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Gesellschaft

Suche nach der religiösen Aura

1945 1960 1980 2000 2020

Christentum und Kirche sind "out". Dennoch sind Jugendliche keinesfalls unreligiös. Eine "fleckerlteppichartige" Spiritualität ist im Kommen.

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Christentum und Kirche sind "out". Dennoch sind Jugendliche keinesfalls unreligiös. Eine "fleckerlteppichartige" Spiritualität ist im Kommen.

Wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen!", sagt der Volksmund. Als Kurt Wölber 1959 in Deutschland die erste groß angelegte Jugendstudie zum Thema Jugendreligiosität durchführte, stellte er fest: Immer weniger Jugendliche entscheiden sich bewußt und absichtlich für das Christentum. Die jungen Menschen seiner Zeit verstanden sich zwar in überwältigender Mehrheit als Christen, doch bei näherer Befragung stellte sich heraus, daß ihre Religiosität eine "Religion ohne Entscheidung" war; man verstand sich als Christ, weil das immer schon so war. In den deutschen und österreichischen Jugendstudien der jüngsten Zeit setzen sich Wölbers Daten konsequent fort. Die Jugendlichen heute verzichten auf eine solche Form von Religion und verabschieden sich still und unauffällig vom Christentum und den Kirchen. So findet sich in der österreichischen Jugendwertestudie von 1990 ("JUWE") die Religion an vorletzter Stelle als wichtig erachteter Lebensbereiche, weit abgeschlagen hinter Familie, Arbeit, Freizeit und Freundschaft - und zwar sowohl bei den Jugendlichen als auch bei den Erwachsenen.

Die Jugendlichen von heute wollen nicht mehr bloß aus Gewohnheit einer Religion angehören. Sie haben gelernt, Weltanschauungen kritisch zu hinterfragen, sie setzen auf Selbständigkeit, Freiheit und bewußte Entscheidungen und lehnen Bekenntnisse ohne Überzeugung ab - auch in religiösen Fragen. Institutionalisiertes Christentum und Kirchen sind "out". Daran kann auch das begeisterte Engagement jugendlicher Anhänger innerkatholischer charismatischer Erneuerungsbewegungen oder freikirchlicher Evangelikaler wenig ändern, sie bleiben Minderheitserscheinungen.

Dennoch sind moderne Jugendliche keinesfalls unreligiös. Alle Jugendstudien zeigen: Religiosität, oder wie es modern heißt: "Spiritualität", ist im Kommen - aber eben nicht in ihrer institutionalisierten Form, sondern als Lebens- und Orientierungshilfe und Unterstützung für das subjektive Wohlbefinden. 1990 verstand sich annähernd die Hälfte aller österreichischen Jugendlichen zwischen 16 und 24 als "subjektiv religiös", noch mehr glaubten an einen Gott. Allerdings: dieser Gott wird nur mehr in den seltensten Fällen als Person gedacht (JUWE: 18 Prozent; EMNID-Studie 1997, Deutschland: 9,5 Prozent). Aber nicht nur dieser zentrale christliche Glaubensinhalt ist im Verschwinden: immer weniger Jugendliche glauben an die Auferstehung, immer weniger gehen regelmäßig in den Gottesdienst oder beten zum christlichen Gott. Dabei geben 70 Prozent aller österreichischen Jugendlichen an, religiös erzogen worden zu sein und sind auch von der Person Jesu beeindruckt - bloß hält man ihn eben nicht mehr automatisch für den Sohn Gottes. Was ist da passiert?

Zugleich herrscht reges Interesse an religiösen Fragen - allerdings steht dabei das Erleben und Fühlen von Religion im Vordergrund, weniger das Interesse an einer intellektuellen Auseinandersetzung. In einer geschäftigen, nüchternen und entzauberten Welt sucht Jugend wieder nach der "religiösen Aura", nach absichtslosem Dasein. Der Religionssoziologe Heiner Barz sieht sogar eine neue Form von Religiosität entstehen. Ähnliche Ergebnisse zeigt auch die jüngste deutsche EMNID-Studie (1997). Jugendliche sind religiös - aber ihre Weltanschauungen basteln sie sich heute nach subjektivem Gutdünken selbst. Eine "fleckerlteppichartige" Religiosität, die sich aus den unterschiedlichsten Weltanschauungen zusammensetzt und dabei oft den gängigen Regeln der Logik widerspricht ist gefragt. Weltanschauungen und Existenzdeutungen werden unkonventionell, heteromorph und virtuos komponiert. Was zählt, ist das, was nützt - nicht ob es wahr ist.

Uneins sind sich die Experten über die Einschätzung der religiösen Situation. Konstatieren die konfessionell ungebundenen Jugendstudien hohes Interesse an Religiosität im Sinne von subjektiver und sinnhafter Lebensgestaltung und einen Bedeutungsverlust des Christentums, sind Religionssoziologen wie Anton Bucher und Andreas Feige, beide Theologen, der Ansicht, daß die Lage für das Christentum keinesfalls so besorgniserregend sei, wie das die Daten nahezulegen scheinen. Was jedoch für alle Forscher feststeht: jugendliche Religiosität ist im Wandel.

