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Parteipolitik ist uncool

Jugendliche interessieren sich für alle Bereiche der Politik – oder gar nicht. Immer mehr junge Menschen sehnen sich nach starken Autoritäten. Das Gespräch führten Stefan Janits und Claus Reitan

Der Wiener Pastoraltheologe und Soziologe Paul M. Zulehner und ÖVP-Wissenschaftsminister Johannes Hahn im FURCHE-Gespräch über das Politikverständnis, Chancen und Sorgen der Jugendlichen in Österreich und die Ergebnisse der Wertestudie 2008.

DIE FURCHE: „Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes. Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen“, wird der Philosoph Aristoteles zitiert. Doch auch heute wird so über die Jugend geredet. Aber gibt es überhaupt die Jugend, kann man da von einer homogenen Gruppe sprechen?

Johannes Hahn: Ich denke, die Jugendlichen sind genauso wenig eine einheitliche Gruppe, wie es die 30- bis 40-Jährigen oder die 60-Jährigen sind. Es ist eine Gruppe, die sich in erster Linie durch das biologische Alter kennzeichnet.

Paul M. Zulehner: Wir sind in der Forschung der Meinung: Jeder Mensch ist ein Einzelfall. So wie sich Erwachsene in unterschiedliche soziologische Gruppen einteilen lassen, ist es auch bei den Jugendlichen der Fall. Was aber bei rund einem Drittel der Jugendlichen im Vergleich zu Erwachsenen besonders stark auffällt, ist die Fähigkeit, traditionelle mit modernen Werten in Einklang zu bringen. Sie stellen sich der Moderne, aber nicht im Sinne einer simplen Einpassung, sondern sie beziehen Reserven aus der Tradition. Diese Mischung von alt und neu ist möglicherweise die zukunftsfähigste, jedoch gibt es eine traurige Nachricht: je älter die Jugendlichen werden, umso mehr werden sie wie die Erwachsenen – und das wäre schade, weil es dann keine neuen Entwicklungen gäbe.

Hahn: Diese Mischung aus Tradition und Modernität hat ja auch die CSU in Bayern propagiert, Stichwort „Lederhose und Laptop“. Dieser Versuch zieht sich durch viele gesellschaftliche Gruppierungen. Das macht für mich auch einen „guten“ Konservativen aus: Er ist nicht altvatrisch, sondern steht in einer Tradition und ist dennoch offen für Neues.

Zulehner: Es gibt aber noch zwei andere Gruppen von Jugendlichen. Jene, die kaum noch traditionelle Ressourcen kennen, die Radikalkonstruktivisten, die alles für erfindbar halten. Und jene Gruppe, die sich ganz aus der Modernität zurückziehen, weil sie nicht planbar ist und viel Unsicherheit birgt. Diese suchen dann nicht nach Tradition, sondern nach Personen, die vermeintlich die Tradition vertreten, zum Beispiel Fundamentalisten in der Kirche oder Anhänger bekannter Parteien.

Hahn: Beide Gruppen sind institutionenkritisch …

Zulehner: … die Autoritären nicht, die gehen ja dann wieder in die Kirche.

Hahn: Es gibt aber die klassisch institutionenkritischen Jugendlichen, die vermeintlich neuen Strukturen offener gegenüberstehen.

Zulehner: Die Modernen schon, die schließen sich dann Organisationen wie Greenpeace oder Amnesty International an. Nichts hat hingegen zurzeit so einen schlechten Ruf wie die Politik …

Hahn: War das jemals anders?

Zulehner: Ich glaube schon. Da hat sich in den letzten Jahren viel entwickelt. Das Wohlwollen den Politikern gegenüber ist deutlich gesunken. Auch Jugendliche, die in Sachfragen gut informiert sind und sich auch sonst up-to-date halten, meinen eine Politik vorzufinden, die kein Lösungspontenzial hat.

