7122167-1996_41_14.jpg
Digital In Arbeit

Autowaschen statt Meßbesuch

1945 1960 1980 2000 2020

Säkulare inhalte erfüllen religiöse Funktionen. Die Faszination der Warenwelt befördert Gewinn und Genuß in den Rang von Wahrheitsfragen.

1945 1960 1980 2000 2020

Säkulare inhalte erfüllen religiöse Funktionen. Die Faszination der Warenwelt befördert Gewinn und Genuß in den Rang von Wahrheitsfragen.

Die religiöse Landschaft hat sich gewandelt und verändert sich weiter. Das Spannende an diesem Prozeß ist, daß nie1 mand genau sagen kann, auf welche zukünftigen Formationen wir uns zubewegen. In der religiösen Landschaft ist Ungleichzeitiges gleichzeitig, Widersprüchliches und Gegensätzliches erkennbar.

Sprach man vor zehn Jahren noch und überrascht von einer „neuen religiösen (nicht christlich-kirchlichen!) Welle”, so scheint jetzt wieder nicht nur eine Entkirchlichung, sondern eine machtvolle Säkularität und Areligiosität spürbar zu werden. Doch daneben gibt es weiterhin im charis-matisch-pfingstlerischen Bereich Aufbrüche und Gemeindegründungen. Sogenannte Sekten sind ein Dauerthema in den Medien. Banken, Kaufhäuserund Museen präsentieren sich trotz aller Weltlichkeit wie sakrale Stätten. Es gibt Sehnsucht nach neuen Ritualen, ja nach Erhebung und einer Überschreitung des banalen Alltags. Sekten, Säkularität und Sakrali-sierungen machen die religiöse Landschaft unübersichtlich.

Formationen in der Landschaft sind durch bestimmte Bewegungen und Kräfte verursacht. Das ist bei der religiösen Landschaft nicht anders. Die Hauptkraft, die hier umgestaltend wirkt, ist der Individualisierungsprozeß. Die religiöse Individualisierung ist Teil einer Entwicklung der Gesamtkultur. Wie Menschen generell und zunehmend in der Moderne die Bedingungen des Lebens nicht mehr als „Schicksal” hinnehmen, sondern zu Produkten der freien Entscheidung machen und machen wollen, so auch das religiöse Leben. Aus traditioneller Verwurzelung wird Auszug in neue Zusammenhänge. Kirche ist bei uns in der Regel vorgefundene Religion. Das Vorgefundene lockt nicht mit dem süßen Duft von Freiheit und Abenteuer, sondern nur manchmal mit dem heimeligen Glanz des Vertrauten.

Eine Schülerin der zwölften Klasse sagt ihrem Religionslehrer: „Ich such' mir meine Religion selber!” Das Mädchen möchte keine fertigen Antworten von anderen schlucken, sondern ihren eigenen Weg gehen. Individualisierung beginnt auf der subjektiven Ebene damit, daß ein Ich eine Differenz zwischen bestimmten religiösen Orientierungen und sich selbst empfindet. Das Ich kann die Religion nicht mehr nur leben, sondern sich auch zu ihr verhalten. Es steht nicht mehr verwurzelt in einem religiösen Kosmos, sondern ihm gegenüber. Individualisierung schließt als eine Option die Möglichkeit ein, sich für eine andere Religion oder gegen ausdrückliche religiöse Inhalte und Ijebensformen zu entscheiden.

Jeder einzelne kann subjektiv freilich nur auch objektiv schwach gewordene religiöse Orientierungen und Verhaltensweisen entmachten. Daß religiöse Inhalte und Riten nicht mehr allgemein und selbstverständlich akzeptiert sind, ist also nicht denkbar ohne einen gewissen Säkularisierungsprozeß, der die bestimmte Macht religiöser Handlungsmuster und Vorstellungen einschränkt. Es fehlt ihnen die Plausibilität. Den Sonntag durch Kirchgang zu heiligen, verlangt in einer Umgebung, die am Feiertagmorgen joggt, sich ihrer Freizeit freut oder Auto wräscht, eine ganz andere Entschlußkraft als in einer Welt, in der, durch den Klang der Glocke gerufen, sich viele auf den Weg zur Kirche machen und die andern - mit schlechtem Gewissen - zu Hause bleiben. Aber der Platz, den der Rückgang kirchlicher Orientierung gelassen hat, bleibt nicht leer. Die Macht der Säkularität löst nicht nur Orientierung auf, sie schafft selbst auch neue. In der Gesellschaft werden andere Teilbereiche, voran das Wirtschafts-, aber auch das politisch-administrative System oder die Ökologie dominant und entfalten eine quasi missionarische Kraft. Die Türme der Banken und Versicherungen überragen sinnfällig die alten Türme der Kirchen. Die Faszination der Warenwelt kann Gewinn und Genuß in den Rang von letzten Wahrheitsfragen befördern.

