Körperbau - Adler oder Fledermäuse haben vereinzelt bessere Fähigkeiten, Doch der Mensch ist insgesamt gut gerüstet ("David" von Michelangelo im Victoria and Albert Museum, London). - © Getty Images / Stuart C. Wilson
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Der Mensch - ein optimaler Kompromiss

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Der menschliche Körper erscheint nur auf den ersten Blick schlecht geplant. Über vermeintliche "Konstruktionsfehler" aus evolutionärer Sicht.

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Der menschliche Körper erscheint nur auf den ersten Blick schlecht geplant. Über vermeintliche "Konstruktionsfehler" aus evolutionärer Sicht.

Wenn man die Anatomie und biologische Funktion des Menschen betrachtet, muss man fast zum Schluss kommen, Gott wäre am siebenten Tag der Schöpfung schon zu müde gewesen und hätte die Konstruktion seines letzten Werks, eben des Menschen, einem dilettantischen Gehilfen überlassen. Nichts an uns Menschen ist perfekt, vieles erscheint aus erster Sicht schlecht geplant, unvollständig, fehlerhaft und manchmal sogar absurd.

Wie kann sich die Schöpfung bzw. die Evolution ein menschliches Auge "ausdenken", wo der Eintritt des zu Sehenden in Form von Licht erst ein Gefäßgeflecht durchstrahlen muss, bis es endlich am "Film der Kamera", der Netzhaut, auftrifft? Welche Verschwendung von möglicher Empfindlichkeit und Kontrast-Intensität! Warum hat das Auge eines Adlers eine etwa zehn Mal größere Sehschärfe als das des Menschen, die es ihm erlaubt, kleine Beutetiere aus großer Höhe zu erkennen? Warum haben Menschen kein Sonarsystem wie jenes, mit dem sich Fledermäuse über Ultraschall-Echo in der Finsternis zurechtzufinden? Warum können wir Ellbogen-und Kniegelenke nicht nach allen Seiten abbiegen, und warum ist unsere Halswirbelsäule so schwach dimensioniert, dass jede schwerere Verletzung zur massiven Querschnittlähmung führt? Wie kann es sein, dass die Harnröhre des Mannes durch die Prostata hindurch verläuft und es im Alter - auch bei einer gutartigen Vergrößerung dieser Drüse - zur gefährlichen Harnverhaltung kommt?

Ein zweiter Blick zeigt allerdings, dass der Mensch eben ein idealer Kompromiss ist, der ihn bis zum Ende der Fortpflanzungszeit (der Periode, in der unsere Gene an die Nachkommen weitergegeben werden) für dieses primäre Ziel der Evolution optimal ausstattet. Der Prozess der menschlichen Selektion nach Wallace und Darwin findet ja nur während der reproduktiven Lebenszeit statt. Im Alter, also einer Lebensphase, deren Erreichung von der Evolution nie "vorgesehen" war, existiert kein Evolutionsdruck mehr, und es kommt daher auch zu keinen weiter vererbbaren positiven genetischen Veränderungen.

Man kann den menschlichen Körper mit einem Rennauto vergleichen, das für ein 500-Meilen-Rennen konstruiert ist. Der Konstrukteur dieses Autos hat nur ein Ziel vor Augen, nämlich, dass sein Werk das Ziel als erstes erreicht. Dafür muss er Kompromisse eingehen: Die Karosserie ist aus leichtem Plastik ohne besonders wirksame Knautschzonen, der Tank ist groß und brandgefährlich, und die Reifen sind glatt und nützen sich rasch ab. Dem Konstrukteur ist es zwar egal, ob das Auto kurz nach dem Sieg zusammenbricht oder nicht. Er wird aber doch eine gewisse Reservekapazität bzw. Garantiezeit einplanen, bevor das Gefährt schließlich am Schrottplatz landet. Etwas drastisch ausgedrückt, befindet sich der Autor dieser Zeilen bereits in dieser Garantiezeit -kurz vor dem Schrotthaufen -und ist jedenfalls kein Ansatzpunkt mehr für die evolutionäre Selektionsmechanismen.

Die Evolution arbeitet nicht wie ein spezialisierter Ingenieur, sondern wie ein Bastler nach dem Prinzip 'Versuch und Irrtum' - und findet so langfristig die beste Lösung.

Die Evolution arbeitet nämlich nicht wie ein spezialisierter Ingenieur, sondern wie ein Bastler nach dem Prinzip "Versuch und Irrtum" und findet so über lange Zeiträume hinweg die beste Lösung für die Verbreitung jeder Art von Lebewesen unter verschiedensten Umweltbedingungen. Man kann die Entstehung von im Alter auftretenden Erkrankungen fast immer aus einer darwinistisch-evolutionären Sichtweise erklären.