Hahn: Das Problem ist, dass immer mehr Menschen persönlich keine Erfahrung haben mit dem Wesen der repräsentativen Demokratie. Wer schon einmal für eine Sache eine Mehrheit finden musste, der gewinnt dazu eine andere Sichtweise. Viele Menschen erwarten eindeutige Antworten, aber das wird in einer differenzierten Gesellschaft immer schwieriger. Politik beinhaltet lange Prozesse der Meinungsfindung, das ist für viele heute nicht nachvollziehbar, dadurch erscheint für sie die Politik entscheidungsschwach.

DIE FURCHE: Viele Jugendliche sind an Politik interessiert, gleichzeitig stellt die Wertestudie 2008 fest: „Jugendpolitik findet in Österreich kaum statt.“ Woran liegt das?

Hahn: Wenn ich an meine Zeit als Jugendpolitiker zurückdenke oder wenn ich heute mit jungen Menschen diskutiere, stelle ich fest: die sogenannten „Jugendthemen“ interessieren Jugendliche meist nicht. Vielmehr wollen sie über aktuelle Fragen der Politik diskutieren. Wenn junge Menschen an Politik interessiert sind, dann sind sie an allen politischen Themen interessiert. Zum Beispiel bin ich überzeugt, dass die meisten Jugendlichen auch an der Weltwirtschaftskrise interessiert sind. Sie haben andere Zugänge zu dem Thema, andere Begriffe, aber dass sie das als Thema interessiert, ist manifest. Ich kann da oft kaum Unterschiede erkennen, was einen 50-Jährigen und einen Jugendlichen beschäftigt. Oft sind Interessen altersunabhängig.

Zulehner: Es zeigt sich aber, dass viele Jugendliche europafreundlicher sind als Erwachsene. Sie interessieren sich weit mehr für die Welt und für das, was ihre Zukunft prägen wird.

DIE FURCHE: Welche Rolle spielt das Internet?

Hahn: Ich glaube, das Internet beeinflusst die Diskussions- und Mitbestimmungskultur. Aber im Internet wird die Diskussionskultur formalisierter, es ist eine andere Form der Diskussion.

DIE FURCHE: Eine schlechtere Form?

Hahn: Nein, keine schlechtere Form, eine andere Form. Ich bin kein Gegner des Internets, wie ich auch mit der Einführung des „e-votings“ bei den ÖH-Wahlen gezeigt habe. Aber die Qualität des Diskurses ist im Internet eine andere, weil auch Elemente, die das persönliche Gespräch auszeichnen – wie etwa die Spontaneität, Mimik und Gestik – fehlen. Gerade auch im politischen Diskurs müssen wir noch besser lernen, mit dem Internet umzugehen.

DIE FURCHE: Die Wertestudie kritisiert einen Mangel an Politikern, die auf Jugendliche vertrauenserweckend wirken, mit einer Ausnahme: Heinz-Christian Strache …

Hahn: Alle Untersuchungen, die wir haben, zeigen, dass Heinz-Christian Strache als Person nicht so dominant ist, wie es Haider für die FPÖ war. Die Freiheitlichen haben sich mit ihren inhaltlichen Positionen entpersonifiziert. Die FPÖ steht monothematisch für etwas, das von Strache vermarktet wird. Aber ich gehe davon aus, dass die FPÖ nicht wesentlich anders dastünde, wenn wer anderer die Partei führte, sofern er nicht an der inhaltlichen Richtung rüttelt. Interessant an diesem Phänomen ist aber aus meiner Sicht vor allem eines: Früher war die Gruppe der jugendlichen FPÖ-Anhänger weitgehend auf die Lehrlinge beschränkt, mittlerweile steigt auch unter den Gymnasiasten die Zahl der Anhänger.

Zulehner: Es ist eine Mischung. Klar, Institutionen werden durch Personen vertreten. Darunter leidet die Kirche, wenn sie falsche Personen zum Bischof ernennt, darunter leiden Parteien, wenn man keine tauglichen Personen hat. Die Kehrseite, da gebe ich Minister Hahn recht, ist das, was wir Autoritarismus genannt haben. Alles wird immer komplizierter und unsicherer: Ehe, Liebe, Arbeitswelt und Umwelt. Gerade jungen Leuten kann man da relativ schnell Angst machen. Und je verunsicherter so eine Generation ist, umso leichter haben es jene, die einfache Antworten geben, cool sind und Charisma haben.

