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"Die Utopien sind verschwunden"

Regina Polak, Assistentin am Wiener Institut für Pastoraltheologie und Mitarbeiterin am Ludwig-Boltzmann-Institut für Werteforschung, über das Ende der Weltverbesserer und das Verhältnis der Jugend zu Kirche und Politik.

Die Furche: Trendforscher strafen die Rede vom "Werteverfall" Lügen und orten ein Comeback traditioneller Werte wie Pflichtgefühl oder Disziplin. Stimmen Sie dem zu?

Polak: Ich glaube auch, dass die Werte nicht verloren gegangen sind, denn es gibt keine Gesellschaft, in der es keine Wichtigkeiten gäbe. Es gibt allerdings eine problematische Tendenz, nämlich eine nihilistische. Damit meine ich nicht, dass den Leuten nichts mehr wichtig sei, sondern Nihilismus meint bei Friedrich Nietzsche die ständige Umwertung aller Werte. Auf Grund der Tatsache, dass es keinen höchsten Wert mehr gibt, sind die Jugendlichen gezwungen, sich ihre Werte selbst zu erfinden. Es gibt keinen Wertemangel, sondern eher einen Werteüberfluss: Die Jugendlichen schätzen Traditionelles wie Freundschaft, Familie, Treue - wobei aber immer auch die Freiheit dazu gehört. Es wächst eine Jugendgeneration heran, die das erste Mal die Möglichkeit hat, Werte auszubalancieren.

Die Furche: Die Werte werden also zunehmend verhandelbar?

Polak: Ja, wobei das nicht unbedingt nur negativ sein muss. Die Frage ist: Heißt Verhandelbarkeit automatisch auch Machbarkeit von Werten? Oder geht es nicht vielmehr darum, Jugendliche zu befähigen, einen weltanschaulichen Standpunkt zu beziehen. Denn damit haben viele Jugendliche ein Problem: In welcher Situation ist welcher Wert vorrangig? Sie werden Experimentierkünstler. Die Frage ist: Finden sie auch Räume, wo sie diese Werte ausbalancieren können? Hier könnte die Kirche eine wichtige Chance wahrnehmen: Jugendgruppen sind ein guter Ort, so etwas einzuüben.

Die Furche: Aber die von Ihnen mit verfasste "Österreichische Jugend-Wertestudie 1990-2000" hat festgestellt, dass die Jugendlichen stetig die Kirchen verlassen. Gleichzeitig empfindet sich die Mehrheit als religiös ...

Polak: Die Jugendlichen sind eben sehr institutionenkritisch. Viele können nicht erkennen, dass die Freiheit und Individualität, die ihnen so wichtig ist, eigentlich einen institutionellen und rechtlichen Rahmen braucht. Kirche wird mit Institution gleichgesetzt und ist deshalb bei den Jugendlichen sehr negativ besetzt. Auch Religion ist kein Vokabel, das primär verwendet wird, wohl aber Spiritualität. Als wir in unseren Tiefeninterviews die Frage nach Gott und dem Heiligen gestellt haben, sind uns sehr wenige Jugendliche begegnet, die sich als kämpferische Atheisten entpuppt haben. Weil dieser kämpferische Atheismus oder das Antikirchentum abnimmt und es auch immer weniger kirchliche Erinnerungen gibt, besteht umgekehrt die Chance, wieder vermehrt über Religion und Kirche zu sprechen.

Die Furche: Bei den Jugendlichen steht laut Ihrer Studie der Wert einer intakten Familie hoch im Kurs. Andererseits erleben sie immer öfter, dass Familien in Brüche gehen ...

