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Was heißt schon krank!

"Gesundheit" oder "Krankheit" eines Menschen lässt sich nicht nur an seinen aktuellen Symptomen feststellen, sondern auch an seinen Genen. Ob er tatsächlich erkrankt, hängt nicht zuletzt von seinem Lebenswandel ab - und von seinem inneren Gleichgewicht.

Fragen nach Gesundheit und Krankheit müssen heute neu durchdacht werden. Gerade in den westlichen Ländern verändern sich die Krankheitsbilder und die Menschen werden älter. Galt es früher vor allem akute Infektionskrankheiten zu beherrschen, sind es gegenwärtig hauptsächlich chronische Erkrankungen. Gerade in den so genannten zivilisierten Ländern stehen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Allergien, Diabetes, rheumatoide Erkrankungen, Krebs und AIDS im Mittelpunkt. Man weiß heute, dass über 60 Prozent dieser Krankheiten mit dem Lebensstil der Menschen zusammenhängen ("Life-style-Erkrankungen"). Was aber zu diesem Lebensstil gehört, muss noch genauer erfasst werden.

Neben dieser Veränderung der Krankheitsbilder bringen auch die neuen diagnostischen Methoden einiges an Veränderung. Seit den Möglichkeiten der Genanalyse zeigt sich, dass jemand genetisch krank und doch aktuell gesund sein kann. Das hängt damit zusammen, dass Gene an- und abgeschaltet werden müssen. Ein krankes Gen, das nicht angeschaltet (aktiviert) ist, löst auch keine Krankheit aus. Außerdem gibt es kranke Gene, die nicht exprimiert werden, weil sie rezessiv vererbt werden. (Sie bieten sogar einen Schutz, etwa vor Malaria. Man spricht hier vom so genannten Heterozygotenvorteil).

Riskantes Wissen

Weiters kann es sein, dass eine genetisch angelegte Krankheit erst zu einem späteren Zeitpunkt ausbricht. Ein genetischer Schaden kann erst 30 Jahre später wirksam werden. In diesen Fällen (etwa bei Chorea Huntington) stellt sich die Frage, welche Auswirkungen eine solche Diagnose - mit 40 oder 50 Jahren schwer zu erkranken - für das Leben des Einzelnen hat. Hier entstehen große Probleme im Umgang mit dem Wissen über die eigene genetische Disposition.

Schließlich gibt es auch genetische Veranlagungen für bestimmte Infektionskrankheiten. Das führt zu der Problematik, dass es einerseits gut wäre, diese Veranlagung zu kennen (etwa um bestimmte Berufe nicht zu ergreifen), dass aber andererseits die Gefahr besteht, Arbeitgeber oder Versicherungen könnten in den Besitz der Daten gelangen und Patienten benachteiligen.

"Krank" und "gesund" sind also Begriffe, die genauer gefasst werden müssen, da sie sich nicht mehr nur auf aktuell sichtbare oder erfahrbare Symptome beziehen, sondern auch auf deren genetische Hintergründe. Bei der Interpretation dieser Diagnosen kommt daher dem zugrunde liegenden Menschenbild eine entscheidende Bedeutung zu.

Es gilt heute als sicher, dass nicht die Gene allein für den Ausbruch einer Krankheit verantwortlich sind, sondern auch die Umwelt und - was noch bemerkenswerter ist - auch das Denken und die inneren Grundhaltungen des Menschen. Die Psychoneuroimmunologie hat erkannt, dass beispielsweise das Gehirn - und das heißt philosophisch gesprochen das Denken und Fühlen des Menschen - die erwähnten An- und Abschaltmechanismen der Gene beeinflusst. Außerdem ist schon lange bekannt, dass das Immunsystem etwa durch bestimmte Formen von Stress geschwächt wird. Dadurch können Krankheiten leichter ausbrechen.

Das heißt, dass gerade angesichts der Erkenntnisse der Genetik und der Psychoneuroimmunologie gezeigt werden kann, dass die eindimensionalen Erklärungen, geschädigte Gene seien die alleinige Ursache von Krankheiten, nicht zutreffen. Die Zusammenhänge sind wesentlich komplexer.

Bereits die Biologie hat erkannt, dass ihr altes Paradigma, ein Gen codiere ein Protein und ein Protein habe nur eine definierte Funktion, nicht mehr zutrifft. Sie musste dieses Paradigma zugunsten der multidimensionalen Theorie aufgeben, dass ein Gen viele verschiedene Proteine codieren und jedes Protein unterschiedliche Funktionen haben kann. Die Medizin sollte diesem Paradigmenwechsel folgen.

