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Freudlos und total apathisch

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Depressionen, heute eine Massenerscheinung, sind nicht als Stimmungen abzutun, sondern als Krankheit sehr ernst zu nehmen.

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Depressionen, heute eine Massenerscheinung, sind nicht als Stimmungen abzutun, sondern als Krankheit sehr ernst zu nehmen.

Auf die Frage: „Wie geht es Dir?”, bekommt man häufig Antworten, die auf einen bedrückten Gemütszustand, auf Nieder-geschlagenenheit und Unzufriedenheit, auf das Gefühl des Überfordertseins schließen lassen. So entsteht leicht der Eindruck, es herrsche heute so etwas wie eine depressive Grundstimmung unter den Menschen vor.

Depressionen muß man aber klar von solchen Stimmungen abgrenzen, sind sie doch eindeutig als Krankheit, die auch körperlich in Erscheinung tritt, zu kennzeichnen. Die Depression ist mehr als eine Traurigkeit, unterscheidet sich aber von der Trauer. „Wer depressiv ist, kann sich nicht mehr freuen, wer nur trauert hingegen schon (etwa über die Blumen bei der Beerdigung, das Kommen von Freunden...)”, grenzt Walter Pöldin-ger beide Erscheinungen voneinander ab. Leidet ein Mensch an einer Depression, so verliert er meist das Interesse an allem, was ihn umgibt. Absolute Freudlosigkeit, Konzentrationsunfähigkeit, Hemmungen beim Denken sind weitere Symptome. Schlaflosigkeit, Verlust der Libido, Hoffnungslosigkeit und Selbstmordgedanken treten auf. „Innerhalb eines Jahres haben 7,5 Prozent der Männer und 16 Prozent der Frauen Selbstmordgedanken,” registriert Hartmann Hin-terhuber von der Psychiatrischen Uni-Klinik Innsbruck.

Im depressiven Menschen spielt sich ein Kampf zwischen lebensbejahenden und -verneinenden Kräften ab. Daher darf die Umgebung Ankündigungen eines Mitmenschen, er werde sich das Leben nehmen, nicht auf die leichte Schulter nehmen. So zeigt eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) über den Verlauf von depressiven Störungen (über eine Periode von zehn Jahren) in fünf Städten der Welt, daß elf Prozent der beobachteten 573 Patienten in diesem Zeitraum Selbstmord begangen und 14 Prozent einen Suizidversuch unternommen haben. Die Depression ist also eine wirklich ernstzunehmende Krankheit.

Man muß nämlich wissen, daß der Depressive von der Krankheit niedergedrückt wird und absolut unfähig ist, gegen den Zustand anzukämpfen. „In der Depression leidet der Mensch so sehr, daß man es nicht beschreiben kann. Wer das nicht erlebt hat, kann es sich nicht vorstellen,” kennzeichnet Pöldinger die Dramatik des Geschehens.

Daher müssen Angehörige extrem behutsam mit der betroffenen Person umgehen, auf sie hinhören und einem völligen Zusammenbruch entgegenwirken (Seite 14 und 17). Ganz wichtig aber ist es auch, den Patienten zu einem Arztbesuch zu ermutigen. Denn Depression ist eine Erscheinung, die sich heute medikamentös sehr gut behandeln läßt. Mit geeigneten Mitteln können akute Depressionsphasen abgekürzt werden. „Wie bei kaum einer anderen Krankheit ist das harmonische Zusammenwirken aller Beteiligten, des Arztes, des betroffenen Menschen, der Angehörigen und des Psychotherapeuten von höchster Bedeutung,” resümiert Pöldinger (siehe auch Seite 14).

Die Wahrnehmung von Depressiven weist bestimmte Merkmale auf: Ohne freiwilliges Zutun geraten sie in automatische Denkprozesse. Nichtssagende, aus dem Zusammenhang gerissene Details reichen dann aus, um die eigene Meinung bestätigt zu finden, daß sie selbst total unfähig sind. Was diese Schlußfolgerung in Frage stellen würde, wird ignoriert. Auf diese Weise wird der Depressive zu einer Person, die die eigenen Fähigkeiten dramatisch unterschätzt, die anderen aber überbewertet.

