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Jeder Mensch hat die gleiche Würde

1945 1960 1980 2000 2020

Behinderte und alte, kranke gnd sterbende Menschen geraten ebenso in Gefahr, Randexistenzen zu werden, wie ungewollte und unbetreute Kinder. In vielen Bereichen wächst in unseren Tagen eine lebensfeindliche Grundhaltung. Sie aufzuzeigen und vor ihren Gefahren zu warnen, war Anliegen der Veranstaltung „Gemeinsam für das Leben“ am 27. und 28. Mai. Auszüge aus einigen Vorträgen im folgenden Dossier.

1945 1960 1980 2000 2020

Behinderte und alte, kranke gnd sterbende Menschen geraten ebenso in Gefahr, Randexistenzen zu werden, wie ungewollte und unbetreute Kinder. In vielen Bereichen wächst in unseren Tagen eine lebensfeindliche Grundhaltung. Sie aufzuzeigen und vor ihren Gefahren zu warnen, war Anliegen der Veranstaltung „Gemeinsam für das Leben“ am 27. und 28. Mai. Auszüge aus einigen Vorträgen im folgenden Dossier.

Jeder Angehörige der Gattung Mensch hat jeden anderen Menschen als Wesen gleichen Rechtes und gleicher Würde zu respektieren. Anderenfalls könnten die jetzt gerade lebenden Menschen mit ihren Definitionen von „menschlich“ oder „noch nicht menschlich“, von „lebenswert“ oder „lebensunwert“ jederzeit die Anzahl derer, die diese Rechte beanspruchen dürfen, einschränken. Wer gerade mitredet oder mitentscheidet, der könnte sich allein diese Menschenrechte reservieren.

Und das gilt nicht nur für die gerade jetzt lebende Generation. Unser humangenetisches Wissen und Können, unsere eugenischen Vorstellungen, könnten zu einer ständig wachsenden Macht unserer Generation über die kommenden Generationen führen — und, von deren Warte aus gesehen, zu einer absoluten Herrschaft der Toten über die Lebendigen.

Wer diese Menschenwürde nicht in dieser Weise an das Gezeugt- und Geborensein des Lebens knüpft, tut dies immer allein mit dem „Recht des Stärkeren“. Aber dieses ist, wie wir alle wissen, kein Recht, sondern ein Zynismus.

Aus dieser Sicht von Menschenwürde ist Abtreibung nicht zu rechtfertigen. Das ist trivial.

Daß kürzlich eine Frau in einer deutschen Tageszeitung das menschliche Leben im Mutterleib als „Parasiten“ bezeichnete, der die Mutter als seinen Wirt befallen habe und dessen Leben erst durch den „verantwortlichen Entschluß der Mutter symbio-tisch wird“, ist eine Perversion humanen Denkens.

Abtreibung erhöht, wie übrigens auch Leihmütterschaft, nicht die Freiheit der Frau. Exakt das Gegenteil ist der Fall: Es handelt sich, abgesehen vom Mord am Kind oder dem unzumutbaren Schicksal des verkauften Kindes, nicht um Emanzipation, sondern um Fußtritte gegen die Würde der Frau bis hin zur Erpreßbarkeit durch den Mann, um Versklavung und Selbstversklavung im Fall der Leihmutterschaft.

Die Kehrseite der Abtreibung, der Wunsch nach einem Kind um jeden Preis, sind zwei Seiten ein und derselben Medaille. Ganz diesem Geist entspringen auch die „Humanembryonen verbrauchende Experimente“ (so der Fachausdruck).

Im Sommer 1984 wurde ruchbar, daß bei bestimmten Firmen mit den bei Abtreibung „angefallenen“ menschlichen Embryonen zu kosmetischen Zwecken experimentiert wurde, daß darüber hinaus die Firma „Flow Laboratories“ gewerbsmäßig mit Embryonen und Embryoteilen nach Katalog handelt (auch ausgefallene Wünsche wurden erfüllt, zum Beispiel „Neger (männlich), embryonische Lunge“).

Es ging ein Aufschrei der Empörung durch Parteien und die Öffentlichkeit: Viele sahen den Tatbestand der Leichenschändung aus rücksichtslosen Unternehmerinteressen heraus erfüllt. Doch ergibt sich hier eine kleine Unstimmigkeit: Denn unter den Empörten waren auch an prominenter Stelle diejenigen Partei-ungen, die die Abtreibung bis zum dritten oder gar sechsten Monat (wie in Amerika) generell freigeben wollen.

Die „Menschenwürde“ des Embryos scheint erst dann zu beginnen, wenn er umgebracht ist.

Bei der Genanalyse am ungeborenen Leben muß gefragt werden: Was geschieht heute gewöhnlich, nachdem an einem Embryo ein Erbschaden erkannt wird? Er wird abgetrieben, das menschliche Leben getötet. Und selbst zugestanden, daß es hier problematische Fälle geben könnte, gibt es auch moralisch überhaupt nicht zu rechtfertigende. Und zwar wiederum in den USA. Dort wird nämlich • ein hoher Prozentsatz von Kindern abgetrieben, weil sie nicht das richtige, von den Eltern gewünschte Geschlecht haben.

Das Geschlecht früh zu erkennen ist nämlich ein Nebeneffekt der Genanalyse.

