Dass Menschen in größerem Umfang geklont werden, ist äußerst unwahrscheinlich. Der Grund liegt in der Einzigartigkeit der menschlichen Seele.

Von Aristoteles stammt die Einsicht, dass es die Wahrnehmung ist, aus der sich die Ethik der Wissenschaft entwickelt. Nur die sinnliche Erfahrung, die bei ihm aisthesis heißt und uns ästhetisch werden lässt, ist in der Lage, uns das Wertewissen zu vermitteln, das zu einer moralischen Haltung führt. Nur die Wahrnehmung erlaubt es, das Besondere eines Mitmenschen zu erkennen und ihm dabei eine Seele zu geben.

Der Begriff Seele scheint in der modernen Wissenschaft fehl am Platz zu sein, die immer wieder den Satz von Rudolf Virchow, dem berühmten Pathologen des 19. Jahrhunderts, zitiert: "Ich habe Tausende von Leichen geöffnet und nie eine Seele gefunden." Aber wirksam bleibt die Seele unabhängig von dieser Häme. Selbst wenn viele Forscher ihre Existenz leugnen, so wissen die meisten Menschen doch, dass sie eine Seele haben. Vielleicht ist es nicht schlecht, sich die Seele eines Menschen als das vorzustellen, was derjenige erkennt, der einen Menschen wahrnimmt. Wer einen anderen nur beobachtet, richtet seine Aufmerksamkeit auf bestimmte Teile (Haarfarbe, Stirnhöhe). Wer sein Gegenüber aber wahrnimmt, erfasst etwas, was darüber hinausgeht. Man könnte es die Seele nennen.

Die Seele wird deshalb hier angeführt, um damit die Frage nach dem Klonieren von Lebewesen einmal aus einer kulturellen Perspektive zu betrachten. Mit dem Klonieren ist gemeint, dass Wissenschaftler in der Lage sind, genetisch weitgehend identische Kopien von höheren Lebewesen herzustellen, und zwar durch ungeschlechtliche Vermehrung. Gelungen ist dies auf spektakuläre Weise im März 1997 mit einem Schaf namens "Dolly", wiederholt werden konnte diese Umgehung der normalen Reproduktion mit Mäusen und Kühen, und heute fragt sich eine durch Sekten verwirrte Öffentlichkeit, ob bereits der erste Mensch namens "Eve" kloniert worden ist (was vom wissenschaftlichen Standpunkt sehr fragwürdig erscheint). Schon länger hat sich zu diesem Zweck eine Firma auf den Bahamas etabliert, und einige Leute, die sich offenbar für unersetzlich halten, haben signalisiert, dass sie bereit wären, sich klonieren zu lassen.

Eingriff in die Schöpfung?

Es werden viele Argumente angeführt, um das Klonieren von Menschen als verwerflich zu ächten. Dabei macht vieles einen seltsam abgenutzten Eindruck. Zum Beispiel die Hinweise der christlichen Kirchen, die schon wieder von einem unzulässigen Eingriff in die Schöpfung reden, ohne zum einen zu merken, dass Menschen nie etwas anderes getan haben, und ohne zum zweiten zu merken, dass die Theologen "Schöpfung" nur noch als Begriff kennen, mit dem sie keinerlei Anschauung - geschweige denn irgendeine Wahrnehmung - verbinden.

Tatsächlich haben viele Menschen Angst vor einem Menschklon und dies hat mit der uneingestandenen Erkenntnis zu tun, dass mit der tatsächlich lebenden "Dolly" und der höchstwahrscheinlich nicht existierenden "Eve" das Fehlen ethischer Maßstäbe überdeutlich an den Tag getreten ist. Woran soll man sich orientieren? Die alte Gewissheit, dass die rational operierenden Wissenschaftler nur das Gute hervorbringen und der wissenschaftliche Verstand dabei niemals in ethische Probleme geraten würde, ist längst verlorengegangen.

