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"Gene fahren nicht auf Autopilot"

Joachim Bauer benennt irrige Vorstellungen über Gene und meint: Von Natur ist der Mensch auf Kooperation aus.

Letzte Woche hielt der Medizinprofessor Joachim Bauer im Rahmen der "Tage der Utopie" in Götzis einen Vortrag zum Thema: "Kooperation als gesellschaftliches Zukunftsprojekt. Wie die Neurobiologie das darwinistische Weltbild revolutioniert." Bauers Kritik an Darwin richtete sich dabei nicht gegen die Evolutionstheorie als solche, sondern gegen die Metapher vom Kampf ums Überleben. Insbesondere widersprach er auch der von Richard Dawkins propagierten modernen Darwin-Interpretation, wonach Gene egoistisch sind, ja der Mensch bloß eine "Überlebensmaschine" (©Dawkins) für die Gene darstellt. Seine eigene, durch neuere neurobiologische Arbeiten gestützte These lautete dagegen: Der Mensch ist von Natur aus auf Kooperation hin angelegt. Die Furche sprach mit Joachim Bauer über genetisches (Un-) Wissen und falsche Weltbilder.

Die Furche: Das österreichische Wochenmagazin "profil" titelte Anfang April und ganz ohne Scherz: "Das Moral-Gen. Ist das Gute im Menschen angeboren?" Ist es? Und wie steht es mit dem Schlechten?

Joachim Bauer: Leider befindet sich das Wissen über die Arbeitsweise der Gene bei den meisten Zeitgenossen - und natürlich auch bei manchen Journalisten - auf dem Stand vor 25 Jahren, oder noch davor. Ohne dass es uns bewusst ist, ist das Denken über die Gene bei vielen Menschen von Darwin und seinen Nachfolgern geprägt, also von der Annahme, dass Gene das gesamte Lebensprogramm in sich tragen und dass sich das Leben daran entscheide, ob man "gute" oder "schlechte" Gene habe.

Die Furche: Interessanterweise erfährt man auf den neun Seiten über das Moral-Gen weder, wo sich das Gen befindet, noch wie es heißt. Vielleicht gibt es das Gen ja gar nicht …

Bauer: Eben, so ist es. Die Annahme, dass Gene bestimmte Charaktereigenschaften vorausbestimmen, ist erwiesener Maßen Unsinn. Moralische Eigenschaften, Charakter, aber auch das, was wir religiösen Glauben nennen, alles das sind komplexe Phänomene unserer Seele, die niemals durch ein einzelnes Gen bestimmt sein können. Hier fließen viele Elemente ein, nicht nur biologisch angelegte Temperamentsfaktoren, sondern auch all die Erfahrungen und Begegnungen, die ein Mensch in der Welt gemacht hat, und schließlich das, was sich vor diesem Hintergrund als ganz persönliches Wesen entwickelt hat.

Die Furche: Warum liest man dann regelmäßig Geschichten über das Gottes-Gen, das Homosexualitäts-Gen etc.?

Bauer: Weil es einen Trend gibt, den Menschen als eine durch die Gene bestimmte Maschine zu definieren, den man gemäß irgendwelchen Nützlichkeitserwägungen mit entsprechenden Manipulationen dann beliebig verändern kann. Dahinter stehen letztlich Überlegungen, den Menschen einem zunehmenden Ökonomismus zu unterwerfen. Der Tanz um die Gene ist nicht zuletzt auch ein Tanz ums Goldene Kalb.

Die Furche: Zeitungen berichten beinahe wöchentlich über gerade entdeckte krank machende Gene. Da ist dann die Rede vom Herzinfarkt-Gen, Alzheimer-Gen, Diabetes-Gen, Krebs-Gen, Alkoholiker-Gen, Depressions-Gen etc. Ist die Macht der Gene tatsächlich so groß?

Bauer: Um das Wesen der Gene zu verstehen, muss man zwei Aspekte unterscheiden. Die meisten von uns kennen nur den einen Aspekt: Dass jedes Gen seinen biochemischen Text hat, der über das Gen-Produkt entscheidet. Entgegen dem, was man jahrzehntelang dachte, sind solche erblichen Fehler im Text der Gene - glücklicher Weise! - nur in sehr seltenen Fällen die Ursache für eine Erkrankung. Beispiele hierfür sind die Stoffwechselkrankheit Mukoviszidose oder die Nervenkrankheit Chorea Huntington. Im Falle der Alzheimer-Krankheit und beim Brustkrebs sind weit unter fünf Prozent aller Erkrankungsfälle durch einen solchen erblichen Gendefekt verursacht. Bei beiden Erkrankungen beruht die übergroße Mehrheit der Fälle also auf nichterblichen Ursachen!

Die Furche: Und was ist der andere Aspekt der Gene?

