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Kinder als Medikament verabreicht

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Hoffnung für Parkinsonkranke: Man habe ein neues Verfahren entwickelt, hieß es, - aber ein wahrhaft unmenschliches ...

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Hoffnung für Parkinsonkranke: Man habe ein neues Verfahren entwickelt, hieß es, - aber ein wahrhaft unmenschliches ...

Die deutsche Tageszeitung „Die Welt” sprach allerdings von „Lichtblicken”. Denn die derzeit verfügbaren Medikamente helfen nur vorübergehend gegen die Schüttellähmung. Wie das Verfahren funktioniert? Dazu die „Süd-deutsche Zeitung”: „Durch ein münzgroßes Rohrloch werden Hirnzellen von sieben bis neurl*Wochen alten Föten über eine dünne Kanüle in die Substantia nigra eingeschleust. Weil nur fünf Prozent der übertragenen Zellen überleben, sind für einen einzigen Patienten bis zu sieben Föten erforderlich ...”

Übertragung von Zellen. Klingt harmlos. Man überträgt ja sogar Organe. Am ehesten schreckt den Leser wohl die Vorstellung vom Bohrloch... Und daß nur fünf Prozent der Zellen überleben: Ist das nicht wirk lieh ärgerlich? Das müßte doch effi zienter zu machen sein! So sieht es auch „Die Welt”: „Eine erfolgversprechende Methode, um dieser Misere zu begegnen, hat Fred Gage von der Universität von Kalifornien in San Diego im Tierversuch getestet. Er mischte die embryonalen Neurone mit genetisch veränderten Bindegewebszellen ... Einen anderen Weg, um die Transplantation zu optimieren, verfolgt die Gruppe um Arnon Bosenthal von der ÜS-B|q: technologiefirma Genentech. Sie will aus wenigen sogenannten embryonalen Vorläuferzellen im Labor ausgereifte Dopamin produzierende Neurone züchten, die dann verpflanzt würden ...”

Na also! Man wird diese Transplantation in Zukunft schon noch „optimal”, also bestens, gestalten. Wäre doch gelacht bei dem • Aufwand, der heute für Forschung betrieben wird. Zwar seien die Erfolge bisher eher bescheiden, berichtet die „Süddeutsche”. Nunmehr aber sei es endlich soweit, kontrollierte klinische Versuche in Deutschland anzustellen. Man werde daher die Ethik-Kommission bemühen müssen ...

Die Ethik-Kommission? Bei den bisherigen (so „erfolgversprechenden”) Versuchen hatte sie offensichtlich nichts mitzureden. Schon das weist auf-ihren Stellenwert hin. Wie ihre Entscheidung ausfallen wird, kann man sich auch ausrechnen, wenn man das Interesse (der Patienten und der Wirtschaft) an der Entwicklung solcher Verfahren, wenn man die bestehenden ethischen Normen (sie gestatten die Transplantation einzelner Nervenzellen) und die Äußerungen mancher Ethiker in Bechnung stellt.

Laut „Süddeutsche” meint etwa der Moraltheologe Johannes Grün-del: Man müsse die Nutzung der Zellen unabhängig von der Abtreibung sehen. Fötales Gewebe dürfe aber nicht ohne Zustimmung der Frau genutzt werden. Sie dürfe auch nur eingeholt werden, sobald ihr Entschluß zur Abtreibung endgültig sei, und sie dürfe kein Geld für die „Freigabe des Embryos” bekommen. Das Motto: Der Mutter kein Geld für die Verwertung ihres Kindes (sagen wir es endlich, daß die harmlos klingenden neutralen Begriffe Teile des Körpers eines menschlichen Wesens bezeiclvngn).

Als wäre”'das Geld die entscheidende FragFrWohin; sind wir denn geraten? Hätten Abtreibungsgegner, als es um die Einführung der Fristenregelung ging, ein Szenario wie dieses gemalt, man hätte ihnen skandalöse Polemik vorgeworfen, ihnen vorgehalten, mit Horrorszenarien einen Akt der Barmherzigkeit für verzweifelte Frauen zu verhindern.

