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Koordinierter Pluralismus

In den beiden Nummern 17 und 18 der „Furche” Jahrgang 1967 habe ich einen skizzenhaften religionssoziolo- giscben Überblick über die Situation der katholischen Kirche in Österreich vorgelegt. Es waren nüchterne Zahlen, welche unter anderem eine Grundaussage enthielten: daß es innerhalb der Kirche Österreichs eine Vielfalt von Typen gibt, also nicht bloß „Hundertprozentige”, „Vollchristen” oder wie immer man sie etikettieren will, sondern daß die Kirche — wie übrigens jede Institution — mit einer stark unterschiedlichen Partizipation, also einem ausgeprägten innerkirchlichen Pluralismus, rechnen muß, weil es in ihr „Randchristen”, „Halbchristen”, „Saisonchristen” und selbst „gottgläubige” und „atheistische” Katholiken gibt. Uns interessiert nun hier gar nicht so sehr, wie man diese einzelnen Typen bezeichnet, nicht einmal, wie groß ihre Zahl ist. Für die folgenden Überlegungen soll die bloße Tatsache festgehalten werden, daß es diesen Pluralismus überhaupt gibt.

Unkraut und Weizen

Die Reaktionen auf solche nüchterne Tatbestände sind sehr unterschiedlich. Manche meinen nicht zu Unrecht, daß viele unserer Katholiken im Grunde keine Christen mehr sind. Es sei daher notwendig, den Weizen vom Unkraut zu scheiden. Unsere Katholiken müßten rigoros vor eine Entscheidung gestellt werden. Es müßte viel mehr von ihnen verlangt werden, die Kirche müßte klare Bedingungen setzen, ohne deren Erfüllung sie auf die weitere Mitgliedschaft verzichtet und die Spendung der Sakramente an solche Unwillige und deren Kinder verweigert. Diese Überlegungen sollten nicht banalisiert werden, weil tatsächlich die religiöse Situation vieler Katholiken eine häßliche Runzel im Antlitz unserer Kirche ist. Aber unabhängig von der Frage, ob ein solcher Rigorismus praktisch vollziehbar ist, weil nicht so einfach gesagt werden kann, wo bei einem getauften Katholiken der Zustand des Unglaubens beginnt und wo auf Grund der sozialen Fakten und seelsorglichen Unzulänglichkeiten der Zustand des Noch-nicht-Glaubens gegeben dust und deshalb gar ziu leicht von den „Knechten des Herrn” mit dem Unkraut auch der Weizen ausgerissen werden könnte — es bliebe selbst nach der Tempelreinigung und der Anhebunig der Anf orderungen an den einzelnen das bestehen, worauf unsere folgenden Überlegungen aufbauen: eine überaus unterschiedliche religiöse Situation selbst innerhalb einer vermeintlichen Kirche der „Reinen”. Und das nicht nur deshalb, weil die Kirche eben nicht einfach Amtskirche ist, sondern Volk Gottes, und sowohl das Amt als auch das Volk von Menschen unserer Zeit bestehen. Es ist für den Religionssoziologen auch gar nicht sonderlich verwunderlich, daß es innerhalb der Kirche diesen religiösen Pluralismus gibt. Denn auch die Industriegesellschaft ist als eine pluralistische charakterisiert.Wir entdecken unseren Katholiken in einer rasant sich wandelnden Gesellschaft, sehen viele in einer nomadenhaften Mobilität Wohn-, Freizeit- und Arbeitsraum durchwandern, finden überaus starke Gegensätze zwischen den einzelnen Alterskategorien, weil die jüngeren Lebensalter vom gesellschaftlichen Umbruch noch viel stärker erfaßt werden als die alten Menschen, diese aber wiederum zahlenmäßig stetig zunehmen. Wir stellen fest, daß es in dieser Gesellschaft die großen Organisationen gibt, daß aber diese den Menschen nicht beheimaten und dieser deshalb in den Raum der Privätheit und der Intimsphäre der kleinen Gruppen, in die Familie, die selbstgewählte Nachbarschaft und in die vielfältigen Verkehrskreise flieht. Aber auch hier gilt, daß es sich nur um Tendenzen handelt, von denen der einzelne in einer je verschiedenen Weise erfaßt wird. So gibt es trotz hoher Mobilität selbst in der Stadt ganze Kategorien (alte Menschen, Kinder, nichtberufstätige Frauen), welche relativ stabil im Wohnraum leben, während wieder andere höchst mobil sind.

Das würde ihren Wert im Gefüge der Kirche nicht schmälern. Es würde aber die Frage aufwerfen, ob die Bildung solcher kleiner Gemeinschaften für die umfassende Heilssorge etwa einer Pfarre tatsächlich jene Prävalenz besitzt, daß sie in jeden Fall vor alle anderen Wege der Seelsorge gestellt werden darf.

Auf jeden Fall aber zeigt schon die Fragestellung, daß es in der Kirche von heute und morgen einen enormen methodischen Pluralismus geben muß.

