Digital In Arbeit

Gripppeviren: Gar nicht so harmlos, wie viele meinen

1945 1960 1980 2000 2020

Die kalte Jahreszeit bricht an und schon mehren sich die Fälle von Erkältung und Grippeerkrankung. Kann man dem vorbeugen? Soll man sich impfen lassen? Antworten darauf im folgenden Beitrag.

1945 1960 1980 2000 2020

Die kalte Jahreszeit bricht an und schon mehren sich die Fälle von Erkältung und Grippeerkrankung. Kann man dem vorbeugen? Soll man sich impfen lassen? Antworten darauf im folgenden Beitrag.

Die kältere Jahreszeit steht vor der Tür und mit ihr der alljährliche Kampf gegen Schnupfen, Fieber und Abgeschlagenheit. Die von Ärzten häufig als "banale" oder "grippale" Infekte bezeichneten Erkältungskrankheiten, die viele von uns Jahr für Jahr heimsuchen, sind gar nicht so harmlos. Umso mehr gilt es, sich rechtzeitig zu schützen und die Warnungen der Gesundheitsexperten ernst zu nehmen.

Viren, die einen Schnupfen verursachen, sind die Verbreiter von Erkältungskrankheiten. Verbreitet werden sie in winzigen Schleimtröpfchen. Dabei sind sie selbst im Trockenen wahre Überlebenskünstler, denn sie sind auch außerhalb des schützenden Schleims bis zu zwei Stunden lebensfähig. Wer also einem bereits Infizierten nur die Hand schüttelt und sich anschließend die Nase reibt oder etwas ißt, kann sich bereits angesteckt haben.

Im Gegensatz zum grippalen Infekt, der durch den Schnupfen-Virus und seine zahlreichen Varianten verursacht wird, ist die echte Influenza eine schwere Krankheit, die besonders bei älteren Menschen durchaus lebensgefährlich verlaufen kann.

Die Medizin hat sich bisher bei der Entwicklung von Medikamenten gegen Viren besonders schwer getan. Der Grund: Viren haben keinen Stoffwechsel. Da sie sich nicht ernähren müssen, kann man sie auch nicht vergiften. Genau darauf beruht aber die Bekämpfung von Bakterien mit Antibiotika. Ein Virus ist eine in eine Hülle verpackte genetische Information. Sein Überlebenstrick besteht darin, seine genetische Substanz in fremde Zellen zu injizieren, wo sich diese festsetzt und ihren Wirt dazu bewegt, seine Stoffwechselfunktionen einzustellen und statt dessen unzählige Viren zu produzieren. Die Zelle stirbt und das Virus vermehrt sich solange bis das Immunsystem wieder Herr der Lage wird.

Die meisten Grippekranken meinen vorerst, einen banalen Infekt erwischt zu haben, wenn sie sich krank und schlapp fühlen. Für gewöhnlich wird der Organismus mit Grippeviren auch innerhalb einer Woche fertig. Das Gefühl, matt zu sein, und die Reduktion der körperlichen Belastbarkeit sind allerdings noch bis zu drei Wochen spürbar.

Da das Immunsystem vom Kampf gegen den Feind ziemlich mitgenommen ist und die Schleimhäute der oberen Atemwege durch Virenenzyme angegriffen sind, können sich auch andere Krankheitserreger umso leichter einschleichen. Der Grippevirus ist also häufig nur mittelbar für den oft schlimmen Ausgang der Erkrankung verantwortlich zu machen. 80 Prozent der Grippetodesfälle sind im Grunde genommen auf eine hinzukommende Lungenentzündung zurückzuführen.

Die Influenza ist jedoch eine nicht ungefährliche Infektionskrankheit, da die Influenzaviren besonders aggressiv sind. Sie verursachen Kopf- und Gliederschmerzen, plötzlich auftretendes hohes Fieber, Schüttelfrost und Erschöpfung.

Schlimme Epidemien Michael Kunze, Vorstand des Instituts für Sozialmedizin der Universität Wien, stellt dazu fest: "Auch wenn Influenza vielen bekannt ist, sie wird schließlich bereits von Hippokrates (412 v. Chr.) erwähnt, ist es bis heute nicht gelungen, diese Erkrankung wirklich unter Kontrolle zu bringen. Denken wir an die Influenza-Pandemien (auf große Gebiete eines Landes oder Erdteils übergreifende Epidemie, Anm. d. Red.), die es in unserem Jahrhundert bereits dreimal gegeben hat. In den Jahren 1918-1919 fielen der Pandemie 20 bis 40 Millionen Menschen zum Opfer, 1957-1958 gab es ein pandemisches Auftreten der Grippe in Asien und 1968 in HongKong. Im Winter 1997/98 erkrankten an dieser Infektionskrankheit allein in Wien während einer elf Wochen dauernden Influenza-Epidemie 145.000 Menschen."

Internationale Untersuchungen deuten darauf hin, daß man bei einer Influenza-Epidemie mit zwei bis 50 Toten pro 100.000 Einwohnern rechnen muß. 1997 starben in Österreich beispielsweise 112 Personen mit der Diagnose Influenza. Dabei dürfte die Zahl der Todesfälle noch weitaus höher liegen, wenn man die an Sekundärinfektionen im Gefolge der Influenzaerkrankung Verstorbenen einbezieht.

