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Nicht "religiös", aber "GläubiG"?

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Was Jugendliche glauben und wie es um ihre Religiosität bestellt ist, versuchen aktuelle Studien im deutschen Sprachraum zu ergründen.

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Was Jugendliche glauben und wie es um ihre Religiosität bestellt ist, versuchen aktuelle Studien im deutschen Sprachraum zu ergründen.

Religiös wollen sie nicht sein, den Glauben aber finden sie gut." So lautet eines der Ergebnisse einer neuen, repräsentativen Studie der Universität Tübingen zur Religiosität von Jugendlichen. Mehr als 7000 Jugendliche und junge Erwachsene im deutschen Bundesland Baden-Württemberg wurden mithilfe eines Fragebogens und in Interviews zu ihren Einstellungen und Erfahrungen zu Glaube, Kirche und Religion befragt. In Jugendstudien ist Religion ein häufig vernachlässigtes Thema, und wenn, dann fehlt oft ein differenziertes Verständnis von Religion, vor allem zwischen Religion und Religiosität bzw. Spiritualität muss unterschieden werden. In dieser Studie "Jugend -Glaube -Religion. Eine Repräsentativstudie zu Jugendlichen im Religions-und Ethikunterricht" werden verschiedene Aspekte von Religion und Glauben begrifflich und inhaltlich differenziert befragt.

Mehr als die Hälfte glaubt an Gott

Neuere amerikanische Studien haben begonnen, Jugendliche mehrfach im Abstand von mehreren Jahren zu befragen, "longitudinale Befragungen" wird dies genannt. Das nimmt die Studie von Schweitzer u. a. auf. Im Abstand von circa eineinhalb Jahren wurden die Befragungen durchgeführt, um Veränderungen im Jugendalter zu erfassen.

Interessant ist, nicht über Jugendliche zu reden, sondern Jugendliche selbst zu hören. Exemplarisch seien einzelne Ergebnisse aus dieser Studie genannt, es wurden Jugendliche aus Religionsunterricht und Ethikunterricht mit unterschiedlicher Religionszugehörigkeit an Gymnasien, berufsbildenden höheren Schulen und Berufsschulen befragt: Mehr als die Hälfte der befragten Jugendlichen (52 Prozent) glaubt an Gott, diejenigen, die an Gott glauben, gehen mehrheitlich von einem Gott als Gegenüber aus. Dreiviertel beten gelegentlich oder häufig, Gebetsanlass sind Kummer und Dankbarkeit. Als "religiös" würden sich trotzdem nur 22 Prozent bezeichnen, fast doppelt so viele von ihnen (41 Prozent) sagen aber von sich selbst, "gläubig" zu sein.

Für die Jugendlichen ist Glauben etwas Individuelles und Persönliches. Den eigenen Glauben selbst zu gestalten und in religiösen Fragen frei zu entscheiden, ist für junge Menschen von hoher Bedeutung. Die Haltung gegenüber der Institution Kirche ist ambivalent, und mit dem institutionellen Charakter der Religion identifizieren sich die Jugendlichen nur ungern. Kirche wird knapp mehrheitlich positiv gesehen. Dies geht einher mit einer ausgeprägt kirchenkritischen Einstellung, der eigene Glaube wird von 54 Prozent als unabhängig von der Kirche gesehen. Positiv wird Kirche dort wahrgenommen, wo Jugendliche Gemeinschaft erfahren, z. B. in Jugendgruppen, Freizeiten, Ministrantenarbeit, Chören.

Interesse an religiösen Fragen wächst

Die Längsschnittuntersuchung zeigt, dass das Interesse an religiösen Fragen zwischen den Befragungszeitpunkten sowohl bei Schülerinnen und Schülern im Religionsunterricht wie auch im Ethikunterricht gewachsen ist. Sich zum Thema Religion und Glaube eine eigene Meinung bilden zu können und mit den eigenen Fragen ernst genommen zu werden, ist den Befragten sehr wichtig. Genau dies erwarten sie auch von einem guten Religions-bzw. Ethikunterricht. Die Frage nach einem Weiterleben nach dem Tod beschäftigt junge Menschen sehr, nur acht Prozent zeigen sich in dieser Frage gleichgültig.

Dreiviertel der Jugendlichen zeigen sich gegenüber anderen Religionen und Kulturen interessiert, offen und dialogbereit. Bei einem Viertel zeigen sich Abgrenzung und Angst, 25 Prozent stimmen der Aussage zu, dass es zu viele Muslime in Deutschland gebe. Diese Auffassung vertreten auch 18 Pro zent der muslimischen Befragten. Dieser Befund unterstreicht, wie wichtig (schulische und außerschulische) Angebote für die Auseinandersetzung mit religionsbezogenen Vorurteilen sind.

Im Zeitraum von eineinhalb Jahren sind im Jugendalter bereits Veränderungen sichtbar: Der Gottesglaube der Befragten bleibt über die Befragungszeitpunkte im Wesentlichen stabil, während die kirchenkritischen Haltungen deutlich stärker werden. So steigt die Zustimmung zu der Aussage "Die Kirche muss sich ändern, wenn sie eine Zukunft haben will" von 61 Prozent auf 71 Prozent. Gleichzeitig zeigen die Jugendlichen nicht weniger, sondern mehr Interesse an religiösen Fragen, dies zeigt sich u. a. auch an einer positiveren Bewertung des Religions-und Ethikunterrichts bei der zweiten Befragung.

