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Das Altern liegt uns im Blut

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Warum geht mit zunehmendem Alter die Fähigkeit verloren, körpereigene von körperfremden Substanzen zu unterscheiden? Bringt die Lösung dieses Rätsels „ewige Jugend"?

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Warum geht mit zunehmendem Alter die Fähigkeit verloren, körpereigene von körperfremden Substanzen zu unterscheiden? Bringt die Lösung dieses Rätsels „ewige Jugend"?

Jeder siebente Bewohner Westeuropas ist heute über 60 Jahre alt. In den nächsten 20 Jahren wird wahrscheinlich schon jeder dritte dieses Alter überschritten haben. Daß das Altern in den zivilisierten Ländern in Zukunft das wahrscheinlich größte sozio-ökonomi-sche, aber auch medizinische Problem darstellen wird, verdeutlicht eine andere Zahl: Im Zeitraum von 1970 bis 2000 wird die Gesamtbevölkerung Europas voraussichtlich um 17,5 Prozent

zunehmen, die Zahl der Menschen im Alter von 80 Jahren und darüber aber um mehr als 60 Prozent.

Es handelt sich dabei nicht nur um ein Problem für Pensionsfonds und Krankenversicherung, die Altersforschung hat sich in den letzten Jahren als eigenständige Wissenschaftsdisziplin etabliert. An der „Lösung" des Problems des Alterns aus medizinisch-biologischer Sicht sind österreichische Wissenschaftler maßgeblich beteiligt. Der Innsbrucker Mediziner Georg Wiek (Vorstand des dortigen Instituts für Allgemeine und Experimentelle Pathologie) arbeitet an einem vom Fonds zur Förderung der Wissenschaftlichen Forschung (FWF) unterstützten Forschungsprojekt „Immunologie des Alterns und Autoimmunität".

Veränderungen im Immunsystem des Menschen sind, das haben die Forscher festgestellt, einerseits für das Auftreten bestimmter Erkrankungen, die sogenannten „Autoimmunkrankheiten", andererseits aber auch für den Alterungsprozeß verantwortlich. Die Suche nach der „ewigen Jugend", einem wirksamen Jungbrunnen, ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit selbst. Der modernen Medizin ist es zwar gelungen, die durchschnittliche Lebenserwartung entscheidend zu erhöhen, das Altern an sich kann sie aber nicht verhindern.

Zwar gibt es verschiedene Theorien, die diesen unabwendbaren Prozeß des Älterwerdens, der praktisch schon nach der Geburt beginnt, zu erklären suchen; es kristallisiert sich aber immer mehr heraus^so Georg Wiek, „daß dem Immunsystem als dem Überwachungsapparat des Körpers eine besondere Bedeutung zukommt. Wir glauben daher, daß das Altern eine Folge eines zunehmenden Versagens des immunologischen Abwehrsystems darstellt".

Diese Theorie soll nun durch Untersuchungen, die zurzeit im Rahmen der Immunologie-Gruppe der Europäischen Altersforschungsorganisation EURAGE durchgeführt werden, bewiesen werden. Die Kernfrage ist, ob die Veränderungen im Immunsystem normalerweise mit zunehmendem Alter auftreten, oder ob die veränderte immunologische Reaktionsfähigkeit eine Sekundärfolge von bereits bestehenden Erkrankungen darstellt.

Menschen und Tiere besitzen ein solches Immunsystem, um in einer Umwelt mit all ihren schädlichen Einflüssen leben zu können. Es ist ein über den ganzen Körper verzweigtes Netzwerk aus verschiedenen Arten von Zellen. Von besonderer Bedeutung sind dabei die Lymphozyten, eine bestimmte Art von weißen Blutkörperchen.

„Selbst" oder „Nicht-Selbst" -

diese Frage zu beantworten ist die wesentliche Funktion des Immunsystems; nämlich körpereigene von körperfremden Substanzen zu unterscheiden, eine Fähigkeit, die während der Embryonalzeit erworben wird.

Gegen körperfremde „Eindringlinge", etwa Bakterien oder Viren, werden Antikörper gebildet; das Immunsystem ist aber auch für das Abstoßen von Transplantaten verantwortlich. Allerdings ist es einer bestimmten Regulation unterworfen. Damit — beispielsweise nach einer Impfung oder Infektion — gerade so-viele Antikörper gebildet werden, daß der nötige Schutz besteht, dafür sorgen einige Untergruppen von Lymphozyten: die sogenannten Helfer- und Suppressor-zellen, die die Reaktion entweder verstärken oder unterdrücken.

