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Religion ja, Kirche naja

FURCHE:Es scheint in Westeuropa ein recht starker Rückgang kirchenbezogener Religion stattzufinden, besonders in den Niederlanden. Woher kommt das?

PROFESSOR ROLAND J. CAMPICHE: Zwischen den Jahren 1960-1970 war ein starker Rückgang der religiösen Praktiken, sowohl auf katholischer als auch auf evangelischer Seite, zu verzeichnen. Doch man muß die religiösen Praktiken differenziert betrachten. So gibt es eine starke Abnahme der Gottesdienstbesuche, aber die Zahl der Leute, die Amtshandlungen wie Taufe, Trauung oder Beerdigung in Anspruch nehmen, ist sehr stark geblieben.

Holland ist neben Deutschland und der Schweiz das dritte zweikonfessionelle Land. Gleichzeitig gibt es eine starke hvunanistische, nicht-konfessionelle Tradition. Dann war Holland nach dem II. Vatikanimi so etwas wie ein Laboratorium eines neuen Katholizismus. Die später erfolgte Straffung des holländischen Katholizismus durch die Bischofsemen-nungen hatte eine Enttäuschung und Zunahme der Kirchenaustritte zur Folge.

FURCHE: Wie loichtig ist die Mitgliedschaft einer Religionsgemeinschaft für die Gesellschaft?

CAMPICHE: Lange Zeit dachte man, daß die Kirche und ihre Werte den Zusammenhalt einer Gesellschaft bewirken. Sie pKJstu-lierte ein Wertsystem, das von der gesamten Bevölkerung akzeptiert wurde. Es gibt Theorien, die von der Annahme ausgehen, daß eine Abschwächung religiöser Werte den Zusammenbruch einer Nation zur Folge haben wird, bis hin zur Meinimg, daß der Konsens eines religiösen Wertsystems für den Zusammenhalt einer Volksgemeinschaft überflüssig sei.

FURCHE: Seit Mitte der sechziger Jahre scheint das Interesse an der Religion besonders bei der jüngeren Generation im Schwinden zu sein. Wo liegen die Ursachen für diese Entuiicklung?

CAMPICHE: Diese Entwicklung steht im Zusammenhang mit den 68er-Umwälzungen. Die antiinstitutionelle Einstellung schloß die Religion mit ein. Man empfand sie als zu etabliert, zu konservativ und zu wenig Fragen sozialer Gerechtigkeit gegenüber aufgeschlossen. Die Entwicklung der siebziger Jahre verlief anders. Die Rückweisung religiöser Institutionen entstand durch eine Umwandlung der Glaubensstniktu-ren bei der Jugend. Diese wurden von Bewegungen, ausgehend von den USA — wie jTesus people“ -, beeinflußt, die versuchten, in neuer Weise ein Christentum außerhalb der Institutionen zu leben.

Ich glaube aber nicht, daß man daraus unbedingt eine generelle Abnahme der Religiosität unter der Jugend ableiten kann. Außerchristliche Sekten und neue religiöse Bewegungen stellen zahlenmäßig nur eine sehr kleine Minorität dar (in der Schweiz zum Beispiel: neue Bewegungen weniger als ein, Sekten zwei bis drei Prozent). Sie verstärken den Eindruck, daß wir in einer Zeit des Hyperangebotes religiöser Möglichkeiten leben. Dadurch ist aber auch die religiöse Identifikation problematisch geworden. So gibt es Menschen, die gleichzeitig einer katholischen Gemeinde angehören, an transzendentaler Meditation teilnehmen und sich nach Horoskopen richten.

Ob es der Kirche gelingen wird, diese Herausforderung anzunehmen und die Jugend zurückzugewinnen, bleibt offen. Es gibt aber auch kirchliche Jugendbewegungen, die durch eine moderne Liturgie oder ein starkes Gemeinschaftserlebnis starken Anklang finden.

FURCHE: Wie sehen die Voraussetzungen für die Weitergabe religiöser Werte zum Beispiel in den Familien aus?

CAMPICHE: Alle Umfragen haben gezeigt, daß Rituale wie das Tischgebet oder das gemeinsame Familiengebet im Abnehmen sind. Aber das Gebet als religiöse Haltung, als Ausdruck persönlicher Frömmigkeit bleibt für eine Mehrheit von Bedeutung. Wir sind vielleicht Zeugen einer Verlagerung der Religion von der Gruppe, von der Familie, hin zum Individuum. Hier wird Religion zum Teil des eigensten Kernes und teilt sich weniger in einer traditionellen Form mit. Aber trotzdem findet in der Familie weiter-

„Durch das vereinte Europa entsteht eine sehr interessante Situation“

hin eine religiöse Sozialisation zum Christentum statt, und es wäre falsch, die christlichen Werte vorschnell abschreiben zu wollen.

FURCHE; Die explizite Religion unrd in Europa im sozialen Zusammenhang nur mehr als ein Teilaspekt der gesamten kulturellen Elemente gesehen. Haben die Religion und die Kirche überhaupt noch eine Chance, die säkulare Gesellschaft zu beeinflussen?