Eine vorbeugende Impfung ist nach wie vor das beste Mittel gegen Grippe und Influenza. Derzeit versuchen Ärzte und Apotheker diese Botschaft gemeinsam in einer österreichweiten Kampagne unter die Bevölkerung zu bringen. Erstmals gibt es heuer auch im gesamten Bundesgebiet einen einheitlichen Preis für den Impfstoff: 100 Schilling wird das ab sofort erhältliche Vakzin in Apotheken und ärztlichen Hausapotheken kosten. Ziel der Aktion ist eine höhere Durchimpfungsrate der Bevölkerung. Dazu der ehemalige Vorstand des Instituts für Virologie der Universität Wien, Christian Kunz: "In den USA sind bereits 60 Prozent der Bevölkerung gegen Influenza geimpft. Bei uns sind es knappe 25 Prozent."

Die Folgen liegen auf der Hand: Die österreichische Sterbestatistik zeigt nämlich, daß es jedes Jahr im Jänner, zur Zeit der meisten Grippeerkrankungen, auch die meisten Todesfälle gibt.

Obwohl Grippeviren alljährlich ihre Erscheinungsform ändern und unser Immunsystem folglich jeweils andere, völlig neue Antikörper produzieren muß, bietet die Impfung - vorausgesetzt sie erfolgt jedes Jahr - einen relativ sicheren Schutz vor Ansteckung. Mehr als 100 Labors beobachten weltweit, wie sich die Viren wandeln, um rechtzeitig vor dem zu erwartenden Grippeboom einen wirksamen Impfcocktail mischen und so einer Epidemie entgegenarbeiten zu können.

Anzuraten ist die Schutzimpfung insbesondere jenen Personen, für die eine Grippe ein besonderes Risiko darstellt: allen, die an chronischen Herz- und Kreislaufbeschwerden leiden, Personen mit Erkrankungen der Luftwege und der Nieren, Diabetikern und all jenen, bei denen Immundefekte vorliegen.

Generell empfehlenswert ist die Impfung ab dem 65. Lebensjahr. Auch Personen, die in Spitälern, Altersheimen tätig sind oder Betreuungsaufgaben im Haushalt wahrnehmen, sollten geimpft werden. Der optimale Zeitraum für die Impfung ist der Herbst. Grundsätzlich kann aber auch noch zu Beginn einer Epidemie geimpft werden. Die möglichen Folgen - Rötungen um die Einstichstelle, leichtes Fieber und Muskel- oder Gliederschmerzen - sind im Vergleich zu den Symptomen einer echten Grippe harmlos.

Christian Kunz sieht - neben der Impfung, auch in einem neuen Grippe-Medikament einen "zusätzlichen Pfeil im Köcher" bei der Abwehr der Erkrankungen. Das neue Medikament heißt "Zanamivir". Es bekämpft nicht nur die Symptome, sondern greift auch das Virus an, indem es in den Vermehrungsvorgang der Viren direkt eingreift. Denn um in die Zellen gelangen zu können braucht ein Virus Enzyme, feine chemische Messer, mit denen es die Aussenhaut der Zelle angreift. Im Falle der Grippe-Viren ist es das Enzym Neuramindase. Es wird durch Zanamivir gehemmt und die Vermehrung des Virus wird unterbunden. Einziger Nachteil: Das Medikament muß beim Auftreten der ersten Symptome eingenommen werden, das heißt, es muß mittels eines speziellen Gerätes inhaliert werden. Zanamivir ist seit Oktober gegen Rezept erhältlich und kostet pro Packung etwa 300 Schilling.

Neues Medikament Was kann man selbst tun, um den Grippeviren keine Chance zu geben?

Tägliche Bewegung an der frischen Luft bei wechselnden Temperaturverhältnissen hält nicht nur fit, es macht auch widerstandsfähig. Menschen, die ihren Organismus Wind und Wetter aussetzen, sind weniger krankheitsanfällig. Regelmäßiges Schwimmen hat sich ebenfalls als besonders wirksame Vorbeugung gegen Erkältungskrankheiten erwiesen.

Auch Sauna-Besuche sind zur Vorbeugung gegen Grippe bestens geeignet. Wichtig dabei ist, die individuell richtige Saunatemperatur zu finden und eine ausreichende Ruhezeit einzuplanen. Kneippgüsse zwischendurch, Dehnübungen und eventuell eine Massage verstärken einen positiven Saunaeffekt. Auch mit einer besonders vitamin- und mineralstoffreichen Ernährung wird es dem Organismus erleichtert, unbeschadet durch die kalte Jahreszeit zu kommen.

Nachgewiesen ist auch, daß Streß, Ängste und Ärger, sowie ungelöste zwischenmenschliche Probleme das Immunsystem schwächen und für Infekte empfänglicher machen. Wissenschaftler haben festgestellt, daß das Gehirn und das Immunsystem eng miteinander verflochten sind und eine positive Lebenseinstellung von erheblicher Bedeutung ist, wenn es darum geht, gesund zu bleiben und Krankheiten zu vermeiden.

Und noch etwas: Neben einer zuversichtlichen und gelassenen Einstellung den eigenen Lebensumständen gegenüber ist eine gesunde Portion Humor ein besonders zuverlässiger und guter Schutz für unser Immunsystem!

FURCHE-Navigator Vorschau