Liturgie für verschiedene Glaubensintensitäten

Vieles von diesem Postulat eines situationsgerechten Heilsangebotes ist bereits verwirklicht. Es gibt nicht bloß das Angebot je nach Lebensalter, nach Berufsschicht oder nach Geschlecht. Es wird darüber hinaus, ohne daß dadurch ständische Gliederungen überflüssig werden, in Zukunft viel mehr als bisher für die Erwachsenen und konkret für die Berufstätigen vor allem innerhalb der Familien getan werden, nicht nur weil deren religiöse Situation spezifisch prekär ist, sondern weil von ihnen auch die religiöse Situation der nachfolgenden Generationen abhängt. Es müßte sich aber dieses Prinzip der Situationsgerechtigkeit endlich auch im Raum der Liturgie durchsetzen. Wenn es zum Beispiel heute allgemein bekannt ist, daß der Glaube einer Trauergemeinde oft äußerst rudimentär ist, dann kann einfach die Glaubensverkündigung, wie sie mit den vorliegenden oder auch mit den in Probe befindlichen Begräbnisriten erfolgen soll, nicht gelingen, weil diese einen viel zu hohen Glaubensstandard voraussetzen. Dasselbe gilt auch für die übrigen Sakramente, die von nahezu allen Katholiken, damit aber von den verschiedensten religiösen Typen, empfangen werden.

Nicht nebeneinander, sondern miteinander

2. Mit dieser, durchaus nicht nach allen Seiten hin entfalteten Grundthese vom pluralen Angebot ist aber erst die eine Hälfte gesagt, und ich meine, daß ein noch so vielfältiges Angebot nicht den erwarteten Erfolg bringen wird, wenn es nicht gleichzeitig zu einer wirksamen Koordinierung der vielen Versuche kommt. Vielleicht ist diese Koordinierung heute noch dringlicher als die Suche nach einer Bereicherung des pluralen Angebotes. Dies soll an Hand einiger Beispiele illustriert werden. Solange zum Beispiel die toategorielle Seelsorge neben der oder gegen die pfarrliche steht, ist das eine dem heutigen Seelsorgspotential gegenüber nicht verantwortliche Situation. Es ist heute höchste Zeit, daß die raumlos konzipierte kategorielle Seelsorge einen kalten territorialen Bezugsrahmen erhält, so wie es ebenso an der Zeit ist, daß das in manchen Belangen planlose Neben- und Gegeneinander von 150 Wiener Pfarren ein Ende nimmt. Es wäre somit durchaus denkbar, daß sich diese beiden, grundsätzlich unabdingbaren Wege der kirchlichen Heilsorge um den Menschen in einem größeren Rahmen lokalisieren und dort koordinieren lassen, sei es auf der Ebene einer Seelsorgszone, eines Dekanates, einer Stadt oder eines Generalvikariates mit einem eigenen Weihbischof.

Ein weiteres Beispiel vom organisatorischen Sektor. Man gewinnt in manchen Diskussionen den Eindruck, es gehe heute darum, die Katholische Aktion durch Familienrunden zu ersetzen. Dieser Eindruck ist die Umschreibung einer gewissen Ein- igelung mancher Organisationen und Seelsorgskonzepte und das Fehlen der eben hier postulierten Koordinierung. Nicht also ob dies durch eine neue Dachorganisation geschehen könnte, in der Legio, Action 365, KA und Familienverband friedlich leben. Es kann nach unserer ersten These nie und nimmer um eine monotone Uniformierung gehen, um ein enges Entweder-Oder, Männer- beziehungsweise Frauenrunden oder Familienrunden in einer Pfarre, auch nicht bloß um ein steriles Sowohl-Als-auch, sondern um die Überzeugung, daß bei aller Sinn- haftigkeit und selbst Notwendigkeit der einzelnen Organisationen für die vielfältigen Typen der Katholiken, von denen es vielleicht noch gar nicht genügend gibt (es ist zum Beispiel merkwürdig, daß in einem Seelsorgskonzept die alten Menschen über 65, die in Wien 16 Prozent ausmachen, nur unter dem Kapitel Caritas Vorkommen!), es schließlich und endlich doch nur um ein fruchtbares, ergänzendes Miteinander gehen kann.

Jugendseelsorge als Beispiel

An einem Beispiel sollen die beiden Grundthesen, die zusammen das Postulat eines koordinierten Pluralismus ergeben, noch einmal durchgespielt Weiden. Wir wissen, daß bei den jungen Katholiken die Situation ähnlich wie in der Gesamtkirche ist. Es gibt unter ihnen ebenso den Kirchlichen wie den Kirchenfreundlichen auf Distanz wie den Kirchenfernen. Unsere erste These würde nun deshalb für die Heilssorge am jungen Katholiken ein vielfältiges Angebot verlangen. Es wäre daher sinnlos, bei allen ohne Unterschied das bisherige Konzept der katholischen Jugendarbeit zu verwenden, welches schon ein hohes Maß an „Kirchlichkeit” voraussetzt. Es wäre ebenso unsinnig, alle in ein religiös steriles Klubsystem zu zwängen. Das eine wie das andere wäre eine Flucht vor der Realität: ein Rückzug auf die ohnedies schon „Getreuen” und ein Verzicht, die (noch) nicht religiösen Jugendlichen in ihrer Heilsannahme zu stützen. Es müßte somit beides geben, ein entsprechendes Angebot für die „Getreuen” ebenso wie eine offene Tür für die anderen. Es müßte aber darüberhinaus auch zu einem Miteinander der einzelnen Kategorien kommen, weil nur durch solche Einzelkontakte und gemeinsame Veranstaltungen ein Aufstieg von einer Kategorie in die andere möglich wird.

Hinter all dem steht das Kirchenbild des II. Vaticanums. Auch dieses verwischt den Pluralismus an Ämtern und Diensten in der Kirche nicht, sondern betont ihn geradezu emphatisch. Es koordiniert aber diese Vielfalt der Gaben des einen Geistes, indem es sie alle als einen Dienst beim Aufbau des einen Volkes Gottes charakterisiert.

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