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Faszinierend - fragwürdig - beängstigend

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Welche Reaktionen zeigt die Fachwelt zum Thema Klonen? Die Furche hat sich unter Experten umgehört.

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Welche Reaktionen zeigt die Fachwelt zum Thema Klonen? Die Furche hat sich unter Experten umgehört.

Kim Nasmvtii, Direktor des privativ Instituts für Molekulare Pathologie in Wien:

Man muß nur Science-fiction lesen, um über Mißbrauch Bescheid zu wissen. Nun entsteht erstmals die technische Möglichkeit, auch Menschen zu klonen. Es ist ein sehr provokantes Forschungsergebnis und ich habe kein sehr gutes Gefühl dabei.

Vielleicht kann es helfen, Tiere oder Proteine für medizinische Zwecke zu produzieren. Ahnliches geschieht schon seit langem. Dadurch entstehen keine ethischen Fragen, die wir uns nicht schon vorher hätten stellen müssen.

Das Provokanteste daran ist, daß man meinte, das wäre unmöglich. So wie man früher dachte, Newton hätte recht, bis Einstein auftauchte. Es bringt ungeahnte neue technische und medizinische Möglichkeiten. Es könnte auch irgendwo Menschen geben, die wenn sie nur reich genug sind, den Wunsch haben könnten, sich zu klonen. Es gibt aber einen guten Grund, dies bleiben zu lassen: denn wären wir alle gleich, würden wir gleich anfällig für Krankheiten sein, die ganze Menschheit würde verschwinden. Das ist ja auch der einfache Grund, warum sich beinahe alle Lebewesen durch Sexualität vermehren.

MORALISCH NICHT GEWACHSEN

Rupert Riedl, Kvolutionstiieore-tiker und Zool(x;e: Es ist sehr wahrscheinlich, daß wir uns den neuen Techniken schon aus moralischen Gründen nicht entziehen können. Man könnte etwa durch einen Eingriff die Getreideernte verdoppeln, oder aus einem unglücklichen Familienerbe das Down-Syndrom herausschneiden und so die Vererbung von Mongolismus vermeiden. Andererseits bin ich mir auch sicher, daß wir der I Ieraus-forderung moralisch nicht gewachsen sein werden. Denn wenn man Schafe klonen kann, ist dies auch beim Menschen möglich.

Es wird dann sicher welche geben, die sich vor dem Sterben noch rasch klonen lassen. Es ist alles gefährlich: wir haben noch nicht genügend Übersicht über die Geninformation.

EINE FRAGE DER ANWENDUNG

Gerhard Pretzmann, ZooijOge, Wien:

So weit es sich beim Klonen um schon vorhandene Rassen handelt, habe ich nichts Gegenteiliges zu sagen. Rei genetisch neu produzierten Lebewesen hingegen, gibt es keine Erfahrung. Derartige Tiere ins Freiland auszusetzen, wäre eher abzulehnen.

Und: Menschenklonen ebenso. Es ist immer eine Frage, wie man es anwendet. Eine Wildform zu klonen, um eine bedrohte Rasse zu retten: das wäre vielleicht im Interesse der Artenvielfalt. In der Evolutionsgeschichte kommt es immer wieder vor, daß eine aussterbende Art durch eine neue ersetzt wird. In einer intensiven Form durch Klonen käme es allerdings einer gewissen Katastrophe gleich.

FRAGWÜRDIG

Gerald Dick, World Wildlife Fund:

Es ist ein Eingriff ins Evolutionsgeschehen, dessen Folgen nicht abzuschätzen sind. Fragwürdig ist der wirtschaftliche Sinn des Ganzen, weil man die natürliche Selektion ausschaltet. Das Problem liegt ja darin, daß die Umwelt verändert und die Tiere verfolgt werden: das läßt sich in keinster Weise künstlich aufheben. Es wäre Unsinn zu denken, eine Tierart erhalten zu können, indem man gleiche Organismen schafft.