Wo bisher selbstverständlich akzeptierte Sinnhorizonte geschwunden sind, fügt sich der einzelne neuen Moden und Trends oder steht vor der Aufgabe, für sich selbst einen über den oft banalen Alltag hinausgehenden Sinnzusammenhang zu suchen und zu finden - sei es einen säkularen, sei es einen der Religion der Wahl. Mit der Individualisierung entsteht ein neuer Vergewisserungsbedarf. Er bringt mit sich, daß Religion gefragt ist, beziehungsweise daß säkulare Inhalte und Lebensformen religiöse Funktionen übernehmen. Dieselben Kräfte, die die alten religiösen Bindungen gelockert haben, suchen neu ”~—~—~™~™””””” nach religiösen Bindungen oder bewirken, daß Säkulares religiöse Funktionen erfüllt. Wo alte Gewißheiten als brüchig erlebt werden, sucht das Ich neue Gewißheit und Erhebung. Die Veränderungen in der religiösen Landschaft lassen sich mit gleichem Becht als Abkehr von alten Gewißheiten wie als Hinwendung zu neuen Sinnstiftungen in vielerlei Gestalt erklären.

Religion und Glaube beziehen sich allgemein gesprochen auf etwas, was über den Alltag erhebt, auf einen „Überort” (klassisch: Himmel) und eine „Übermacht” (herkömmlich als Gott bezeichnet). Aber der heilige Ort, wo das Sehnen und die Sehnsucht hingehen, kann auch anders heißen: Konsumtempel, Ferienparadies, Schrebergarten, Fankurve und Chefetage. Die Übermacht kann in einem Sonnenaufgang oder in der Musik erfahren werden. Je nach Alter, Geschmack oder Bildung werden es sehr verschiedene Formen der Musik sein: von Telemann bis Techno. Es gibt sehr weltliche Überorte und Übermächte - Erfolg, Arbeit, Geld. Für viele Menschen ist der Überort das eigene Selbst, ein Ideal-Ich, das man als etwas Allerheiligstes schützen möchte, vielleicht gerade weil es als so bedroht erlebt wird. Sehr verbreitet ist der Kult des „eigenen” Lebens: Ich möchte mich selbst erfahren, meine Individualität verwirklichen und herausstellen. „Das eigene Leben ist der Versuch und die Versuchung, in sich selbst Grund, Kraft, Ziel der Selbst-und Weltgestaltung zu finden” (Ulrich Beck). Hinter dem Projekt des „eigenen Lebens” steht die Erfahrung einer Entfremdung und als Triebkraft die Suche nach neuer Selbstvergewisserung.

Was jeweils Überort und Übermacht für die einzelnen ist, vermittelt ein Selbstwertgefühl, gibt Teil an einer Lebenswahrheit und Lebensmacht. Es hilft so auch, mit Lebenskrisen umzugehen. Daß der jeweilige Überort und die jeweilige Übermacht gerade an dieser Aufgabe auch schei-tern können, steht auf einem anderen Blatt.

Der private Charakter der neuen Beligio-sität zeigt sich darin, daß sich jede und jeder aus den vorhandenen religiösen Sinnangeboten und Systemen selbst seine Glaubenswelt zusammensucht. Man übernimmt nicht einen buddhistischen oder hinduisti-schen Kosmos als Lebensform, sondern nur die Teile, die gefallen und die es ermöglichen mit individuellen Problemen, Leid, Krankheit, Versagen, besser umzugehen oder die besondere Erlebnisse und spirituelle Erfahrungen versprechen. Religionspraxis gleicht nicht mehr einem Standardgericht, sondern dem Büfett mit Menüwahl. So wie die Küche international geworden ist, so auch der spirituelle Geschmack. Religiöse Orientierungen verlieren damit zum Teil einen in der Gesellschaft über Klassenschranken verbindenden Charakter, in ihnen spiegeln und verstärken sich vielmehr die Differenzen der Milieus in einer Gesellschaft.