CAMPICHE: Daß die Reügion an Einfluß verloren hat, scheint mir eine mögliche Hypothese zu sein. Ich glaube aber, daß wir durch das vereinte Europa mit einer sehr interessanten anderen Situation konfrontiert sein werden. Daß es auf der katholischen Seite die Idee eines katholischen Europa gibt, zeigte sich kürzlich unter anderem beim Papstbesuch in Straßburg. Auch im Protestantismus ist, so bei der Europäischen Konferenz der Kirchen, eine neue Phase der Reflexion zu dieser Frage eingetreten. Es wird Aufgabe der Kirchen sein - die Friedenskonferenz in Basel ist hiefür ein Zeichen —, Europa ein religiöses, kulturelles, menschliches Bewußtsein zu geben.

FURCHE: Eines der unchtig-sten Ereignisse für das Christentum in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war zweifelsohne das II. Vatikanum. Besonders stark waren dessen Impulse für die ökumenische Bewegung. Ist es richtig, heute von einer Eiszeit der Ökumene zu sprechen?

CAMPICHE: Ich glaube, daß wir auf der offiziellen Ebene Zeugen einer ökumenischen Stagnation sind. Aber der Okumenismus spielt sich zwischen Gemeinden imd Basisgruppen ab. Beim Schweizer Militär zum Beispiel erwarten die Soldaten, daß man gemeinsame Gottesdienste feiert, man beachtet die konfessionellen Unterschiede kaum. Die Jungen konzentrieren sich mehr darauf, daß wir einen gemeinsamen Gott haben. Dies ist auch eine Veränderung im religiösen Bereich, eine

„Intransingenter Katholizismus beim Klerus weniger Stark als beim Episkopat“

Entkonfessionalisienmg. Viele Leute fragen sich, wo die wirklichen Unterschiede zwischen Protestanten und Katholiken liegen. Die augenblickliche Tendenz scheint zu zeigen, daß die ideologischen Unterschiede als verschiedene Ausdrucksformen verstanden werden.

FURCHE: Eine der wichtigsten Lehraussagen des II. Vatikanums lag in der Öffnung zur Welt und der Anerkennung der Religionsfreiheit. Wie stark sind heute Kräfte innerhalb des Katholizismus, die diesen Aussagen eher ablehnend gegenüberstehen?

CAMPICHE: Durch die Geopo-litik bedingt, wird die Religionsfreiheit als ein Teil der menschlichen Freiheit verstanden. Man kann im Vatikan und beim Episkopat eine Zunahme intransingenter Haltungen beobachten. Ich spreche dabei nicht von Marcel Lefebvre, der mir ein Randphänomen zu sein scheint, dem von den Medien eine viel zu wichtige Rolle zugespielt worden ist. Do-| minierende Strömungen sind eher Bewegungen wie „Commu-nione e liberazione“ und „Opus Dei“.

Untersuchungen zeigen, daß es eine systematische Ernennung von eher konservativen Bischöfen gibt, sei es in Lateinamerika, in den USA, Holland, Österreich, Deutschland, der Schweiz. Dieser intransingente Katholizismus scheint mir beim Klerus weniger stark zu sein als beim Episkopat Wenn man aber davon ausgeht, daß der Katholizismus sehr stark durch das Bischofsamt bestimmt wird, kann man sagen, daß die vorher skizzierte Richtung im Katholizismus dominieren wird.

Es gibt aber auch die Hypothese, daß die durch das II. Vatikanum entstandenen Veränderungen sich auch auf das System auswirken werden (Bibellektüre, Aufwertung der Laien, Basisökumenismus et cetera). In dem Sinn, daß die Bewegungen von den Gläubigen zur Kirche hingehen und nicht von der Kirche zu den Gläubigen. Es scheint mir heute kaum noch einen Weg zu geben, eine Kontrolle über die Gläubigen auszuüben. Diese werden Direktiven der Kirche nur annehmen, wenn sie es auch wollen.

FURCHE: Wie könnte eine Synthese für das westeuropäische Christentum zwischen einer vorbehaltlosen Anpassung an die

„Es gibt kaum noch einen Weg, Kontrolle über die Gläubigen auszuüben“

Umwelt und einer Haltung des Rückzuges auf das religiöse Leben aussehen?

CAMPICHE: Diese beiden Strömungen werden nebeneinander bestehen. Die Volkskirchen sind Kirchen der Vielfalt, die ohne eine Verbindung zur modernen Welt nicht weiter bestehen könnten. Dieses „alles allen sein“ macht gerade ihre Kraft aus. Aber auch intransingente Strömungen werden weiterhin bestehen, bei den Protestanten sind es die Evangelikaien, alle diese Strömungen muß man nicht immer mit der Rechten oder dem Konservativismus gleichsetzen.

Für den Pluralismus der nächsten Jahre sehe ich keine Hindernisse. Er wird sich eher vermehren, und die Religion innerhalb der Gesellschaft wird nicht abnehmen. Ich glaube, es war ein großer Irrtum der Theorien über den Säkularismus, als sie verkündeten, das Ende der Religion sei gekommen. Ich denke an eine religiöse Umwandlung, die möglicherweise einen Verlust des Einflusses kirchlicher Institutionen mit sich bringen wird.

Roland J. Campiehe ist evangelischer So-zialethiker und Professor an der Universität Lausanne. Mit ihm sprach Felizitas von Schönborn.

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