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Die neue Jagd nach dem JUNGBRUNNEN

Lebensverlängerer

Heiraten

Laut Bert Ehgartners Buch "Der Methusalem-Code"(s. re.) wirken Ehen lebensverlängernd. Männer leben meist weniger riskant, bei Frauen führt materieller Rückhalt zu besserer Gesundheit.

Nicht rauchen

Bei jedem fünften Todesfall ist Rauchen die eigentliche Ursache. Es ist nicht nur krebserregend, sondern auch der mit Abstand größte Risikofaktor für Arteriosklerose, Herzinfarkt und Schlaganfall.

Bewegung

Regelmäßige körperliche Aktivität verlangsamt den biologischen Alterungsprozess. Die WHO empfiehlt Erwachsenen 2,5 Stunden Ausdauertraining und zwei Mal Muskelkräftigung pro Woche.

Ernährung

Genuss und hochwertige Zutaten machen glücklich, Diäten nicht. Wer abnehmen will, sollte Zwischenmahlzeiten meiden und sich auf eine große und eine kleine Mahlzeit pro Tag beschränken.

"Viele Disziplinen forschen zur Langlebigkeit: Dahinter steckt unglaubliche Rechenkapazität und der Zugriff auf das Wissen der Welt."

"Google ist nicht der einzige Technologie-Riese, der sich im Medizinbereich und im Traum von der 'ewigen Jugend' das große Geschäft der Zukunft erwartet."

Mit seinen letzten Büchern hat Mediziner und Theologe Johannes Huber einen Brückenschlag versucht, der für seine beiden Studienwege charakteristisch ist: In "Es existiert"(edition a, 2016) näherte er sich "esoterisch" klassifizierten Phänomenen aus wissenschaftlicher Sicht. Und in "Der holistische Mensch" (edition a, 2017) geht es um die weitere Verknüpfung der Naturwissenschaft mit dem christlichen Glauben.

Das Rätsel der "Altersuhr"

In einem Vortrag an der Privatklinik Goldenes Kreuz in Wien widmete sich Huber letzte Woche der aktuellen Altersforschung, ein bisschen utopisch, aber keineswegs esoterisch. "Google ist drauf und dran, den Alterscode zu knacken", so der gern als "Hormonpapst" titulierte Gynäkologe. Das Publikum schaut erwartungsvoll auf die Leinwand. Dort ist ein Titelbild des US-Magazins Time von 2015 projiziert. Zu sehen ist das Gesicht eines Babies, daneben steht: "This baby could live to be 142 years old."(Dieses Baby könnte 142 Jahre alt werden).

Hubers Vortrag widmet sich einer "Theorie der zweiten Jugend". Dafür muss man freilich den menschlichen Alterungsprozess verstehen. Ein Mensch altere nicht wie ein Auto, bei dem nach 200.000 Kilometern der Vergaser und die Bremsen verbraucht sind, erklärt der Professor. Schuld seien vielmehr die Viren, die im Laufe unseres Lebens in unseren Körper gelangen, sich in unsere Erbsubstanz DNA einschleichen und dort erhalten bleiben. Der Körper blockiere diese "falsche DNA", wodurch gewisse Gene nicht mehr abgelesen werden können; er klebe "Pickerl drauf", so Huber. Die Altersforschung versuche, diese "unrichtigen Methylgruppen, die unrichtigen Pickerl zu entfernen, um damit die Zelle zu verjüngen".

Huber zeigt dazu zwei wissenschaftliche Artikel: Das eine ist die "epigenetische Uhr" oder "Altersuhr", die Steve Horvath, Professor für Humangenetik und Biostatistik erstmals 2014 in Los Angeles vorgestellt hat. Horvath hatte sich etwa 350 Stellen im Erbgut genau angeschaut und die Methylgruppen, kleine Anhängsel an der DNA, die die Aktivität einzelner Gene steuern, studiert. Er erkannte, dass sie bei einem 20-Jährigen anders aussehen als bei einem 80-Jährigen. Statistisch konnte er aus der DNA auf wenige Jahre genau bestimmen, wie alt ein Mensch ist. Diese "Altersuhr" tickt in allen Körperzellen gleich - doch es ist noch unklar, wie das funktioniert. Klar ist aber, dass Forscher bereits versuchen, diese Altersuhr zurückzudrehen. Möglich wäre das eventuell mit der Methode, mit der erwachsene Körperzellen in "induzierte pluripotente Stammzellen", die den Zellen eines Embryos gleichen, rückverwandelt werden können. Das wäre vor allem als Therapie für Morbus Parkinson, die Alzheimer-Demenz und die Erbkrankheit Progerie, die das Altern fünf-bis zehnfach beschleunigt, interessant. Derzeit ist die Therapie aber noch sehr riskant, die Forschung dazu befindet sich erst im Mausmodell.

