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Die Sache mit der Repräsentanz und die Frage ,Nationalkomitee'

Es scheint in der katholischen Kirche in Österreich eine soziologische Gesetzmäßigkeit zu geben, nach der in bestimmtem Rhythmus ein öffentlich artikuliertes „Unbehagen“ in Strukturdebatten mündet, die nach einiger Zeit, als fruchtlos erkannt, wieder abebben. Das wäre nicht so schlimm, wenn nicht beste Ideen des Zweiten Vaticanum und auch der österreichischen Synoden durch solche Vorgänge an der Auswirkung gehindert würden.

Auch die bisherige Diskussion zum Thema „Nationalkomitee der Katholiken“ scheint nicht frei von dieser Gefahr. Daß unter dem Titel „Repräsentanz des Katholizismus“ althergebrachte Überlegungen über das Verhältnis von Organisationen mit abgehandelt werden, wäre dabei noch das geringere Übel.

Die Katholische Aktion Österreichs hat sich zu einem qualifizierten Gespräch über die Motive, die zum Vorschlag „Nationalkomitee“ geführt haben, sowie über alternative Lösungsmöglichkeiten bereit erklärt. Es gibt auch bereits Diskussionsbeiträge, auf denen aufzubauen sich lohnen würde, wie die Orientierung am österreichischen Synodalen Vorgang.

Für ein zielführendes Gespräch ist Voraussetzung, daß zunächst differenzierte Argumente gesammelt werden. Eines sei jedoch vorweg festgestellt: „Neue, tauglichere Strukturen“ von oben her der Katholischen Aktion überstülpen zu wollen, hieße, sich von I einem Dachverband der Dachver-.bände .Wunder zu erwarten; und es hieße auch, den Unterschied zwischen Katholischer Aktion und Verbandswesen zu negieren. Für das weitere Gespräch kann es nur förderlich sein, einander beim Wort zu nehmen und zu versuchen, klare gemeinsame Begriffe zu finden.

Eine Summe von politisch schwachen Addenden ergibt noch kein starkes Ganzes. Mängel sind dort zu beheben, wo sie wirklich vorhanden sind.

• Es gibt Mängel im journalistischen Katholizismus. Hier sind die Kompetenten - Verleger, Redakteure, Verbände als potentielle Herausgeber -frei, sich zusammenzuschließen und Aktivitäten zu setzen; es ist ja auch einiges im Gang.

• Es gibt Mängel im Sozialkatholizismus. Dabei ist durchaus einzusehen, daß eine relativ kleine kirchlich bestellte Institution wie die Katholische Sozialakademie mit ihren Leistungen den weiten Bedarf in ganz Österreich nicht decken kann. Niemand würde aber zusätzliche Impulse verhindern; Unternehmer und Arbeitnehmer, ob politisch bereits engagiert oder nicht, haben hier ein weites Betätigungsfeld für Initiativen und Modelle.

• Mit einem literarischen Katholizismus war es in Österreich nie gut bestellt. Nach dem Tod Otto Mauers war offenkundig niemand in Österreich, weder eine Persönlichkeit, noch ein Verlag, noch eine Institution fähig, eine Zeitschrift wie „Wort und Wahrheit“ weiterzuführen. Heute fehlt sie.

Und ein politischer Katholizismus? Die katholischen Laien haben 1945 -durchaus mit Zustimmung österreichischer Bischöfe - das Wort „christlich“ als Firmenschild der Partei, die sie gründen wollten, vermieden. Das besagt aber nicht, daß der Wille dieser katholischen Laien, im Politischen wirksam zu sein, nicht ein ebenso starker, ja ein stärkerer Impuls war als die Christlich-Soziale Partei der dreißiger Jahre, und vielleicht auch schon der zwanziger Jahre. Eine soziologische Einheit ist so stark wie ihr schwächstes Glied. Es kommt in der Politik nicht auf wortgewaltige, prächtige Repräsentanz an, sondern auf die Präsenz von Menschen, die ihre Ideen durch Taten als glaubwürdig erweisen.

Wir haben genug Gremien, die Beschlüsse fassen, aber zu wenig Menschen, die Beschlüsse durchführen. War der österreichische Synodale Vorgang nicht in der Lage, Meinungen und Beschlüsse zu den wichtigsten anstehenden Problemen der Kirche der siebziger Jahre zu bilden? Und wenn nicht - was fehlt? Völlig verfehlt und geschichtlich überholt wäre eine strenge Trennung zwischen Pastoral und Wirken in die Welt; wo beides zusammen gesehen wird, von da gehen auch Impulse aus. Oder müßte sich das organisierte, offizielle Laienapostolat etwa der Leistungen innerhalb der wenigen Jahre dieses Jahrzehntes -Synoden, Katholikentag, ORF-Studienprogramme, Aktion Leben, ganz abgesehen von den sich durchziehenden Leistungen für die Dritte Welt -schämen?

Der österreichische Laienrat krankt an der Tatsache, daß er eine Struktur mit ausführlichen Statuten, aber ohne innere Ubereinstimmung bezüglich Tendenzen und Aufgaben ist. Wenn heute das Ungenügen am Laienrat offen artikuliert wird, so sollte dieser

Grundmangel nicht weiter mitgeschleppt werden. Selbstverständlich gibt es auch strukturelle Verbesserungsmöglichkeiten, etwa die Einbeziehung kirchlicher Einrichtungen, wie Caritas, Zentrum für Massenkommunikation, Sozialakademie, Entwicklungsdienst, Missionswerke oder Canisiuswerk. Entscheidend wäre aber, daß der ÖLR als Gesprächsund Arbeitsvorgang ernstgenommen wird, bevor man ihn als „Abstimmungsmaschinerie“ in Betrieb setzt.

