religionen - © llustration: Rainer Messerklinger
Religion

Von Vielfalt und Individuum

1945 1960 1980 2000 2020

Wie wir die diverse Religion von morgen verstehen lernen: Ein Zusammenspiel von Alter, Kultur und Migration.

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Wie wir die diverse Religion von morgen verstehen lernen: Ein Zusammenspiel von Alter, Kultur und Migration.

„Weißt du, ehrlich gesagt, nicht meine Eltern haben mir meine Kultur beigebracht sondern tamilische Filme. Weil da kannst du immer sehen, ah ok, so könnte unsere Religion aussehen, so unsere Kultur“ sagt Neruthaya, die regelmäßig den Hindutempel besucht. Ihre Aussage ist ein gutes Beispiel für junge Menschen, die als Mitglieder einer religiösen Minderheit aufwachsen und sich im Zuge des Erwachsenwerdens auf die Suche nach ihrem eigenen Glaubensverständnis machen. Das verändert nicht nur die religiösen Gemeinschaften, sondern tangiert auch die Gesamtgesellschaft. Trotz fortschreitender Säkularisierungstendenzen bleibt Religion Thema und Herausforderung für das Zusammenleben in Vielfalt, wie es Europa heute prägt. Dabei sind manche Religionen und ihre Entwicklungen Gegenstand hitziger Debatten, während andere ungesehen bleiben. Für junge Musliminnen und Muslime findet die Auseinandersetzung mit der eigenen Religion viel stärker im Fokus der Öffentlichkeit statt, als das beispielsweise für junge Hindus wie Neruthaya der Fall ist. Trotzdem finden sich viele gleichlautende Fragen, etwa die Unterscheidung zwischen Kultur und Religion, die auch Yllzana beschäftigt: „Bei meiner Mutter ist das Problem, dass sie Kultur und Religion einfach nicht voneinander trennen kann. Sie vermischt das gern ein bisschen. Sie kann mir viel über Kultur beibringen, aber ich ihr mehr über den Islam“, meint die junge Frau, die sich intensiv mit dem Koran beschäftigt.

Es braucht Intersektionalität

Beide jungen Frauen suchen explizit nach Wissen über ihren Glauben. Gerade die Frage nach dem Verhältnis von Kultur im Herkunftsland der Eltern und ihrer eigenen religiösen Praxis stellt sich ihnen aufgrund der Minderheiten- und Migrationssituation sehr dringlich. Denn das Zusammenfallen verschiedener Differenzkategorien – etwa Religion und Ethnizität – verstärkt ihre Wirkmacht in der Lebenswelt von Menschen wie Neruthaya und Yllzana. In der Sozialforschung spricht man von Intersektionalität, bei der es gilt, die gesellschaftliche Situiertheit von Menschen umfassend wahrzunehmen. Das Konzept der Intersektionalität entstand aus der Erfahrung von Frauenrechtlerinnen, die nicht zur weißen Mittelschicht gehörten und ihre Lebensrealitäten in feministischen Debatten nicht widergespiegelt sahen.

Bei meiner Mutter ist das Problem, dass sie Kultur und Religion nicht trennen kann. Sie kann mir viel über Kultur beibringen, aber ich ihr mehr über den Islam.

Die afroamerikanische ehemalige Sklavin Sojourner Truths formulierte bereits 1851 die Frage „Ain’t I a woman? “ und machte damit darauf aufmerksam, dass die Überlagerung verschiedener Ungleichheiten spezifische Formen der Ausgrenzung produziert. Mit dem gesonderten Blick auf einzelne Diversitätsmerkmale wird man diesen nicht gerecht.

Sozialforschung, die sich heute mit Jugendreligiosität beschäftigt, muss diese Denkweise anwenden, um nicht in die Fallen früherer Studien zu tappen. Häufig ist der Umgang mit Religion und Ethnizität in der Jugendforschung unreflektiert.