Diese Entwicklung muß man im gesellschaftspolitischen Kontext sehen: knapp vor der Jahrtausendwende befindet sich Religion auch in der Erwachsenenwelt im Umbruch. Neue religiöse Kulturformen entstehen, das Interesse an sogenannter "esoterischer" Spiritualität nimmt rasant zu, ein "religiöser Supermarkt" entsteht, auf dem der bisherige Monopolist "Christentum" massive Konkurrenz erhält. Ob wir heute Zeugen einer "Respiritualisierung" der Gesellschaft werden, ob tatsächlich eine neue Religiosität entsteht oder bloß alte, längst vergangen geglaubte Geister wiedererstehen, ob das Christentum gar eine inkarnierte Gestalt annimmt, oder ob es sich bloß um ein Riesengeschäft handelt, ist derzeit offen. Jugendliche wachsen auf jeden Fall in einer Situation religiösen Umbruchs auf und werden ihre persönliche Religiosität, so sie eine entwickeln, daran orientieren, was ihnen selbst als wertvoll, richtig und gut erscheint.

Jugendliche Werte in den neunziger Jahren: das sind vor allem Freundschaft und Familie, eine erlebnisreiche Freizeit, ein sinnvoller Job und materielle Sicherheit, aber auch Freiheit, Autonomie und Selbstverwirklichung. Leitend ist die Vorstellung individuellen Glücks und die Orientierung am eigenen Ich als vorläufig letztem Sinnhorizont. Diese hedonistisch-individualistische Tendenz ist Resultat des Lebenskontextes der Jugendlichen. Sie sind in gewisser Weise eine "desillusionierte" Generation - in der Regel gebildeter als ihre Elterngeneration, dank neuer Technologien besser informiert, wissen sie um die Grenzen von Ideologien und Weltanschauungen, um die Gefährlichkeit absoluter Utopien und sogenannter "Wahrheiten". Zugleich wünschen sie sich aber eine Welt in Frieden und haben eine hohe politische Moral - und zögern deshalb, sich vorschnell und "ewig" auf eine bestimmte, auch religiöse, Weltinterpretation einzulassen. Wer dies doch tut, weist in der Regel seelische und intellektuelle Defizite auf (Beispiel: Sekten, fundamentalistische Bewegungen, Satanismus). Der durchschnittliche Jugendliche erfährt sich als auf sich selbst zurückgeworfen und weiß sich für sein Leben selbst verantwortlich. "Feste Fahrpläne" durchs Leben, wie sie noch die Generationen zuvor kannten, gibt es nicht mehr. Jugendliche leben heute in einer Gesellschaft, die sich generell in einem gewaltigen Wandel befindet, dessen Ausgang noch ungewiß ist: Globalisierung, Mediatisierung, Ökonomisierung betreffen die Jugendlichen hautnah. Die gesellschaftliche Krise hat die Jugend voll erreicht (Shell-Studie 1997). Alt und Jung stehen vor einer ungewissen Zukunft. Dies führt zu einer Situation, die den - auch religiösen - Orientierungsbedarf erhöht, zugleich aber skeptisch macht gegenüber allen Antwortversuchen, die Patentlösungen anbieten wollen. So hat die Jugend zur Religion ein ambivalentes Verhältnis. Viele Jugendliche befriedigen deshalb ihre religiösen Sehnsüchte am Markt der Ereignisse und Konsumgüter: "funktionale Äquivalente" von Religiosität, also Tätigkeiten oder Dinge, die im Erleben Transzendenzgefühle oder -gedanken auslösen können, wie Musik, Tanzen, Sport oder Konsum, können Religion solcherart ersetzen, zeigen aber auch, woran es den institutionalisierten Religionen fehlt: an Erlebnis, Emotion und hautnahem Kontakt mit der Welt. Es sind also weder "die Esoterik" noch "der Individualismus" oder "die Konsumgesellschaft", die die religiöse Krise (was hier im Sinne des Wandels gemeint ist) der Jugendlichen verursachen, sondern der gesellschaftliche Wandel selbst führt zu einer veränderten Situation, die nach neuen Wegen - auch in der religiösen Erziehung - verlangt.

Was sich trotz dieses Wandels nicht geändert hat: Jugendliche suchen nach wie vor Orientierung und "Vorbilder"; allerdings unter geänderten Voraussetzungen. Sie wollen als gleichwertige Partner ernstgenommen werden und sich eine eigene, selbstverantwortete Meinung bilden können. Ihre Lebensfragen sind im Kern die gleichen geblieben, sie zeigen sich nur in modernem Gewand. Worum es heute geht: gemeinsam Antworten auf diese Fragen zu finden.

Einen Überblick über die Ergebnisse zum Thema "Jugend und Religion" finden sie in der aktuellen Studie von Regina Polak und Christian Friesl: "Die Suche nach der religiösen Aura; Analysen zum Verhältnis von Jugend, Transzendenz und Religion", Wien 1998, die im Herbst im Tyrolia-Verlag als Buch erscheinen wird.