Huber berichtet weiter, dass Vitamin C, intravenös verabreicht, die pluripotenten Stammzellen aktiviere und verbessere, weil es den Methylrest wegnehme. Der Chemiker Linus Pauling hat schon vor mehr als 50 Jahren vermutet, dass Vitamin C (Ascorbinsäure) prophylaktisch gegen Krebs wirkt. Tatsächlich gibt es aktuelle Studien an Mäusen, die mit sehr hohen Dosen von Vitamin C über mehrere Monate das Fortschreiten von Leukämie bremsen konnten. Am besten, so Huber, sei eine Kombination von Ascorbinsäure mit Alpha-Liponsäure, die in Tabletten-oder Kapselform bei der Behandlung der diabetischen Nervenschädigung oder als Creme gegen die Alterung der Haut eingesetzt wird. Als weitere "Jungbrunnen" nennt er Substanzen, die im Pflanzenreich Schutzfunktionen übernehmen: zum Beispiel die Ascorbinsäure, das Spermidin, das Quercetin und das Resveratrol, das in roten Weintrauben enthalten ist. Ein ähnlicher Effekt entstehe aber auch, wenn man es schaffe, zwei Mal wöchentlich 16 Stunden über Nacht zu hungern, da der Körper dadurch Wachstumshormone produziert.

Suche nach gezielten Therapien

Was aber hat das alles mit Google zu tun? Der Gynäkologe zeigt ein weiteres Cover des Time Magazine. Der Titel: "Can Google solve death?"(Kann Google den Tod aufheben?). Es stammt vom September 2013, als Google das Biotechnologie-Unternehmen California Life Company, kurz Calico, gegründet hat. Google-Mitgründer Larry Page nannte als Ziele des Unternehmens "Gesundheit, Wohlbefinden und Langlebigkeit". Geschäftsführer von Calico ist Arthur Levinson, der von 1995 bis 2009 CEO des kalifornischen Biotech-Unternehmens Genentech und anschließend Direktor von Google war -und zahlreiche Auszeichnungen für seine Forschung erhalten hat. Bei Calico arbeiten Wissenschaftler aus den Bereichen Medizin, Pharmazeutika, Molekularbiologie, Genetik und rechnergestützte Biologie. Damit wird auch klar, was dahinter steckt: Unglaubliche Rechenkapazität und Zugriff auf das Wissen der Welt.

2014 hat Calico angekündigt, mit seinem Partner-Unternehmen AbbVie eine Einrichtung für die Forschung und Entwicklung zum Altern und zu altersbedingten Erkrankungen, wie neurodegenerative Erkrankungen und Krebs, aufzubauen und dafür 350 Millionen Dollar zu investieren, bei Bedarf noch einmal 500 Millionen. Dafür ist Calico weitere Partnerschaften mit Universitäten, Forschungsinstitutionen und Pharmaunternehmen eingegangen. Was genau bei Calico geforscht wird und wie weit man dabei schon ist, ist geheim. Die jüngste Pressemeldung der Firma stammt vom 23. März 2017 und berichtet, dass Calico und C4 Therapeutics (C4T) für fünf Jahre kooperieren wollen, um Therapien zu entdecken und weiter zu entwickeln, mit denen bestimmte krankheitsauslösende Proteine gezielt entfernt werden können.

Google ist aber nicht der einzige Technologie-Riese, der sich im Medizinbereich und im Traum der "ewigen Jugend" das große Geschäft der Zukunft erwartet. Der Onlinehändler Amazon will sich mit seinem Projekt mit dem Codenamen "1492", das diesen Sommer durchgesickert ist, ebenfalls Gesundheitstechnologien widmen. Laut einem Bericht des US-Nachrichtensenders CNBC soll es dabei um elektronische Gesundheitsdaten und Telemedizin gehen. Da Google, Amazon, Microsoft mit seiner Initiative Healthcare NExT oder IBM Zugriff auf Unmengen von Daten und Rechenkapazität sowie die besten Programmierer und Experten für künstliche Intelligenz haben, könnte das bedeuten, dass aus den Profilen der Nutzer und den Millionen Forschungsergebnissen maßgeschneiderte Therapien entwickelt werden sollen.

Abschaffung des Todes?

Johannes Huber merkt an, dass derzeit gegen Krebs rund 200 Wirkstoffe zugelassen und etwa 1200 Medikamente in Erprobung seien und es 27 Millionen Abhandlungen über Krebs gebe. Das könne kein menschlicher Arzt mehr überblicken, deshalb stecke die Zukunft der Krebstherapie wohl in der Kybernetik. Dafür wird man seine DNA an Konzerne wie Google, Microsoft oder Amazon schicken müssen, um dann eine genaue Anleitung für die Krebs-oder Anti-Aging-Therapie zu erhalten.

Spätestens jetzt kommt einem der Zauberlehrling in den Sinn und man überlegt sich, ob man wirklich 142 Jahre alt werden möchte. Der studierte Theologe Huber zitiert zum Abschluss jedenfalls die biblische Apokalypse. Dort nämlich sei die Abschaffung des Todes durch die Menschen das Allerschlimmste gewesen.

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