Wie weit ist das Problem verbreitet? Genau läßt sich das nicht feststellen (Seite 14 und 16). Aber das Phänomen scheint weitverbreitet zu sein: Schätzungen der WHO zufolge leiden weltweit 120 bis 200 Millionen Menschen unter Depressionen. In Österreich dürften rund 400.000 Personen akut betroffen sein. Eine Fessel-Umfrage unter 1.500 Österreichern ergab: neun Prozent der Befragten fühlten sich in den letzten vier Wochen „mehr als gewöhnlich unglücklich und deprimiert. Weitere 29 Prozent meinten, sie seien unglücklich und deprimiert gewesen, ohne daß es jedoch in den letzten vier Wochen zu einer Verstärkung dieser Beschwerden gekommen sei,” resümiert Heinz Katschnig, Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie in Wien, die Ergebnisse der Studie.

Besonders betroffen sind alte Menschen. Depressionen sind die häufigsten psychischen Störungen im Alter. Ein wichtiger Grund dafür ist darin zu suchen, daß Vereinsamung bei der Entstehung von Depressionen eine wichtige Rolle spielt. Dazu Hans Za-potoczky (Graz): „45 bis 50 Prozent der alten Menschen in Institutionen sind depressiv ... Die Selbstmordrate bei Männern steigt zwischen dem 65. und dem 75. Lebensjahr um 100 Prozent an. Hier sind die Frauen offenbar in einer etwas besseren Situation. Bei ihnen erhöht sich diese tragische Bäte in dieser Altersgruppe um 40 Prozent.”

Die geringere weibliche Selbstmordanfälligkeit ist einigermaßen überraschend, da Frauen im Prozeß des Alterns das besondere Problem der Veränderung ihres hormonellen Haushaltes im Klimakterium zu bewältigen haben. Diese Lebensphase der Frau spielt auch im Zusammenhang mit Depressionen, die ja in enger Beziehung zum Hormongeschehen stehen (Seite 14), eine besondere Rolle. Besonders belastend wirkt im Klimakterium, daß ein körperlich sichtbarer Alterungsprozeß einsetzt und daß die Frau mit der Erkenntnis zurecht kommen muß, daß ihre Fähigkeit zur Mutterschaft ein Ende nimmt. Meist ist der Wechsel auch eine Phase des Lebens, in der die Aufgabe als Mutter wegfällt und eine Umstellung im Erleben der Sexualität auftritt. Daß grundlegende Fragen der Stellung der eigenen Person im gesellschaftlichen Gefüge eine wichtige Bolle spielen, darauf weist auch der Wiener Neurologe Lüder Deecke hin: „Es zeigt sich, daß die reaktive Depressionsbereitschaft in den westlichen Industriestaaten ansteigt. Es ist also keineswegs so, daß in schlechteren Zeiten (Not, Kriegs- und Nachkriegszeit) die reaktiven Depressionen häufiger sind.

Im Gegenteil: Offensichtlich bedarf es eines gewissen Maßes an Freizeit und Wohlstand, um seine Depression ,pflegen' zu können. Krieg und Hunger fördern keine Depression. Sie sind eher eine Herausforderung, eine Aufgabe. Auch hängt der Anstieg von reaktiven Depressionen wohl mit dem Niedergang der Religion zusammen. Den Menschen fehlt der Halt im Glauben. Das Selbstmordverbot in den christlichen Religionen bewirkt eine nicht zu unterschätzende Suizidhemmung. Das Fundament der großen Religionen durch Sekten zu ersetzen, ist sicher ein Irrweg. Hier kommen, wie man weiß, Kollektivselbstmorde vor. Echtes Gottvertrauen hilft dagegen sehr, sein Leben zu meistern, und ist die beste Prophylaxe.”

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