Das beginnt bei der Auswahl der zu Beforschenden: das größte Interesse gilt seit Langem muslimischen Jugendlichen, da diese diskursiv, medial und politisch als „Problemgruppe“ definiert werden. Gleichzeitig werden komplexe Gemengelagen wie wachsende Diversität, Individualisierungstendenzen und Entgrenzungsprozesse ausgeblendet, so als wären mit der Frage nach Religion in Europa heute nur junge Musliminnen und Muslime befasst. Forschende reflektieren außerdem viel zu selten die Auswirkungen von Ausgrenzungserfahrungen, gerade für Jugendliche und junge Erwachsene. Sowohl Forschende als auch junge Gläubige sind also auf der Suche nach Wissen über Glauben. Damit das für Forschende gelingt, braucht es die Sensibilität für den Lebensabschnitt Jugend und seine Besonderheiten. Austesten und anecken gehören hier genauso dazu, wie die nicht selten konflikthafte Auseinandersetzung mit dem eigenen Umfeld: Freunde, Familie, Schule, Community. Erst wenn Alter, Religion und Migration in der wissenschaftlichen Analyse zusammengedacht und Ausgangspunkt für die Entwicklung von Fragestellungen werden, wird der spezifischen Situation religiöser Jugendlicher in diversen Gesellschaften Rechnung getragen. Vielfalt dabei als Normalität und unaufgeregten Ausgangspunkt der Forschung zu setzen, ist ein weiterer wichtiger Schritt, um Fallstricke zu vermeiden.

In unterschiedlichen Konzepten, wie etwa dem der Migrationsgesellschaft, der Postmigration oder der Superdiversität, wird versucht, die Vielfalt der Gesellschaft als immer schon dagewesene voraus- und damit Erzählungen von Nationen als homogenen Gebilden entgegenzusetzen. Denn Erfahrungen religiöser Minderheiten sind in keiner europäischen Gesellschaft neu. Neu sind hingegen manche Formen, wie Jugendliche religiöse Zugehörigkeit verhandeln. Digitalisierung und eine globalisierte Welt führen dazu, dass Jugendlichen ein weites Feld an religiösen Inhalten zur Verfügung steht. Das reicht von tamilischen Filmen, wie sie Neruthaya zu Rate zieht, über religiöse Lifestyleblogs bis hin zum Austausch in sozialen Medien, die schon längst nicht mehr an nationale Grenzen gebunden sind. Junge Menschen wählen dabei ihre religiösen Orientierungspunkte in häufig sehr individualisierten Prozessen. Das entspricht gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen, die dem Einzelnen Freiheit aber auch Verantwortung bei der Gestaltung des eigenen Lebens zunehmend übertragen.

Kein Grund zur Panik

Zweifellos führt das auch zu problematischen Entwicklungen. Religiöser Lifestyle ist nicht immer harmlos, etwa, wenn Intoleranz und Fundamentalismus Teil davon sind. Radikalisierung kann eine Folge dieser individualisierten Auseinandersetzung sein. Wie Yllzanas Aussage zeigt, hat die individualisierte Auseinandersetzung mit Religion aber auch emanzipatorisches Potential. Um hier nicht voreilig in die eine oder andere Kerbe zu schlagen, gilt es, den Kulturpessimismus, der der Beschäftigung mit Jugend oft innewohnt, abzulegen. Der befürchtete moralische Verfall kommender Generationen ist älter als das Konzept von Jugend selbst. Während die Jugend erst seit der Neuzeit überhaupt als eigene Lebensphase angesehen wird, hat bekanntlich schon Sokrates den jungen Menschen seiner Zeit ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Nimmt man hingegen Jugendliche als Expertinnen und Experten für ihre eigene Lebensrealität ernst, zeigt sich schnell, dass die generelle Sorge nicht gerechtfertigt ist. So antwortet etwa Sedat auf die Frage, was für seinen Glauben zählt, ganz pragmatisch: „Erstens lasse ich meinen gesunden Menschenverstand walten. Weil eben eigentlich ist unsere Religion so konzipiert, dass man mit dem gesunden Menschenverstand agieren kann, ohne Bedenken.“

Astrid Mattes ist Politik- und Religionswissenschaftlerin und forscht an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Katharina Limacher ist Religionssoziologin am Forschungszentrum,Religion and Transformation in Contemporary Society“ der Universität Wien.

Buch Mattes - © V&R unipress
© V&R unipress
Buch

Prayer, Pop and Politics. Researching Religious Youth in Migration Society

Herausgegeben von Katharina Limacher,
Astrid Mattes, Christoph Novak
V&R unipress 2019 278 Seiten,
geb., € 47,–

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