Hahn: Ein Politiker, der einen Relativsatz verwendet, ist schon uncool.

Zulehner: Seit Mitte der 90er Jahre steigt der Autoritarismus wieder und wird auch nicht durch Bildung gestoppt. Die Frage ist: Warum?

Hahn: Das Problem ist, glaube ich, der zum Teil fehlgeleitete Bildungs- beziehungsweise Ausbildungsansatz der vergangenen Jahre und Jahrzehnte. Denn wir vermitteln an den Schulen großteils noch immer Wissen, aber nicht die Fertigkeit, sich Wissen anzueignen. Der Fächerkanon an den Schulen hat sich nicht wesentlich verändert. Salopp gesagt: IT ist dazugekommen, aber that’s it.

Zulehner: Was wir zurzeit machen, ist beispielsweise technische Fächer wie Physik oder Mathematik zu bespielen. Ich habe das Gefühl, man müsste nachdenken, was zur Stärkung der Persönlichkeit beiträgt in Zeiten der Krise und Globalisierung, was einen Vorrat an Orientierung gibt, das müsste man den Schülern mitgeben. Ich hätte gerne ein „Werte-Pisa“: wie gehen Schüler mit Autoritäten um? Welchen Begriff von Gerechtigkeit haben sie? Wie schaut’s aus mit ethischen Prinzipien? Und zweitens wäre es spannend, Werte-Hierarchien abzufragen. Ist uns das Hemd näher als der Fremde, wo steht die Familie, was macht das politische Desinteresse aus? Kann man das nicht abtesten? Mathe und Englisch testet man ja auch.

DIE FURCHE: Eine zukunftsfähige Gesellschaft braucht zukunftsfähige Menschen. Was wäre in diesem Zusammenhang ein wichtiges erstes Thema? Dass die Familien wieder mehr zusammenhalten, oder was ist es, was da fehlt? Und warum bekommen junge Erwachsene immer weniger Kinder?

Zulehner: Funktionierende Familien sind in diesem Zusammenhang sehr wichtig. Jedoch, das Bild von Familie ist so überromantisiert, dass es nur kollabieren kann. Alle Themen, die mit partnerschaftlichem Krisenmanagement zusammenhängen, haben überhaupt keine Bedeutung. Tatsächlich aber muss man davon ausgehen, dass auch die Partnerschaft, die Liebe und die Familie Hochrisikolebensformen geworden sind. Aber wir brauchen sie. Vor allem Kinder brauchen einen Gedeihraum, geprägt von Liebe und Stabilität. Ein Problem, das auch die Wertestudie zeigt: Wir leben in einer Kultur, deren oberstes Prinzip heißt: optimales leidfreies Glück über 90 Jahre in Liebe, Arbeit und Amüsement. Die Menschen leiden dabei aber heute unter einem wahnsinnigen Selbsterfüllungsdruck, der so groß ist, dass sowohl Mann und Frau letztlich nur die eigene Glücksoptimierung im Auge haben. Deswegen haben vermutlich so wenige auch Kinder. Es fehlt die Bereitschaft, seine knapper werdenden Lebensressourcen mit Kindern zu teilen. Daher sind wahrscheinlich alle Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie blitzgescheit, aber das wird nicht ausreichen.

Hahn: Wenn man jedoch nach Frankreich schaut, da gibt es sichtlich eine andere Kultur, was die Akzeptanz anbelangt, dass Frauen nach der Geburt schnell wieder im Beruf tätig sind. Daher gibt es dort viele Frauen in Spitzenpositionen, die Kinder haben. Das Problem: Egal ob in Wirtschaft oder Wissenschaft, genau in die Phase, in der die berufliche Entscheidung ansteht, fällt auch die Familiengründungsphase. Die Wissenschafterin ist zwischen 25 und 40, wenn sie ihr Doktorrat macht oder sich habilitiert, und in die Zeit fällt auch die Familienplanung.

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