Pluralität ist nicht gleich Pluralismus. Der Ausdruck „kraftlose Partiku-laristen“ - wer mag damit gemeint sein? - verstellt den Blick auf die Realität: Vielfalt ist ein Faktum, auch in der katholischen Kirche. Positive Bewältigung von Pluralität macht stärker.

Bei der Konstituierung des österreichischen Laienrats (1970) - er war die Nachfolgeorganisation des anders zusammengesetzten Forums für das Laienapostolat - ließ es der Wunsch nach gemeinsamer Beratung billig erscheinen, daß die Zusammensetzung nicht der zahlenmäßigen Stärke, sondern der Pluralität der vorhandenen

Organisationen folgte, die noch dazu durch eine Anzahl von Einzelpersonen ergänzt wurde. Rein arithmetisch bedeutete das: Die gleiche eine Stimme für die Katholische Männerbewegung Österreichs wie für den Kreuzbund abstinenter Katholiken. Man wird sich fragen müssen: Wie kommt man aus einem Dauergespräch aller mit allen, aus einem Verhandeln um Ränge, Plätze und Prioritäten zur allein effizienten, glaubwürdigen Leistung? Ein Rückgriff auf überlebte Dachverbandsverhandlungen dürfte im letzten Quartal des 20. Jahrhunderts nicht viel bringen.

Zur „Furchtlosigkeit“ gehört auch, daß man sich der eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten bewußt ist und sie richtig einschätzt. Vordergründig politisch gesehen war das Volksbegehren der „Aktion Leben“ eine Niederlage -aber war es deshalb politisch ineffizient? Ist nicht an ihm die politische Verantwortung und das politische Engagement der Katholiken gewachsen? Wurde nicht im Zusammenhang mit dem Volksbegehren sehr viel an politischer Bildungsarbeit geleistet? Seitdem unterscheiden Katholiken und Nichtkatholiken, wer in der Politik im Namen der Katkoliken reden kann und redet.

Es ist heute nicht die Zeit, Gemeinschaften, Institutionen, einzelne ge-ringzuachten oder totzuschweigen. Das gilt für jeden katholischen Verband, das gilt auch von der Katholischen Aktion und ihren Gliederungen. Differenzierende Erkenntnis und die daraus folgende Anerkennung des

Nachbarn oder der Nachbarorganisation verhindern Mißtrauen und Angst vor Vereinnahmung. Jeder soll den Appell zur geistigen Auseinandersetzung mit den vorhandenen praktischtheologischen Konzepten und politischen Ideen und Praktiken vernehmen und zu ihm aus der Theologie des Reiches Gottes Stellung nehmen.

Die Katholische Aktion bemüht sich, den Gedankengängen und Modellen, die nicht nur die Entwicklung der Kirche in Österreich mit geprägt haben, sondern auch im Werden des Weltkonzils nicht unwesentlich beteiligt waren, zu entsprechen. Ihre Innovationskraft bezieht sie heute wie vor 30 Jahren aus der immer wieder neu auszutragenden Polarität von „initiativer Mitverantwortung in der Kirche für die Kirche“ und „wirksamer Präsenz von Katholiken inmitten der Welt“ (Broschüre „KA - was ist das?“, Wien 1973).

Von einer „Monopolstellung“ der KAÖ zu sprechen, verrät ein undifferenziertes Urteilen. In Österreich gibt es seit Jahrzehnten die Unterscheidung zwischen katholischen Organisationen des Laienapostolats kirchlicher Art und weltlicher Art. Die Katholische Aktion als kirchliche Organisation hat ihr gesellschaftliches Gewicht und ihre Leistungskapazität. Ihr gehören nicht Hunderte, sondern Hunderttausende an. Indem sie sich in ihrem Ideengut, in Aufbau und Struktur, in der Bestellung ihrer Führung der kirchlichen Hierarchie unterwirft, kann man sie je nach dem als stärker oder schwächer als Organisationen bezeichnen, die dieses Naheverhältnis zur Hierarchie nicht haben.

Die Katholische Aktion ist kein bloßes Dach, sondern ein Haus, das auf dem Erdboden steht. Sie umfaßt in der Vielfalt katholischer Stimmen eine sehr breite Mitte, innerhalb derer bereits heute ein beachtliches Maß an „Einheit in der Vielheit“ gelingt. Ihre Verfaßtheit hat sich im Prinzip bewährt. Es scheint heute allerdings sinnvoll zu sein, einen eigenen Rechtsträger nach staatlichem Recht für sie zu schaffen.

Die Katholische Aktion bietet jedem Katholiken die Möglichkeit mitzuarbeiten, auch wenn er seine geistige Heimat in einer spezialisierten Gruppierung hat.

Für einen zeitgemäßen Ausbau der Verfaßtheit der Kirche hat die Katholische Aktion - fast bis zur Selbstaufgabe! - ihren Beitrag geleistet. Sie kann es auch in Zukunft tun. Ein gewisses Maß an Zeit, Gedanken, Mühe wird man immer für die Zusammenarbeit der Organisationen aufwenden sollen. Aber dabei soll das Ziel des „Unternehmens“ Kirche nicht vergessen oder vernachlässigt werden: den Menschen in seiner moralischen Kraft zu stärken, die Gewissen zu bewegen, die Christen für die Verwirklichung von Liebe, Gerechtigkeit, Mitmenschlichkeit zu mobilisieren. 'Wenn sie sich um tätige Nächstenliebe bemühen, ändern sie die Situation, ohne davon zu reden, Weltveränderer sein zu wollen.

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