KLONIEREN? FALSCHE FRAGE

Michael Eckerstorker, Genetiker, Institut fUr Krebsforschung: Zu einer gewissen Art von Experimenten muß man eine klare Haltung zeigen. Nur: da geht es eben ans Eingemachte. Nach österreichischem Gentechnikgesetz sind derartige Dinge für den Menschen verboten, und sogar Bill Clinton denkt, ein Gesetz einzuführen. Welche Vorteile hätte es auch, idente Menschen zu züchten. Das Klonieren von Zellen, zum Beispiel bei der In-vitro-Be-fruchtung ist üblich, um zu vermeiden, daß man keine genetisch „beleidigte” Zellen einpflanzt. Das ist eine zellbiologische Sache, die mit der Pipette funktioniert.

Ob Klonieren oder nicht, ist die falsche Frage. Ich lehne bestimmte Anwendungen in der Landwirtschaft ab, ob hier geklont wird oder nicht, ist egal. Ob man nun kranke Tiere nach alter Methode züchtet oder dabei kloniert, ist nur mehr ein gradueller ethischer Unterschied. Als

Nicht-Vegetarier trage ich Mitschuld am Klonieren: das ist eine Folge der industriellen Landwirtschaft, wo man Tiere in Fabriken herstellt, damit das Schnitzel genau zwölf Zentimeter breit ist. Sich dann über das Klonen aufregen, ist abgeschmackt.

TRANSGENE SCHWEINE JA

Matthias Muller, Tierarzt, Interuniversitäres Forschungsinstitut für Agrarbiotechnologie, Tiilln:

Transgene Schweine, die resistent gegen Grippe sind: das wäre eine Anwendung über die sich diskutieren ließe. Die lassen sich nämlich normal nicht züchten.

VERARMUNG

Alexander Macalka, zuständig für den Bereich „genmanipulierte Tiere” Verein Vier Pfoten: Die Folgen sind unabschätzbar. In der Landwirtschaft ist es schon jetzt so, daß „ideale Populationen” erzeugt, werden. Durch bestimmte Züchtungsverfahren entstehen weniger Rassen und eine genetische Verarmung, die enger nicht mehr geht. Wir sehen auch, daß insbesondere der dritte Punkt der Volksabstimmung zur Gentechnologie im April begründet ist, nämlich, daß es kein Patent auf Leben geben soll.

KLONEN IST KEINE GENTECHNIK

Kurt Zatloukal, Molekul\rp\-thologe:

Die einzige Anwendung, die ich mir vorstellen kann, läge bei der Zucht von transgenen Tieren für die Medizin. Zum Reispiel Schafe, die in der Milch pharmakologisch wirksame Substanzen erzeugen. Die Herstellung dieser Tiere dauert oft Jahrzehnte und dann hat man nur ein einziges Tier.

Wenn es stirbt, geht Arbeit und Medikament verloren. Sehr viele Stoffwechselerkrankungen können nur mit Hilfe solcher Medikamente therapiert werden.

Klonierung hat mit Gentechnik überhaupt nichts zu tun. Es heißt nur, daß man genetisch idente Nachkommen erzeugen kann. Somit hat da' auch mit der Reeinträchtigung der Artenvielfalt nichts zu tun: denn für eine Größenordnung von tausend ist eine Klonierung von der Technologie her von vornherein ausgeschlossen. Klonen eignet sich nur, wenn es darum geht, ein einzelnes Tier, etwa eines das ein bestimmtes Hormon erzeugt, genetisch am Leben zu erhalten.

Die beste Prophylaxe dagegen, daß sich gentechnisch veränderte Tiere durchsetzen, wäre, daß man das Rewußtsein für bodenständige Tierhaltung, für die Artenvielfalt und Kleinbetriebe fördert.

Dieses Forschungsergebnis ist für die Riologie wesentlich und faszinierend. Es erklärt grundlegende Probleme der Riologie und der Differenzierung in der Genentwicklung. Das hat wesentlich weitere Dirnen sionen als die reine Zucht und führt zu einem ganz neuen Verständnis, wie sich aus einer Eizelle eine differenzierte Organzelle entwickelt. Etwa beim Enstehen von Krebszellen. Das hat sicher höhere Redeu-tung in der Zellbiologie als nur in der Reproduktion. Transgene Menschen zu schaffen, ist unmöglich. Bei Mäusen geht das, mit ihrer Trächtigkeit von 21 Tagen. Die kommen im Idealfall auf 2.400 Nachkommen im Jahr.

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