Dieser Paradigmenwechsel würde bedeuten, dass die Medizin neben der Psychologie auch verstärkt mit Philosophie und Theologie zusammen arbeiten muss (nicht nur im Bereich der Ethik, sondern vor allem bei Grundfragen der Krankheitsinterpretation). Denn naturwissenschaftliche Medizin und Psychosomatik allein können Krankheiten nicht hinreichend erklären.

Krankheitsursprung Seele

Gerade Fragen nach den seelischen Hintergründen von Krankheiten betreffen weit mehr Phänomene als jene, die von Psychologie/Psychosomatik/Psychoneuroimmunologie erfasst werden. Die Seele des Menschen bedeutet mehr als verdrängte Konflikte, Ängste, Stress, Unbewusstes. Sie hat vor allem zu tun mit der Letztbestimmung des Menschen, mit der "Unsterblichkeit der Seele" (griechische Terminologie), die im Christentum als leibliche Auferstehung gedacht wird. Auch Fragen der je einmaligen Berufung und das Finden der eigenen Wahrheit haben hier ihren Platz.

Die Ansätze der psychosomatischen Medizin, die etwa nach spezifischen Konflikten im Hintergrund von Krankheiten suchen, sind daher zu vertiefen durch jene existenziellen Fragen nach dem Sinn des eigenen Lebens, nach Zeit und Ewigkeit, Angst und Vertrauen, nach dem Gottesverhältnis des Einzelnen. Denn auch diese inneren Grundausrichtungen haben wegen der leib-seelischen Einheit des Menschen Einfluss auf Krankheit und Gesundheit.

Um dies noch konkreter zu machen: Gesundheit und Krankheit sind eine Frage von intakten oder gestörten Gleichgewichten. Der Mensch ist ständig von angreifenden Bakterien, Viren, Krebszellen "bedroht". Ein intaktes Immunsystem wehrt diese Angreifer aber ab. Kommt das Gleichgewicht zwischen Angreifern und Abwehr durcheinander, bricht eine Krankheit aus. Entweder nehmen die Konzentrationen an Viren/Bakterien in der Außenwelt zu (oder Krebszellen im Inneren), oder aber das Immunsystem wird geschwächt.

Wenn das Immunsystem und die An- und Abschaltmechanismen der Gene durch die Umwelt und das eigene Innere beeinflussbar sind, dann kann das heißen, dass innerer "Unfriede" und dauerhafte Unstimmigkeiten zu einer Schwächung des Immunsystems führen oder die Verschaltung der Gene stören. Die inneren Dispositionen des Einzelnen tragen also zu Krankheit und Gesundheit bei.

Wenn gegenwärtig mehr von der Selbstverantwortung des Menschen gesprochen wird, dann kann er diese nur wahrnehmen, wenn er (schon in der Schule) über all diese Zusammenhänge aufgeklärt wird. Er muss nicht nur etwas erfahren über gesunde Ernährung oder die Ausübung von Sport, sondern vor allem über die medizinische Relevanz innerer Grundhaltungen wie Angst und Vertrauen, Wahrhaftigkeit und Lüge, Religiosität und Lebensstil. Aus christlicher Sicht ist dabei das Religiöse zu definieren als jenes Element, das zu mehr innerem Frieden, größerer innerer Freiheit, tieferer Freude, mehr Lebensentfaltung führt (was etwas anderes ist als egozentrische Selbstverwirklichung). Innere Geordnetheit in diesem Sinne wird auch die Materie (Immunsystem/Gene) besser im Gleichgewicht halten. Bildung und Aufklärung in diesem Sinn - bei Kindern und älteren Menschen spielen auch andere Mechanismen eine Rolle - sind daher die beste Voraussetzung für eine gesündere Gesellschaft (und damit letztlich für eine Kostendämpfung im Gesundheitssystem).

Allerdings bleibt bei allen Versuchen, Krankheiten zu interpretieren, ein Rest an Undurchschaubarem, Unbehandelbarem und zu Ertragendem. Es bleibt möglicherweise eine (chronische) Krankheit und die Erfahrung der Endlichkeit, dass trotz aller Erkenntnis und Umkehr keine innerweltliche Heilung mehr geschieht. Damit wird aber Erkenntnis und Umkehr nicht sinnlos. Der einzelne kann so vielleicht sein Schicksal besser annehmen.

Dabei muss die Solidargemeinschaft ihn begleiten und für ihn einstehen. Sie zeigt damit, dass wir alle gemeinsam unterwegs sind und niemand alleine ans Ziel gelangt. Solidarität und Eigenverantwortung sollten gerade angesichts der neuen Herausforderungen, der zunehmend chronischen Erkrankungen und einer älter werdenden Bevölkerung Hand in Hand gehen.

Der Autor ist Mediziner, katholischer Theologe und Dozent am Institut für Ethik und Recht in der Medizin der Universität Wien.

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