Bauer: Jedes Gen steht unter dem Kommando eines Genschalters, die Genetiker nennen ihn Promoter. Sein Sinn und Zweck ist, dass sich verschiedene von außen kommende Signalstoffe an ihn anlagern können mit der Folge, dass das nachfolgende Gen - je nach Art des Signalstoffs - entweder an-oder abgeschaltet wird. Gene fahren also nicht auf Autopilot, sondern sie gleichen einem Klavier, auf dessen Tasten zahlreiche Signalstoffe spielen. Die Fachleute sprechen von Genregulation. In den letzten Jahren konnte nachgewiesen werden, dass nicht nur Ernährung und Umwelt Einfluss auf die Genregulation haben, sondern auch das, was wir in zwischenmenschlichen Beziehungen erleben. Die stärkste "Droge" für den Menschen ist der andere Mensch.

Die Furche: Gene für sich allein tun also gar nichts?

Bauer: Genau. Es braucht andere Moleküle, die von mir erwähnten Signalbotenstoffe: Sie steuern die Gene. Die Genetiker nennen sie auch Transkriptionsfaktoren. Ob Transkriptionsfaktoren aktiv werden und an die Genschalter von Genen binden, darüber entscheiden Signale, die ihren Ausgangspunkt entweder im Körper selbst haben können oder von außerhalb des Körpers kommen. Zwischenmenschliche Beziehungen werden im Gehirn fortlaufend in bioelektrische und biochemische Signale übersetzt. Ein Großteil der Signale, die bei der Genregulation mitwirken, kommt aus dieser Quelle.

Die Furche: Ein noch relativ junges Fachgebiet - die Epigenetik - beschäftigt sich auch mit der Regulation von Genen. Was genau untersucht die Epigenetik?

Bauer: Zu den Entdeckungen der letzten Jahre gehört, dass von außen kommende Einwirkungen auf das Gen nicht nur eine akute Sofortwirkung, sondern auch eine lang dauernde Wirkung nach sich ziehen können. Dies geschieht dadurch, dass durch von außen kommende Signale eine Art biochemische Verpackungsstruktur verändert wird, in die jedes Gen eingepackt ist. In der Fachsprache heißen diese Verpackungsstrukturen Methylgruppen. Wenn sie beiseite geräumt werden, kann ein Gen besser abgelesen werden, und das auf Dauer. Da sie außen auf den Genen sitzen, bezeichnet man das durch die Verpackungsstrukturen geschaffene Muster als epigenetisches Muster.

Die Furche: Haben psychische Faktoren auch hier einen Einfluss?

Bauer: Ja. Gezeigt wurde, dass nicht nur stoffliche Umweltfaktoren, sondern auch Beziehungserfahrungen das epigenetische Muster von Genen verändern können. Dies lässt uns verstehen, warum sehr einschneidende psychische Erfahrungen, zum Beispiel Traumata, biologische Reaktionen des Körpers dauerhaft beeinflussen können. Menschen mit Gewalterfahrungen zum Beispiel leiden oft über Jahre an verschiedenen körperlichen Störungen.

Die Furche: Lassen Sie uns zum Schluss nochmals auf die Frage nach der Natur des Menschen zurückkommen. Sie haben in Ihrem Buch "Prinzip Menschlichkeit" das darwinistische Credo, dass der Mensch auf Kampf und Konkurrenz eingestellt sei, in Frage gestellt.

Bauer: Ja. Aus der modernen Neurobiologie kommen Befunde, die zeigen, dass die primären Strebungen des Menschen auf zwischenmenschliche Bindungen und gelingende soziale Beziehungen gerichtet sind. Wenn Beziehungen nachhaltigen Schaden erleiden oder wenn ein Mensch dauerhaft sozial isoliert wird, erlahmen die neurobiologischen Strukturen, die im Körper für Vitalität sorgen - die Fachleute nennen diese Strukturen Motivationssysteme. Leider bedeutet unser Streben nach mitmenschlicher Anerkennung und unser Angewiesensein auf gute Beziehungen aber nicht, dass wir "gut" sind, denn die Natur hat uns keinen angeborenen, automatisch funktionierenden Mechanismus eingebaut, nach dem wir jederzeit gute Beziehungen gestalten könnten.

Die Furche: Was hindert uns daran?

Bauer: Vor allem unsere destruktive Aggression kommt uns immer wieder in die Quere. Wir haben also ein Paradox, die Evolution hat uns sozusagen auf halber Strecke abgesetzt. Einerseits sind wir Wesen, die ohne hinreichend gute Beziehungen nicht gesund bleiben können, andererseits verfügen wir Menschen über keinen biologisch eingebauten Automatismus für die Herstellung guter Beziehungen. Dies bedeutet, wir müssen uns als Menschen immer wieder neu auf einen aktiven Suchprozess begeben, um herauszufinden, wie wir einander das geben können, was wir brauchen. Ist das nicht eine reizvolle Aufgabe?

Das Gespräch führte Thomas Mündle.

Buchtipp:

Prinzip Menschlichkeit. Warum wir von Natur aus kooperieren

Von Joachim Bauer

Hoffmann und Campe, Hamburg 2006

256 Seiten, geb., € 20,60

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