Doch selbst dies ist nur eine praktische Konsequenz des neuen Könnens. Die andere ist das Problem der existierenden Behinderten, bei denen also die Krankheit übersehen oder gar nicht nach ihr gefahndet wurde. Wie sollen die sich eigentlich selbst verstehen? Hätten sie eigentlich abgetrieben gehört?

Ein schöner Zweck, gewiß, daß es keine Behinderten mehr geben soll. Aber wenn der jedes Mittel rechtfertigen würde: Warum bringt man nicht die jetzt lebenden Behinderten einfach um und sterilisiert die potentiell dafür in Frage kommenden Eltern?

Freilich wären die Behinderten lieber gesund als behindert, wenn man sie fragt, doch die Frage müßte richtig lauten: Wollen sie leben oder nicht?

Ganz fragwürdig ist die Gentherapie an der befruchteten Eizelle. Aus meiner Sicht ist sie eh-tisch prinzipiell nicht zu rechtfertigen. Wenn an der befruchteten Eizelle ein gentechnologischer Eingriff erfolgt, und sei es mit medizinischer Zielsetzung, dann wird nicht eine existierende Person geheilt, sondern ihre Identität manipuliert.

Es ist auch keine Frage der Güterabwägung. Experimente mit

mongoloiden Föten sind auch dann nicht zu rechtfertigen, wenn sie zum Ziel haben, eines Tages Mon-golismus heilen zu können. Kein noch so guter Zweck kann ein Mittel heiligen, das in seinem Grunde

— als Eingriff in den Personcharakter eines menschlichen Lebens

— schlecht ist. Hier wird nicht die Heilkunde verbessert, sondern ihr fundamentales Gebot verletzt.

Oft hört man das Argument: Die Natur mache es genauso: Zeugung sei genetische Neukombination, spontane Aborte gebe es viel mehr als „künstliche“ Abtreibungen ... Ich schätze dieses Argument sehr, weil es mir die Möglichkeit gibt, ein kleines Gegenbeispiel vorzustellen:

Zwei Spaziergänger werden von zwei Steinen tödlich getroffen. Das eine Mal hat es die Natur

— etwa eine Windbö — gemacht, das andere M&1 bat ein Mensch den Stein gezielt hinabgeschleudert. Vor dem Richter sagt dieser Mensch, er sei gerechtfertigt, weil es die *Natur auch gemacht habe, weil es ein von der Natur im Hochgebirge wohlerprobtes Verfahren zur Beseitigung lästiger Bergsteiger ist.

Daraus erhellt: Wer abtreibt, Gene manipuliert, macht nicht das gleiche wie die Natur. Die Wirkung kann die gleiche sein, wie beim Steinschlag. Aber bezüglich der Rechtfertigung unterscheiden sich beide Fälle katego-rial: Der erste ist Geschehen, der zweite ist Handlung. Als Handlung steht er unter ethischen Kriterien.

Ein zweites Argument ist noch schwächer: Es gäbe keinen Mediziner, der so etwas tue.

Offensichtlich experimentieren einige Gentechnologen heute schon sehr intensiv mit befruchteten Eizellen, also mit menschlichem Leben im Reagenzglas, und publizieren das. Jeder aber, der das Vertrauen in die Eigenverantwortlichkeit von Forschern als sicherstes Instrument zur Verhinderung von biotechnischen Mißbräuchen einschätzt, sollte einen Blick in die Protokolle jenes berühmt-berüchtigten CIBA-Symposiums von 1962 werfen. Damals traf sich die Elite der angelsächsischen Biologen (viele, auch heute noch lebende Nobelpreisträger darunter!), um über die genetische Zukunft der Menschheit zu diskutieren. Da hielt Joshua Lederberg Kinder mit vier Armen für wünschenswert, John Haidane meinte, daß Eltern ihr Kind gerne zu solchen Forschungen hergäben in der Hoffnung, daß es zu übernormalen Kräften käme.

Ja, die geschlechtliche Fortpflanzung sollte überhaupt nur noch für Experimente zugelassen werden. Tier-menschliche Mischlinge sollten gezüchtet werden — Experimente hatte es schon genügend gegeben — für die Arbeit in Bergwerken, für Weltraumraketen, für Ein-Mann-Torpedos usw. Die Teilnehmer des Symposiums waren so feinsinnig, sich auch schon Gedanken um die rechtliche Stellung solcher Mischwesen zu machen: wie man den Tierschutz ergänzen müsse. Durch die Labors und Lehrpläne dieser Forschereliten sind in den letzten 20 Jahren Tausende von jungen Leuten gegangen, denen sie mit ihrer Karriere, ihrem Einfluß Vorbilder waren. Kann man da wirklich ihrer Selbstverantwortlichkeit trauen?...

Goethe hat die Menschenwürde beschrieben als Ehrfurcht vor dem, was über uns, was neben uns und was unter uns ist. Ich habe mich heute primär mit den „neben uns“ beschäftigt. Daß wir unsere Würde erst durch Einbezug von „über uns“ und „unter uns“, also von Schöpfer und Schöpfung realisieren, .nimmt der Wichtigkeit des „Neben uns“, den Mitmenschen, nichts, sondern stellt sie in den weiteren Horizont des Lebens im Ganzen.

Der Autor ist Gründungsdirektor des philosophischen Instituts der Universität Hannover.

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