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Immer noch virulent

Das medizinische Wissen über Aids ist gewachsen. Die Vorurteile der Menschen sind geblieben. Ein Jubliäum mit wenig Grund zum Jubeln. Aids bleibt die Seuche des 21. Jahrhunderts. Das HI-Virus unterscheidet nicht zwischen Alter, Geschlecht, sexueller Orientierung und Nationalität. Jährlich sterben so Millionen von Menschen. Jedoch immer weniger in den reichen Ländern, wo die Medikamente den HIV-Kranken ein längeres Leben ermöglichen. Umso schlimmer sieht es in den ärmeren Ländern aus. Dort ist oft der Befund HIV-positiv ein Todesurteil. An der Stigmatisierung der Betroffenen hat sich nichts geändert. Redaktion: T. Mündle, T. Meickl

Alles begann recht unscheinbar: Am 5. Juni 1981 berichtete das amerikanische Center for Disease Control von einer ungewöhnlichen Lungenentzündung bei fünf homosexuellen Männern in Los Angeles. Ungewöhnlich war der Auslöser der Krankheit: Eine Mikrobe, die in den Lungen der meisten gesunden Menschen vorkommt und eigentlich nur gefährlich werden konnte, wenn das Immunsystem stark geschwächt ist. Die Krankheit wurde zunächst GRID (Gay-related Immune Deficiency) getauft. Als sich bald darauf herausstellte, dass die Krankheit keineswegs auf homosexuelle Kreise beschränkt ist, wurde sie in Aids (Aquired Immune Deficiency Syndrome) umbenannt. Heute, 25 Jahre später, ist Aids zu einer globalen Seuche geworden. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass bisher rund 25 Millionen Menschen an Aids gestorben sind. 39,5 Millionen tragen das HI-Virus in sich.

Dieser traurigen Entwicklung steht eine wissenschaftliche Erfolgsgeschichte gegenüber. Das für Aids verantwortliche Virus wurde bereits 1983 von Luc Montagnier und kurz darauf von Robert Charles Gallo beschrieben. 1987 war das erste Aids-Medikament erhältlich: AZT (das aufgrund von Nebenwirkungen heute nur mehr selten verschrieben wird). 1996 wurde eine neue Art des Therapierens eingeführt: HAART (Highly Active Antiretroviral Therapy). Mit der Einführung eines Medikamenten-Cocktails aus drei Substanzen ging die Sterberate deutlich zurück. Und obwohl bis heute eine Vielzahl von neuen Medikamenten hinzugekommen ist, wurde das Prinzip der Dreier-Therapie für HIV-Kranke beibehalten. Dank den Medikamenten können heute viele mit HIV ähnlich gut leben wie mit Diabetes. Erfahrungen mit den Langzeitfolgen der Kombinationstherapie gibt es noch nicht. Letztlich ist die Wissenschaft nur an einem gescheitert: Der Produktion eines Heilmittels.

Die Menschheit hingegen ist doppelt gescheitert: Erstens hat sie es nicht geschafft, allen Menschen, die Medikamente benötigen, diese auch zur Verfügung zu stellen. Zweitens ist sie die Vorurteile über HIV-Kranke nicht losgeworden. Diese leben oft wie Aussätzige - und dabei macht es wenig Unterschied, ob sie in Österreich oder in einem afrikanischen Land beheimatet sind.

Selbst Mediziner diskriminieren und haben Vorurteile: So kann man an in Österreich an Ärzte geraten, die der Konfrontation mit Aids aus dem Wege gehen. Die Aidshilfe Wien hat schwarze Listen über Mediziner, die keine HIV-Positiven untersuchen. Es kommt auch vor, dass erst erhebliche medizinische Komplikationen auftreten müssen, bis bei einer 45-jährigen Hausfrau ein HI-Antikörpertest durchgeführt wird. Die Frau passt einfach nicht ins Schema mit ihrem Ehemann, den Kindern und dem schmucken Einfamilienhaus. Und dennoch ist es wahr: Aids ist keine Schwulenkrankheit mehr. Dies belegen auch die Zahlen der Aids Hilfe Wien. Lediglich 30 Prozente der Neuinfizierten des Jahres 2005 waren homosexuelle Männer, die Tendenz ging großteils in Richtung heterosexuelle Frauen zwischen 20 und 30.

Verantwortung tragen

Der Politik und auch den Kirchen käme in Sachen Aids eine besondere Verantwortung zu. Sie könnten Vorbild für viele sein. Leider sind sie es oft nicht (siehe auch "Zwei Sätze für Südafrika"). Florian Breitenecker, Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen in Malawi und im Sudan, sagt über seine Erfahrungen mit den Kirchen: "Die Arbeit mit ihnen ist in den meisten Fällen frustrierend. Die Kirchen verbinden HIV mit Fehlverhalten und Sünde." Es werde nicht aufeinander zugegangen, sondern mit Ausgrenzung, Angst und Schrecken gearbeitet. Doch es gibt auch positive Erlebnisse. In Malawi wurde er in ein katholisches Waisenhaus zu Aufklärungsgesprächen eingeladen. Kondome durfte er dabei allerdings nicht erwähnen.

In Malawis Hauptstadt sehe man auch viele Plakate von denen der Präsident herunterpredigt: "Wir müssen Aids jetzt bekämpfen. Es ist Zeit für Enthaltsamkeit, Enthaltsamkeit, Enthaltsamkeit." Da die Menschen in Afrika oft sehr religiös seien, sei es nicht leicht als Politiker gegen die Kirchen aufzutreten. "Aber natürlich geht es an der Realität vorbei, wenn man in der Prävention nur auf Treue und Enthaltsamkeit setzt", so Breitenecker.

Glücklicherweise schafft es die Medizin manchmal auch das Denken der Leute zu verändern. Breitenecker konnte im Süden Malawis nicht nur beobachten, dass die Medikamente wirken, sondern auch wie mit der Zeit das Stigma verschwand. "Die Leute rufen einander zu: "Hallo! Ich gehe in die Aids-Klinik, wir sehen uns später." Die positiven Auswirkungen der Therapie würden letztlich der Prävention zugute kommen. Mittlerweile seien mehr Leute bereit, sich auch testen zu lassen. Ein regionaler Erfolg, aber immerhin ein Erfolg.

Von ihren Erlebnissen erzählt die HIV-positive Entwicklungshelferin Saria Amillen Anderson aus Tansania. Sie erzählt, wie die Krankheit in ihr Leben getreten ist, und wie sie sich von ihren anfänglichen Selbstmordgedanken loslösen konnte und nun wieder Hoffnung schöpft. Hoffnung, die sie in ihren Hilfsprojekten an andere Menschen weiter gibt. Ein großes Problem stellt in Tansania die Beratung durch geschultes medizinisches Personal dar. Die Ärztin die Anderson mitteilte, dass sie HIV positiv ist, riet ihr zu allererst ihr Testament zu machen, sie müsse an ihre Kinder denken. Über die Möglichkeit einer Therapie wurde nur kurz gesprochen.

Mehr Einfühlungsvermögen und Verständnis gegenüber HIV-Positiven ist notwendig.

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