Beim Vergleich verschiedener Gruppen zeigt sich: Weibliche Jugendliche weisen in verschiedenen Bereichen höhere Religiositätswerte auf als die männlichen Befragten. Zwischen Schülerinnen und Schülern der verschiedenen Schultypen gibt es weniger Unterschiede im Blick auf Religion, als oftmals angenommen wird. Jugendliche, die am Ethikunterricht teilnehmen, sind weniger stark religiös sozialisiert und haben seltener eine vertrauensvolle Gottesbeziehung als Schüler, die am Religionsunterricht teilnehmen. Die Gruppe der muslimischen Schülerinnen und Schüler sticht besonders durch einen starken Gottesglauben und weniger Zweifel an Glaubensinhalten heraus.

Auf Jugendliche schauen

Dies wird auch in anderen Studien bestätigt, exemplarisch sei auf die Vorarlberger Studie "Lebenswelten -Werthaltungen junger Menschen in Vorarlberg 2016" verwiesen. Für muslimische Jugendliche gehört Religion zur eigenen Identität, auch wenn diese nicht regelmäßig praktiziert wird. Auch inhaltliche Themen wie z.B. das Hinterfragen von Gottes Gerechtigkeit angesichts von Leiderfahrungen sind für sie weniger ein Thema als für ihre nicht-muslimischen Mitschülerinnen und Mitschüler.

Auf Jugendliche zu schauen, ist auch deshalb interessant, weil die Veränderung der Gesellschaft zu einer Veränderung der Lebensphasen geführt hat. Während sich Kindheit und Erwachsenenalter verkürzt haben, haben sich das Jugendalter und die Zeit als Seniorin oder Senior verlängert. Das Jugendalter kann grob verstanden werden als die Zeit zwischen dem Eintreten der Pubertät und der Übernahme autonomer beruflicher und gesellschaftlicher Rollen. Bedingt durch zahlreiche veränderte Faktoren benötigen junge Menschen heute mehr Zeit, um die Entwicklungsaufgaben des Jugendalters abzuschließen. Der Übergang ist fließend, in der amerikanischen Jugendforschung wird dies als "Emerging Adulthood" bezeichnet. Rechtlich sind die jungen Menschen volljährig, zugleich sind aber Partnerschaft und Erwerbsarbeit, Wohnort und Lebensform u. a. häufig noch nicht festgelegt.

Psychische Veränderungen in der Entwicklung sind verbunden mit den körperlichen Veränderungen im Jugendalter. Neurokinin B gilt heute als Auslöser-Botenstoff für die Pubertät. Die neurobiologische Umstrukturierung im Gehirn führt - neben den körperlichen Veränderungen wie Längenwachstum, Körperproportionen und Geschlechtsmerkmale -zu einer Reihe weiterer Phänomene: Die Entwicklungen im limbischen System (vor allem beteiligt an der Verarbeitung von Emotionen) und im frontalen Kortex (zuständig für Handlungsplanung und Handlungskontrolle) erfolgen später und dauern länger. Dies kann zu vorübergehenden Problemen in der Emotionsverarbeitung und der kognitiven Handlungssteuerung führen.

Zentrale Rolle der Geborgenheit

Der Glaube an die Einzigartigkeit des eigenen Denkens und Handelns steht häufig im Vordergrund und ist oft verbunden mit dem Empfinden, nicht verstanden zu werden. Hinzu kommt eine Abnahme der Serotoninausschüttung, damit werden negative Gefühlszustände sowie geringere Motivation wahrscheinlicher, das Selbstwertgefühl nimmt ab. Mädchen nehmen ihren Körper stärker negativ wahr, ihren eigenen Körper anzunehmen und zu mögen, fällt zahlreichen Mädchen und Buben nicht leicht. Mittelfristig aber kommt es - bei gelingender Entwicklung -u. a. zu einer Beschleunigung der Informationsverarbeitung, zur Fähigkeit, abstrakter zu denken sowie sich selbst emotional zu regulieren und das eigene Verhalten zu steuern.

Die Lösung vom Elternhaus und den elterlichen Beziehungen hat sich verändert, in der jüngsten Shell-Jugendstudie von 2015 heißt es: "Geborgenheit spielt, wie die Befunde belegen, im Verhältnis der Jugendlichen zu ihren Eltern eine zentrale Rolle. Und die Eltern scheinen dieses emotionale Wohlfühl- und Sicherheitsbedürfnis ihrer Kinder so gut und umfassend zu befriedigen, dass die Partnerschaften davon quasi entlastet sind. Das verschafft Jugendlichen, wie es scheint, Freiheitsgrade, sich ganz auf das aufregend Neue in ihren Beziehungen zum anderen Geschlecht zu konzentrieren, ohne Einbußen an Geborgenheit, die ja durch die Familie abgesichert wird, befürchten zu müssen."

Interessant werden weitere Forschungen, die Entwicklungsaufgaben und religiöse Themen in den Fragestellungen miteinander verbinden. Diese stehen noch aus.

| Die Autorin ist Professorin an der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg sowie Psychotherapeutin und (Lehr-)Supervisorin |

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