Und dabei ist all das, was wir da erleben, nichts anderes als die logische Folge aus dem Massenabschlachten der Ungeborenen. Jeder Abtreibung liegt nämlich in letzter Konsequenz ein Nutzenkalkül zugrunde: Ist es nützlicher für die schon Lebenden, daß dieses Kind geboren oder daß es getötet wird?

Die Nützlichkeit als oberster Maßstab bleibt uns seither erhalten. Im Grunde genommen ist es ja auch sonnenklar: Warum sollte man ein ungeborenes Kind zwar umbringen, die dabei anfallenden „Bestandteile” aber nicht nützen dürfen? Wenn der Mensch nicht absolut tabu ist, wird er eben zum Objekt der Ausbeutung - bis zur letzten Konsequenz.

Daher auch die Selbstverständlichkeit, mit der man Kinder künstlich befruchtet, einpflanzt oder tiefkühlt - je nach Nutzen. Oder man erzeugt „Kopien” (furche 2/1994), die man auf Erbfehler untersucht -durch „verbrauchende Diagnostik” (man muß immer die neutrale Sprache beachten, die das Geschehen oberflächlich beschreibt, dessen Wesen aber verschleiert).

Dieses Nützlichkeitsdenken, das der legalisierten Abtreibung zugrundeliegt, wird auf Dauer alle noch bestehenden Barrieren | des Lebensschutzes beiseite räumen. Welche Logik sollte verhindern, daß wahr wird, was Bernhard Nathanson, ehemals Vorkämpfer für die Abtreibung und heute ihr erbitterter Gegner, schon vor zehn Jahren vorhersah: „Es ist nur ein ganz kleiner Schritt von der Verwendung fötaler Gewebe für lebensrettende Maßnahmen hin zu ihrer Verwendung für nicht lebensrettende Zwecke. Es ist doch ganz offenkundig, daß in Zukunft jene, deren Sexualfunktion gestört ist, sich um die Transplantation fötaler Sexualorgane anstellen werden, daß Kahlköpfige an Haartransplantaten interessiert sein werden und Zahnlose an Zahngewebe Alliier zeichnen sich unvorstellbare'ökonomische Möglichkeiten ab. Eine Hauptindustrie im 21. Jahrhundert! Wir sind dabei ein ,body-shopping ins Leben zu rufen.” Und diese Industrie, einmal etabliert, wird „Materialnachschub” aus den Abtreibungskliniken brauchen, um die bestehende Nachfrage zu befriedigen.

Ehrlich gesagt, was spricht nach der heutigen Logik dagegen? Warum soll man zwar die Gehirnzellen des ungeborenen Kindes, nicht aber seinen Haaransatz verwenden dürfen? Ist es nicht schade, ihn wegzuwerfen, wenn er Nutzen stiften könnte? Tatsächlich findet das Gewebe von Ungeborenen ja seit langem Verwendung in der Kosmetikindustrie. In den achtziger Jahren schon wurden Importe des „Bohma-terials” aus dem Ostblock entdeckt.

Ähnlich sind Meldungen aus dem heutigen Bußland: In Moskau wurde eine „Bank für chirurgische Bohma-terialien” gegründet. Berichten zufolge bezieht sie ihre „Bohstoffe” von Kindern, deren Geburt vorzeitig eingeleitet wird, die man aber nach der Geburt erstickt und „zerlegt”. Die Organe werden tiefgekühlt aufbewahrt und für Verpflanzungen verkauft. Je mehr „Material” und je entwickelter, umso nützlicher.

Es ist höchste Zeit, sich klarzumachen, daß weltweit die Würde des Menschen unaufhaltsam abgeschafft wird. Die Liberalisierung der Abtreibung hat unser gesamtes Wertgefü-ge endgültig umgestoßen. Sobald das menschliche Leben nicht mehr tabu ist, ist es für nützliche Zwecke freigegeben. Jede Unmenschlichkeit -schön umrankt von humanen Argumenten - ist seither möglich.

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