"Kollateralschäden" im Alter


Aber zurück zum anscheinend so fehlerhaften Aufbau des menschlichen Körpers: Der Adler hat zwar scharfe Augen, aber ein sehr eingeschränktes Gesichtsfeld. Er kann zwar sein Opfer aus großer Entfernung erspähen, aber nicht das Herannahen eines Feindes -oder im Fall des modernen Menschen eines Autos -aus dem Augenwinkeln wahrnehmen. Wenn wir ein Sonarsystem wie die Fledermäuse besäßen, müsste für deren Betrieb ein eigenes (funktionell repräsentatives) Areal in der menschlichen Hirnrinde geschaffen werden. Dafür gäbe es zwei mögliche Lösungen. Einerseits könnten wir auf einen anderen Sinn, zum Beispiel die Hörfähigkeit, zum Teil oder ganz verzichten, was aber niemand ernstlich in Betracht ziehen würde. Andererseits könnten wir durch Vergrößerung des Gehirns Platz für ein neues Areal in der Hirnrinde zur Steuerung und Verarbeitung von Signalen aus dem Sonarsystem schaffen. Dann müsste aber der ganze Schädel vergrößert werden, was wiederum eine Erweiterung des weiblichen Geburtskanals erfordern würde.

Auch die Betrachtung des "Konstruktionsfehlers" der männlichen harnableitenden Wege aus evolutionärer Perspektive ist interessant. Abgesehen davon, dass die Kombination von Harn-und Samenfluss in einer einzigen Röhre effizient und "kostengünstig" ist, hat es auch mit dem Durchtritt dieser Röhre durch die Prostata eine eigene Bewandtnis: Die Drüsenzellen der Prostata produzieren die Samenflüssigkeit. Und diese enthält Wachstums-und Nährfaktoren für jene Zellen, die aus Sicht der Evolution die wichtigsten des Mannes sind, die Samenzellen. Je mehr Samenflüssigkeit, desto größer die Chance, dass ein Spermium nach der Ejakulation auf das befruchtungsfähige Ei im Eileiter der Frau trifft und so die genetische Botschaft des präsumtiven Vaters weitergibt.

Die Samenflüssigkeit hat -wie von unserer Arbeitsgruppe erstmals gezeigt - aber auch noch eine andere Funktion: Sie treibt rückwirkend das Wachstum der sie produzierenden Drüsenzelle selbst und die der benachbarten Drüsenzellen an und führt so zur Vergrößerung der ganzen Prostata -ein für die Fortpflanzung positives Phänomen. In der Jugend wird dieser wachstumsfördernde Effekt durch gleichzeitig wirkende Hemmstoffe einigermaßen ausbalanciert, so dass die Prostata ihre normale Größe behält. Mit zunehmendem Alter nimmt die Konzentration dieser hemmenden Faktoren allerdings ab und die das Zellwachstum fördernden Moleküle in der Samenflüssigkeit können ungebremst prostatavergrößernd wirken.

Im Alter kommt es außerdem zu weniger Ejakulationen und die Samenflüssigkeit wirkt daher länger auf die Prostatazellen ein als in der Jugend. Das Resultat ist die sogenannte gutartige Prostatavergrößerung oder sogar ein Prostatakarzinom (Krebs). Der Evolution sind diese altersabhängigen "Kollateralschäden", die nach der Fortpflanzungszeit auftreten und daher genetisch nicht mehr relevant sind, natürlich "egal". Die Vergrößerung der Prostata mit ihren ohne Therapie lebensbedrohlichen Konsequenzen, der Harnvergiftung (Urämie), ist also nicht bedingt durch einen die Fortpflanzung einschränkenden Konstruktionsfehler -sondern eben ein Preis dafür, dass wir so alt werden.


Steigende Lebenserwartung

Dass unsere Lebenserwartung im 20. Jahrhundert mehr zugenommen hat als in den letzten 10.000 Jahren, verdankt man der Tatsache, dass wir mittels unserer intellektuellen Kapazität viele biologische Regeln außer Kraft gesetzt haben -dass also die "kulturelle Evolution" weitaus schneller abläuft als die klassische "biologische Evolution". Letztere hatte etwa nicht "vorgesehen", dass wir Antibiotika entwickeln, um tödliche Infektionen zu bekämpfen. Auch die Übertragung von Blut oder ganzer Organe von einem Menschen auf den anderen ist nur im weitesten Sinn ein Resultat der biologischen Evolution, ganz zu schweigen von vielen anderen kulturellen Errungenschaften. Wenn man bedenkt, dass die mittlere Lebenserwartung in Rom vor 2000 Jahren gerade einmal 19 Jahre (natürlich auch durch Kriege bedingt) und in Österreich um 1900 nur 49 Jahre betrug, sollten wir heute mit einer mittleren Lebenserwartung von rund 86 Jahren für Frauen und 81 Jahren für Männer mit unserem "Kompromiss-Körper" ganz zufrieden sein: Denn der ist letztlich doch ziemlich ideal.

Der Autor ist em. o. Prof. an der Univ. Innsbruck und war Gründungsdirektor des ÖAW-Instituts für Biomedizinische Alternsforschung sowie ehem. Präsident des FWF

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