwortlichen Partnerschaft erreichbar sein. Weil aber in dieser Erziehung Familie und Betrieb heute oft versagen, sieht die Kolpingfamilie darin ihre besondere Aufgabe. Sie will weder am Gängelband der Unternehmerverbände geführt werden noch sich in der Kollektivmabse einfach mitziehen lassen.

Wie berechtigt die Sorge der Kolpingfamilie um die werktätige Jugend und ihre Ausbildung ist, mögen die Vergleichszahlen der Statistik aufzeigen. Dazu muß noch bedacht

werden, daß derselbe Staat, der bereits von 17jährigen Steuer einhebt, fast nichts in die systematische Erziehungsarbeit dieser Gruppe von Jugendlichen investiert. Und doch sind gerade in dieser Altersstufe (17- bis 18jährige) 78,3 Prozent berufstätig.

Die Kolpingfamilie hat die Erkenntnis gewonnen, zu der auch anerkannte Pädagogen sich bekennen, daß alle Erziehungsarbeit am Jugendlichen unter 17 Jahren fast umsonst ist, wenn der zu Erziehende bei Erreichung dieser Altersgrenze vogelfrei und ungebunden laufengelassen wird.

Darin liegt auch die Beantwortung der Frage, warum kirchliche Jugendarbeit so oft fehlschlägt. Es gelingt nur wenigen Jugendgruppen, ihre Jugendlichen über diese Schwelle hinaus festzuhalten. Warum das so ist, wäre einer eigenen Untersuchung wert. Wo aber der Jugendliche an eine'Gemeinschaft etwa bis zu seiner Volljährigkeit gebunden bleibt, zeigt sich auf einmal wieder die Frucht der Arbeit.

Die Arbeit der Kolpingfamilie wird ein Tropfen auf einem heißen Stein bleiben, wenn sie nicht mit anderen Jugendorganisationen zusammenarbeitet. Im österreichischen Bundesjugendring hofft die Kolpingfamilie diese gegenseitige Hilfe zu finden. Sie war die einzige Organisation, die ohne Proporz Aufnahme fand. Sie will das Gespräch führen, nach dem heute immer wieder gerufen wird, um so tatsächlich auf breiter Basis durch Vermittlung ihrer Erkenntnisse der Jugend zu dienen.

Die vertikale Altersstruktur

Oft schon wurde die Kolping-

familie beneidet, aber auch gelästert wegen ihrer vertikalen Altersstruktur. Das Generationenproblem hat ihr tatsächlich schon manche Krise eingetragen. Aber im letzten verdankt sie es gerade dieser Struktur, immer wieder zeitgemäß zu sein, die Mitte zu finden und so für die Gegenwart zu leben. Wo die drängende, rücksichtslose und ungestüme Jugend in ehrlicher Auseinandersetzung mit dem festhaltenden und traditionsbeladenen Alter steht,

kann eine gesunde Gegenwartsmeinung entstehen.

Das ist die Quelle der Zeitgemäßheit des Kolpingwerkes. Es soll damit allerdings nicht idealisiert werden. Auch in der Kolpingfamilie geht das nicht reibungslos vor sich. Die Gebundenheit an die Gemeinschaft, die Erziehung zur Verantwortung des einzelnen für die Gemeinschaft in seinen Funktionen und die Sorge wieder um die Jugend, das ergibt — sicher auch mit vielen Fehlschlägen — im ganzen aber doch das Phänomen: Jugendliche werden nicht wie Marionetten dirigiert, aber auch nicht allein gelassen. Sie werden ermuntert, auf eigenen Füßen zu stehen, aber es wird darauf geachtet,

daß sie nicht in den Abgrund stürzen, sollte ihnen die Kraft ausgehen, weil sie sich zuviel zugemutet haben.

So funktioniert die Kolpings-familie, aber so wächst sie auch stets weiter durch die Auseinandersetzung mit den Problemen ihrer verschiedenartigen ■ und im Alter differenzierten Mitglieder.

Mehr als 100 Jahre in Osterreich

In Österreich ist das Kolpingwerk seit langem tätig. Bereits im Jahre 1852 bereiste Adolf Kolping Österreich und gründete hier unter dem späteren Kardinal Dr. Anton Gruscha die ersten katholischen Gesellenvereine. Und bald gab es in Österreich kaum eine größere Stadt, die ohne Kolpingfamilie gewesen wäre.

An der Spitze der österreichischen

Kolpingfamilie steht als Zentralpräses Kardinal Franz König. Es gibt Kolpingfamilien, die Kolping-häuser betreuen, oder auch nur Heime, Sport- und Übungsplätze haben. In Gars am Kamp besitzt die österreichische Kolpingfamilie ein schönes Erholungsheim. In Vöckla-bruck steht ein Bau mit Eigentumswohnungen für junge Familien vor der Fertigstellung. In Stockerau und Knittelfeld wachsen Kolpingsied-lungen mit Einfamilienhäusern heran.

Insgesamt sind in Österreich 44 Kolpinghäuser und 10 Kolping-heime. Acht Kolpinghäuser sind in Niederösterreich, sechs in Wien, zehn in Oberösterreich, sechs in Tirol, zwei in Salzburg, fünf in Vorarlberg, eines in der Steiermark, fünf in Kärnten und eines im Burgenland. In diesen Häusern wohnen allein 3822 junge Menschen. Derzeit sind weitere siebzehn Häuser beziehungsweise Heime in Bau oder Planung.

