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Aids breitet sich aus

„Acquired Immune Deficiency Syndrome” (Aids), zu deutsch: „Erworbener Mangel an Abwehr-kraft”, heißt die neue Krankheit, die innerhalb der letzten vier Jahre allein in den Vereinigten Staaten fast 7000 Menschen befallen hat. Uber 3000 von ihnen sind bereits gestorben, die anderen werden nach bisherigen Erfahrungen kaum Chancen haben zu überleben.

Das auffälligste Merkmal dieser modernen Seuche: Das zelluläre Immunsystem des Patienten ist derartig gestört, daß viele an sich harmlose Krankheitsserre-ger den widerstandslosen Körper angreifen und schließlich ruinieren. Lymphknotenschwellungen, die länger als zwei Monate andauern, langanhaltender Durchfall, starker Gewichtsverlust, Fieberschübe und Nachtschweiß können Kennzeichen für Aids im Vorstadium sein. Tatsächliche Merkmale eines an Aids Erkrankten sind dann vor allem chronische Herpes simplex, ein hartnäckiger Bläschenausschlag, zumeist in der Speiseröhre, Abszesse im Gehirn durch Toxoplasmose, eine an sich für Erwachsene harmlose Infektionskrankheit, sowie Haut- oder Gefäßkrebs.

Was die Krankheit zudem außergewöhnlich macht: Sie betrifft fast ausschließlich Personen, die einer speziellen Risikogruppe angehören, nämlich Homosexuelle, Drogensüchtige und Bluter (Hämophilie). Denn das Virus kann nur übertragen werden, wenn Blut fließt. Dies geschieht eben häufig bei Sexualkontakten zwischen Homosexuellen oder wenn Drogenabhängige eine gemeinsame Nadel zur Injektion des Rauschgiftes benützen. Es können aber auch an Hämophilie erkrankte Personen auf dem Wege über ein vom Arzt verabreichtes

Gerinnungspräparat infiziert werden.

Ein bekanntes deutsches Nachrichtenmagazin hat erst kürzlich berichtet, daß die Aids-Gefahr in der Bundesrepublik Deutschland nicht zuletzt wegen der promis-ken Praktiken der Homosexuellen (sie wechseln sehr häufig ihren Geschlechtspartner) rapide zunimmt. Das Magazin verweist auf die Ergebnisse einer Untersuchung des deutschen Bundesgesundheitsamtes, wonach rund 35 Prozent der Homosexuellen und etwa 20 Prozent der Drogenabhängigen bereits HTLV-III-Anti-körper in ihrem Blut haben.

Dies bedeutet, daß sie bereits einmal mit dem Virus infiziert wurden, heißt aber andererseits nicht, daß ihr Körper jetzt dagegen immun ist. Denn das Virus läßt sich durch die Antikörper überhaupt nicht daran hindern, in gesunde Zellen einzudringen. Inwieweit Menschen mit Aids-Antikörpern im Blut schon als tatsächlich krank eingestuft werden müssen, können die Mediziner beim heutigen Stand der Forschung nicht sagen.

Ähnlich ist es mit einer effektiven Therapie gegen die Seuche, die einen unheimlich langsamen und schleppenden Krankheitsverlauf oft über mehrere Jahre hin, nimmt. Es gibt nämlich bislang keine geeignete Behandlung, kein einziger Patient ist völlig geheilt worden. Allerdings wurde die Art des Virus entschlüsselt; ein gentechnologischer Impfstoff wird derzeit vorbereitet.

Weniger pessimistisch sieht Professor Christian Kunz, Vorstand des Instituts für Virologie an der Wiener Universität, die Situation in Österreich: „Wir sollten uns vor jeder Panikmache hüten. Es ist unwahrscheinlich, daß der bloße Nachweis von Aids-Antikörpern im Blut tatsächlich auf eine Erkrankung hinweist. Nur ein Bruchteil dieser Menschen wird wirklich von Aids befallen.” Bisher wurden in Österreich elf Fälle von dieser Störung des Immunsystems registriert, sieben Patienten sind gestorben, der erste von ihnen im Jänner 1983. (Zum Vergleich: In den USA tauchte die Seuche bereits 1979 auf.)

Professor Kunz verweist darauf, daß bisher in Österreich noch niemand durch eine Bluttransfusion infiziert worden ist. Die Patienten kämen durchwegs aus dem Homosexuellen- und Drogensüchtigen-Milieu. Gerade weil die Erfahrung zeigt, daß durchschnittlich 80 Prozent der Betroffenen unter den Homosexuellen zu finden sind, wird es besonders von deren Verhalten abhängen, ob sich die Seuche auch hierzulande rasch ausbreiten wird. „Wenn sie das Virus von irgendeinem der internationalen Treffs, beispielsweise aus der Bundesrepublik Deutschland, einschleppen, besteht natürlich auch in Österreich die Gefahr, daß Aids rasch zunehmen wird”, meint Christian Kunz. Klare Prognosen für die Zukunft könne man deshalb auch nicht stellen.

Von medizinischer Seite wird derzeit nicht nur nach einer effektiven Behandlungsmethode für diesen lebensgefährlichen Immundefekt gesucht. Man trachtet vor allem auch danach, alle Blutgerinnungspräparate Aids-sicher zu machen und damit zumindest das Risiko für Bluterkranke auszuschalten. Dazu ist man heute schon mittels Hitze- und Dampfbehandlung in der Lage.

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