Fortschritt auf Abwegen

Alles, was die Wissenschaft seit vielen hundert Jahren macht, läuft unter dem Banner, auf dem groß "Idee der Fortschritts" steht und mit dem verkündet wird, dass das vom wissenschaftlichen Verstand Planbare auch das Gute ist. Und in diesem Zusammenhang stellt man ganz selbstverständlich die Frage, warum man denn auch nicht eines Tages versuchen sollte, Menschen zu klonieren.

Man denkt nicht nur beiläufig darüber nach und findet rasch Fälle, in denen der utilitaristischen Phantasie diese Möglichkeit einleuchtet. Sie sind tatsächlich beliebig schnell zur Hand - im kleinen Rahmen etwa der kinderlose Industrielle, der auf diese Weise versuchen will, sein Unternehmen für alle Zeiten in seine (jeweils frisch klonierten) Hände zu legen, oder im großen Rahmen die Regierung, die unentwegt Bedarf an kampfstarkem und denkschwachem Nachwuchs für die Armee des Staates hat. Warum - so fragt man sich - sollte nicht jemand, der mit genügend Geld ausgestattet wird, versuchen, den fehlenden Unternehmer oder die gewünschten Untermenschen zu klonieren?

Was spricht denn auch dagegen, wenn es fast keine Risiken gibt? Gibt es überhaupt irgendein Problem außer dem, dass einige der erwünschten Merkmale - etwa die kaufmännische Intelligenz oder der soldatische Kampfeswillen - keineswegs von Genen abhängen, sondern vielmehr durch eine kontingente Umwelt bestimmt werden? In dem Fall dann scheiterte der Klonierungs-Plan allein daran, da man die Umwelt - zum Beispiel die Eltern und Großeltern des Fabrikanten - mit klonieren müsste, wobei natürlich auch die nur dann identisch mit ihren Vorgängern wären, wenn auch deren Eltern oder Großeltern mit kloniert worden wären. Und so verliert sich dieses Verfahren rasch im Nebel der Undurchführbarkeit, denn die ganze Welt zu klonieren wird wohl nicht gelingen.

Doch unabhängig von diesen technischen Erwägungen bleibt es äußerst unwahrscheinlich, dass Menschen im größeren Umfang geklont werden - und der Grund liegt in der Seele. Die Aussicht auf eine mit Klonen genetisch identischer Menschen bevölkerte Erde hat nämlich überhaupt nichts Verlockendes an sich. Oder bricht jemand in Begeisterung aus, wenn er die begehrten Menschen in Tausenden vor sich sieht? Solch ein Bild ist keinesfalls berauschend, es ist vielmehr bedrückend. Denn uns schreckt eine Horde von gleich aussehenden Serienprodukten, und der Grund dafür liegt in dem, was man als Einzigartigkeit der menschlichen Seele bezeichnet.

Entpersönlichter Mensch

Menschen, denen wir das Merkmal der Einzigartigkeit nicht zuweisen können, wirken für uns nicht wie Menschen, sondern wie kalte kartesianische Maschinen, mit denen man machen kann, was man will. Diese Entpersönlichung kann leicht studieren, wer den Rassenhass ins Auge fasst oder sich fragt, warum es Menschen so leicht fällt, andere Menschen dann zu töten, wenn sie als Soldaten in einer Uniform erscheinen und nicht als Individuen zu erkennen sind. Jede gesichtslose Masse - ob Fremdlinge oder Soldaten - ist unbeseelt und kann als Kollektivfeind zur Bestie erklärt werden, die keinen Anspruch auf die Wahrung von moralischen Grundsätzen hat. Mit anderen Worten: Der klonierte Mensch wird gar nicht mehr als Mensch wahrgenommen, und wenn uns solch ein Wesen in vervielfältigter Form begegnet, würden wir es und seine Mitläufer wahrscheinlich töten. Ich selbst hätte vermutlich die meiste Angst vor meinem Klon.

Der Autor ist Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Un versität Konstanz und Publizist. Der Artikel ist die gekürzte Fassung eines Referates über "Die Naturwissenschaften und ihre Seele", das Fischer vor kurzem in der Katholischen Hochschulgemeinde Graz gehalten hat.

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