„Eine Immunreaktion ist daher das Resultat einer ganz subtilen Balance zwischen den Helfer- und Suppressorzellen", erklärt der Mediziner. Eine Störung dieser Balance konnten die Forscher am Innsbrucker Institut (Konrad Schauenstein und Guido Krömer) bei Untersuchungen an einem seltenen Hühnerstamm entdecken. Diese Tiere leiden an einer spontanen erblichen Autoimmunkrankheit der Schilddrüse. Der kleine, aber entscheidende Unterschied, der sich bei der Untersuchung der Zellen bemerkbar macht, tritt interessantefweise bei jungen, kranken, aber auch gesunden alten Tieren auf. Ein Hinweis für die Wissenschafter, daß die Immunregulation mit dem Alter schlechter funktioniert und daß der Entstehung von Autoimmunkrankheiten ein frühzeitiges Altern des Immunsystems zugrunde liegen könnte.

Die Fähigkeit zur immunologischen Selbsterkenntnis geht zusehends verloren. „Gealterte und geschädigte Zellen — beispielsweise potentielle Tumorzellen — werden regelmäßig eliminiert, in

der Art einer .Müllabfuhr'. Funktioniert diese aber nicht mehr, so werden auch gesunde Zellen beseitigt, es kommt zu sogenannten Selbstangriffs- oder Autoimmunkrankheiten", erklärt Georg Wiek. Dazu gehören neben anderen die meisten Erkrankungen der hormonproduzierenden Organe, viele Blut- und Hautkrankheiten, die Multiple Sklerose, die rheumatischen Erkrankungen.

Hier versuchen die Innsbrucker Forscher die Frage zu klären, ob Autoimmunerkrankungen, die bei jungen Menschen auftreten, beispielsweise insulinabhängige Diabetes, auf denselben Regulationsstörungen beruhen wie die Veränderungen im immunologischen Abwehrsystem im Alter. Der Defekt „sitzt", das haben die Forscher festgestellt, an der Oberfläche der Körperzellen. Dort befinden sich nämlich antennenähnliche Strukturen, sogenannte Oberflächenrezeptoren, die in die Zellenoberf lächenmem-bran eingelagert sind. Sie haben die Fähigkeit, körperfremde und auch körpereigene Strukturen abzutasten und zu erkennen.

Die Zellmembran besteht vor allem aus Fettbestandteilen, die Antennen schwimmen daher in einem mehr oder weniger zähen „Fettsee". Die Viskosität der Zellmembran ist nun der entscheidende Faktor für die Funktionsfähigkeit der Lymphozyten, „Selbst" oder „Nicht-Selbst" zu erkennen.

Georg Wiek und Karine Traill ist es nun in Zusammenarbeit mit Arbeitsgruppen vom Weizmann-Institut in Rehovot in Israel gelungen, den Konnex zum Alterungsprozeß herzustellen: „Die Zellmembranviskosität hängt ganz wesentlich vom Gehalt an Cholesterin und den sogenannten Phospholipiden ab: Mehr Cholesterin bedeutet eine starrere Zellmembran und eine verminderte Reaktionsfähigkeit der Lymphozyten, ein höherer Gehalt an Phospholipiden bedeutet eine flüssigere Membran und eine verbesserte Reaktionsfähigkeit der Lymphozyten."

Die wirksame „Pille" gegen das Altern ist zurzeit zwar noch Zukunftsmusik, aber bei Versuchen mit Zellkulturen ist es bereits gelungen, „alt" in Jung" - und umgekehrt — zu verwandeln. Die Untersuchungen an lebenden Menschen sind allerdings noch nicht abgeschlossen. Trotzdem zeichnet sich die enorme Bedeutung der bereits erzielten Forschungsergebnisse für die praktische Medizin ab, gerade auch im Hinblick auf die großen Fortschritte, die in den letzten Jahren in der Gentechnologie erreicht wurden.

Interferon und bestimmte Hormone können schon auf gentechnologischem Weg hergestellt werden, zurzeit sind Wissenschafter weltweit bestrebt, auch andere Faktoren, die für die Immunregulation verantwortlich sind in reiner Form und großer Menge auf diesem Weg herzustellen.

„Wenn das gelingt, wird es möglich sein, den Verlust der immunologischen Funktionen mit zunehmendem Alter künstlich auszugleichen und auf diese Weise vielleicht das Entstehen von Krebserkrankungen, von Autoimmunerkrankungen und die mangelnde Abwehr von Infektionen zu verhindern", zeigt Georg Wiek einige Zukunftsperspektiven auf.

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