Wo Religiosität zu einer Frage des Geschmacks wird, sind der Geschmäcker und der religiösen Ausprägungen viele.

Dennoch wäre es zu einfach, wollte man sagen, in der religiösen Landschaft sei alles vielfältig. Will man in einer Momentaufnahme die religiöse Landschaft vereinfacht darstellen, so wird man - neben dem Islam und de-zidiert konfessionslosen „Gegenden” - drei „Regionen” erkennen: ■ Eine Mittelposition nehmen die großen Kirchen ein, die auch in Deutschland nach _ allen Umfragen stabiler sind als es die veröffentlichte Meinung in Tagespresse und Talkshows annehmen läßt. Es gibt ~~ eine gewiß unbestimmte, aber dennoch relativ feste traditionelle Verwurzelung in der Kirche („treue Kirchenferne”).

■ Auf der einen Seite geht das Feld der Kirchenmitglieder in christliche charismatische, pfingstlerische oder (das ist nicht dasselbe) fundamentalistische Szenen über, die sich zum Teil auch in recht geschlossenen, freien Gemeinden organisieren. Vom Hauptstrom der christlichen Tradition getrennt, sind die festen Organisationen der Neuapostolischen Kirche mit immerhin über 400.000 Mitgliedern und die* „Wachtturmgesell-schaft” (Zeugen Jehovas) mit etwa 120.000 Mitgliedern in Deutschland.

■ Auf der anderen Seite gibt es Einrichtungen, Bewegungen und Gruppen, die Elemente fernöstlicher Beli-giosität und esoterische Erleuchtungen propagieren. Dabei gibt es eine Schnittmenge zwischen volkskirchli-chen Mitgliedern und den Nutzern der Esoterikszene.Typisch für die dritte Begion ist die Mischung von Reli-giösem mit kreativen Erlebnissen und therapeutischen Angeboten oder mit Lebensschulung. Die Angebote bewegen sich innerhalb eines Dreiecks aus Erlebnis, Beligion und Lebensberatung /Therapie.

Achtet man nicht auf Inhalte, sondern auf die Organisationsform, so sind neben den Kirchen zwei sehr verschiedene Formen religiöser Angebote erkennbar: Es gibt einerseits offene „Szenen” und andererseits Gruppen mit Ausschließlichkeitsanspruch; gewissermaßen Beligion light und Religion heavy. Die Szene organisiert sich

über den Zeitschriftenverband oder Verlage, über die Mitwirkung an in der Regel kurzfristigen Veranstaltungen, Seminaren und Kursen. Unterschiedliche Angebote können gleichzeitig wahrgenommen werden. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind nicht auf eine I^ehre oder einen Führer eingeschworen. Dies ist anders bei vereinnahmenden Gruppen, die auch aus der Szene entstehen können. Hier wird Vielfalt und Unübersicht-_ lichkeit des Lebens auf eine einzige Orientierung hin reduziert.

Die Herausforderung des ~'religiösen Pluralismus besteht darin, daß es eine Form des Selbersuchens und -findens von Religion gibt, die gerade die Freiheit bedroht, aus der sie kommt. Manchmal führt selbstgefundene Religiosität weder in die weiten Gewänder der Wahrheit noch in die Schleier der Unverbindlichkeit, sondern in eine Zwangsjacke.

Der Preis, den Mitglieder problematischer religiöser Gruppen für die außerordentlichen und außeralltäglichen Erlebnisse zahlen müssen, besteht darin, daß sie aus ihrem bisherigen Alltag und Lebenszusammenhang herausgelöst werden.

Gerade in Zeiten des religiösen Individualismus sind große religiöse Institutionen (Kirchen) als Klärbecken und Schutzraum für religiöse Erfahrungen hilfreich. Die in den Kirchen wie in einem Schatzhaus gespeicherten religiösen Riten und Traditionen entlasten die einzelnen nicht nur von der Produktion religiöser Lebensformen, sie halten die Religiosität des einzelnen im Gespräch mit anderen vor und neben ihnen und schützen vor allem vor der Vereinnahmung durch fanatische Führer.

Großkirchen bieten eine Balance zwischen Beheimatung und Freiheit, Nähe und Abstand. Dies stört wirksam sektiererische Entwicklungen. Gerade die christliche Religion erhebt nicht nur über den Alltag, sondern verpflichtet auch zu sozialer Verantwortung im Alltag.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau