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Am Ende aller Kräfte

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Leiden Sie an Erschöpfung? Können Sie sich am Morgen nur schwer zum Aufstehen motivieren? Sind Sie müde, obwohl Sie eigentlich geschlafen haben und ganz frisch und erholt sein müßten?

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Leiden Sie an Erschöpfung? Können Sie sich am Morgen nur schwer zum Aufstehen motivieren? Sind Sie müde, obwohl Sie eigentlich geschlafen haben und ganz frisch und erholt sein müßten?

Dann hat es vielleicht auch bei Ihnen zugeschlagen: das „Burn-out-Syndrom”. In Europa leiden bereits viele Millionen Menschen an chronischer Erschöpfung, Frauen sind doppelt so oft davon betroffen wie Männer.

Das Burnout-Syndrom sollte auf jeden Fall ernstgenommen werden. Denn es handelt sich nicht nur um Überarbeitung und mangelnde Erholung, meist geht es um den gesamten Lebenswandel.

Vinzenz Mansmann aus Deutschland, Facharzt für Allgemeinmedizin und Naturheilverfahren ist Spezialist für die naturgemäße Behandlung von Erschöpfungszuständen. Für ihn sind die Alarmzeichen des Körpers ein Hinweis darauf, daß dringend etwas geschehen muß.

In seinem kürzlich erschienenen Ratgeber rät er bei jeder Art von Burnout zu einer Änderung des Lebensstils. Eigeninitiative, sportliche Betätigung und eine aktive Freizeitgestaltung sollen den nötigen Ausgleich zu Beruf und Familie schaffen und verhindern, daß Streß überhaupt entstehen kann.

Wenn dies alles aber nicht mehr hilft, sollte man sich überlegen, ob man den Zustand chronischer Erschöpfung alleine überwinden kann oder sich doch besser zum Arzt und in therapeutische Behandlung begeben sollte.

Depressive Syndrome

Dauernde Müdigkeit und ein ständiges Gefühl des Überfordertseins werden bei jedem Menschen durch andere Faktoren ausgelöst:

■ Das depressive Schwäche-Syndrom kann durch einschneidende, schwer zu verarbeitende Ereignisse, wie den Tod eines Nahestehenden, hervorgerufen werden oder organisch bedingt sein. Ausdauersportarten, vor allem in Gruppen ausgeübt, sowie die morgendliche Frischedusche nach Pfarrer Kneipp eignen sich bessnders für Menschen, die am depressiven Schwäche-Syndrom leiden. Mansmann rät auch zu Johanniskrautpräparaten aus Beformhäusern oder Apotheken.

■ Perfektionisten und Menschen, die ständig auf der Suche nach Selbstbestätigung und Anerkennung sind, neigen besonders zum nervösen Überforderungssyndrom. Das positive Streßgefühl, der „Eu-Streß” bewirkt zum Beispiel das Herzflattern vor einem Rendezvous. Der negative

„Dys-Streß” (Haß, Ärger, Neid) dagegen kann unter Umständen einen Mensehen derart beherrschen, daß man die Grenzen der eigenen Streßverträglichkeit überschreitet. Man ist erschöpft, die Widerstandskraft gegen Krankheiten sinkt und dauerhafte Schäden oder chronische Erkrankungen können entstehen.

Entspannungstechniken, Massagen, sportliche Betätigung, sowie ein gezieltes Planen des Tagesablaufes (inklusive Ruhepausen!) hilft Menschen, die „niemals zur Ruhe kommen” können. Aus der Pflanzenheilkunde eignen sich Baldrian oder Kawa-Kawa (Wurzelextrakte einer Pfefferart aus dem Südseeraum).

■ Nicht nur der Körper insgesamt, sondern auch einzelne Organe können unter negativem Dauerstreß leiden. Wenn plötzlich Infektionen auftreten, spricht Mansmann vom Ab-wehrschwäche-Syndrom: Verdauungsprobleme, Ausschläge, hartnäckige Blasenentzündungen oder | Pilzinfektionen sind typisch dafür. Blut- und Stuhlun-tersuchun-gen, sowie Tests zur Überprüfung des Immunsystems sollten bei solchen Beschwerden vorgenommen werden. Auch hier gelten Meditationstechniken, Bewegung und Saunabesuche als beste Therapie. Auf Ernährungsgewohnheiten sollte man besonders achten.

■ Kreislaufschwäche zeigt sich vor allem an Schwindelgefühlen oder Konzentrationsstörungen in den frühen Morgenstunden, kalten Händen und Füßen. Von Krampfadern sind besonders Frauen betroffen. Bei Kreislaufbeschwerden aller Art helfen morgendliche Frischeduschen, regelmäßiger Sport und morgendliche Gymnastik bei offenem Fenster.

■ Auch Hormonstörungen können Erschöpfungszustände hervorrufen. Typisch bei Frauen sind Stimmungs-tiefs in den Wechseljahren und Menstruationsbeschwerden bei jungen Mädchen. Mansmann empfiehlt eine Blutprobe zur Überprüfung des Hormonstatus oder die Durchführung einer Thermoregulationsdiagnostik. Regelmäßige Wasseranwendungen, Sitzbäder mit Kamillenzusätzen, gesunde fleischarme Ernährung sowie aerobe Bewegung helfen bei hormonell bedingten Erschöpfungszuständen.

Bei aeroben Sportarten (Laufen, Badfahren und andere Ausdauersportarten) werden größere Muskel-partien länger als 15 Minuten kräftig bewegt, sodaß tiefere Atmung, schnellerer Herzschlag und damit eine bessere Sauerstoffversorgung des Körpers eintreten. Sie dienen zur Etil Spannung, Steigerung der Abwehr-kräfte aber auch zum Abnehmen. fr Leberschäden, Erkrankungen der Galle und der Bauchspeicheldrüse können die Ursache für das Stoff-wechselschwäche-Syndrom sein. Verdauungsprobleme und schlechter, wenig erholsamer Schlaf sind typisch dafür, Bewegung und fettarme Ernährung der erste Schritt zur Besserung.

Mehr Bewegung

■ Fälle von Mangelernährung treten selbst in unserer Wohlstandsgesellschaft noch auf. Mineralstoffmängel, die infolge von Uberdüngung in der Landwirtschaft entstehen und die

Zerstörung wertvoller Vitamine bei der Fast-Food - Zu berei tu n g sind die Hauptursachen, Volkskrank-heiten wie Gelenkr heuma, Bluthochdruck und Allergien die Folge. Blutanalysen und eine professionelle Ernährungsberatung empfiehlt der Naturmediziner aus Deutschland. Alkohol und Nikotin sollten reduziert oder, wenn möglich, ganz gemieden werden.

■ Allergien und Vergif-tungserscheinungen können Abwehrschwäche und leichte Ermüdbarkeit hervorrufen, da das Immunsystem viel Energie verbraucht. Vergiftungserscheinungen können durch Stoffe in Wohnung und Lebensmitteln sowie durch belastende Medikamente oder eventuell auch aufgrund von Amalgamfüllungen in Zähnen hervorgerufen werden.

■ Zu den häufigsten chronischen Erkrankungen, die Ermüdungszustände auslösen können, zählen Zuckerkrankheit, Blutarmut, Gefäßverkalkung im Alter und übrigens auch das

Schnarchen, das sich in Schlaflabors behandeln läßt.

Naturmedizinische Verfahren können die traditionellen medizinischen Therapien unterstützen, mitunter auch ersetzen, meint Mansmann. Doch der erste Schritt, um dem Streß ein Ende zu setzen, liegt immer in der Eigeninitiative. Erst wenn man genau weiß, daß man so nicht weitermachen will und seine Einstellung zum Leben

ändert, kann man verhindern, daß einem die Dinge über den Kopf wachsen und man plötzlich das Gefühl hat, vollkommen ausgelaugt und erschöpft zu sein.

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