Auf Wunsch und Anregung des Zentralpräses Kardinal König schafft die österreichische Kolpingfamilie seit einigen Jahren auch Jungmädchen-Familienheime, um vor allem den in Berufsausbildung stehenden Mädchen in den Städten dieselbe Hilfe und den Schutz zu gewähren wie der männlichen Jugend.

Am 1. Jänner 1965 zählte die österreichische Kolpingfamilie genau 13.475 Mitglieder; dazu kommen aber noch jene Jugendliche, die sich zwar nicht als Mitglieder binden wollen, jedoch ständig die Veranstaltungen der österreichischen Kolpingfamilie besuchen und damit in ihren Einflußbereich kommen.

Der Priester Adolf Kolping ahnte wohl nicht, was er mit der Gründung seines Vereines 1849 auslöste. Weil er es aber gutwillig, wirklichkeitsnah und grundehrlich versuchte, war seinem Werk Wachstum gegeben. Die Kolpingfamilie wird immer weiter wachsen, solange es ihren Gliedern um diesen guten Willen und diese Ehrlichkeit geht.

Der bekannte Wissenschaftler aus dem Dominikanerorden Professor P. Dr. Eberhard Welty ist vor kurzem nach langer schwerer Krankheit gestorben. P. Welty war der Herausgeber der „Neuen Ordnung“ in Paderborn und Autor vieler Werke, die sich mit einer Interpretation der Sozialenzykliken und der katholischen Soziallehre befaßten.

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Das Generalkapitel der Pallo-tiner hat P. Wilhelm Möhler für eine dritte Amtsperiode zum Generalrektor des Ordens gewählt. *

Der Sekretär des Sekretariates für die Nichtgläubigen, P. Vincenzo Miani, hat katholische, protestantische und jüdische Experten zur Mitarbeit bei der Erstellung einer Enzyklopädie des modernen Atheismus aufgerufen. Das Werk soll im nächsten Jahr in den sechs Sprachen Italienisch, Französisch, Englisch, Deutsch, Spanisch und Arabisch erscheinen.

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Die ungarische Bischofskonferenz, die bisher lediglich ein beratendes Gremium war, beschloß, als öffentlich-rechtliche Körperschaft sich ein Statut zu geben. Als Vorlage soll die Konstitution des französischen Episkopates dienen. *

Der Erzbischof von Messina hat die am 5. Juni 1958 in Lourdes erfolgte Heilung der schwererkrankten Elisa Aloi offiziell als wunderbar anerkannt. Elisa Aloi hatte fast zwanzig Jahre lang an einer schweren Form von Tuberkulose gelitten und war nach einem Bad im Wasser der Quelle von Lourdes sofort völlig gesund geworden. Nach der Heilung wurde Elisa Aloi durch viele Jahre hindurch genauen medizinisch-wissenschaftlichen Untersuchungen unterzogen.

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Der Erzbischof von Nairobi erklärte, die katholische Kirche in Kenia begrüße das Programm des I afrikanischen Sozialismus und betrachte es als' einen Mittelweg,'der die Irrtümer des westlichen Kapitalismus und des marxistischen Kommunismus vermeidet.

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Die Katholische Aktion Österreichs hat im Bildungsheim Puchberg bei Wels die erste „Akademie des Apostolates“ eröffnet. In einem vierwöchigen Kursus werden 35 Männer und Frauen aus allen österreichischen Diözesen mit den Möglichkeiten und Methoden des Apostolates vertraut gemacht. *

Katholische Bischöfe in vier Südstaaten der USA haben in einem Hirtenbrief alle Katholiken aufgerufen, die Gleichberechtigung der Neger auch im praktischen Leben zu verwirklichen.

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Die deutsche Pax-Christi-Bewe-gung will den Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung in den osteuropäischen Ländern regelmäßig Unterstützungen zukommen lassen. Außerdem will sich dip Pax-Christi-Bewegung künftig um die ausländischen Zeugen bei den noch immer ausständigen Nazimordprozessen kümmern.

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Der Kardinal-Innitzer-Studien-fonds hat zwei wissenschaftliche Projekte ausgeschrieben: eine Materialiensammlung über die Lage des Katholizismus in der Ersten Republik sowie ein Werk über „Die Ideen und Institutionen der Geschichte der Menschenrechte unter besonderer Berücksichtigung der Gewissensfreiheit“. Für dieses zweite Projekt wurde ein Betrag von 100.000 Schilling zur Verfügung gestellt.

Bischof Willebrands und P. Duprey vom römischen Sekretariat für die Einheit der Christen, die sich zur Zeit auf einer Reise in Osteuropa befinden, sind in Moskau eingetroffen.

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Zum erstenmal seit der Vertreibung der Juden aus Spanien vor 473 Jahren hat die spanische Regierung die Jüdische Gemeinde in Madrid gesetzlich anerkannt.

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Zwei evangelische Missionare aus Österreich, Hans und Helga Scheutzger-Schwartz, die bereits vor sieben Jahren von der öster reichischen Missionsgesellschaft in den Kongo gesandt wurden, werden in den nächsten Wochen in ihr altes Arbeitsgebiet, in den Osten des Kongo, zurückkehren.

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