Polak: Der Familienbegriff wird sehr breit gefasst und steht als Chiffre für alles, was an geglückter Beziehung ersehnt wird. Jugendliche zählen mittlerweile nicht nur Mama, Papa oder Blutsverwandte zur Familie, sondern auch Freunde und alle Menschen, bei denen sie sich zu Hause fühlen. Trotzdem besteht nach wie vor die Sehnsucht, eine eigene gut funktionierende Familie zu haben. Diese Sehnsucht wird konterkariert durch die ständigen Hiobsbotschaften scheiternder Ehen. Hier verschwindet auch eine Utopie. Vorstellungen von einer besseren Welt und das Vorhaben, dazu einen Beitrag zu leisten, sind keine Kategorien mehr, in denen Jugendliche denken. Die Kids sind irrsinnig abgeklärt und nüchtern. Das führt zu Situationen, dass man als 35-Jährige mit einem 18-Jährigen diskutiert und sich denkt: Irgend etwas läuft verkehrt. Eigentlich müsste ich konservativ sein!

Die Furche: Zur Abgeklärtheit gehört auch, sich weniger um die Verbesserung der Welt als um die eigene Karriere zu kümmern....

Polak: Das wird ihnen aber auch ständig vorgelebt. Jugendliche haben zwar eine größere Wertkompetenz als die Generationen davor. Trotzdem haben sie auf Grund ihrer Jugend keinen so breiten Denk- und Erfahrungshorizont, um einen eigenen Wertekanon entwickeln zu können. Wenn ich mir ansehe, welche Panik Eltern haben, wenn es um die Ausbildung ihrer Kinder geht - dass sie genug lernen, Kurse besuchen und am besten schon vorgeburtlich mit Mozart beschallt werden - dann spiegelt das Wertebewusstsein der Jugendlichen die Haltung der Erwachsenen wider. Im Grunde sind Jugendwertestudien ja Indikatoren, wie wir Erwachsenen uns verhalten. Ich denke mir das besonders in der Kriegsdebatte: In den Schulen und Familien wird Konfliktfähigkeit eingemahnt. Gleichzeitig sehen Jugendliche im Fernsehen permanent das Gegenteil dessen, was sie in der Schule hören. Dass sie dann cool, abgeklärt und utopielos sind, ist mir nicht unbegreiflich. Es wäre aber möglich, diese Utopie und die Widerstandsresistenz zu fördern. Gerade im kirchlichen Bereich begegnen wir in den Erneuerungsbewegungen immer wieder Jugendlichen, die - für mich fast befremdlich - euphorisch sind. Dazu kann man kritisch stehen. Andererseits sieht man, dass es möglich ist, solche Kräfte freizusetzen.

Die Furche: Während viele Jugendliche utopielos sind, ist ihre Bereitschaft zur Solidarität laut Ihren Studien offenbar besonders groß ...

Polak: Es besteht tatsächlich eine sehr große Bereitschaft, sich zu engagieren. Umso mehr braucht es kluge Überlegungen, wo dieses Engagement Gestalt finden kann. Problematisch ist das vor allem punkto Politik: Jugendliche sind im Bereich Parteipolitik total reserviert, was demokratiepolitisch katastrophal ist. Gleichzeitig aber sind sie, wenn man den Politikbegriff breiter fasst, wesentlich politischer als die Generationen davor. Hier entsteht eine große Kluft. Es wird von der Politik und Kirchenpolitik abhängen, dass wir die Jugendlichen nicht wieder demotivieren. Doch das tun wir momentan. Schon jetzt gibt es die Beobachtung, dass der Autoritarismus bei den Jugendlichen - im Unterschied zu den Erwachsenen - zwar nicht quantitativ zunimmt, aber aggressiver und egoistischer wird. Umso wichtiger ist es zu betonen, dass die meisten Jugendstudien "stinknormale" Jugendliche zeigen, also solche, die ihren Weg machen werden. Daneben gibt es aber die unsichtbaren Jugendlichen, die unter die Räder kommen und zu wenig finanziellen oder ideellen Background haben, um aus dieser Benachteiligungssituation herauszufinden. Diese Jugendlichen werden fast nie in Studien sichtbar, und das müssen wir ändern.

Das Gespräch führte

Doris Helmberger.

BUCHTIPP:

EXPERIMENT JUNG-SEIN. Die Wertewelt österreichischer Jugendlicher. Von Christian Friesl (Hg.). Czernin Verlag,

Wien 2001. 237 Seiten, Pb., e 20,25.

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